Jubiläum: 75 Jahre Landfrauen Leimen –
Martinée im Weingut Adam Müller

(fwu – 26.2.26) Samstagvormittag, 11 Uhr. Während anderswo noch der Wocheneinkauf sortiert wurde, war das große Besprechungszimmer im Obergeschoss des Weinguts Adam Müller bis auf den letzten Platz gefüllt. Anlass war kein runder Geburtstag, sondern ein dreiviertel Jahrhundert Vereinsgeschichte. Die Landfrauen Leimen feierten ihre Matinée zum 75-jährigen Bestehen. Und man merkte schnell: Das ist kein Kaffeekränzchen mit Schleifchen, sondern gelebte Ortsgeschichte.

Sitzungszimmer bis auf den letzten Platz besetzt


Die Vorsitzende Renate Müller begrüßte die Gäste mit ruhiger Stimme, darunter Oberbürgermeister John Ehret, Vertreterinnen benachbarter Landfrauen-Vereine und des Bezirksverbands und zahlreiche Wegbegleiter. Man kennt sich. Man duzt sich fast unisono. Und trotzdem ist so ein Jubiläum kein Selbstläufer.

Den musikalischen Auftakt übernahmen Rudi Sailer am Akkordeon und Michael Reinig am Dudelsack. Die Vorsitzende nannte sie mit einem Augenzwinkern „die Haus- und Hofmusikanten der Landfrauen“. Der Dudelsack füllte den Raum, das Akkordeon hielt dagegen. Keine Hintergrundmusik, sondern klare Ansage: Heute wird hier gefeiert.

Grußwort und Gastgeschenk durch OB Ehret

Nach dem Begrüßungssekt und Häppchen sprach der Oberbürgermeister. Er würdigte die „gemeinschaftsspendende und sinnstiftende Funktion“ der Landfrauen. Das klang nicht nach Pflichtprogramm.

Er nannte konkret den Osterbrunnen am Eingang der Rathausstraße, der jedes Jahr von den Landfrauen mit eiergeschmückten Girlanden behängt wird. „Das ist längst Teil unseres Stadtbilds geworden“, so sinngemäß sein Tenor. Recht hat er. Die enge Verbundenheit der Landfrauen mit der Stadt zeige sich auch in der Tatsache, dass mit Hans Appel, Bruno Lindenbach und Michael Reinig gleich drei Altstadträte anwesend seien, so der gut gelaunte OB Ehret.

Zum Jubiläum überreichte er auch als Gastgeschenk einen Scheck über 500,- €, wobei er erläuterte, dass das Geld beim Verein verbleiben, der symbolische Scheck allerdings wieder mitgenommen werden müsse. Man habe nur einen und der werde immer wieder verwendet und mit wasserlöslichem Edding ausgefüllt. Je nach Anlaß. Die Zuhörer schmunzelten. 

Rückblick durch Renate Müller

Dann übernahm wieder die Vereinsvorsitzende Renate Müller. Und wer dachte, jetzt käme ein kurzer Rückblick mit ein paar Jahreszahlen, wurde eines Besseren belehrt.

Sie begann grundlegend. „75 Jahre, für einen Verein ein stolzes Alter, in denen sich vieles verändert hat.“ Und sie spannte den Bogen weit zurück. Bereits 1898 entstand auf Initiative von Elisabet Boehm in Ostpreußen ein landwirtschaftlicher Hausfrauenverein. Der war Vorläufer des Deutschen Landfrauenverbandes, der 1948 gegründet wurde. Die Biene als Symbol für Gemeinschaft und Fleiß sei bis heute das Wappentier. „Als Mitglieder sind alle Frauen im ländlichen Raum willkommen“, betonte sie. Es ging nie nur um Landwirtschaft. Es ging um Bildung, Teilhabe, Selbstständigkeit.

Im Februar 1951 trafen sich 20 Frauen im Nebenzimmer des Gasthauses „Zum Schwanen“ in der Rathausstraße. Eingeladen hatten Fräulein Grunwald vom Landwirtschaftsamt und die Landwirtschaftslehrerin Fräulein Riedl. „Anwesend waren 20 Frauen, die alle sofort Mitglied wurden.“ Emma Seeger wurde zur ersten Vorsitzenden gewählt und blieb es 27 Jahre. Solche Zeiträume kennt man heute kaum noch.

Vieles aus den Anfangsjahren sei nur noch mündlich überliefert. „Leider sind aus den Anfangsjahren kaum Unterlagen vorhanden“, sagte die Vorsitzende. Man traf sich im Winter mittwochs. Wenn kein Vortrag war, wurde gestrickt und erzählt. „Am Anfang musste das Nebenzimmer selbst geheizt werden, deshalb brachte jede Holz oder Brikett mit.“ So sieht Vereinsleben aus, wenn es nicht auf Fördermittel wartet.

Die 50er Jahre

Die Rede zeichnete ein Bild des alten Leimen. 1951 eine Gemeinde mit rund 6.000 Einwohnern und vielen bäuerlichen Betrieben mitten im Ortskern. Es gab die Bruckersche Mühle, Tante-Emma-Läden, Metzgereien, Bäckereien, eine Milchsammelstelle. Frauen arbeiteten überwiegend im eigenen Haushalt oder in der Landwirtschaft. „Haus, Hof und Garten, ebenso die 3 K – Küche, Kinder, Kirche – waren die Domäne der Frauen.“ Und offen sprach sie aus, was viele dachten: „Viele Männer waren der Meinung: ‚Die Frau gehört an den Herd.‘“

Auch die Zahlen nannte sie. 1952 lag der durchschnittliche Tageslohn eines Mannes bei 9,60 DM, der einer Frau bei 5,60 DM – für acht Stunden Arbeit. Kein Kommentar nötig.

Mit der Zeit veränderte sich Leimen. Die Landwirtschaft ging zurück. Seit 1981 große Kreisstadt, kaum noch hauptberufliche Landwirte. Doch der Verein blieb.

Lindenbachs Scheune

Altgemeinderat Bruno Lindenbach mit Gattin

Besonders lebendig wurde die Rede, als es um Feste und Ausflüge ging. Über 20 Jahre lang das Maifest in Lindenbachs Scheune. „Bruno Lindenbach stand immer den ganzen Tag am Grill und verlor niemals seine gute Laune.“ Hochgelobt die Kuchentheke mit rund 80 Kuchen und Torten, verkauft vom „Kuchengeschwader“. Das klingt nach Arbeit, nicht nach Hobby.

Als der Standort gewechselt werden musste, entstand das Knollenfest am 3. Oktober, gemeinsam mit dem Obst-, Wein- und Gartenbauverein und dem Weingut Müller. Heute fester Bestandteil im Veranstaltungskalender.

Auch kleine Episoden fehlten nicht. Beim früheren „Krabbelsack“, heute würde man Wichteln sagen, zog Frieda Schilling dreimal hintereinander selbstgehäkelte Topflappen. „Jetzt mach ich nicht mehr mit“, soll sie enttäuscht gesagt haben. Gelächter im Saal. Danach sammelte man lieber Geld für gemeinnützige Zwecke.

Aus 10 DM wurden 10 Euro pro Mitglied, Spenden auf 500 Euro aufgerundet. Unterstützt wurden krebskranke Kinder, Frauenhaus, Hospiz, Tafel, Tierheim. Ein besonderes Projekt: „Als Highlight kauften wir einer indischen Familie ein Haus, Kosten damals 750 Euro.“ Ohne Pathos vorgetragen. Einfach gemacht.

Ausflüge

Die Ausflüge führten in den Landtag, den Bundestag in Bonn, ins ZDF, an den Chiemsee, nach Salzburg. Und manchmal wurde es turbulent. Im „Goldenen Besen“ in Erlenbach traf man auf einen Bus voller Männer der Stadtwerke Heidenheim. „Es wurde immer lustiger, es wurde gesungen und getanzt, bis unser Busfahrer uns mit Dauerhupen zum Einsteigen aufforderte.“ Das Publikum schmunzelte.

Auch sie selbst sei durch einen Ausflug angeworben worden. „Wenn Du beim Ausflug mitfahren kannst, kannst du auch Mitglied bei den Landfrauen werden.“ Seit 42 Jahren ist sie dabei.

Mit Humor erinnerte sie an das 50-jährige Jubiläum 2001 im Rosensaal. Zwei als Handwerker verkleidete Schauspieler tauchten auf und drückten dem damaligen Oberbürgermeister eine Leiter in die Hand. „Halt emol die Leeder.“ Erst Verwirrung, dann Gelächter.

Bärentorbrunnen

Seit 2012 schmücken die Landfrauen den Brunnen am Bärentor zu Ostern. Anfangs Skepsis, Angst vor Zerstörung. „Wir haben es trotzdem probiert.“ Die Bruchquote der bemalten Eier sei hoch gewesen, „die genaue Zahl der kaputten Eier der ersten zwei Jahre habe ich erst viel später gestanden.“ Heute ist der Osterbrunnen ein fester Termin im Kalender.

Zum Ende wurde es persönlicher. Dank an den Oberbürgermeister für Grußwort und Unterstützung. Mit einem Augenzwinkern schlug sie vor, er könne doch einen Aufruf starten: „Rettet die Landfrauen, werdet Mitglied!“ Dann würde man ihn „als Leimener Ehren-Landmann auf Lebenszeit aufnehmen“.

Sie sprach offen das Thema Nachwuchs an. Man hoffe, neue Mitglieder zu gewinnen, um die Vorstandsarbeit in jüngere Hände zu geben. Kein Jammern, eher nüchterne Bestandsaufnahme. Zum Schluss dankte sie den Musikern, den Ehrengästen, den Mitgliedern und deren Familien. Für verstorbene Mitglieder habe man eine Schale am Gedenkstein auf dem Friedhof abgestellt. Und dann der Blick nach vorn: Die Eröffnung des Osterbrunnens findet am 20. März statt, zu der die Bevölkerung herzlich eingeladen ist.

Krönender Abschluß – Die Feuerwerkstorte

Regelmäßige Leser dieser Zeitung kennen den Höhepunkt vieler Jubiläen, wenn Rudi Sailers Namen fällt, bereits: Seine berühmte, riesige Feuerwerkstorte aus Bauschaum! Auch bei den Landfrauen wurde sie gezündet und erfreute die Anwesenden. Natürlich mit der  gebotenen Vorsicht – Ein Feuerwehrmann mit Feuerlöscher stand parat.

Diese Matinée war ein echtes Stück Lokalgeschichte, vorgetragen ohne Schnörkel. Wer zuhörte, verstand: Ein Verein besteht nicht aus Satzung und Protokoll. Er besteht aus Frauen, die Holz ins Nebenzimmer tragen, Kuchen backen, Busfahrten organisieren und auch nach 75 Jahren noch nicht müde sind.

 

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