Gedenkfeiern zum Volkstrauertag
100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges

Am Sonntag fanden auf fast allen Friedhöfen Gedenkfeiern anlässlich des Volkstrauertages statt. Insbesondere die Tatsache, dass vor 100 Jahren nach einer langen Friedenszeit der Erste Weltkrieg ausbrach, fand Widerhall in den Reden. Die örtlichen Musikvereine untermalten die Feiern musikalisch und an den Denkmälern wurden Kränze niedergelegt.

Ansprache von Bürgermeisterin Claudia Felden auf dem Waldfriedhof St. Ilgen:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, zur Gedenkstunde anlässlich des Volkstrauertages in diesem Jahr begrüße ich Sie hier in St. Ilgen – auch im Namen des Oberbürgermeisters und des Gemeinderates.

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St. Ilgen: Gedenkfeier unter Beteiligung von Reservisten. Bürgermeisterin Claudia Felden hielt die Gedenkrede.

Seit Jahrzehnten versammeln wir uns jedes Jahr im November, um der Toten der Kriege zu gedenken: den gefallenen Soldaten, den zivilen Opfern, aber auch den Opfern von Diktatur, staatlicher Willkür, Völkerhass und Vertreibung. Wir gedenken der Menschen, die wegen ihrer Herkunft, Religion, politischen Überzeugung oder eines vermeintlich abweichenden Menschenbildes ihr Leben lassen mussten.

In diesem Jahr, in dem sich der Beginn des 1. Weltkrieges zum 100ten Male jährt, wird uns in besonderem Maße in Erinnerung gerufen, wie schnell aus einer langen Friedensphase plötzlich Krieg entstehen kann. Über vierzig Jahre Frieden in Deutschland, ein Großteil der Menschen hatte keinen Krieg erlebt, und dann war er da, vor hundert Jahren, der 1. Weltkrieg. Für viele heute ist es unvorstellbar, mit welcher Begeisterung teilweise in den Krieg gezogen wurde – die Ernüchterung kam, aber zu spät. Die Gräberfelder von Verdun sind mahnende Zeugen des sinnlosen Sterbens im Herzen Europas. Wir denken dieser Tage an das Leid, das dieser Krieg verursachte, an die vielen Soldaten, die ihr junges Leben lassen mussten.

Gelernt haben die Menschen damals wenig daraus. Die Konsequenzen des Krieges wurden als ungerecht empfunden, und Kriegshetze griff schnell wieder um sich.

Ich war gestern in Schwäbisch Hall in der Kunsthalle Würth. Dort werden momentan unter dem Motto „Moderne Zeiten“ Kunstwerke der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin ausgestellt. Der Titel orientiert sich an dem gleichnamigen Film von Charlie Chaplin und steht für die Zeit zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. In ihren Bildern verarbeiten Künstler die schrecklichen Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg. Daneben finden sich Werke, die prophetisch das Unheil mit dem Erstarken des Nationalsozialismus über Deutschland heraufziehen sahen.

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v.l.: Hauptmann d. Res. Friedrich Uthe, Stabsfeldwebel d. Res. Bernd Börgerding, Bürgermeisterin Claudia Felden, Oberstleutnant d. Res. Rudi Sailer

Und so kam es dann auch. Der „Urkatastrophe“ 1. Weltkrieg folgte eine noch viel größere, die Millionen Menschen den Tod, und Millionen Menschen Vertreibung und Verlust der Heimat bedeutete. Mittlerweile leben wir wieder seit Jahrzehnten in Frieden. Durch das Zusammenwachsen von Europa, durch den Fall des Eisernen Vorhangs ist es möglich, die alte Heimat wieder zu besuchen. Manche wenige sind sogar zurückgekehrt.

Heute scheint der Krieg für viele von uns räumlich in weiter Ferne. Mit großer Sorge schauen wir nach Syrien, in den Irak und in die Ukraine. Der Krieg ist durch die Medien jeden Tag präsent. Der Krieg ist noch lange nicht besiegt. Er fordert immer wieder neue Opfer. Unschuldige Menschen leiden, ganze Bevölkerungsgruppen werden verfolgt.

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Musikverein St. Ilgen

Und wir müssen fassungslos erleben, wie sich der Kreis schließt. Heute wie vor hundert Jahren hat der Großteil der Menschen hier in Deutschland das Glück, dass sie keinen Krieg erleben mussten. Und nun müssen wir erfahren, dass es wieder junge Menschen gibt, die mit Begeisterung in den Krieg ziehen. Die sich von hier aufmachen, um in Syrien zu kämpfen. Wir müssen erfahren, dass selbst bei uns – trotz schrecklicher Geschichte – der Krieg noch lange nicht besiegt ist.

Deshalb ist es nach wie vor so wichtig, den Volkstrauertag abzuhalten. Der Volkstrauertag ist gerade heute von fundamentaler Bedeutung. Er erinnert uns alle daran, dass Frieden eben leider kein Normalzustand ist, sondern immer wieder neu erarbeitet werden muss – und zwar Tag für Tag, im Kleinen wie im Großen. Der Volkstrauertag mahnt uns, die Lehren aus der Vergangenheit auch in Zukunft zu beherzigen, damit sich der Lauf der Geschichte eben nicht wiederholt, damit der Kreis endlich unterbrochen wird!

Und so danke ich Ihnen allen, dass Sie heute hierher auf den Friedhof in St. Ilgen gekommen sind.“

Ansprache von Gemeinderat Dr. Peter Sandner in Leimen-Mitte

866 - Dr. Peter Sandner„Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir gedenken heute am Volkstrauertag wie schon seit über 90 Jahren der vielen Opfer, welche die beiden Weltkriege gefordert haben, der toten Soldaten auf den Schlachtfeldern, aber auch der Zivilisten, die durch die Kriegsereignisse ihr Leben verloren. Und wir gedenken auch der Opfer des nationalsozialistischen Schreckensregimes, durch das unschuldige Menschen in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt unermessliches Leid erlitten. Sie wurden aufgrund ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugungen oder ihres Glaubens verfolgt, vertrieben, gequält und auf grausamste Weise ermordet. Für die heutige Generation ist dieses Leid und diese Grausamkeit kaum mehr vorstellbar; wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir zumindest in Mitteleuropa seit fast 70 Jahren in einer Demokratie und Frieden leben können.

In diesem Jahr gedenken wir besonders des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie der amerikanische Historiker George F. Kennan diesen Krieg einmal genannt hat. Die Begeisterung, die vielerorts bei dessen Ausbruch herrschte, ist für uns heute, wo wir die erschütternden Bilder und Ergebnisse kennen, schlichtweg nicht nachzuvollziehen. Und der Erste Weltkrieg legte auch die Saat für den zweiten, noch schlimmeren Weltkrieg, der vor 75 Jahren ausbrach, der noch mehr Opfer forderte und dessen Auswirkungen wir bis heute spüren.

Die Menschen müssen endlich begreifen, dass Krieg, Terror und Gewalt zu nichts führen. Der österreichische Satiriker Karl Kraus hat es treffend ausgedrückt: „Krieg ist zuerst die Hoffnung, dass es einem danach besser gehen wird, hierauf die Erwartung, dass es dem anderen danach zumindest schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, dass es danach dem anderen auch nicht besser geht und schließlich die Überraschung, dass es danach beiden schlechter geht.“

Selbst heute, wo wir glauben, in einer aufgeklärten und scheinbar vernünftigen Welt zu leben, werden Gewalt und Krieg immer noch von Einzelnen, Gruppen und sogar Staaten als Mittel akzeptiert, um ihre eigenen Überzeugungen und Ziele durchzusetzen. Die Vorgänge auf der Krim oder im Osten der Ukraine, der Bürgerkrieg in Syrien und die Schreckensbilder von den Untaten der selbsternannten „Gotteskrieger“ sind nur einige der traurigen Beispiele hierfür, mit denen wir alleine in diesem Jahr konfrontiert wurden. Auch diesen Opfern dieser sinnlosen Gewalttaten gilt am heutigen Volkstrauertag unser Gedenken.

Wir brauchen gar nicht in die Ferne schauen. Auch in unserem Land zeigt sich, dass das Gedenken an unsere Toten mit der Mahnung, Frieden zu halten, noch längst nicht überholt ist. Mit Sorge beobachten wir, dass die Gewalt auch in unserer Gesellschaft zunimmt. Die Bilder von sinnlosen Gewaltausbrüchen Jugendlicher auf Bahnhöfen, die Straßenschlachten mit Hooligans und gewaltbereiten Rechtsradikalen sind trauriges Beispiel dafür.

So braucht auch unsere Gesellschaft immer wieder den Anstoß, zur Vernunft zu kommen. Das fängt bei jedem von uns an: Wie wir mit unserer Familie umgehen, mit unseren Nachbarn, mit denen, die als Flüchtlinge in der Not zu uns kommen. Verpflichten wir uns, uns gegen Gewalt als Mittel der Politik entschieden und kompromisslos zu wehren. Verpflichten wir uns, Toleranz zu üben gegenüber anderen, auch wenn sie sich von uns unterscheiden. Helfen wir alle mit, durch Achtung der Menschenrechte und durch Erfüllung der Menschenpflichten eine bessere, friedlichere Welt zu schaffen und zu sichern.“

Ansprache von Gemeinderat Richard Bader in Gauangelloch:

2379 - Bader RichardLiebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich begrüße sie zur Gedenkfeier des Volkstrauertages hier auf dem Friedhof.  Am Volkstrauertag gedenken wir jedes Jahr erneut der Kriegsopfer beider Weltkriege in den letzten 100 Jahren. Wir gedenken all den Gefallenen und Vermissten und jenen, die unter den Folgen der Kriege leiden müssen und mussten. Wir gedenken auch all derer, die infolge ihres Widerstandes, ihrer Herkunft verfolgt und ermordet wurden.

Welche Bedeutung hat der Volkstrauertag noch für uns nach so vielen Jahren? Es geht vor allem darum, die Erinnerung an all das Schreckliche wach zu halten und nicht zu vergessen, was dazu geführt hat. Im letzten Jahr haben wir den von Leimen nach Gurs verschleppten und dann ermordeten Juden gedacht und ein Gedenkstein aufgestellt. Besonders zu erwähnen ist, dass die Initiative dazu von jungen Menschen – ehemaligen Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule St.Ilgen ausging. Ergreifend bei der Gedenkfeier, die versöhnlichen Worte der eigens aus USA angereisten Angehörigen der Verschleppten und Ermordeten.

Dieses Jahr wurden wir an den Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 erinnert. In den, im Fernsehen ausgestrahlten Doku-Reihen, war zu sehen die anfängliche Begeisterung und blinder Enthusiasmus, dann die schreckliche Realität in den Schützengräben und das sinnlose Sterben durch Granaten und Giftgas.

Die Ereignisse des 2. Weltkrieges sind uns hinlänglich bekannt. Eine der Folgen davon konnte vor 25 Jahren niedergerissen werden. Die beste Therapie gegen Versuchungen, die zu beiden Kriegen geführt haben, ist die Aufklärung über das Vergangene und deren Folgen.

Das Zusammenwachsen in der Europäischen Union hat Stabilität und Friedenserhalt zum Ziel und daran muss unermüdlich weitergearbeitet werden. Die Europäische Union ist ein Friedensversprechen, das immer wieder aufs Neue eingelöst werden muss. Dass Konflikte zwischen Völkern auch in Europa immer wieder zu Kriege, Verfolgung und Mord führen, haben wir vor nicht zu langer Zeit auf dem Balkan gesehen und erleben es jetzt wieder in der Ukraine.

Wo Waffen sprechen, schweigt die Vernunft.

Die Ereignisse in Syrien und Irak zeigen den blanken menschenver- achtenden Terrorismus – gepaart mit religiös pseudofundamen- talistischen Hintergrund. Man möchte verzweifeln ob der Fähigkeit von Menschen, wenn sie einem Wahn verfallen. Dies alles erinnert uns auch heute wieder, dass Friede leider kein Normalzustand ist, sondern immer dafür gerungen werden muss.

Freiheit und Menschenrechte sind Voraussetzung für Schaffung und Erhalt von Frieden. Der Artikel 1 in unserem Grundgesetz sollte für alle Länder der Welt gelten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Der Volkstrauertag hat seine Berechtigung darin, uns immer wieder darauf hinzuweisen.

Aus der Vergangenheit – und ich möchte hinzufügen- auch aus der Gegenwart für die Zukunft lernen, daraus erwächst uns Verpflichtung – heute und auch zukünftig.

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