Geschichte einer Zeitzeugin: Erschreckende Kindheit, riskante Flucht, unglaublicher Mut

(jw – 24.3.22) Am 15. März 2022 teilte Frau Ingrid Michligk ihre bewegende Geschichte mit Schülern der 9. Klassen des Friedrich-Ebert-Gymnasiums. Bereits in ihrer Kindheit wurde sie stark mit dem Nationalsozialismus in Deutschland konfrontiert: Fünf Jahre nach ihrer Geburt im Jahr 1927 in Potsdam zog ihre Familie um, da sie in ihrer alten Wohnung ständig unfreiwillig Nazi-Propaganda-Lieder, welche ihr als „fürchterlich“ in Erinnerung bleiben, und marschierende Menschen hörten. Auch an ihrer neuen Schule folge eine nationalsozialistische Erziehung.

Während sie Bombenangriffe in Luftschutzkellern zusammen mit ihrer Familie überlebte, arbeitete sie dennoch hart für eine Lebensmittelkarte. Auf die Frage, ob man während so einer schlimmen Zeit konstant Angst verspüre, antwortete sie, dass man sich „an die Angst gewöhnt“ und „lernt damit umzugehen“. Ein schwerer Schicksalsschlag traf sie, als sie von einer fremden Frau erfuhr, dass ihr Vater, der Soldat war, durch russische Soldaten umkam.

Nach einem kurzen Moment der Sicherheit wurden sie und ihre Mutter dazu aufgefordert, ihre Wohnung ohne ihre Habseligkeiten zu verlassen. Lange mussten sie von Ort zu Ort ziehen, bis Frau Michligk ihren Mann kennenlernte und mit ihm zusammenzog. Da sie viele Tiere besaßen, erhielten sie keine Lebensmittelkarten mehr und mussten selbst für ihre Nahrung sorgen. Ein großes Risiko ging sie ein, als sie verbotenerweise nach Westberlin fuhr, um dort Schuhe für ihre Tochter zu besorgen. Obwohl die Preise dort 8-mal so hoch waren, entschied sie sich dafür, die Schuhe zu kaufen, da es in Ostdeutschland keine gab. So musste sie ihrer Tochter verbieten, ihren Freunden von dem Kauf zu erzählen, da sonst ein einfaches Paar Schuhe dazu führen könnte, dass beide Eltern ihre Arbeitsstelle verlieren.

Nachdem Frau Michligks Mann seine Arbeitsstelle, bei der er die Kollektivierung der Landwirtschaft unterstützen musste, moralisch nicht mehr vertreten konnte und sie merkten, dass es ihren Kindern später nicht möglich sein würde, ein Gymnasium zu besuchen, da sie nicht aus einer Arbeiterfamilie stammten, entschieden sie sich von Potsdam nach West-Berlin zu flüchten. Schon ein paar Monate zuvor begann Frau Michligk ihre Habseligkeiten als Geschenk getarnt nach West-Berlin zu ihrer Cousine zu bringen.

Am 29. Mai 1960 startete die Flucht nach West-Berlin: Ihr Ehemann fuhr mit einem Boot an der berühmt-berüchtigten Glienicker Brücke vorbei, an der Frau Michligk Schmiere stand, um eine sichere Grenzüberfahrt zu garantieren. Ihre Kinder befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon in West-Berlin. Als sie ihren Ehemann an der Brücke sah, fiel ihr etwas Ungewöhnliches auf: „Er trug eine dunkelblaue Trainingsjacke im Sommer.“ Später erklärte er ihr, dass es sich, falls Komplikationen bei der Grenzüberfahr aufkommen sollten, schlechter auf einen dunklen als auch einen hellen Rücken zielen lasse.

Der erfolgreichen Flucht folgten, nach einem Flug nach Frankfurt, Aufenthalte in verschiedenen Flüchtlingslagern und Kasernen. Dort lebte die vierköpfige Familie auf engstem Raum teilweise mit vielen weiteren fremden Menschen zusammen. Doch trotzdem war von Pessimismus letztendlich keine Spur: Herr Michligk machte sich selbstständig, sodass die Familie eine eigene Wohnung finanzieren konnte.

Der abschließende Beifall der aufmerksam zuhörenden Schülerschaft drückte Einigkeit aus: Frau Michligk ist eine Frau, die Überragendes geleistet hat und ein Musterbeispiel dafür ist, dass man nie aufgeben, sondern vielmehr konsequent für seine Ziele arbeiten soll. Wie schön, dass sie die Initiative ergriff und bei der Schule nachfragte, ob sie uns Schülern ihre Geschichte erzählen dürfe. Wir danken dafür.


Geschrieben von Angelique Wolf und Kelly Musiol  aus der 9b des Friedrich-Ebert Gymnasium Sandhausen


 

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