Katholische Seelsorgeeinheit diskutierte die Zukunft der Gemeinden

(kk) Wie sollen, wie können Gemeinden angesichts der Herausforderungen, die bereits an sie gestellt werden, und derer, die für die nahe Zukunft bereits absehbar sind, lebendig bleiben? Wie können Gemeinden den Menschen in ihrer Lebensumgebung das Evangelium verkünden, ihnen in der Caritas dienen und sie zum Lobe Gottes versammeln?

Zu diesen heiß diskutierten Fragen lud die Seelsorgeeinheit Leimen-Nußloch-Sandhausen die Pfarrgemeinderäte und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am 28.04.2012 zu einer Informationsveranstaltung ein, in der Regionalreferent Matthias Rey den Stand der Überlegungen zu Gemeindeteams in der Erzdiözese Freiburg vorstellte.

Zum Auftakt gaben die Teilnehmer in einer „lebendigen Statistik“ Auskunft über ihren Informationsbedarf und über die Chancen, die sie in ihrer Vorstellung mit Gemeindeteams verbinden. Die große Unsicherheit einerseits und die recht optimistische Einschätzung der Chancen andererseits, die hier sichtbar wurden, deuteten bereits das wache Interesse des Publikums an.

Pfarrer Arul Lourdu

In einer kurzen aber sehr eindringlichen und bewegenden Ansprache, die viel mehr als einfach eine Begrüßung war, bezog Pfarrer Lourdu dann zu den Vorstellungen über die Zukunft der Kirche in unseren Dörfern und Städten eine eindeutige Position: Warten zu wollen, dass vielleicht Not wieder beten lehrt, wäre zynisch und abwegig, ein Stadtmodell, bei dem sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht, ungerecht und das Vertrauen allein auf geistliche Zentren würde eine große Zahl von Menschen ausschließen. Die Kirche ist zwar mit mehr als einer Milliarde Mitglieder die größte Religionsgemeinschaft auf der Welt, aber sie ist im Kleinen entstanden, unter wenigen Menschen, die sich im Glauben und im brüderlichen Dienst zusammenfanden.

Heute leidet die Kirche, hauptsächlich in Westeuropa, unter vielen Defiziten: Vertrauensverlust, Säkularisation, Reformstau. Entscheidend ist aber, dass sie immer weniger in der Lage ist, Antworten auf die lebensbezogenen Fragen der Menschen zu geben. Gesucht sind daher Menschen und Orte für Antworten, die die Lebenswirklichkeit treffen. Wir müssen die Heiligkeit unser aller Berufung als Priester, Könige und Propheten ans Licht bringen, appellierte Pfarrer Lourdu an die Zuhörerinnen und Zuhörer. Wir sind als Stifter von Gemeinschaft gerufen, egal ob Priester oder Laien. Er erinnerte daran, dass die Jünger Jesu selbst nach der Auferstehung bis unmittelbar vor der Himmelfahrt noch in ihren eigenen Vorstellungen von der Wiederherstellung des Reiches Israel gefangen waren. Der auferstandene Jesus reagierte darauf weder mit Zurechtweisung noch mit Resignation. Er sandte sie aus.

„Kirche vor Ort ein Gesicht geben“ als Sendung und Aufgabe, das war das Motto, mit dem Matthias Rey an diesen Appell anknüpfte. In einem kurzen Aufriss der Geschichte des Volkes Israel und der Kirche legte er dar, dass das Volk Gottes während seiner ganzen Wanderschaft durch die Zeit darauf gehört hat, was Gott ihm in seiner jeweiligen Situation sagen wollte. „Wie soll das Volk antworten?“ Das herauszufinden ist die Aufgabe für das Hier und Heute.

Herz-Jesu-Kirche, Leimen / Foto: Berno Müller

Eine viel beachtete Antwort hat die Diözese Poitiers in Frankreich gefunden. Unter dem Druck des Mangels an Priestern, der rückläufigen Zahlen von Gläubigen und auch des Geldmangels, der in Frankreich noch größer ist als hier, stellte man sich die Frage: „Was macht eigentlich Kirche aus?“. Die Antwort: „Wo die Grunddienste Verkündigung, Liturgie und Caritas geleistet werden, da ist Kirche.“ Als Konsequenz daraus wurde eine Struktur entwickelt, in der Priester weiterhin für die Leitung und Spendung der Sakramente in einem Gebiet zuständig sind, fünfköpfige Gemeindeteams aber die Verantwortung für Verkündigung, Liturgie, Caritas, Finanzen und Außenkontakte in einer Gemeinde tragen. Nach den ersten Versuchen mit Seelsorgeeinheiten, die zunächst einfach den Zweck hatten mehr Gläubige mit weniger Priestern zu „versorgen“, gewinnen auch in der Erzdiözese Freiburg weitere Aspekte in den Überlegungen zur Weiterentwicklung der kirchlichen Strukturen an Gewicht:

  • Die Lebendigkeit der Gemeinden vor Ort stärken
  • Dem Gesicht der Kirche ein Profil geben
  • Die Kirche vor Ort an die Sozialstrukturen anpassen
  • Die hauptamtlichen Mitarbeiter entlasten

Nach 2015 werden daher nicht mehr die Kirchengemeinden den rechtlichen Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts haben. In diese Rolle werden dann die Seelsorgeeinheiten eintreten, die bei ihren Verwaltungsaufgaben von den kirchlichen Verrechnungsstellen unterstützt werden. Für diese neuen Seelsorgeeinheiten wird es einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat und einen gemeinsamen Stiftungsrat geben.

Gemeinden der Seelsorgeeinheit werden die ursprünglichen Kirchengemeinden sein aber auch andere Gemeinden in denen sich Menschen mit gemeinsamen Umfeld, Milieu oder Interessen im Glauben zusammenfinden. Ähnlich wie in dem Modell der Diözese Poitiers wird die Leitung dieser Gemeinden Gemeindeteams übertragen. Diese beachten Rahmenbedingungen, die vom Erzbistum und der Seelsorgeeinheit gesetzt werden. Die Aufgaben des Gemeindeteams umfassen:

  • Integration und Vernetzung der Gruppen und Initiativen in der Gemeinde
  • Vertretung der Gemeinde nach außen
  • Entscheidung über die Verwendung der finanziellen Mittel
  • Verkündigung (Sakramentenkatechese, Bibelkreise)
  • Liturgie (Liturgische und kirchenmusikalische Dienste, Gottesdienstformen zusätzlich zur Eucharistiefeier)
  • Caritas (Besuchsdienste, Hilfe für Bedürftige leisten und vermitteln)

Jedes Mitglied des Gemeindeteams wird für eine Aufgabe berufen oder gewählt. Daher findet jede Person, die sich für die Mitarbeit im Gemeindeteam entscheidet, ein Tätigkeitsfeld vor, das ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Die Mitarbeit im Gemeindeteam wird daher weniger durch Sitzungen und Themen geprägt sein, die durch äußere Sachzwänge vorgegeben sind, als das bisher im Pfarrgemeinderat der Fall war.

An den Details zu den Aufgaben und Befugnissen der Gemeindeteams, zu ihrer Zusammensetzung und zu ihrer Einsetzung arbeitet die Erzdiözese noch. Hier muss eine sinnvolle Balance zwischen demokratischer Legitimation und Sachkompetenz gefunden werden.

Werden denn die Gemeindeteams wirklich in der Lage sein, der Kirche vor Ort ein Gesicht zu geben? Handelt es sich da wirklich um eine Renovierung von Grund auf, wie sie jedes Haus, in dem man sich weiter wohlfühlen will, von Zeit zu Zeit braucht? Oder streichen wir da nur etwas Tünche auf die abgebröckelte Fassade? In einer Schlussrunde rief Matthias Rey eine Gruppe von Pfarrgemeinderatsvorständen jeder Gemeinde dazu auf, sich in das Jahr 2020 zu versetzen, und stellte die Fragen: „Wir arbeiten nun seit fünf Jahren mit Gemeindeteams. War das ein Erfolg? Welche Weichenstellungen waren wichtig? Gab es Widerstände und Irrwege?“ In einer erfrischend lebhaften Rückschau aus dem Jahr 2020, an der sich auch das Plenum rege beteiligte, entstand ein plastisches Bild der Chancen, welche die Leitung der Gemeinden durch Gemeindeteams bietet. Dies betrifft die Menschen, die in den Gemeindeteams mitarbeiten:

  • Mehr Zufriedenheit gewonnen durch Arbeit nach Charismen undweniger Routine und Leerlauf
  • Mehr Menschen, die ihre Charismen einbringen, entschlossen sichzur Mitarbeit
  • Das Leistungsdenken wurde abgebaut, wir arbeiten solidarischerzusammen und helfen uns gegenseitig aus unseren Tiefs.
  • Die Pastoral trat wieder in den Fokus. Durch eine gute Balancezwischen der Seelsorgeeinheit und den Gemeinden wurde wiedereine Vielfalt der Formen realisiert.

Aber auch das Gremium Gemeindeteam selbst hat Vorteile:

  • Durch die Integration von Gruppierungen und Vernetzung wurde die Bedeutung des Gremiums und die Wahrnehmung von außenverbessert
  • Die Lebendigkeit der Gemeinde wurde erhalten, eher noch verbessert

Von Resignation, von der schon oft gehörten Klage, wieder einmal ins Nichts aufgebrochen zu sein, war in dieser Schlussrunde nichts zu spüren. So freuen wir uns auf unsere neuen Möglichkeiten und hoffen, dass der Geist, der uns in dieser Informationsveranstaltung zusammengeführt hat, uns auch in das Jahr 2020 und darüber hinaus trägt.

(aus dem Pfarrbrief der Kath. Seelsorgeeinheit Nr. 6 vom Juni 2012)

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