Stilles Gedenken der Stadt zum Jahrestag der Deportation nach Gurs

Oberbürgermeister Hans Reinwald bei seiner Gedenkansprache

(10.11.2017 – mu) Am 9. November 2017 jährte sich die Pogromnacht von 1938, deren vielfache Zerstörungen und Morde den Auftakt zum Holocaust bildeten, zum 79. mal. In Leimen wurde an diesem Tag auch in diesem Jahr der vier jüdischen Mitbürger gedacht, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen: Karolina und Hugo Mayer sowie Karoline Bierig und ihre Tochter Selma, die bei der Deportation der badischen Juden nach Gurs im Oktober 1940 nach Südfrankreich verschleppt worden waren. Hugo Mayer starb in Gurs, die drei Frauen wurden nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Im Foyer des Leimener Rathauses steht zur Erinnerung an dieses schreckliche Geschehen seit dem 9. November 2013 ein von drei Schülerinnen der Geschwister-Scholl-Schule geschaffener Gedenkstein, der in seiner schlichten Würde an die Verschleppung und Ermordung erinnert und mahnt.

Zum Jahrestag der sog. „Reichskristallnacht“ gedachte die Stadt ihrer ermordeten Mitbürgerinnen und Mitbürger nach einem vorangegangenen ökumenischen Gottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche mit einem stillen Gedenken im Foyer des Rathauses.

Jürgen Mauter und Barbara Higel von der Musikschule Leimen führten die Bürgerinnen und Bürger zusammen mit einem ihrer Schüler musikalisch durch die Veranstaltung. Auf Gitarre und Blockflöte wurden angemessene Lieder zum Gedenken der Opfer gespielt.

Oberbürgermeister Hans Reinwald machte die damaligen Ereignisse noch einmal deutlich: „Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 werden in vielen Städten und Dörfern Badens, der Pfalz und des Saarlandes Tausende von Juden von Gestapo und Schutzpolizisten aus dem Schlaf gerissen und aufgefordert, sich in kurzer Zeit reisefertig zu machen. Sie sollen auf Befehl der Gauleiter, in Baden war das Robert Wagner, nach Frankreich in das Internierungslager Gurs am Rand der Pyrenäen deportiert werden. Die völlig überraschten Menschen dürfen nur wenig Gepäck und Kleidung, ein bisschen Geld und Proviant mitnehmen. Am Abend des 22. Oktober, in etwa zu der jetzigen Stunde, werden sie in überfüllte Sonderzüge gepfercht und nach Gurs transportiert.

1151 - Gurs 2

Gedenkstein im historischen Rathaus Leimen

Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und ihrer Helfer, spätestens seit den schändlichen Nürnberger Rassegesetzen und der Pogromnacht vom 9. November 1938 war das Leben der Menschen jüdischen Glaubens unerträglich geworden, wir Nachgeborenen vermögen uns die Angst und den Schrecken dieser Lebensbedingungen kaum vorzustellen. Mit dem Kriegsbeginn im September 1939 wurden die deutschen Juden als Feinde behandelt, nun, im Oktober 1940 folgte für die Juden in Baden, im Saarland und in der Pfalz der endgültige Schritt in die Verstoßung. Im Jahr darauf begannen die Deportationen in die Vernichtungslager im Osten und der Massenmord des Holocaust an den europäischen Juden.

Das Ziel der neun überfüllten Sonderzüge war das Lager Gurs in einem Tal der Pyrenäen – dort war man auf die über 6.000 verschleppten Menschen nicht vorbereitet, es war am Rand des Hochgebirges kalt und es regnete. Bereits im ersten Winter starben Hunderte Menschen an Infektionen, der Kälte und dem völligen Mangel an sanitären Einrichtungen. Hugo Mayer starb in Gurs 1942, seine Frau Karolina sowie Karoline und Selma Bierig wurden mit den meisten bis dahin Überlebenden nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Wir gedenken heute dieser unschuldigen Opfer aus Leimen.

Wir, die wir das Glück haben, heute in einem freien Land leben zu dürfen, müssen aus den damaligen schrecklichen Ereignissen die Lehre ziehen, allen Versuchen, auch heute wieder Menschen anderen Glaubens oder anderer Hautfarbe zu stigmatisieren, sie auszugrenzen, sie nicht in unserm Land willkommen zu heißen, entgegen zu treten. Viele Reden werden wieder in Deutschland gehalten, die menschenverachtendes und gehässiges Gedankengut verbreiten. Das darf nicht sein, dagegen müssen wir uns mit aller Kraft wehren. Das ist eine Aufgabe für uns alle“, appellierte das Stadtoberhaupt an die Anwesenden.

Im Anschluss wurden von Martin Delfosse bewegende Passagen aus erhalten gebliebenen Briefen Karolina und Hugo Mayers an ihren Sohn Kurt verlesen, dem die rechtzeitige Flucht nach Großbritannien gelungen war., bevor man still auseinanderging.

 

 

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