Jubiläums-Festkonzert mit Festrede:
150 Jahre MGV 1867 Leimen

Anläßlich des großen Festkonzertes zur Feier des Jubiläums der 150. Gründungswiederkehr des Männergesangvereins von 1867 hielt Leimens Ehrenbürger  Bruno Sauerzapf die Laudatio, die wir unten wiedergeben dürfen.

Die sehr gut besuchte Feier wurde von der 1. Vorsitzenden Erika Borvitz eröffnet, die die Anwesenden herzlich begrüßte. Nach dem vom Gesamtchor gesungenen „Freut euch alle“ von J. S. Bach folgte die Laudatio. Im nachfolgenden ersten Teil des Konzertes wurden mehrheitlich klassische und ältere Lieder gesungen. Nach der Pause wurden die Lieder moderner und kulminierten zum Abschluß mit dem „Sing, sang, song“ von Ralf Siegel.

Als Solisten glänzten gesanglich Melanie Jäger-Gubelius und Hans Nägele, am Klavier die Leimener Ehrenringträngerin Veronika Sauerzapf.


Festrede von Leimens Ehrenbürger


150 Jahre MGV 1867 Leimen

Zunächst eine Vorbemerkung: Natürlich ist es bei einem Konzert nicht möglich, die bewegte Geschichte eines so traditionsreichen Vereins vollständig abzubilden. Dazu wäre eine Wochenendseminar notwendig. Das möchte ich Ihnen und mir ersparen und kurz und holzschnittartig zunächst die Chronik vortragen.

Wie war es 1867 in Leimen?

Leimen zählte 1700 Einwohner. Landwirtschaft und Zigarrenfabrikation stellten die meisten Arbeitsplätze. Es gab noch keine Wasserversorgung in jedes Haus, sondern nur öffentliche oder private Brunnen, keine Elektrizität, keine Straßenbahn und keine Kanalisation. Das Zementwerk kam erst 1896 nach Leimen. Das Großherzogtum Baden bestand seit 1803 und der deutsch-/französische Krieg 1870/71 mit Ausrufung des Deutschen Kaiserreichs stand bevor. Die Stimmung war vaterländisch geprägt.

Was sind die wesentlichen Ereignisse in der Geschichte des Vereins?

Und in dieser Zeit fanden sich gegen Ende des Jahres 1867 einige Sangesfreunde zusammen, um einen Verein zur Pflege des deutschen Volksliedes zu gründen. Dies waren in erster Linie Michael Schneeberger, Johann Brucker und Jakob Rehm. Ihren Bemühungen ist es gelungen, in kurzer Zeit 24 im besten Alter!! stehende Männer zu gewinnen. So wurde am 1. Dezember 1867 der Verein mit dem Namen „Männergesangverein“ gegründet. Von der Gründung an erfreute sich der Verein allgemeiner Beliebtheit. Der Verein wuchs, die Sängerzahl nahm zu..

Das deutsche Kaiserreicht, die Weimarer Republik und das Dritte Reich sowie den deutsch-französischen Krieg 1870/71 und die 1. und 2. Weltkrieg musste der Verein überstehen, wobei zwei Kriege, die wesentliche Einschnitte in das Vereinsleben brachten.

Von Verlusten im deutsch-französischen Krieg 1870/71 steht nichts in der Chronik, jedoch der 1. Weltkrieg entriss dem Verein 5 verdiente Mitglieder, Singstunden fielen aus, das Vereinsleben kam nahezu zum Erliegen. In den 20-iber und Anfangs der 30-iger Jahre blühte das Vereinsleben.

Die Politik machte in den 30-iger Jahren auch vor den Vereinen nicht halt. Die Freiheit der Vereinsarbeit wurde beschränkt, der Idealismus einzelner Vereinsmitglieder durch politische Vorgaben unterdrückt. Mein Großvater wurde damals zwar zum 2. Vorsitzenden gewählt. Er konnte jedoch wegen politischer Unzuverlässigkeit sein Amt nicht antreten. Dies erinnert an Zustände, die es heute noch in anderen Ländern gibt.

Der 2. Weltkrieg brachte einschneidende Veränderungen. Nur noch mit viel Idealismus konnten die Verantwortlichen das Vereinsschiff auf Kurs halten. Durch die Einberufung der meisten Sänger musste die Singstunden eingestellt werden. Aber die zu Hause weilenden Sänger schlossen sich mit den Sängern des Gesangvereins Liedertafel und des Sängerbundes Zementwerk Leimen zusammen, um weiterhin das deutsche Liedgut zu pflegen. Aus dem 2. Weltkrieg kamen 15 Sänger nicht mehr zurück

Schon im ersten Jahr nach dem Kriege und nach der Rückkehr der Sänger aus der Gefangenschaft lebte der Singstundenbetrieb wieder auf. Im Jahre 1952 wurde das 85-jährige Stiftungsfest in einem großen Festzelt auf dem Gelände des heutigen Freischwimmbades gefeiert – als „Nachfeier“ für das 75jährige Jubiläum, das wegen des 2. Weltkrieges nicht begangen werden konnte. Ich kann mich gut daran erinnern, weil ich mit 8 Jahren „Täfelesbub“ für den Gesangverein aus Breisach war wofür mir die Sänger damals sagenhafte 50 DM schenkten. Anmerken bleibt, dass es bereits in 50iger Jahren einen Frauenchor gab, dem auch meine Mutter angehörte und der jedoch nicht von allen Sängern wohl gelitten wurde und deshalb nur eine kurze Zeit existierte

Das Jahr 1967 mit der Feier des 100jährigen Bestehens des Verein war ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte. Ein großes Festkonzert Festhalle des Zementwerks Leimen wurde musikalisch und gesanglich zu einem besonderen Ereignis.

Das 125jährige Jubiläum im Jahre 1992 feierten 58 aktive Sängerinnen und Sänger mit einem großen Festkonzert in der Festhalle des Zementwerks Leimen. 1972 wurde auch der gemischte Chor gegründet, ohne den es den heutigen MGV nur noch schwerlich geben würde..

In den folgenden Jahren präsentierte sich der Verein bei Konzerten und öffentlichen Auftritten sehr erfolgreich.

Was verbindet mich persönlich mit dem MGV? Ich wurde mit 17 Jahren vor mehr als einem halben Jahrhundert auf Wunsch meines Vaters Mitglied des Männergesangvereins 1867 Leimen und bis 1973 mehr oder weniger aktiver Sänger. Ich habe das Auf und Ab des Vereins miterlebt, mitterlitten und mitgefeiert. Meine Familie ist mit dem Verein eng verbunden. Sowohl mein Vater und meine Mutter als auch mein Großvater waren aktive Sänger. Unvergessen sind bei mir die 1. Vorsitzenden Dr. Hubert Eisinger und Fred Schick sowie die Dirigenten Dr. Josef Rau, Siegfried Spielmann, Günter Schüssler und natürlich Horst Redinger, der seit 47 Jahren den Chor leitet.

Welche Bedeutung hat das Singen heute?

Wenn wir die Chronik des MGV betrachten erhebt sich die Frage: Wo fängt das Musische an? Wo entfaltete sie sich zuerst? Die Antwort: Beim Singen!

  • Singen ist für die Menschheit nicht etwa ein bloßer Zeitvertreib. Vielmehr war für die frühen Menschen ein Vorteil beim Kampf ums Überleben. Gesang ist einer der evolutionären Faktoren, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Denn singen konnten die Vorfahren von Homo sapiens schon, bevor sie sprechen konnten. Sonst ließe sich nicht erklären, dass die menschliche Stimme viel mehr kann, als beim Sprechen nötig ist.
  • Singen gehört daher zum Menschen. Schon beim Embryo sind noch vor den Ohren die Stimmbänder ausgebildet. Das Singen der werdenden Mutter wird vom Embryo ganz stark emotional erlebt.
  • Singen trägt wesentlich zur Persönlichkeitswerdung des Menschen bei und Singen fördert die Kreativität, Verantwortungsbereitschaft, Kritikbereitschaft und Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit und Sozialkompetenz.
  • Singen ist das Fundament zur Musik. Also gilt es, das Fundament erneut zu legen, die Breitenarbeit zu fördern, denn ohne sie gäbe es nicht die Spitzenarbeit, die sich in den vielfältigsten Facetten zeigt. Musikalische Hochkultur verlöre ihre Basis, Chöre blieben auf der Strecke.
  • Singen verbindet Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Nationalitäten und Weltanschauungen.
  • Singen ist daher die universelle Sprache der Menschheit, wie dies der Pianist und Dirigent Franz von Liszt im 19 Jahrhundert treffend ausdrückte.

Diesen Aufgaben hat sich der MGV gewidmet. Unser Dank gilt allen Mitgliedern, allen aktiven und passiven Sängerinnen und Sängern, allen heutigen uns bisherigen Vorstandsmitgliedern, stellvertretend der heutigen Verantwortlichen des MGV Frau Erika Borwitz, dem Dirigenten Horst Redinger, der seit 1970 bis zum heutigen Tag den Verein dirigiert. Sie alle haben den Vereinen über Höhen und Tiefen geführt und die Treue gehalten.

Chorgesang ist nach wie vor eine der tragenden Säulen der Musik. Soweit wir zurückblicken können, waren Gesang und Chorgesang wichtigste Ausdrucksformen der Musik. Nichts davon hat sich überlebt. Mag sein, dass unsere Zeit nicht immer der ideale Nährboden für den Chorgesang ist. Dies liegt aber meist an der Bequemlichkeit des einzelnen und dem breitgefächerten Freizeitangebot. Dieser Tendenz entgegenzuwirken, wird künftig verstärkt Aufgabe des Gesangvereines sein.

Unser Gesangverein kann auf eine lange und erfolgreiche Chorarbeit zurückblicken. Er besteht heute aus dem gemischten Chor, so dass die Bezeichnung Männergesangverein nur noch den historischen Bezug hat.. Wie in vielen Chören ist auch bei unserem Gesangverein die ist die Überalterung eine besondere Herausforderung. Der Gesangverein 1867 hat 90 Mitglieder (vor 25 Jahren waren es 180) und 30 Sängerinnen und Sänger (vor 25 Jahren waren es 58), von denen die meisten bereits über 65 Jahre alt sind. Die Zahl der aktiven Sänger nimmt leider stetig ab. Ein Gesangverein in St. Ilgen hat bereits seine Pforten geschlossen. Ein Gesangverein in Gauangelloch steht vor dem Aus – eine äußerst bedauerliche Entwicklung. Das kulturelle Angebot in Leimen wird ärmer. So darf es und kann es nicht weiter gehen.

Um die Zukunft zu sichern, müssen neben der Tradition des deutschen Liedguts mit modernen Chorwerken, neuzeitlicher Komponisten und mit den neuen Musikrichtungen neue Wege gegangen werden, um Traditionelles zu erhalten und künftigen Generationen weiterzugeben. Neue Wege müssen beschritten werden. Dieser Herausforderung muss sich der Gesangverein stellen. Ich wünsche ihm dabei viel Erfolg.

Lassen Sie mich schließen mit einem Auszug aus dem Vorwort des leider allzu früh verstorbenen langjährigen MGV-Vorsitzenden und meinem Freund Fred Schick zum 25jährigen Jubiläum „Wo die Sprache nicht mehr ausreicht, vermag der Gesang vieles zu vollbringen. Musik kann helfen, trösten und Freude schenken“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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