Magic Mushrooms: Zauberpilze als Medizin

Die meisten Kinder fanden sie einfach nur toll. Nicht alle Erwachsene werden sich etwas dabei gedacht haben, wenn ihre Sprösslinge sich an ihrem C64 in der surrealen Super-Mario-Welt an Zauberpilzen gütlich taten, Superkräfte entwickelten und beim Wuchs um das Doppelte zulegten. Auch die Anspielung der nur vermeintlich harmlosen Lindgren-Überschrift: „Inga und Britta suchen Pilze“ werden nicht alle verstanden haben.

Pilze – Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

Nach jahrzehntelanger Dämonisierung werden die Pilze mit dem psychoaktiven Wirkstoff Psylobycin wieder als Mittel gegen psychische Befindlichkeitsstörungen wie Depressionen, Angststörungen, Zwangserkrankungen, Süchte und das Posttraumatische Belastungssyndrom diskutiert. Bis zu ihrer pragmatischen Verwendung war es ein weiter Weg zwischen den Extrempolen begeisterter Enthusiasmus und intransigenter Sittenstrenge. Einen Mittelweg hat es lange Zeit nicht gegeben, die Pilze wurden entweder vergöttert oder als Droge, Rauschgift und Teufelszeug verdammt.

Tradition aus dem präkolumbianischen Amerika

Ab den späten 1950er-Jahren wurde die Kraft der psychedelischen Pilze im Westen im Kontakt mit den Ureinwohnern Amerikas entdeckt. Die Stämme der Indigenen, allen voran die Azteken, nutzen halluzinogene Pilze traditionell für religiöse Rituale und ähnliche spirituelle Grenzerfahrungen. Sie waren im Besitz der Medizinmänner und Schamanen, welche die kultischen Handlungen organisierten. Das christliche Europa ging einen anderen Weg. Die Verbrennung sogenannter Hexen richtete sich besonders gegen Frauen, die der pflanzlichen Heilkunde mächtig waren und die den Menschen eine alternative Sinneserfahrung jenseits des christlichen Katechismus boten.

68er Boom und Verbot

Während der 68er-Revolution erlebten die Zauberpilze, auch Magic Mushrooms genannt, einen vorläufigen Höhepunkt ihrer Popularität. Beim legendären Musikfestival in Woodstock 1969 werden nicht wenige Pilze im Umlauf gewesen sein. Unmittelbar danach folgte der „Controlled Substances Act“ unter der Administration Nixons, die nicht nur den Verkauf und Konsum von bewusstseinserweiternden Substanzen verbot, sondern auch jegliche Anstrengungen ihrer Erforschung, einschließlich für medizinische Zwecke. Die westlichen Länder zogen nach und nahezu die gesamte Staatenwelt orientierte sich fortan an dieser Definition.

Lange Zeit der Sackgasse

Das pauschale Drogentabu führte allerdings in eine Sackgasse in der psychiatrischen Forschung. Als im Jahre 1958 mit Imipramin das erste moderne Antidepressivum entwickelt wurde und eine Kettenreaktion vonseiten der Pharmaindustrie in Gang gesetzt wurde, wurden die hehren Erwartungen, die mit den damals „Glückspillen“ genannten antidepressiven Substanzen einhergingen, gelinde gesagt enttäuscht.

Aus dem Panoramablick vieler Jahrzehnte lässt sich nämlich konstatieren, dass manche der seitdem neu entwickelten Antidepressiva zwar die Nebenwirkungen insgesamt reduzieren konnten. Aber in puncto Wirksamkeit, also das ursächliche Anliegen dieser stimmungsfördernden Medikamente, blieb der Urstoff aus dem Jahre 1958 bis heute das Beste und das war nur wenig mehr als nichts. Das Problem der Depression wurde nicht einmal ansatzweise eingedämmt, vielmehr explodierten die Zahlen der an der „Melancholie“ erkrankten Betroffenen.

Bio-Start-ups als Pioniere

Der Bedarf, nach neuen Wegen zu suchen, war also gegeben. Die sich dem Drogentabu in der Medizin verpflichtet fühlenden großen Pharmaindustrien scheinen reformunfähig und nicht dazu fähig zu sein, sich aus dem starren Korsett alter Gewohnheiten zu lösen. Hinzu kommen pekuniäre Interessen, die ein Vorgehen zum Wohle der Kranken verhindern. Dass es an neuen dynamischen Bio-Start-ups wie Atai, Cyclica, Field Trip, Eleusis und Mindmed liegt, der psychiatrischen Medizin neue Impulse zu verleihen, ist auch der Situation geschuldet, dass die Erforschung psychedelischer Pilze keine Patente bringt und sich folglich nicht rechnet.

Neue Wege in der Medizin

Zugutekommt den Wegbereitern die Tatsache, dass aufgrund der beschriebenen Sackgasse im Bereich der Pharmazeutik ein allgemeines Umdenken stattgefunden hat, das auch staatlich sanktioniert wird. In immer mehr Ländern fällt das starre Drogentabu in der Medizin und immer neue Liberalisierungsgesetze werden verabschiedet. In Deutschland gibt es beispielsweise seit 2017 Cannabis auf Rezept und in der EU ist Ketamin, das wie Zauberpilze aus dem Drogenmilieu stammt, zur Behandlung von Depressionen als letztes Mittel seit 2019 zugelassen (aber noch nicht in Apotheken erhältlich). Die Hoffnung auf legalisierte Zauberpilze ist also gerechtfertigt.

Studien: ermutigende Ergebnisse

Erste Befunde zu Psychedelika sind ermutigend. In einer Studie von 2016, die zur Renaissance der Erforschung der Zauberpilze zu medizinischen Zwecken führte, konnte Krebspatienten mit Depressionen und Angststörungen wirksam geholfen werden. 60 bis 80 % der insgesamt 51 Probanden erfreuten sich einer wesentlichen Verbesserung ihres Lebensgefühls. Weitere Studien dauern an. Die Ergebnisse werden für die endgültige Zulassung der Magic Mushrooms entscheidend sein.

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