Fortschritt oder Ärgernis? Wenn die Mikromobilität bis nach Leimen rollt

Zahlreiche Leihfahrräder warten am Kurpfalz-Centrum auf Kundschaft. Geduld scheint zur Serienausstattung zu gehören.

(fwu – 17.7.26) Fortschritt erkennt man heute häufig daran, dass plötzlich neue Fahrzeuge am Straßenrand stehen. Früher wartete dort vielleicht ein einzelnes Fahrrad, dessen Besitzer nur kurz beim Bäcker war. Heute stehen gleich zwölf Räder nebeneinander, alle in derselben Farbe, alle mit App-Anschluss und alle mit dem stillen Versprechen, unsere Verkehrsprobleme zumindest ein kleines Stück weit zu lösen. Manchmal liegen die Fahrzeuge allerdings auch neben einem Baum. Dann fällt das Versprechen etwas weniger feierlich aus.

In Leimen lässt sich derzeit recht gut beobachten, wie dicht Fortschritt und Ärgernis beieinanderliegen können. Am Kurpfalz-Centrum stehen regelmäßig zahlreiche blaue Leihfahrräder ordentlich am Fahrradparkplatz. An anderen Stellen tauchen wiederum blau-rote E-Scooter von Dott auf, die deutlich weniger ordentlich abgestellt wurden. Das Auffällige daran: Leimen wird vom Anbieter selbst offenbar nicht als eigener Standort geführt. Trotzdem schaffen es die Roller bis hierher – moderne Mobilität kennt Grenzen offenbar vor allem aus der Theorie.

Aus Tier wird Dott

Die Roller trugen früher den Namen Tier, inzwischen gehören sie zum Auftritt des Anbieters Dott. Tier und Dott schlossen sich im Frühjahr 2024 zusammen; seit Oktober 2024 werden die bisherigen Tier-Fahrzeuge schrittweise auf die Marke Dott und deren App umgestellt. Nach Angaben des Unternehmens umfasst das gemeinsame Angebot Hunderttausende E-Scooter und E-Bikes in mehreren Hundert Städten. Deutschland ist dabei ein wichtiger Markt – Leimen erscheint in der öffentlich sichtbaren Standortdarstellung jedoch nicht als reguläres Geschäftsgebiet. 

Das hindert einzelne Roller offenbar nicht daran, die Stadtgrenze Heidelbergs zu überwinden. Auf den Bildern liegen zwei Exemplare an einer Baumscheibe, einer auf der einen, der andere auf der gegenüberliegenden Seite des Stammes. Besonders platzsparend ist das nicht, aber immerhin wirkt die Anordnung beinahe symmetrisch. Der Baum selbst dürfte an der Verkehrswende nur mäßiges Interesse haben. Auch an anderen Stellen in Leimen wurden weitere „fremdgehende“ Dott-Roller schon gesichtet.

Roller außerhalb des Geschäftsgebiets

Zwei Dott-Roller haben ihren vorläufigen Endpunkt an einem Baum erreicht. Das war vermutlich nicht mit „letzte Meile“ gemeint.

Wie genau die Fahrzeuge nach Leimen gelangen, lässt sich vom Straßenrand aus nicht sicher feststellen. Naheliegend ist, dass Nutzer sie aus einem benachbarten Einsatzgebiet bis hierher gefahren und anschließend abgestellt haben. Ob die Fahrt außerhalb des vorgesehenen Bereichs möglich war, ob sie dort automatisch beendet wurde oder ob lediglich das Abstellen nicht zuverlässig verhindert wurde, bleibt ohne eine technische Auskunft des Anbieters offen.

Gerade dafür setzen Sharing-Anbieter üblicherweise auf digitale Geschäftsgebiete und virtuelle Abstellzonen. Das Smartphone und die Positionserkennung sollen feststellen, wo ein Fahrzeug genutzt und wo es zurückgegeben werden darf. In der Praxis ist die digitale Grenze jedoch offenbar nicht immer so unüberwindlich wie eine Stadtmauer. Die wäre allerdings auch für einen E-Scooter schwerer zu übersehen.

Für Fußgänger, Menschen mit Kinderwagen oder Personen mit eingeschränkter Mobilität wird aus dem kleinen technischen Rätsel schnell ein handfestes Hindernis. Ein umgestürzter Roller beansprucht mehr Platz als ein abgestelltes Fahrrad, vor allem dann, wenn Lenker und Trittbrett quer über den Weg ragen. Was auf der Karte womöglich nur als einzelner Punkt erscheint, liegt in der Wirklichkeit eben mit zwei Rädern, einem schweren Akku und erstaunlich breiten Lenkstangen auf dem Boden.

Ein Dutzend Fahrräder, wenig sichtbare Bewegung

Ordentlicher sieht es am Kurpfalz-Centrum aus. Dort stehen die blauen Leihfahrräder sauber in den vorgesehenen Bügeln, häufig gleich in größerer Zahl. Die Lenker bilden eine Reihe, die Hinterräder stehen dicht nebeneinander, und auf den Verkleidungen wird freundlich zum Mieten aufgefordert. Rein äußerlich ist alles so, wie es sein soll.

Nur die tatsächliche Nutzung bleibt im Alltag schwer zu erkennen. Wer regelmäßig am Kurpfalz-Centrum vorbeikommt, sieht die Räder häufig stehen, aber nur selten jemanden damit fahren. Das ist zunächst eine Beobachtung und noch keine belastbare Nutzungsstatistik. Möglich ist schließlich, dass die Fahrräder zu anderen Uhrzeiten ausgeliehen werden oder dass einzelne Räder regelmäßig ausgetauscht werden. Das Straßenbild vermittelt dennoch den Eindruck einer Flotte, die einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit im Stand verbringt.

Bei privaten Fahrrädern würde man nach einigen Tagen vermutlich prüfen, ob die Reifen noch Luft haben. Bei Leihfahrrädern übernimmt diese Sorge ein digitales System, ein Wartungsteam oder im ungünstigsten Fall zunächst niemand. Dass ein Angebot vorhanden ist, bedeutet jedenfalls noch nicht automatisch, dass es auch den örtlichen Gewohnheiten entspricht.

Die gute Idee und der Alltag

Grundsätzlich ist die Idee der Mikromobilität nachvollziehbar. E-Scooter und Leihfahrräder können kurze Wege erleichtern, den Weg zur Haltestelle verkürzen und für manche Fahrt eine Alternative zum Auto bieten. Auch Dott beschreibt seine Fahrzeuge als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr und als Beitrag zu einer nachhaltigeren städtischen Mobilität.

Damit das funktioniert, müssen allerdings mehrere Dinge gleichzeitig zusammenpassen: Es braucht einen tatsächlichen Bedarf, geeignete Abstellflächen, verlässliche Technik und Nutzer, die ein Fahrzeug nicht dort zurücklassen, wo sie selbst gerade keine Verwendung mehr dafür haben. Dieser letzte Punkt klingt selbstverständlich, ist im öffentlichen Raum aber eine der anspruchsvolleren Kulturtechniken geworden.

In einer Großstadt mit kurzen Wegen, dichtem Nahverkehr und vielen Nutzern können Leihfahrzeuge rasch weiterbewegt werden. In einer kleineren Stadt oder am Rand eines Geschäftsgebiets sieht die Rechnung anders aus. Dort kann ein Roller länger liegen bleiben und ein Fahrrad länger auf Kundschaft warten. Aus einem flexiblen Verkehrsmittel wird dann ein unbewegliches Stück Straßenmobiliar – nur ohne Sitzgelegenheit.

Wer kümmert sich um die gestrandeten Fahrzeuge?

Nach eigenen Angaben werden Wartung, Akkuwechsel und das Umparken der Fahrzeuge weiterhin von den lokalen Teams des Unternehmens übernommen. Entscheidend ist allerdings, wie schnell ein Roller außerhalb des regulären Gebiets erkannt und abgeholt wird. Gerade in Leimen stellt sich die praktische Frage, ob solche Fahrzeuge im System zuverlässig auffallen oder ob zunächst Anwohner, Passanten oder die Stadt aktiv werden müssen.

Eine öffentliche Fläche ist schließlich kein kostenloses Zwischenlager. Das gilt für Einkaufswagen ebenso wie für Fahrräder und Roller, auch wenn Letztere über GPS, Mobilfunk und einen Unternehmensnamen verfügen, der nach digitaler Welt klingt. Am Ende muss trotzdem jemand mit einem Fahrzeug kommen, den Roller aufladen und wieder dorthin bringen, wo er hingehört. Die Zukunft fährt also gelegentlich im Transporter zurück.

Noch nicht das Gelbe vom Ei

Die Bilder aus Leimen zeigen beide Seiten der Mikromobilität recht deutlich. Am Kurpfalz-Centrum steht ein ordentliches Angebot bereit, dessen Nachfrage zumindest im täglichen Vorübergehen überschaubar wirkt. An anderer Stelle liegen Roller eines Anbieters, der in Leimen gar kein reguläres Angebot zu unterhalten scheint. Das eine nimmt Platz in Anspruch, das andere liegt im Weg.

Damit sind E-Scooter und Leihfahrräder nicht grundsätzlich nutzlos. Für manche Wege und manche Nutzer können sie durchaus praktisch sein. Doch zwischen der guten Idee auf dem Bildschirm und dem tatsächlichen Zustand am Straßenrand liegt weiterhin eine gewisse Strecke. Gelegentlich endet sie an einer Baumscheibe.

Ob das nun Fortschritt oder Ärgernis ist, hängt deshalb weniger vom Elektromotor ab als von der Organisation dahinter. Ein Fahrzeug, das genutzt, ordentlich abgestellt und zuverlässig gewartet wird, kann ein sinnvoller Teil des Verkehrs sein. Ein Fahrzeug, das tagelang wartet oder quer im Weg liegt, bleibt vor allem eines: ein Gegenstand, um den jemand herumlaufen muss. Die Mikromobilität ist damit vermutlich noch nicht das Gelbe vom Ei – aber sie steht beziehungsweise liegt immerhin schon einmal vor der Tür.

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