Sandhäuser Geschichte: Max Wunsch – Sandhausen – Niederlande – Auschwitz

(von Rolf W. Maier, September 2017)

1. Einleitung

Wer in der holländischen Grenzstadt Apeldoorn im Prinsenpark an einem Denkmal, das eine gebogene Mauer darstellt, die vier Meter breit, 2 m 10 hoch und 30 cm tief ist, stehen bleibt, wird an den Abtransport von Hunderten von Juden nach Auschwitz im Jahre 1943 erinnert. Neben den vielen holländischen Namen befinden sich hier nur wenige deutsche Namen: aus Hannover, Breslau, Krefeld, Frankfurt, Karlsruhe und unter dem Buchstaben W auch einen aus Sandhausen:

Wunsch, Max.

Max Wunsch ist Inhaber einer außergewöhnlichen Sandhäuser Biografie, nichts ist bislang in Sandhausen bekannt. Niemand weiß, dass es Nachfahren in den Niederlanden gibt – jedoch existiert ein Stolperstein in der Stadt Lahnstein am Rhein bei Koblenz für diesen Sohn unserer Gemeinde. Dieser Stolperstein für Max Wunsch liegt bereits seit dem 31. August 2013 in der Johannesstr. 5 in Niederlahnstein.

In meiner Synopse über die Schoah/Holocaust – Opfer an den Sandhäuser Juden (Dezember 2016) taucht der Name erstmals auf (vgl. Abdruck in Stolperstein-Initiative 2017), also forschte ich weiter und konnte viele Dokumente finden, um den Lebensweg dieses Sandhäusers zu erhellen.

Also ein Sandhäuser, der zweifach in der Öffentlichkeit erwähnt wird: in Apeldoorn/NL (seit 1990) und in Lahnstein bei Koblenz, und niemand weiß in Sandhausen Bescheid, obwohl Kurt Frei das Geburtsdatum von Max Wunsch in seinem Familienbuch notiert hatte. – Das ist eine weitere Tragödie.

2. Familie Wunsch in Sandhausen

Max Wunsch, in einigen Quellen auch Wünsch/Wuensch geschrieben, erblickte am 8.2.1900 in Sandhausen das Licht der Welt.

Sein Vater Bernhard Wunsch, geb. 1865 in Mils/Wiess/Böhmen, der wahrscheinlich Ende 1893 oder Anfang 1894 nach Sandhausen kam, war damals der wichtigste Jude in Sandhausen, er vertrat als Repräsentant die Sandhäuser Judenheit, wirkte als „Juddelehrer“. Da er aber damit sein Leben nicht fristen konnte, erweiterte er sein entsprechendes Berufsspektrum; u.a. betrieb er ein Versicherungsbüro sowie eine Bücherausleihe und verkaufte Tabakwaren.

Diese Informationen verdanken wir Else Keller (1889 bis 1988), geb. Kaufmann, die im Heimatbuch Sandhausen als „Postverwalters Else“ herhalten muss, dabei war sie die ältere Schwester des später berühmtesten Sandhäusers, dem Minister Dr. Edmund Kaufmann.

„Postverwalters Else“ war eine Dame der höheren Gesellschaft, verheiratet mit einem promovierten Bürgermeister, die bereits in den Vorkriegsjahren Französisch und Italienisch in den entsprechenden Auslandsstaaten erlernte. Sie berichtete in mehreren Briefen 1963 an den damaligen Bürgermeister Walter Reinhard über ihr Leben in Sandhausen (1889-1901). Sie schreibt: „Ich sehe den alten Judenlehrer, wie er allgemein genannt wurde, vor mir. Er hieß Wunsch, war klein, hatte eine so liebe Frau und liebe Kinder, an die ich mich alle erinnere. Herr Wunsch rettete einmal meinem Brüderlein Rudolf, das bei der Überquerung der Straße stürzte und ums Haar von einem Fuhrwerk überfahren worden wäre, das Leben“.

Die Familie Kaufmann lebte in den Obergeschossen des Postgebäudes, heute Bahnhofstraße 7, sodass die Kinder bei ihren Gängen zur Schule in der Kirchstraße oder zur katholischen Kirche immer an der Bahnhofstraße 2 vorbei mussten.

Bernhard Wunsch entstammte einer böhmischen Familie, also war er ein Staatsbürger des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs und lebte zunächst in den 80er Jahren in Schifferstadt und anschließend in Assenheim/Hessen, wo seine drei Töchter geboren wurden.

Seine Frau Jettchen war eine geborene Schiff, gelegentlich auch slawisch Sziff geschrieben, so auch der Name einiger Verwandter, und wurde 1858 in Groß-Karben, ca. 15 km nördlich von Frankfurt, geboren.

Zur Geschichte der Geschwister von Max Wunsch ist einiges zu sagen, eigentlich wäre dies einen Roman wert:

Schwester Hermine, Näherin/Schneiderin, geb. 1883 in Schifferstadt, emigrierte 1922 in die USA und verstarb dort 1969. Ob es Nachfahren gibt, wissen wir nicht, aber wir finden in vielen US-Telefonbüchern den Namen Wunsch. Von wem stammen diese Menschen ab?

Hilda, geb. 1884 in Assenheim/Hessen, wurde Krankenschwester ergriff den Beruf der Krankenschwester, blieb ledig, und lebte in Mannheim, Berlin, Beuthen/Oberschlesien. Sie verstarb bzw. wurde 1943 im KZ Theresienstadt ermordet. Offen bleibt die Frage, ob sie ihre Mutter Jettchen freiwillig in das KZ Theresienstadt begleitet hat.

Blanca, geb. 1886 in Assenheim/Hessen, heiratete am 16. April 1912 Kaufmann Höchster in Sandhausen und lebte in Rheydt, heute Mönchengladbach, und wurde Mutter von zwei Kindern. Über diese Hochzeit berichtet auch Rudi Lehr, weil der künftige Ehemann, ein Metallhändler aus Frankfurt, geb. in Lauterbach, eher zu den vermögenden Juden zählte. Zudem herrschte gerade Sonnenfinsternis und die Sandhäuser Buben stahlen einige Dinge aus der Synagoge. Wohl nach dem Tode von Bernhard Wunsch verzog Jettchen Wunsch von Sandhausen zur Tochter nach Rheydt/heute Mönchengladbach, um von dort 1942 in den Tod nach Theresienstadt verschickt zu werden. Ihre Tochter Blanca und deren Mann verstarben bereits 1940.

Den Vater Bernhard Wunsch können wir einordnen als einen gänzlich assimilierten/integrierten deutschen Juden, der dies auch in der Öffentlichkeit bezeugte, indem er z.B. während des 1. Weltkrieges auf der Treppe zum Alten Rathaus nationalpatriotische Reden mit rhetorischem Überschwang der Öffentlichkeit darbrachte. In diesem Zusammenhang steht auch die Tatsache, dass mindestens ein Jude, nämlich Julius Wahl, Soldat im 1. Weltkrieg war, und ein weiterer Jude wahrscheinlich als Invalide aus dem Krieg heimkehrte. Vor Kaufmann Freund (1865- 1941) leitete Wunsch fast 30 Jahre, von 1900 bis zu seinem Tode 1929, die damals knapp 60 Personen umfassende jüdische Minderheit in Sandhausen. Nicht umsonst berichten ältere Sandhäuser über ihn sehr respektvoll.

Philipp Machmeier, der Cousin meines Vaters, erzählte Rudi Lehr, dass der „Juddelehrer“ Wunsch auch zu den lokalen Honoratioren (Bürgermeister, Dr. Strubel, der örtliche Arzt, Gemeinderäte und Geschäftsleute, Pfarrer) zählte, die sich regelmäßig im renommierten Gasthaus „Zur Rose“ trafen. Bernhard Wunschs Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch und kann bis heute besichtigt/besucht werden.

Max war der Nachzügler und Jüngste unter den Kindern von Jettchen und Bernhard Wunsch, er wuchs in seiner Heimatgemeinde auf, schloss die Volksschule beim Alten Rathaus ab, besuchte die „Judenschule“ bei seinem Vater und feierte mit der gesamten Familie 1913 seine Bar Mizwa. Anschließend begann seine Ausbildung zum Dekorateur, eventuell in einem Heidelberger Kaufhaus in der Hauptstraße, das früher einem Juden gehörte. Dekorateur war damals eine relativ neue Berufsausbildung, die seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts für den anhaltenden und extensiven Trend der Konsumgesellschaft steht.

Max Wunsch steht für den sich abzeichnenden Trend in Deutschland nach der Jahrhundertwende, nachdem sich das Judentum immer mehr proletarisierte. Man vergleiche mit Ludwig Wahl, der als Sohn eines Kaufmanns den Beruf des Metzgers erlernte. Die Familie, in die später Max Wunsch in Lahnstein einheiratete, verweist auf diesen gleichen Prozess, der nicht mehr den Kleinunternehmer als Idealbild des Juden, sondern das des abhängig arbeitenden Menschen auswies.

Max Wunsch erlebte den religiösen Konflikt zwischen den beiden christlichen Religionen als einen Reflex der Antimoderne (in Sandhausen Kampf „Rettich versus Musebrot“ genannt) und gleichzeitig aufgrund der Industrialisierung den Kampf zwischen Kapital und Arbeit sowie den fulminanten Aufstieg der Interessenpartei der Arbeiterschaft, der SPD, als Ausdruck der Moderne.

Dass es im Verlauf des 1.Weltkrieges und im Anschluss daran einen weiteren Angriff der Antimoderne in Gestalt der völkischen, später faschistischen Bewegung gab, verweist auf einen weiteren Konflikt innerhalb der Gemeinde Sandhausen, nämlich wie die Menschen mit der mosaischen Minderheit umgingen bzw. umgehen.

Ob Max Wunsch 1918 noch in den Krieg ziehen musste, wissen wir nicht.

Jedenfalls lebten im November 1918, zu Beginn der ersten Demokratie in Deutschland, noch alle Familienmitglieder der Wunsch-Sippe. 1933 und in den Folgejahren später sollte sich fast alles ändern.

Hier eine erstmalige Übersicht zur Familie Wunsch, deren sechs Mitglieder alle in der Bahnhofstr. 2 lebten.


Bernhard Wunsch geb. am 01.01.1855 in Mils bzw. Wiess/Böhmen

gest. 21.06.1929 in Sandhausen

Judenlehrer/Kaufmann/Grab auf Wieslocher Juden-Friedhof


Jettchen Wunsch geb. 01.12.1858 in Groß-Karben bei Frankfurt

gest. 25.07.1942 im KZ Theresienstadt/heute Tschechien

Hausfrau


Hermine Wunsch geb. 20.12.1883 in Schifferstadt/Pfalz/damals Bayern

gest. 00.03.1969 in Fairfield/Connecticut/USA

Näherin, 1922 Auswanderung in die USA


Hilda Wunsch geb. 04.06.1884 in Assenheim/Hessen

gest. 26.01.1943 im KZ Theresienstadt/heute Tschechien

Krankenschwester


Blanka Wunsch geb. 02.05.1886 in Assenheim/Hessen

gest. 03.08.1940 in Mönchengladbach/Suizid?

Verh. mit Kaufmann Höchster, 12.05.1887–24.09.1940/Suizid?

Ab 16.04.1912 verheiratet

Kinder: Zilli geb. 21.01.1913, in Lauterbach, Hessen

Manfred, geb. 02.09.1922 in Lauterbach/Hessen


Max Wunsch geb. 08.02.1900 in Sandhausen

gest. 25.04.1943 in KZ Auschwitz/heute Polen

verh. mit Emmy Levi ,15.03.1903–24.01.1988, Den Haag, NL

ab 1922

Kind: Ilse, geb. 1922


Insgesamt lebte die Familie Wunsch über 30 Jahre in der Bahnhofstr. 2 der Gemeinde Sandhausen.

3. Max Wunsch in Lahnstein/Koblenz (1922–1933)

Nach den Wirren der Nachkriegskrise in Deutschland hat Max Wunsch, wohl aufgrund von üblichen Heiratsvermittlungen innerhalb der jüdischen Kreise, Zugang nach Lahnstein/Koblenz gefunden.

In Lahnstein existierte um die Jahrhundertwende eine aktive und ökonomisch erfolgreiche Gemeinde mit ca. 80 Mitgliedern, die aber bis 1933 auf ca. 50 Personen abnahm. Auch gehörten Repräsentanten der jüdischen Minderheit den lokalen Kommunalvertretungen an.

Dort heiratete er am 16.5.1922 Emmy, genannt Jenny, Levi (geb. am 18. Mai 1903 in Niederlahnstein); im selben Jahr wurde den Eltern Max und Emmy Wunsch auch eine Tochter Ilse geboren. Die Familie Levi, die Eltern der Ehefrau Emmy, zugezogen aus Koblenz, betrieb zu diesem Zeitpunkt noch eine Firma, nämlich bis 1930 eine Kurzwarenhandlung, deren Existenz in der Weltwirtschaftskrise eingestellt werden musste.

Ob Max Wunsch bereits in Lahnstein als Kaufmann oder noch als Dekorateur vermutlich in Koblenz arbeitete, konnte bislang nicht ermittelt werden.

Der Vater seiner Ehefrau, Siegmund Levi, arbeitete als Facharbeiter bei den damaligen Didier-Werken, die Keramik-Produkte herstellte (bis zu seinem Tod 1928); die Mutter Laura, geb. Markus, erkrankte an Diabetes, und die Familie, wahrscheinlich die Familie der Tochter Hilde, pflegte sie bis zu ihrem Tode 1935.

Hilde (geb. 1906) selbst, verh. Emmel, also die Schwägerin von Max Wunsch, kehrte nach Kriegsende als einzige der Familie Levi aus dem KZ Ravensbrück (Frauenkonzentrationslager 1939-1945, nördlich von Berlin) nach Lahnstein zurück und starb dort 1996 hochbetagt. Hilde hätte einiges über Max Wunsch erzählen können.

Zur Tragik der Familie Levi können wir zusätzlich Folgendes berichten:

Den Schwager von Max Wunsch, Hans Levi, geb. 1901 in Koblenz, von Beruf Sattler und Polsterer, der 1935 zu seiner Schwester (zum Schwager Max Wunsch) nach Deventer/NL emigrierte, deportierten die Nazis 1942 nach Westerbork und von dort nach Auschwitz. Für tot erklärte man ihn am 1.3.1945.

Den anderen Schwager, Paul Levi, geb. 1910, ein Gehörloser und von Beruf Schreiner, der aufgrund seines damaligen Wohnortes Augsburg mehrmals im KZ Dachau (1938/1942f) einsaß, vermochte die in Holland lebende Verwandtschaft Ende 1938 aus dem KZ freizukaufen, „da ein Onkel für ihn bürgte“. Unbekannt blieb bis in die Gegenwart, auf welche Art und Weise er zu Tode kam; vermutlich führte ihn ein Todeszug von Dachau nach Auschwitz (1945 für tot erklärt).

Seine Ehefrau Emmy Wunsch überlebte in Holland die NS-Herrschaft und starb 1969 in Den Haag/Niederlande. Ob sie ein zweites Mal dort heiratete und ob ihre Tochter dort überlebte, ist nicht bekannt.

4. Max Wunsch in den Niederlanden (1933-1943)

Das Leben Max Wunschs, der am 29. Mai 1933 nach Enschede in Holland exilierte, kann in dieser Epoche seines Lebens in zwei Etappen betrachtet werden, weil er zunächst über sieben Jahre in einer freiheitlichen Demokratie leben und wie so viele deutsche Juden ohne Visum in die Niederlande einwandern konnte. Warum Max Wunsch dem NS-Regime entfloh, entgeht unseren bisherigen Kenntnissen, aber Enschede bot als Industriestadt viele Arbeitsplätze. Als ein Schwerpunkt galt die Textilbranche, die die Struktur der Arbeiterschaft zu 85% prägte, die in katholischen und sozialdemokratischen Gewerkschaften gut organisiert war. Zudem wirkte eine lebendige jüdische Gemeinde, die eine bekannte 1928 erbaute elegante Synagoge mit großen Kuppeln besaß. Vermutlich wohnten in Enschede auch Verwandte der Ehefrau von Max Wunsch, sodass der Entscheid, speziell nach Enschede auszuwandern, nahe lag. Über 30.000 Juden aus dem Deutschen Reich flohen allein im Jahre 1933 in die demokratischen Niederlande. Zum Vergleich hierzu exilierten 50.000 deutsche Juden in das britische Kolonialgebiet Palästina, und veränderten dort dauerhaft die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung.

Den Zeitgenossen erschien Holland zu dieser Zeit als eine in ihrer Grundstruktur relativ stabile Gesellschaft, ohne Brüche in den Gesellschaftsformen wie in Deutschland (Kaiserreich, Weimarer Demokratie, Hitler-Diktatur) aufzuweisen; Königin Wilhelmina (Regierungszeit 1898-1948) steht für diese Stabilität.

Während in Deutschland die jüngste deutsche Wählerschaft aller Zeiten 1932 die extremistischen Parteien mit ca. 50 % „beglückte“, hatten die Kommunisten und die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt in der holländischen Monarchie keine 10 Prozent aufzuweisen. Antisemitismus konnte zu jener Epoche in unserem Nachbarland auch noch nicht punkten, obwohl sich kaum Juden in Regierung und Staatsapparat fanden.

Enschede blieb nicht der einzige Wohnort der exilierten Familie, später zogen sie in einen anderen Wohnort – nach Deventer, nachgewiesen ist das Jahr 1935.

Deventer, ist eine Garnisonsstadt, geografisch am Fluss Ejssel gelegen, dem „nördlichsten Mündungsarm des Rheins“, besaß weniger Einwohner als Enschede und hatte aufgrund seiner linksaktiven Arbeiterschaft, die in den Branchen Textil, Metall und Mehlverarbeitung („Kuchenstadt“) beschäftigt war, den Spitznamen „Moskau an der Ejssel“.

Insgesamt steht die Biografie Max Wunschs für das Judentum in Europa, das westwärts wanderte. Dazu gehören die Juden des Ostens, die Deutschland präferierten und dann die Juden, die Holland, Frankreich und England als Ausgangsländer nutzten, um Amerika oder Palästina als neue Heimat zu erreichen. Max Wunsch lebte lieber in Holland und in Europa.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 änderte sich zunächst nicht alles, da die Nazis aufgrund ihrer rassistischen Gesinnung die Holländer als artverwandt einschätzten, und von daher zunächst vorsichtig in ihren antisemitischen Vorgehensweisen waren, um die Holländer, die weniger antisemitisch eingestellt waren, nicht zu düpieren.

Doch den niederländischen faschistischen Anhängern gefiel die vorerst behutsamere Behandlung und erst allmählich brutalere Behandlung der Juden ab Ende 1940 nicht mehr, sodass die Konflikte besonders in Amsterdam bald eskalierten, als im November Berufsverbote für die jüdische Minderheit angekündigt und realisiert wurden. Erstmals streikte ein Teil der Studentenschaft und der Universitätsangehörigen. Es ging weiter mit regelmäßigen Zusammenstößen von Juden und holländischen Nationalsozialisten.

Ab Anfang 1941 stellten dann im Auftrag der deutschen Besatzer die holländischen Behörden eine Gesamtliste aller Juden in Holland zusammen. Daraus ergab sich eine Zahl von 160.820 Namen, deren Adressen sowie weitere persönlichkeitsbezogene Informationen. Insgesamt starben 75 bis 80% der in den Niederlanden gemeldeten Juden in den verschiedenen Konzentrationslagern, in den Transportwaggons und mehrheitlich in den Vernichtungslagern des Ostens.

Doch zurück zum Jahr 1941, in dem ein Streik gegen alle verschärfenden Aktionen zu Lasten der holländischen Juden zum bekannten zweitägigen Februarstreik der Holländer führte – eine „im besetzten Westeuropa einzigartige Reaktion“. An diesem von der Linken initiierten und organisierten Streik nahmen ca. 50.000 Menschen teil, von denen mehrere Hundert im Anschluss daran ins KZ eingeliefert und ermordet wurden.

Mag Max Wunsch wie so viele Juden in den Niederlande vorerst in abwartender Haltung gewesen sein, aber die Malträtierungen, Diskriminierungen, „Arisierungen“ und Enteignungen der Geschäfte zeigten das wahre Gesicht des NS-Besatzungsregimes. Ab Sommer trug Max auch den gelben „Judenstern“.

5. Die letzten Tage des Max Wunsch

Max Wunsch musste aus bisher nicht geklärten Ursachen nach Apeldoorn in eine jüdische Klinik, die u.a. auch nervenkranke Menschen behandelte. Warum eine Einweisung notwendig war, erfahren wir bislang nicht.

Diese Einrichtung entwickelte sich ab 1940 auch zu einem Zentrum des jüdischen Lebens gegen die Nazi-Diktatur, da mehrere Hundert jüdische Menschen dort in der Pflege arbeiteten. In dieser Pflegeeinrichtung dominierte eine entspannte Atmosphäre, die sich im Gegensatz zur wirklichen Lage befand, sodass es im Volksmund Apeldoorns schon hieß, dies sei der „Judenhimmel“.

Aber am 20. Januar 1943 war dies endgültig vorbei. Aufgrund der Tatsache, dass die deutschen Täter die 40 Waggons des vorgesehenen Bahntransports Richtung Osten einen Tag zu früh in Apeldoorn stationierten, flüchteten in der kommenden Nacht sehr viele (gesunde) Pflegerinnen und Pfleger und andere Beschäftigte. Sie tauchten unter oder wurden von ihren holländischen Nachbarn versteckt. Alle anderen, also die Masse der Patientinnen und Patienten, man schätzt die Zahl bis 1200 Personen, wurden während der Nacht, teils nackt, teil in Zwangsjacken, per Lastkraftwagen zu den bereitgestellten Waggons verbracht. Diese Aktion „Krankentransport“ leitete die Waffen-SS und die lokale holländische Ordnungspolizei.

Morgens um 7 Uhr des 22. Januar 1943 startete der Zug mit der Zielrichtung Auschwitz, wo er dann am 24.1.1943 ankam. Dort starb die überwiegende Mehrheit der Jüdinnen und Juden in der Gaskammer oder im Kugelhagel der Nazi-Schergen.

Wann und wie genau der nun 43jährige Sandhäuser im Vernichtungslager Auschwitz zu Tode kam, konnte nicht eruiert werden. Angegeben findet man in den Unterlagen als Todestag meistens den 25. April 1943.

Wer die obige Kurzbiografie intensiv verfolgt hat, wird zweifellos bemerkt haben, wie schwierig es war, obgleich ich eigentlich keine Ego-Dokumente vorfand, Kenntnisse und Erkenntnisse über den Lebensweg Max Wunschs von Sandhausen, über Lahnstein, Enschede, Deventer bis zum Tod in Auschwitz, konstruktiv zu präsentieren.

Max Wunschs Leben repräsentiert insofern innerhalb des Sandhäuser Judentums eine singuläre Biografie, aber im Gesamtkontext der Dimension des europäischen Judenmordes steht sein Lebensverlauf für einen tausendfach ähnlichen, also typischen Lebensverlauf.

Sollten Nachfahren seiner Tochter in den Niederlanden oder der beiden Schwestern in Mönchengladbach und in den USA noch leben, vermag ich vermutlich / sicherlich die Biografie des Sandhäusers Max Wunsch zu komplettieren.


Literatur:

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Gerlach, Christian, „Der Mord an den europäischen Juden“, München 2017

Norbert Giovannini/Claudia Rink/Frank Moraw(Hg.), „Erinnern, Bewahren, Gedenken.

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Rudolf Lehr, „Sandhaiser Leit. Mundartliches aus Vergangenheit und Gegenwart, Heidelberg 1983

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Rolf W. Maier, „Wahlergebnisse und Wählerverhalten 1848–1984“. Zur Geschichte der politischen Entwicklung der Gemeinde Sandhausen. In: Heimatbuch der Gemeinde Sandhausen, Heidelberg 1986, S. 163 ff

Mathias Middelberg, „Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“ Hans Calmeyer – Rassereferent in den Niederlanden 1941–1945, Göttingen 2015

Bob Moore, “Victims and Survivors”. The Nazi Persecution of the Jews in the Netherlands 1940-1945, London 1997

Bob Moore, Refugees from Nazi Germany in the Netherlands 1933–1940, Dordrecht/Boston1986

Jacob Petuchowski, „Mein Judesein“, Freiburg 1992

Berthold Rosenthal, „Heimatgeschichte der badischen Juden seit ihrem geschichtlichen Auftreten bis zur Gegenwart“, Bühl/Baden 1927

Julius H. Schoeps, Dieter Bingen, Gideon Botsch (Hg.), „Jüdischer Widerstand in Europa“ (1933-1943), Berlin/Boston 2016

Hubert Seibert, „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Acht Jahrhunderte jüdisches Leben in Lahnstein, in: Sachor. „Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedächtnisstättenarbeit“

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Timothy Snyder, „Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann“,

München 2015

stolpersteine-lahnstein.de/wunsch, -max.ht

https://nl.wikipedia.org/wiki/Het_Apeldoornsche_Bosch

Max Wunsch, in: www.joodsmonument.nl/person/537274/en

 

Rolf W. Maier September 2017

 

 

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