Eine Geschichte darüber, wie der Weihnachtsmann zu Weihnachten und Weihnachten zum Weihnachtsmann kam

Ein Märchen von Eva-Maria Gottschalk.

4440 - Weihnachtsmärchen IllustrationVor vielen, vielen hundert Jahren lebte einmal ein kleiner Junge namens Joseph. Joseph wohnte hoch oben im Norden auf einem großen Bauernhof. Dort lebte er mit seinen Eltern und vielen Tieren. Rinder, Schafe, Ziegen und Rentiere grasten friedlich rund um das Haus.

Eines Tages, als der Schnee schon ordentlich gefallen war, machte sich Joseph auf, zum Schlittenfahren. Den steilsten und längsten Berg ging es hinauf. Endlich oben angekommen, traf er auf Gerlinde und Peter. Die beiden lebten auf der anderen Seite des Tals.

Das Dämmerlicht der Wintersonne spendete gerade genug Helligkeit um den Schnee glitzern zu sehen.

Gerlinde blickte mit Freude in die weite Ferne: „Sieht die Mittagssonne, so tiefstehend am Himmel, nicht herrlich aus? Alles glüht feuerrot, obwohl es doch so herrlich kalt ist.“

Zustimmend sahen auch die beiden Jungen auf die eingezuckerte Landschaft. Der Anblick war atemberaubend.

Unerwartet holte Joseph Franz und Gerlinde aus ihren Gedanken: „Wer zuerst unten ist hat gewonnen!“

Mit Gejohle stieß er sich ab und hinunter ging es. Die beiden Anderen ließen es sich natürlich nicht nehmen. Hassteten auf ihre Schlitten und jagten ihm nach. Alle Drei hatten eine Menge Spaß.

„Lasst uns doch einmal die Schlitten zusammenbinden!“, schlug Franz vor.

„Dann haben wir noch mehr Schwung. Ich wette, wir stellen einen neuen Rekord auf.“

„Das ist eine großartige Idee. Die hätte von mir sein können!“ lachte Joseph anerkennend.

Gesagt getan. Mit Franz an der Spitze und Gerlinde am Ende des Zuges ging es rasant nach unten. Immer schneller zog die Landschaft an ihnen vorbei.

Franz hatte Mühe zu steuern. Gerlindes Schlitten brach aus. Sie wedelte herum, zog die anderen mit sich. Alle drei rasten einem steinernen Abhang entgegen. Mit aller Kraft rammte Joseph seine Stiefel in den Schnee, doch es war zu spät. Fast ungebremst und kopfüber ging es senkrecht nach unten.

Joseph schlug die Augen auf:

„Was für ein Albtraum! So etwas Schreckliches! Wir sind alle drei abgestürzt!“Er setzte sich auf. Seine Augen wanderten durch das Zimmer. Entsetzt sprang der Junge aus dem Bett. Leicht wankend musste er sich am Himmelbett festhalten. Dies war gar nicht sein Zuhause. Der Raum war ihm völlig fremd. An der gegenüberliegenden Wand schliefen seine Freunde, noch völlig ahnungslos. Schnell ging Joseph hinüber zu ihnen um sie zu wecken.

„Franz, Gerlinde – wacht auf! Seht euch mal um!“

„Wo sind wir?“ entsetzte sich das Mädchen.

„Ich weiß es nicht! Aber es ist unheimlich. Wie sind wir hier her gekommen?

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“ Die Wände haben keine Fenster!“, stellte Franz mit schrecken fest.

Gerlinde und Joseph blickten auf. Tatsächlich nicht einmal ein klitzekleines Fensterchen war dort zu finden.

„Warum ist es hier drinnen dann so hell,“ wunderte sich Gerlinde.

Die Drei verteilten sich im Raum. Irgendwo musste doch eine Lichtquelle zu finden sein. Aber so sehr sie auch suchten, dort war nichts Leuchtendes. Es schien so, als sei das Licht einfach da.

„Lasst uns sehen, was sich dort hinter der Tür verbirgt“, schlug Franz vor.

Mit einem Schritt erreichte er die Tür und drehte den Türknauf. Ganz langsam ließ der Junge die Tür einen spaltbreit aufschwingen. Die Drei lugten hindurch.

„Es sieht aus wie ein Gang“, flüsterte Gerlinde.

„Sieh mal, der Boden ist aus Erde und an den Wänden wächst Moos!“

„Ob wir unter der Erde sind?“, wunderte sich Joseph.

„Kommt, lasst es uns herausfinden!“, forderte Franz seine Freunde auf und trat mutig einen Schritt in den langen Korridor.

Tür um Tür passierten die Kinder. Alle fest verschlossen. Nicht bei einer ließ sich der Knauf herumdrehen. Nach dem sie unzählige der Türen hinter sich gelassen hatten, kam ihnen jemand entgegen.

„Na Kinder, aufgewacht?“

Wie angewurzelt blieben sie stehen.

„Ihr hattet Glück, dass wir gerade in der Nähe waren. Sonst wäre es für euch nicht so glimpflich ausgegangen. Das war ein ganz schöner Sturz.“

Joseph fand als erster seine Sprache wieder: „Wer sind Sie und wie kommen wir hier her?“

„Oh, natürlich wie ungehobelt von mir“, entschuldigte sich der Fremde, der gerade so groß war wie der Junge selbst.

„Mein Name ist Holbollus der 127ste. Ihr drei seid einige Meter in die Tiefe gefallen. Ein paar Knochen habt ihr euch dabei gebrochen.

Die Kinder befühlten ihre Körper nach schmerzenden Stellen.

„Keine Sorge, Knochen lassen sich in sekundenschnelle heilen. Das ist nicht weiter schlimm. Um sicher zu gehen, dass sonst alles heil geblieben ist, haben wir euch mitgenommen. Aber ihr drei macht einen sehr gesunden Eindruck. Soll ich euch gleich nach Hause bringen? Eure Eltern sorgen sich sicherlich.“

Gerlinde schrie vor Freude auf, als sie hörte wieder ins elterliche Heim gebracht zu werden.

Die Beiden Jungen starrten das Männchen vor ihnen nur ungläubig an.

Holbollus schnippte mit den Fingern und sie alle Vier standen vor dem Haus von Franz und Gerlinde. Da staunten sie.

Joseph wunderte sich: „Bist du ein Zauberer?“

„Nicht direkt ein Zauberer aber wir Monelfen haben schon ganz ordentliche magische Fähigkeiten.“

Mit großen Augen verabschiedete sich das Geschwisterpaar.

Nach einem zweiten Schnipp, stand Joseph wieder auf seiner Farm und der Elf war verschwunden.

Gerlinde und Franz vergaßen den Elfen schon bald. Joseph jedoch blieb Holbollus der 127te in Erinnerung. Gerne hätte er mehr von dem Elfenreich erfahren. Es gab so viele Türen. Lagen dahinter die Schlafsäle der Elfen? Oder verborg sich ganz anderes, wahrhaftig Fantastisches auf der anderen Seite?

Joseph beschloss noch einmal zum Schlittenberg zu gehen und Holbollus zu rufen. Doch an diesem Tag hörte der Elf den kleinen Joseph nicht. Auch an den anderen Tagen blieb die Suche erfolglos. Nach einer Weile ließ der Bauernjunge davon ab.

Die Wochen und Monate vergingen und schließlich auch die Jahre. Bald ist aus dem Jungen ein stattlicher Mann geworden.

Seine Eltern schickten ihn auf Brautschau. Jedoch irgendwie gefielen Joseph die Bauerntöchter nicht. Allmählich zweifelten Mutter und Vater schon an ihrem Sohne. Die beste Wahl war schon vergeben.

An einem kalten Wintertag lagen die Eltern ihrem erwachsenen Sprössling mal wieder in den Ohren: „Du musst endlich eine Frau finden und heiraten. Wenn du noch länger wartest, sind die Hässlichen auch vergeben. Wie stehst du denn dann da?“

Joseph konnte es nicht mehr hören und stapfte in den Schnee hinaus. Es war ein sechster Dezember. Die Nacht wich in diesen Tagen auch um die Mittagszeit kaum der Sonne. In der Dämmerung ging Joseph hinterm Haus entlang, durch den hohen Schnee den Berg hinauf. Dort sah er ein paar Kinder mit dem Schlitten. Vergnügt rodelten sie den Abhang hinunter.

Da kam er Joseph wieder in den Sinn. Der Tag an dem er mit Gerlinde und Frank beim Rodeln den Abhang hinunter gefallen war. Nicht lange überlegend rief er in die ferne: „Holbollus! Holbollus! Holbollus! Hörst du mich“!

Da stand auf einmal ein kleines Männchen vor ihm. Es trug rote Kleidung, einen spitzen Hut und braune Schuhe.

„Sie haben mich gerufen?“

„Erinnerst du dich noch an mich? Vor dreizehn Jahren hast du mich und meine Freunde aus dem Schnee gerettet.“

“ Vor dreizehn Jahren? Das muss wohl mein Vater gewesen sein.“

Als der Elf den Satz beendet hatte verschwand dieser so rasch wie er gekommen war. Joseph blickte enttäuscht drein.

Doch im nächsten Moment erschrak er. Nun standen zwei rot bekleidete Männlein vor ihm, beide sahen sich sehr ähnlich.

„Hallo Joseph! Was für eine Überraschung, dich wiederzusehen. Wie kann ich dir helfen?“

Joseph überlegte kurz. Da kam ihm ein Gedanke:

„Kann ich bei euch in die Lehre gehen? Ich brauche eine Pause von den Menschen.“

Holbollus grinste: „Wenn das dein Wunsch ist, so komme mit uns. Verabschiede dich von deiner Familie. Um Mitternacht werden wir dich abholen.“

Joseph tat wie der Elf ihm hieß. Verwundert, aber froh, verabschiedeten sich die Eltern von ihrem Sohn.

Kurz vor Mitternacht machte sich Joseph bei Kerzenschein auf in die Nacht. Als die Große Turmuhr Zwölf schlug, verschwand der knirschende Schnee unter seinen Füßen. Den nächsten Schritt tat er bereits in den langen Gängen des Elfenreichs.

Der junge Mann gelangte hinter viele der Türen, hinter die er damals so gerne geblickt hätte. Das alte Wissen der Elfen war schier unerschöpflich. Joseph erfuhr alles über die heilenden Kräfte der Natur. Im Handumdrehen lernte er die Kommunikation mit den Tieren und den Pflanzen. Nur die Großartigkeit der Magie blieb ihm verwehrt, denn diese ist jedem Elfen in die Wiege gelegt.

Fünf Jahre gingen ins Land. Joseph konnte sich ein Leben ohne seine kleinen Freunde gar nicht mehr vorstellen. Nur eine Frau, die fehlte ihm immer noch.

An einem sonnigen Tag half Joseph, Guntelliese im Garten. Das Gemüse ragte meterhoch in den Himmel. Elfen wussten ganz genau, was die Pflanzen brauchten. Mit Hilfe von Mutter Natur gelang ihnen alles.

Weil die Kürbisse gar so gigantisch waren, beschloss Guntelliese einen Schrumpfzauber anzuwenden. Die Elfin überlegte, schnippte mit ihren Fingern und schwupps, fing Guntelliese an zu wachsen. Sie hatte bei dem Zauber geschusselt. Hier und dort und groß und klein verwechselt.

Ihr Kleid sprang aus den Nähten, die Füße quollen aus den Schuhen. Erst als sie Joseph schon bis zum Hals reichte hörte das Wachstum auf. Dieser zog schnell seine Jacke aus und reichte sie Guntelliese. Ganz aufgelöst vor Schreck, rannte die Elfin in ihr Zimmer. Joseph eilte hinterher. Er klopfte an: „Einer der Elfen kann den Zauber sicherlich rückgängig machen!“ Schluchzen tönte aus dem verschlossenen Raum:

„Mit meiner Schusseligkeit bringe ich nur Unheil. Jetzt sehe ich aus wie ein grober ungehobelter Riese. Alle werden mich hässlich finden und vor mir davon laufen!“

„Was redest du denn da? Vor mir läuft kein Elf davon und du bist noch nicht einmal so groß wie ich. Wenn du mich fragst, solltest du so bleiben. Ich finde nämlich, dass du wunderschön bist.“

Mit einem Ruck öffnete die Elfin die Tür. In ein paar Decken gewickelt sah sie Joseph durch Tränen verquollene Augen an:

„Du findest mich schön? Glaubst du das wirklich, oder sagst du das nur so?“

„Guntlliese, vor mir steht gerade das schönste und wundervollste weibliche Wesen, dass ich je gesehen habe. Das meine ich ernst.“

Fassungslos viel die Elfin Joseph um den Hals.

Als sich die beiden endlich daraus lösten, küsste er sie. Guntelliese wich erstaunt zurück. Das war doch etwas zu viel für sie.

Joseph entschuldigte sich: „Das hätte ich nicht tun dürfen.“

Beide schauten verlegen drein. Dann gab sie ihm einen Schmatz auf die Wange und eilte davon. Er blieb etwas verwundert zurück. Joseph beschloss in seine Kammer zu gehen, um sich erst einmal von dem Geschehen zu erholen. Nach einer Weile klopfte es an seiner Tür. Er bat den Besucher herein.

Dort stand sie. In einem roten, bodenlangen , wundervoll bestickten Kleid. Mit braunen, eleganten Ledersandalen und einem rot glitzernden Häubchen. Joseph klappte der Mund auf. Er klappte ihn wieder zu, reichte der Hübschen die Hand und drehte sie auf der Stelle.

„Du wirst ja immer schöner!“, lobe er sie. „Ich dachte, du wolltest dich wieder zurück verwandeln lassen.“

„Aber dann wäre ich doch viel zu klein für dich!“, grinste sie ihm entgegen. „So passen wir doch viel besser zusammen. Von den anderen Elfen haben wir den Segen. Sie freuen sich für uns. Das heißt, wenn du auch mit mir zusammen sein willst?“

Ob ich das will!“, lachte Joseph. „Natürlich will ich das.“

Und so ging er vor der Elfin auf die Knie:

„Guntelliese Mobartiene Borgarlo möchstest du meine Frau werden?“

Große feuchte Augen strahlten ihm entgegen. Doch dieses Mal waren es Freudentränen.

Ein überglückliches: „Ja, ich will“, hauchte Guntelliese ihrem Verlobten zu.

Bald darauf wurde Hochzeit gefeiert. Es war ein berauschendes Fest. Zu Trinken und zu Essen gab es reichlich. Drei Tage wurde musiziert, getanzt, gelacht und gefeiert, was das Zeug hergab. Nur seine Eltern, die gewiss stolz auf ihn gewesen wären, konnte er nicht einladen. Stattdessen schickte er ihnen einen Brief. Joseph schrieb:

Ich habe eine großartige Frau gefunden, die ich liebe. Wir werden heiraten. Wie gerne hätte ich euch dabei gehabt. Aber die 14-tägige beschwerliche Reise will ich euch nicht zumuten.

In Liebe, Joseph

Das Paar bekam ganz neue eigens für sie eingerichtete Räume. Küche, Badezimmer, Schlafzimmer und eine Kinderstube.

Guntelliese und Joseph waren sehr glücklich. Die Elfin schusselte nicht mehr so oft. Josephs Kenntnisse über die Elfengeheimnisse verbesserten sich sichtlich. Manches Mal erschien es sogar so, als könne der Mensch selbst zaubern. Sie lebten in Harmonie. Jeden Tag spürten die beiden das Glück, die Freude und die Liebe, welche sie miteinander teilten. Nur die Kinderstube blieb leer. Dies muss wohl an der Verschiedenheit der Rassen liegen, vermutete Holbollus der 127te. Ein Elfen -Menschenehepaar hatte es in der ganzen Weltgeschichte noch nie gegeben.

Nach ein paar Jahren wundervollen Ehelebens beschlossen die beiden zu Reisen. Die Welt zu sehen und andere Eflenkläne zu besuchen. Da Guntelliese ja nun groß war, konnten sie sogar unter Menschen. Joseph erinnerte sich an seine Eltern. Dass er nicht früher daran gedacht hatte, diese zu besuchen. Mit einem Fingerschnipp stand das Paar vor seinem elterlichen Haus. Es sah etwas heruntergekommen aus. Die Fensterläden waren verschlossen. Auf das Klopfen an der Tür reagierte niemand.

„Da wird Ihnen niemand aufmachen!“, ertönte es von irgendwo her.

Ein Bauersmann in Josephs alter näherte sich.

„Die Alten sind vor einem Jahr an Lungenentzündung gestorben. Der Winter war zu kalt. Wer seid ihr denn? Ich bin der Franz.“

Joseph starrte ihn an: „Franz? Erkennst du mich? Ich bin es Joseph, meine Eltern lebten hier.“

Franz erinnerte sich und es gab ein herzliches Hallo. Doch ganz recht konnte Joseph sich nicht freuen. Hätte er nur mehr an seine Eltern gedacht. Völlig in Vergessenheit sind ihm die beidem geraten. Vergessen, seine eigenen Eltern.

Nun schämte er sich, aber rückgängig konnte er es nicht mehr machen.

„Ein paar Rentiere sind noch hier!“, berichtete ihm Franz. Mein Hof konnte die Acht nicht mehr aufnehmen. Ich hab sie einfach hier gelassen und gefüttert. Eines Tages hätte sich vielleicht ein Käufer angeboten.“

„Wir nehmen die Tiere mit!“, beschloss Joseph kurzerhand.

Die Drei besuchten die Dahingeschiedenen auf dem Friedhof. Nachdem Abschied, überlegte Joseph, was er mit dem Haus anfangen soll. Rechtmäßig gehörte es ihm. Er fragte, ob Franz jemanden wüsste, der es bräuchte.

Dieser überlegte: „Gerlinde und ihr Mann leben zurzeit bei mir. Den beiden ist der ganze Hof abgebrannt. Dazu haben sie noch fünf Kinder. Mein Haus ist vollkommen überfüllt. Aber ein Grundstück in dieser Größe können sie sich nicht leisten.“

Joseph zögerte nicht lange und verkündete: „Das Haus samt Felder sollen deiner Schwester und ihrer Familie gehören. Nur die Rentiere will ich behalten. Mit dem Rest kann gemacht werden, was für nötig gehalten wird.“

Franz viel Joseph mit Tränen in den Augen um den Hals. Er konnte es gar nicht glauben. Der alte Freund lud das Paar zu sich ein, um zu feiern. Gerlinde würde sich sicherlich persönlich bei dem großzügigen Spender bedanken. Joseph jedoch winkte ab:

„Nein, nein – meine Frau und ich, wir wollen weiterziehen. Unsere Reise hat ja gerade erst angefangen. Stoßt auf uns an und richte schöne Grüße aus.“

Freudestrahlend verabschiedeten sich die drei. Franz schien nach Hause zu tänzeln.

So standen die beiden da. Überglücklich gleich zwei Familien geholfen zu haben. So leicht ging es von der Hand.

„Was machen wir den nun mit den Rentieren?“, wunderte sich Guntelliese.

„Kannst du sie so verzaubern, dass sie uns folgen können?“, bat er seine Frau.

Einen Fingerschnipp später erhoben sich die Rentiere in die Luft.

„Ach herje!“, klagte die Elfin. „Was habe ich denn nun schon wieder angestellt?“

Die Rentiere zappelten eine Weile hilflos mit den Beinen. Als das nichts brachte, fing eins nach dem anderen an, in der Luft zu rennen. Neigten die Tiere sich nach oben, rannten sie fliegend aufwärts, neigten sie sich nach unten, kamen sie dem Boden näher, hielten die Geweihträger einfach gerade, so ging es nach vorn.

„Das ist doch gar nicht schlecht!“, freute sich Joseph, „wer hat schon fliegende Rentiere?“

Seine Frau überlegte noch einmal mit bedacht, schnippte und bat die Tiere auf den Boden zu kommen. Sofort gehorchten diese.

Nach einem neuerlichen Schnipp von Guntelliese verschwand das Paar inklusive der Rentierherde.

Die Reise ging nach Deutschland an die See. Dort lebte ein Volk, das sich Wattelfen nannte. Jene lebten halb im Wasser, halb im Meeresboden.

So reisten Joseph, Guntelliese und die Rentiere von Ort zu Ort. Von Elfenklan zu Elfenklan und sahen sich auch bei den Menschen um. Überall blieben sie für eine Weile zu Gast. Es gab eine Menge zu lernen, anzuschauen und zu erfahren. War es an der Zeit, so ging es mit freudigem Abschied weiter mit der Reise.

Auf diese Weise lernten der Mensch und die Elfin viele unterschiedliche Bräuche von Elf und Mensch kennen. Bekanntschaften gab es mit allen Schichten der Bürger. Mit den Armen sowie mit den Reichen. Elfen kannten diesen Unterschied nicht. Bei ihnen gab es nur das „Wir“. Jeder hatte die Pflicht, dem Anderen zu helfen, so gut er oder sie eben konnte. Da dies alle taten, war es eine Selbstverständlichkeit. Jeder Elf hatte auf diese Weise, was er brauchte. Guntelliese wunderte sich, warum dies bei den Menschen anders war. Ihr Mann konnte es ihr auch nicht so genau erklären. Er sagte etwas über Raffgier und Habsucht. Diese Worte verstand die Elfin nicht.

Das Paar befand sich in Griechenland, als es Weihnahten wurde. Guntelliese kannte diesen Brauch nicht. Joseph erzählte ihr alles über Jesus und die Jünger, woher sein Name kam und dass in dieser Zeit die Familien zusammentreffen.

„Es ist der Tag, an dem Jesus Geburt gefeiert wird, der Erlöser der Christen“, erklärte er.

„Von was hat Jesus denn die Menschen erlöst?“, wollte die Elfin wissen.

„Von ihrem Leid und ihrer Verzweiflung.“

„Dann war diese Erlösung aber von kurzer Dauer!“, gab Guntelliese zurück.

Joseph überlegte: “ Da hast du nicht ganz Unrecht, meine Liebe. Sieh all die Menschen an, die im Winter hungern und frieren. Vielleicht müssen die Christen die Erlösung auch wahrnehmen, um sie zu erleben.“

Seine Frau fragte ihn weiter: “ Es sieht so aus, als hättest du die Erlösung realisiert. Bist du denn nun erlöst?“

Verblüfft sah er sie an. Ihm fehlte die Antwort. Die Augen schließend lehnte Joseph sich zurück. Nichts denkend. Nach einer Weile blickte er auf und sah seine Frau an:

„Ich muss was verändern“, drängte es aus seinem Mund heraus.

„Den Menschen fehlt der Glaube. Es gibt nichts hoffnungsvolles mehr, an das sie sich halten können. Wichtig ist dabei nicht, an was oder wen sie glauben. Die Hauptsache ist, dass die Menschen wieder die Wunder sehen. Mit einer Elfin als Frau dürften sich doch sicherlich viele Gelegenheiten bieten.“

„Meine Hilfe biete ich gerne an!“, erwiderte Guntelliese, aber den Menschen einfach nur das hinzaubern, was sie wollen, geht nicht. Selbstverständlich werden darf es keines Falls. Deine Rasse würdigt es sonst nicht mehr. Joseph stimmte ihr zu. Die beiden überlegten eine Weile, was wohl der beste Weg wäre, tatsächlich etwas zu verändern.

Das Paar brach erneut auf und besuchte die Lappen in Lappland. Dies war so hoch im Norden, dass die Elfen hier die meiste Zeit in Schneehöhlen lebten. Es war keineswegs ungemütlich. Sehr geräumig, immer eine angenehme Temperatur.

Joseph stöberte ein wenig umher. Er fand einen alten Holzschuppen, etwas abgelegen der Elfenbauten. Ein gigantisches Tuch schien etwas sehr Großes, sperriges zu verdecken. Der Mensch griff die Abdeckung, wirbelte eine Menge Staub auf und zum Vorschein kam ein Schlitten. Dieser war sogar für Menschenverhältnisse überdimensional. Hier und da konnte man Gebrauchsspuren sehen. Auch ein paar reparaturbedürftige Stellen, aber sonst noch sehr gut in Schuss. Die Schuppentür ging auf und ein sehr alter Elf kam herein. Der Bart bis zum Boden, ein Stock als Gehhilfe, die Haare wuchsen ihm in großen Büscheln aus Ohren und Nase.

„Ah!“, sagte der Alte, „du hast meine alte Dame ausgegraben. Mit diesem Schlitten bin ich schon kilometerweit gefahren. Habe damals Obst und Gemüse an die Menschen in den ganz hohen Lagen verteilt. Natürlich war ich verzaubert, so konnten sie nicht den Elfen in mir erkennen. Hat eine Menge reingepasst in das alte Mädchen. Wenn du willst kannst du ihn haben. Es benutzt ihn keiner mehr. Mittlerweile betreiben die Menschen dort regen Handel mit den südlicheren Ländern. Das hat mich überflüssig gemacht. Ich bin gerne rausgefahren und habe ein paar Worte mit den Ansässigen gewechselt.“

Als der Alte so erzählte, kam Joseph eine Idee: „Du würdest mir wirklich den Schlitten überlassen?“, fragte er den Elfen.

„Klar, und das Zuggeschirr kannst du auch mitnehmen. Dort hängen acht Garnituren. Ich bin froh, wenn das Zeug Platz macht. Der Mensch betrachtete sich das Geschirr. Es waren sehr schön gearbeitete und mit Schnörkeln verzierte Stücke. Die Seitenriemen schmückten kleine Glöckchen, welche liebliche Töne von sich gaben, wenn man sie berührte. Die Anzahl entsprach der Garnituren genau der seiner Rentiere.

„Ich nehme den Schlitten samt Geschirr!“, verkündete Joseph.

Der Elf freute sich, doch noch eine Verwendung für seine Dame gefunden zu haben.

Abends berichtete Joseph seiner Frau, was ihm im Schuppen in die Hände fiel:

„Dabei ist mir eine Idee gekommen. Wie wäre es, wenn ich mit Äpfeln, Nüssen und allem was wir entbehren können, um die Welt fliege. Ich verteile das Obst an die Menschen aus dem Schlitten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute mich nur schemenhaft dabei wahrnehmen, damit der Zauber bewahrt wird. So sehen alle alljährlich einem Wunder entgegen. Der Glaube an das Gute wächst. Eine Winternacht wäre, denke ich, am günstigsten. Was hältst du davon Guntellise?“

„Ein fliegender Rentierschlitten beladen mit Köstlichkeiten. In einem Augenblick ist er da, im nächsten schon nicht mehr. Das hört sich wundervoll an. Wie wäre es denn mit dem Heiligen Abend? Alle kommen an diesem Tag zusammen und sind zuhause.“

„Das ist eine sehr gute Idee“, freute sich Joseph.

Nachdem Sie beschlossen, nun lange genug gereist zu sein, kehrten die beiden wieder zu der heimischen Elfengemeinde zurück. Natürlich musste das Paar von allem Berichten, was es erlebt hat. Zuletzt erzählten sie von der neuen Idee, welche Weihnachten betraf.

Die Elfen hörten alles mit, in der Tat, gespitzten Ohren an. Ein Mensch, der für die Menschen Gutes tut. Wo gibt es das heute noch? Alle willigten ein, bei den Vorbereitungen für den nächsten Heiligen Abend zu helfen. Es waren noch ein paar Monate Zeit.

Elfen und Mensch waren aufgeregt wie lange nicht mehr. Auf den Schlittenzug sowie auf Joseph wurden zwei Zauber gelegt. Der eine half ihm in Blitzgeschwindigkeit von Ort zu Ort zu gelangen. Der andere machte ihm möglich durch den Schornstein in die Wohnungen der Menschen zu gelangen.

Ein Gewimmel und Gewusel herrschte unter den Elfen. Der Schlitten musste beladen werden, die Rentiere fertig gemacht und eingespannt werden. Guntelliese trat vor ihren Mann mit einem roten Stoffbündel. Dieses entpuppte sich als Mantel, Mütze, Schaal und den wärmsten Handschuhen die Joseph je gesehen hatte.

„Sodass du es auf deiner langen Reise immer schön warm hast!“ lachte sie ihn an und küsste ihren Schatz.

„Das wird mich auf meiner Reise so richtig schön warm halten, wenn ich über die Köpfe und Dächer der Menschen rausche. Ich danke dir.“ Joseph gab Guntelliese eine dankbare Umarmung und einen dicken Schmatz.

Dann ging es los. Mit Glöckchengebimmel stieg der Schlittenzug mit Josef hinauf in den Nachthimmel. Die Sterne funkelten. Auf dem Boden applaudierten und jubelten die Elfen vor Freude. Joseph winkte ihnen zu. Gutelliese flog noch eine Kusshand von ihrem Mann entgegen und dann war er weg.

Das Geschwader bewegte sich mit Lichtgeschwindigkeit. Überall auf der Welt verteilten sie ihre guten Gaben. Als die Menschen all diese Dinge erblickten, konnten sie sich keinen Reim darauf machen. Das eine oder andere Kind deutet zum Himmel:

Sieh mal, ein fliegenden Schlitten mit Rentieren und einem rot gekleideten Mann.“

Erwachsene glauben den Kleinen in diesen Dingen oft nicht. Jedoch der eine oder andere meinte ebenfalls, etwas Derartiges vor Augen gehabt zu haben. Oder spielten ihnen die Augen einen Streich?

Die Menschen waren zunächst geteilter Meinung. Die einen dankten Gott für die guten Gaben. Die Anderen vermuteten dahinter den Teufel.

Davon ließen sich Joseph und die Elfen natürlich nicht abschrecken. Zu jedem Heiligen Abend startete der Rentierschlitten neu.

Über die Jahre gewöhnten sich die Menschen an die Geschenke. Es gab kaum noch jemanden, der nicht mit Vorfreude auf den 24. Dezember hinfieberte. Die Leute erfanden sogar einen Namen für den Schlittenlenker in Rot. Er war nun allgemein bekannt als „Der Weihnachtsmann.“

Mittlerweile sind Joseph und Gutelliese alt geworden. Sie fragten sich, wie lange er die Fahrten noch machen konnte. Weiße Haare und ein langer weißer Rauschebart schmückten Josephs Haupt. Der Bauch ist auch etwas rundlicher geworden. Ans aufhören wollte er aber nicht denken. Die Menschen waren immer so glücklich und dankbar. Sie haben wieder Hoffnung. Wunder sind wieder zum greifen nahe.

Joseph flog weiter und flog und flog. Bald feierte er seinen hundertsten Geburtstag. Für einen Elfen ist das nicht weiter sonderbar. Aber für einen Menschen! Es schien auch ganz so, als würde Joseph gar nicht mehr älter. Seine Frau ebenso wenig. Noch mehr Jahre vergingen. Der 150ste, der zweihundertste Geburtstag wurde gefeiert. Das konnte nicht mit rechten Dingen zu gehen. Irgendetwas stimmte da nicht. Das Paar wand sich an die Elfenältesten. Jene waren irgendetwas zwischen sechs- und siebenhundert Jahre alt. Jeder für sich natürlich. Selbst für diese Rasse ist das sehr, sehr , seeehr alt.

„Liebe Ältesten!“ begrüßte Guntelliese die Greisen, „mein Mann ist ein Mensch – aber nun schon 200 Jahre alt. Seit seinem 70ten Geburtstag scheint es auch so, als würden wir nicht älter werden. Was für eine Zauberei steckt hier nur dahinter?“

Die Ältesten besahen sich das Paar eine Weile stumm. Einer von ihnen setzte an:

„Nun, dein Mann ist der Weihnachtsmann, richtig?“

„Richtig!“, bestätigte Guntelliese.

„Ich vermute es ist der Zauber der Leute. Mit ihrem starken Glauben halten sie euch am Leben. Joseph scheint ganz schön Eindruck zu hinterlassen haben. Diese Art von Magie ist selten bei Menschen. Wie es aussieht können sogar diese etwas bewirken, wenn sie an einem Strang ziehen.“

„Aber sie glauben doch nur an den Weihnachtsmann, nicht an die Weihnachtsfrau!“ wandte die Elfin ein.

„Ein anderer Ältester fragte sie: „Was ist denn ein Mann ohne die Fürsorge und Liebe seiner Frau? Die Rentiere sind auch noch am Leben nehme ich an?“

„Das sind sie. Erfreuen sich bester Gesundheit. Lediglich ein paar graue Fellstellen hier und da.“, bestätigte Joseph.

„Nun da habt ihr es, wie es im Lehrbuche steht.“, freute sich einer der Ältesten. „Joseph, du meine Liebe und die Rentiere sind eine Einheit. Zusammen und mit dem Glauben der Menschen werdet ihr ewig leben!“

„Was passiert denn, wenn einer von uns andere Wege geht oder die Menschen den Gauben verlieren?“, fragte Joseph vorsichtig.

Die Ältesten schwiegen mit bedeutsamen Mienen.

Zurück in der heimischen Stube fiel sich das Paar in die Arme.

„Wir haben etwas bewirkt, etwas Richtiges, Echtes!“, sagte Joseph freudestrahlend.

„Das haben wir!“, stimme Guntelliese zu.

„Die Ewigkeit mit dem großartigsten, liebsten, wundervollsten Mann verbringen zu dürfen. Dies ist das wohl höchste Geschenk, was Gott vergeben kann.“

Tränen standen in Josephs Augen und er küsste sie. Die Umarmung hielt eine gefühlte Ewigkeit an. Aber die Zeit hatten die beiden ja.

So ging der Weihnachtsmann Jahr für Jahr am Heiligen Abend, mit immer den gleichen Rentieren aber mit einem immer neuen Kusswurf, auf die Reise. Bis heute. Und solange die Menschen weiterhin an den Weihnachtsmann glauben, wird es auch immer so bleiben.

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