Gerettetes Kulturerbe: Belarusisches Museum von Leimen jetzt in Vilnius

(pm – 2.4.26) Das Belarusische Museum in Leimen (Baden-Württemberg) zieht nach Vilnius in Litauen um. Nachdem das Museum über Jahre hinweg aufgrund fehlender Besucherzahlen geschlossen war, konnte nach langen Gesprächen zwischen der Stadt Leimen und RAZAM e.V. schließlich eine Lösung gefunden werden: Die Exponate werden künftig im Belarusischen Lutskevich-Museum in Vilnius der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Geschichte des Museums

Gegründet wurde das Belarusische Museum in Leimen im Jahr 1982 von dem Aktivisten und Schriftsteller Juri Popko (1912–1990). Geboren in einem Dorf bei Pruschany, schrieb Popko für belarusischsprachige Zeitungen. Seine Familie war von sowjetischen Repressionen betroffen; mehrere Angehörige wurden nach Sibirien deportiert. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion war Popko zunächst in der zivilen Administration tätig, ehe er im Zuge der deutschen Kriegswirtschaft nach Deutschland gelangte, wo er unter harten Bedingungen in der Industrie arbeitete.

Die Fabrikarbeit hat die Gesundheit Popkos schwer angeschlagen und er musste nach Kriegsende in mehreren Krankenhäusern behandelt werden. Eine Rückkehr nach Belarus kam für Popko nicht infrage, da er politische Verfolgung durch die sowjetischen Behörden befürchten musste. Den Großteil seines Exils arbeitete er daher in der Verwaltung eines US-amerikanischen Militärlagers.

Ab 1971 lebte Popko in der Stadt Leimen und begann seine Sammlung belarusischer Gegenstände in seiner Privatwohnung (Goethestraße 1) in ein Museum umzuwandeln. Maßgebliche Unterstützung erhielt er dabei von dem ebenfalls im Exil lebenden belarusischen Raketenforscher Barys Kit (1910–2018), der ihn unter anderem mit belarusischer Exilliteratur aus den USA versorgte. Kit, der als Mathematikprofessor an der University of Maryland hohes Ansehen genoss, machte in dieser Funktion auch den Bürgermeister von Leimen auf das Museum aufmerksam. In der Folge entwickelte sich das Belarusische Museum rasch zu einer offiziell anerkannten Sehenswürdigkeit der Stadt.

1982 wurde das Museum im Beisein des Bürgermeisters Herbert Ehrbar (1933-2011) feierlich eröffnet. Ein eigens gegründeter Arbeitskreis rief Belarusen weltweit dazu auf, mit historisch bedeutsamen Objekten zur Ausgestaltung der Ausstellung beizutragen.

Die Sammlung umfasste zahlreiche Exponate sowohl aus der damaligen Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) als auch aus der weltweiten Diaspora, darunter aus Deutschland, Polen, Großbritannien, Frankreich, Australien, den USA, Kanada und Argentinien. Zu sehen waren Bücher und Zeitschriften, Kleidungsstücke, Fotografien, Porträts, Ikonen, Geschirr sowie weitere Alltags- und Erinnerungsgegenstände. Einen besonderen Stellenwert nahmen einzigartige Schriftstücke prominenter Autoren wie Janka Kupala, Jakub Kolas, Branislau Taraschkewitsch, Maksim Harezki und Usievalad Ihnatoŭski ein, ebenso wie zahlreiche Werke der belarusischen Exilliteratur.

Darüber hinaus gründete Popko in Leimen ein Institut der Bjelorussischen Kulturwissenschaften, das eigene Schriften herausgab. Im Jahr 1987 wurde auf seine Initiative hin auf dem Waldfriedhof St. Ilgen ein Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Belarusen errichtet. Es befindet sich direkt gegenüber von Popkos Grabstein. 

Juri Popkos Nachwirken

Die Unabhängigkeit von Belarus erlebte Popko nicht mehr. Er verstarb am 29. April 1990. Doch sein Beitrag für die deutsch-belarusischen Beziehungen lebte auch nach seinem Ableben fort. 

Barys Kit äußerte sich über seinen Freund Popko folgendermaßen: „Ich schätzte diesen Menschen sehr, der fern der Heimat sie in seinem Herzen trug und alles sammelte und bewahrte, was an sie erinnerte. Vielleicht hat er selbst nicht damit gerechnet, dass nach Leimen, in dieses kleine belarussische Museum, zunächst einige belarusische Emigranten, Enthusiasten der belarusischen Sache und Wissenschaftlern anreisen und später sogar Studenten mit einem ganzen Bus ankommen würden – so, wie es im Juni 1994 geschah. Belarusische Jungen und Mädchen, jung und schön, kamen hierher, um ihre Lieder (es handelte sich um den Kammerchor der Minsker Linguistischen Universität) einer Stadt zu singen, die einem echten Belarusen Zuflucht gewährt hatte.“

Kit selbst wurde übrigens 1993 in “Würdigung seiner besonderen Verdienste um die Freundschaft zwischen der Republik Belarus und der Stadt Leimen” vom Bürgermeister Herbert Ehrbar mit der Partnerschaftsmedaille in Gold ausgezeichnet. 

1995 reiste eine Delegation um Herbert Ehrbar ins belarusische Navahrudak. In Zusammenarbeit mit ihm lieferte der Leimener Verein “Hilfe für Weißrussland” von 1995 bis 2006 in elf Hilfskonvois Fahrzeuge, Medikamente, medizinische Apparate, Krankenhaus- und Pflegebetten, Schulmöbel, Kleidung, Decken, Spielsachen und Babynahrung in die unabhängige Republik Belarus. Aufgrund der zunehmenden bürokratischen Hürden und Behinderungen seitens des Regimes wurden die Lieferungen eingestellt. 

Das Ende und der Umzug des Museums

1994 gründete der damalige Botschafter von Belarus in Deutschland, Dr. Piatro Sadoŭski, ein Kuratorium, das das Popko-Erbe verwalten sollte. Doch nach seiner Entlassung zeigte die belarusische Botschaft unter den neuen Machthabern kein Interesse an dem Museum. 

Die Ausstellung war zeitweise im Heimatmuseum St. Ilgen zugänglich, wurde jedoch mangels Besucheraufkommens geschlossen. Die Exponate lagerten anschließend über Jahre hinweg in mehreren Depots. In diesem Zeitraum sind Unbekannte in eines der Lagerräume eingebrochen und haben einen Teil der Exponate beschädigt. Aufgrund eines eingetretenen Wasserschadens wurde ein wesentlicher Teil der Exponate zerstört. 

Ab Januar 2026 wurden die verbliebenen Sammlungsstücke im Stadtarchiv Leimen von Vertretern von RAZAM e.V. neu verpackt und im März nach Vilnius überführt. Dort werden sie heute im Lutskevich-Museum ausgestellt.

Organisiert wurde der Umzug des Museums von Alexander Moisseenko (RAZAM e.V.) und Ludvika Kardzis (Lutskevich-Museum) mit Unterstützung von Dmitri Moisseenko, der Krecheuski Foundation, der Koura Initiative sowie weiteren Freiwilligen, die namentlich nicht genannt werden wollten. Wir möchten unseren besonderen Dank an die Stadtverwaltung Leimen aussprechen, die uns das Vertrauen geschenkt hat, das Erbe von Juri Popko zu wahren. Ebenso bedanken wir uns beim Stadtarchiv Leimen sowie bei Aliaksandr Adzinets für die bereitgestellten Materialien über die Geschichte des Museums.

Popko selbst verband sein Museum mit der Hoffnung auf ein freies und unabhängiges Belarus. Dass seine Sammlung heute im Exil bewahrt wird, unterstreicht, wie aktuell dieser Wunsch geblieben ist. Wir hoffen, dass er sich bald erfüllen möge.


Mit (pm – Datum) als Redaktionskürzel versehene Artikel sind Pressemitteilungen (pm) von Parteien oder Organisationen, die wir i.d.R. als ungekürzter und uneditierter Originaltext veröffentlicht. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Die obige PM wurde von Alexander Moisseenko zur Veröffentlichung an Leimen-Lokal gesandt.


 

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