Diljemer Nachtwächterführung: Geschichte, Geschichten und leider auch Regen
(hb* – 23.3.26) Am vergangenen Samstag, dem 21. März 2026, versammelten sich ab 18 Uhr weit über 50 Besucherinnen und Besucher zur Nachtwächterführung unter dem Motto „Vun allem ebbes! Do war was lous, in de Boohoufschdrooss!“. Schon zu Beginn lag eine besondere Stimmung über der Bahnhofstraße: Viele der Protagonisten trugen altertümliche Kleidung und gaben dem Abend damit einen stimmigen historischen Rahmen. Besonders eindrucksvoll erschien der Nachtwächter mit Umhang und Laterne, der die Teilnehmenden sichtbar in eine andere Zeit mitnahm.
Zwar setzte ab 18.15 Uhr leichter Regen ein, doch das tat dem Interesse keinen Abbruch. Die Gäste blieben aufmerksam, hörten zu, gingen mit und erlebten eine Veranstaltung, die Vergangenheit lebendig werden ließ.
Musik als Auftakt, Geschichte als Wegbegleiter
Zu Beginn spielte Rudi Sailer ein musikalisches Stück auf dem Akkordeon. Danach begrüßte Nachtwächter Sascha Pfrommer die Anwesenden und führte in die Geschichte der Bahnhofstraße ein.
Er erinnerte daran, dass die Bahnhofstraße am 15.9.1900 amtlich genehmigt wurde, nachdem der Bahnbau bereits 1842 begonnen hatte. Die Straße musste für die Bebauung höher gelegt werden. Noch heute erinnert der Walläckerweg an die frühere Landschaft. Der Name verweist wahrscheinlich auf Waldäcker, also auf das Gebiet an der Grenze zwischen Dorf und heutigem Probsterwald. Zugleich wurde das Gelände auch „böse Walläcker“ genannt, weil es durch Überschwemmungen bedroht war und sich nur schwer bebauen ließ.
Damals war die Bahnhofstraße eine Sackgasse. Sie verband das Dorf mit dem Bahnhof; auf die andere Seite gelangte man über eine Brücke. Durch die Felder führte ein Fußweg nach Leimen. Auch der Zugang zum Bahnsteig war anders geregelt als heute: Er war nur durch die Bahnhofshalle möglich, wo die Fahrkarten kontrolliert wurden. Erst seit 1978 gibt es den freien Zugang zu den Gleisen.
Eine Straße zwischen Alltag und Prominenz
Im Laufe der Führung wurde deutlich, wie viel sich in dieser Straße abgespielt hat. In der Bahnhofstraße entstanden viele gleichförmige Häuser, daneben aber auch einige Prachtbauten und ein Geschäftshaus. Deshalb wurde sie auch Straße der Prominenz genannt, besonders mit Blick auf die Häuser auf der Seite mit den geraden Nummern.
Ursprünglich war die Bahnhofstraße nur einreihig bebaut, dahinter lagen Felder. Die Theodor-Storm-Straße entstand 1975, die Schillerstraße 1959/60.
Vor dem Haus Nr. 47, das von der Familie Ehrbar gebaut wurde, erzählte Sascha Pfrommer von Alfons Ehrbar, der dort eine Werkstatt für Fahrräder, Ziehwägelchen, Holzspielzeug und Ähnliches betrieb. Fahrräder waren damals begehrt und selten. Wer eines besaß, stellte es gern sicher ab – oft sogar kostenfrei in einem der Häuser. Heute befindet sich dort die Praxis von Frau Dr.Horix. Im Jahr 1948 nutzten die Amerikaner das Haus als Büro; dort und im Nachbarhaus wurde mittags Essen für Bedürftige ausgegeben.
Ein Haus weiter, in Nr. 49, befand sich das Wohnhaus mit Praxis des Zahnarztes Dr.Ullrich. Es wurde um 1940 gebaut und 1945 von den Amerikanern beschlagnahmt und als Hauptverwaltung genutzt. Zwei Häuser weiter betrieb Gerda Botz eine Heißmangel.
Die Firma Fahrenkrug: Volksfeste, Fasching und große Lagerhallen
Ein besonderer Schwerpunkt des Abends war das Anwesen der Familie Fahrenkrug, vorgestellt von Kurt Sailer. Er berichtete aus eigener Erfahrung, denn er war dort von April 1973 bis Dezember 2010 bis zu seinem Eintritt ins Rentenalter beschäftigt.
In der Bahnhofstr. 52 stand das Wohnhaus der Familie Fahrenkrug. Dort befanden sich auch zwei Ausstellungsräume und das Büro. Dahinter lag der Hof, in dem in der Saison jeden Morgen drei Verkaufsfahrzeuge beladen wurden. An den Hof grenzten zwei große Lagerhallen, in denen die Ware untergebracht war, die teils auf der Mailänder Keramikmesse oder der Nürnberger Spielwaren Messe bestellt worden war.
Die Firma wurde um 1900 von Max Fahrenkrug gegründet. Danach führte sein Sohn Karl den Betrieb weiter, bis dessen Sohn Willi ihn in den 1980er Jahren übernahm. Es handelte sich um einen Großhandelsbetrieb für Volksfeste, Karneval, Spielwaren und Vereinsbedarf. Beliefert wurden Schausteller im gesamten südwestdeutschen Raum. Die Hauptsaison begann im März mit dem Mathaisemarkt in Schriesheim und endete mit dem Bohrermarkt im November in Neckargemünd. Auch bekannte Veranstaltungen wie der Cannstatter Wasen, der Bad Dürkheimer Wurstmarkt oder das Binger Weinfest gehörten zum Arbeitsgebiet.
Neun Personen arbeiteten insgesamt in der Firma. Neben den Verkaufsfahrern waren Frauen im Lager und im Verkauf tätig, im Büro arbeiteten Frau Fahrenkrug und Erika Plünsch, die Schwester von Willi Fahrenkrug. In der Faschingssaison gehörten Kostüme, Perücken, Hemden und Dekoartikel zum Sortiment. Später kamen auch Halloween-Artikel hinzu. 2013 schloss das Familienunternehmen endgültig. Die Gebäude wurden abgerissen, das Gelände mit Wohnhäusern bebaut.
Zigarrenfabrik, Sambahäusel und Orthopädiegeschäft
Bevor die Gruppe weiterzog, ergänzte Angela Weisgerber die Geschichte der umliegenden Anwesen. Das Haus Nr. 45a war eine Zigarrenfabrik, vermutlich mit dem Namen „Vorwärts“. Heinrich Burkhardt hatte sie mit seiner ersten Frau gegründet. Nach deren Tod arbeiteten auch seine zweite Frau und die beiden Töchter mit. Bis 1943 wurden die Zigarren regelmäßig von einem jüdischen Händler abgeholt. Während des Krieges suchte die Nachbarschaft im Keller des Hauses Schutz.
Heinrich Burkhardt baute außerdem das „Sambahäusel“, das über viele Jahre von ihm und seiner Tochter Emma bewirtschaftet wurde. Pendler, Schülerinnen und Schüler sowie Erwachsene fanden dort Süßes, Getränke, Zigaretten und einen kleinen Gastraum. Dorfmänner trafen sich dort zum Kartenspielen und Beisammensein.
Nebenan in Nr. 45 wohnte Ludwig Burkhardt, der dort von den 40er bis in die 70er Jahre ein Orthopädiegeschäft führte. Mit Meistertitel fertigte er auf Rezept Einlagen und orthopädische Schuhe an. Auch Drogerie- und Hygieneartikel sowie Holzklepper gehörten zum Sortiment. Zudem gab es dort eine Toto- und Lotto-Annahmestelle.
Schwarze Kleider, Konfirmanden und Tomatenzucht
Auch die Häuser gegenüber bekamen an diesem Abend ihre Stimme zurück. In Nr. 50, um 1910 gebaut, wohnten die drei Schwestern Reinhard, katholisch und sehr gläubig. Man sah sie täglich schwarz gekleidet zur Kirche gehen, oder der Pfarrer kam zu ihnen.
Das ehemalige evangelische Pfarrhaus und Pfarramt in Nr. 48 war 1930 für die evangelische Großfamilie des Pfarrers gebaut worden. Die Konfirmanden mussten dort die Straße fegen. 2018 wurde das Areal mit Haus als zwei Grundstücke verkauft.
Weiter auf dieser Seite befindet sich heute in Nr. 44 bei Michaela Stumpf eine Tomatenzucht, in Nr. 42 führt Elke Herd einen Friseursalon.
Vom Ackerland zur belebten Straße
Am nächsten Halt in der Schillerstraße berichtete Gabriele Zinke über den vorderen Teil der Bahnhofstraße. Das Gelände zwischen Schillerstraße und Hans-Thoma-Straße wurde erst 1938/39 als Baugelände umgelegt. Zuvor war dort freies Ackerland, genannt Walläcker.
In Nr. 33 befand sich ein Geschäft, das heute noch im Telefonbuch als Kraft und Kern – Tierische Rohprodukte und Lederwaren steht. Dort konnte man Hasenfelle, Rinderhäute und Knochen abgeben, die nach dem Schlachten übrig waren. Die Häute und Felle wurden auf dem Grundstück gespannt, was mitunter starke Gerüche verursachte. Die Knochen brachte man zur Firma KLAR Seifen nach Heidelberg. Im hinteren Bereich des Geschäfts betrieb die alte Frau Kraft zudem einen kleinen Kiosk mit Bier, Bella Donna Rotwein, Astor Zigaretten und alkoholfreien Getränken.
In Haus Nr. 24 an der Ecke Bahnhofstraße / Hans-Thoma-Straße gab es eine kleine Milchzentrale der Familie Schaaf. Dort wurden anfangs offene Milch von Kühen, Ziegen und Schafen, außerdem Eier und Butter verkauft. Die Kinder holten die Milch in offenen Kannen – und hatten, wie berichtet wurde, große Freude am Schwenken derselben. In Nr. 20 betreibt Angela Hinze heute eine Tomatenzucht.
Ein Lied unter freiem Himmel
An der letzten Station auf dem Hof des ehemaligen Martin-Luther-Hauses sangen die Teilnehmenden gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“, begleitet von Rudi Sailer auf dem Akkordeon. Gerade in diesem Moment bekam der Abend etwas Leises und Verbindendes: ein Lied, ein wenig Regen, viele Menschen, die stehenblieben und zuhörten.
Pfarrhaus, Bücherei und überschwemmte Keller
Danach sprach Dr. Karl-Peter Herb. Er erinnerte an Marie Herd, die in Nr. 21 lebte. Ihr Lebensgefährte hatte von den 60ern bis in die 80er Jahre ein Steinmetzgeschäft.
Die Nummern 23/25 wurden 1906 von der Familie Krämer gebaut. Als die Familie 1948 nach Heidelberg zog, vererbte sie das Haus der katholischen Kirchengemeinde. Diese nutzte es als Pfarrhaus mit Pfarramt. Dort wohnten die Pfarrer Albrecht, Appel und Mehlmann mit ihren Haushälterinnen. Im Untergeschoss befand sich ein Jugendraum. Sonntags lieh Lehrer Licht im Vorraum aus einem Rolloschrank Bücher aus – die erste öffentliche Bücherei am Ort. Eine Bemerkung aus jener Zeit ließ aufhorchen: In den 60er Jahren sei es nicht üblich gewesen, dass Mädchen Bücher ausliehen. Die Mütter hätten gesagt: „Mach erst mal dei Sach, bevor du e Buch ausleisch.“ 1978 wurde das Anwesen an die Familie Koob verkauft.
Das letzte Haus an der Ecke war eine Zigarrenfabrik der Firma Neuhaus. Von 1971 bis 2016 wurde es als evangelisches Gemeindehaus, das Martin-Luther-Haus, genutzt.
DrDie . Karl-Peter Herb erinnerte außerdem daran, dass in den westlichen Häusern im Winter oft Wasser stand. Ein Graben zur Bahn hin führte regelmäßig zu Überschwemmungen in den Kellern. Nach der Erzählung von Elke Herd seien sie dort sogar im Keller Boot gefahren.
Lebensmittelladen, Glasbrennerei und erste Selbstbedienung
Zum Abschluss berichtete Birgit Stumpf über die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit den Nummern 14 bis 18, die Wohnhäuser waren und sind. Dort lebt auch Felix Hartmann, ein lokaler Dichter, der Gedichtbände für Jung und Junggebliebene über das Leben in den 50ern und darüber hinaus in St.Ilgen und Leimen schrieb beziehungsweise schreibt.
Um 1920 baute Georg Stumpf das Haus Nr. 14 als Wohnhaus mit einem Lebensmittelladen. Etwa 1940 kauften Gottlieb und Elise Östreicher das Anwesen und führten den Kolonialwarenladen weiter. Nach dem Krieg eröffnete Herr Östreicher im hinteren Teil eine Glasbrennerei. Dort wurden Trinkgläser mit Motiven wie dem Heidelberger Schloss, Weinlaub oder Goldrändern verziert. Frauen malten die Schablonen von Hand aus, anschließend wurden die Gläser eingebrannt.
Gleichzeitig lief der Laden weiter. Milch, Öl, Essig und Maggi wurden offen verkauft. Später wurde daraus der erste Selbstbedienungsladen in St.Ilgen. Am Wochenende gab es Tortenstückchen, denn Herr Östreicher war Konditor. Für Kinder war der Laden ein Anziehungspunkt, für viele Erwachsene die italienische Salami eine Besonderheit. Herr Östreicher besaß zudem eines der ersten Autos und eines der wenigen Telefone im Ort. In Notfällen griff man gern darauf zurück.
Später wurden die Geschäftsräume mehrfach vermietet, unter anderem an Bäcker Mürtzig, die Bäckerei Mantei, eine Geschenkboutique und ein Kinderbekleidungsgeschäft, bis Frau Marion Loll dort ihre Krankengymnastikpraxis eröffnete. Nach dem Tod von Frau (Erna)Östreicher kaufte die Familie Loll das Haus.
„vun allem ebbes“
Am Ende der Führung stand die Erkenntnis, die schon im Motto steckte: In der Bahnhofstraße war tatsächlich „vun allem ebbes“. Die Erzählungen machten aus Häusern wieder Schauplätze, aus Fassaden wieder Lebensgeschichten. Trotz des leichten Regens blieb die Aufmerksamkeit der vielen Gäste ungebrochen. Gerade das machte den Abend so besonders: Menschen gingen gemeinsam durch die Straße, hörten Namen, Berufe, Erinnerungen, kleine Szenen aus dem Alltag früherer Jahrzehnte – und sahen dabei die Bahnhofstraße mit anderen Augen.
Zum Abschluss lud der Nachtwächter ins Generationenhaus ein, wo es etwas für das leibliche Wohl gab und ein kleiner Bildvortrag von Dr. Karl-Pegter Herb angekündigt war. So klang ein Abend aus, der Geschichte nicht ausstellte, sondern erzählte.
* Die Informationen in diesem Artikel wurden der Redaktion vom Stadtteilverein St. Ilgen zur Verfügung gestellt.
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