Ökumenische Mahnwache zieht Kreise – Pfarrer Jörg Geisslers Ansprache

4289 - Mahnwache 1Auch am Feiertags-Freitag, dem Deutschen Nationalfeiertag, trafen sich Gläubige der christlichen Gemeinden Leimens um 15.00 Uhr, der  Todesstunde Christi, um auf den Terror der IS-Mörderbanden im Orient hinzuweisen. Trotz der vielen gleichzeitigen Veranstaltungen fand sich eine stattliche Anzahl Teilnehmer ein. Pfarrer Jörg Geissler (ev. Kirche, St. Ilgen) erläuterte in seiner Ansprache, worum es bei der Mahnwache geht:

„Im Namen der ganzen christlichen Ökumene in Leimen, vor allem im Namen der syrisch orthodoxen Gemeinde und Pfarrer Aziz Can, die mit uns um das christliche Erbe Ihrer Heimatregion trauern, im Namen der katholischen Seelsorgeeinheit am Leimbach, vertreten durch Pfr Arul Lourdu, im Namen der Mitglieder des Christlichen Zentrums Heidelberg, die heute bei uns sind und im Namen der evangelischen Gemeinden aus Leimen, St Ilgen, Nussloch und Sandhausen, die heute durch Steffen Groß und mich vertreten sind.

Wir freuen uns, dass heute (trotz des Feiertags) wieder eine ganze Reihe von Ihnen hierher gekommen sind, um mit uns auf dem Georgiplatz für den Frieden zu beten, für die Menschen, die dem Terror der ISIS im Irak, in Syrien und anderswo zum Opfer fallen, für die verfolgten Christen, Jesiden und Moslems.

4289 - Mahnwache 2Wir begrüßen Sie von Herzen, Menschen wie wir, die sich haben anrühren lassen von den Bildern im Fernsehen, von den Berichten über Christen, Jesiden, Moslems, die dem Terror der ISIS zum Opfer fallen oder fliehen müssen.

Und wir denken heute besonders auch an die Menschen in der eingeschlossenen Stadt Kobane, aber auch in den vielen Dörfern und Städten, die im Moment nicht im Mittelpunkt des medialen Interesses stehen und ebenso leiden und Angst haben.

Wir begrüßen darum heute auch ausdrücklich unsere moslemischen Schwestern und Brüder auf diesem Platz, die mit uns hier sind, weil sie der Terror, den andere im Namen ihrer Religion ausüben, zutiefst zuwider ist, weil sie wie wir an das friedliche Miteinander der Religionen glauben, weil sie sehen, wie selbst ihre eigenen Glaubensgeschwister dem Terror der Extremisten zum Opfer fallen.

Wir sind hier versammelt miteinander, um unseren Protest deutlich zu machen, um in Solidarität mit den Opfern hier zusammenzustehen, Menschen, gleich welcher Konfession oder Religion oder auch ohne konfessionelle Zugehörigkeit. Für jene unter Ihnen, die zum ersten Mal an unserem Friedensgebet teilnehmen, eine kurze Information, wie diese Veranstaltung zustande kam und was wir damit bezwecken.

Initiiert wird dieses Friedensgebet zunächst  von den genannten christlichen Konfessionen. Als Christen geht uns das Schicksal unserer christlichen Glaubensgeschwister unter dem Terror der ISIS nahe, genauso, wie das Schicksal von anderen Christen, die weltweit unter Verfolgung zu leiden haben. Deshalb sind wir hier zusammengekommen.

Wir beten zu Gott, dass er dem Terror ein Ende bereitet. Dass er den Extremisten die Waffen aus den Händen nimmt.  Wir beten zu Gott, dass er den Opfern zur Seite steht und sie nicht allein lässt. Wir beten um Schutz vor den Verfolgungen, vor Vertreibungen, Vergewaltigungen und Mord. Wir beten um Hilfe für unsere verfolgten Glaubensgeschwister.

Aber als Christen gilt unser Gebet nicht allein unseren christlichen Glaubensgeschwistern, sondern allen, die unter Verfolgung leiden, denen Unrecht geschieht, und das sind im Gebiet der ISIS eben nicht nur Christen, sondern Jesiden und andere Minderheiten, und es sind auch Moslems, Schiiten und moderate Sunniten, die dasselbe Schicksal mit den Christen erleiden müssen, weil sie den extremen Standpunkt der ISIS nicht mittragen wollen.

Darum sind wir hier versammelt. Jeden Freitag.  Dieser Freitag heute hat jedoch eine besondere Bedeutung. Heute ist Tag der deutschen Einheit. „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet,“ so sagte Horst Sindermann Jahre nach dem Mauerfall – „nur nicht auf Kerzen und Gebete“.

Der Tag der Deutschen Einheit ist darum auch ein Zeichen dafür, dass Gebete Mauern einreißen können. Aber ich spreche heute nicht von den äußeren Mauern, sondern von Mauern in unseren Köpfen. Mauern zwischen Konfessionen und Religionen. Mauern zwischen Moslems, Christen und Juden und Menschen anderen Glaubens.

Morgen feiern die Moslems unter uns ein besonderes Fest. Das Opferfest. Es erinnert an Abraham. Abraham ist der Vater des Glaubens. Für alle unserer drei großen monotheistischen Religionen. Abraham ist die Wurzel des Glaubens – für Juden, Christen und Moslems.   Das Opferfest erinnert daran, dass Abraham aus Gehorsam gegen Gott seinen erstgeborenen Sohn opfern wollte. Für Juden und Christen ist das Isaak, für Moslems sein Stiefbruder Ismael.  Auch wenn die Opfer unterschiedliche Namen tragen, die Geschichte aus unseren heiligen Schriften hält für uns alle dieselbe Pointe bereit. Da will ein Mensch aus Glaubensgehorsam einen anderen Menschen, gar sein Kind, Gott zum Opfer bringen. Doch Gott fällt ihm in den Arm. Er sendet einen Engel, der eine bedeutende Botschaft für Abraham bereit hält und für alle, sie sich auf ihn berufen:

Kein Mensch darf einen anderen im Glauben an Gott zum Opfer machen.  Derjenige, der mit seinem Glauben an Gott die Ermordung, Vergewaltigung und Versklavung von Menschen rechtfertigt, der vergeht sich nicht nur gegen den Willen Gottes, der vergeht sich gegen Gott selbst.  Ja noch mehr, der verbaut mit seinen Taten anderen Menschen den Zugang zu Gott.  Der Wille Gottes für uns Menschen ist etwas völlig anderes.

Und auch das wird an der Geschichte vom Opfer Abrahams deutlich. Gott zeigt Abraham einen Widder, den er anstelle eines Menschen opfern soll.  In der moslemischen Tradition ist das Opferfest damit verbunden, dass die Familien, die es sich leisten können, ein Tier schlachten lassen, ein Schaf, eine Ziege, oder was sonst in der jeweiligen Region vorhanden ist.

Das Fleisch des Tieres wird aber nicht nur mit der Familie verspeist, sondern es ist ein guter Brauch, allen Freunden, Verwandten sowie den Nachbarn zum Opferfest die besten Wünsche zu überbringen und auch ihnen etwas von dem Fleisch zu geben. Vor allem aber soll das Fleisch auch unter den Armen und Hungrigen verteilt werden.

Mit anderen Worten: Der wahre Wille Gottes ist es, dass Menschen miteinander teilen, was sie zum Leben benötigen, dass Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenfinden und solidarisch ist mit denen, die Not leiden. Mit Menschen, die Opfer unserer Gesellschaft sind, mit Menschen, die sich nicht selbst zu helfen wissen. Das ist der Wille Gottes.  Daran wollen wir heute am Tag der Deutschen Einheit denken, am Tag vor dem Opferfest.

Darum beten wir heute für alle Menschen, die im Namen einer Religion zum Opfer gemacht werden, gleich welcher.  Wir beten zu Gott, dass er uns Menschen hilft, unsere Konflikte in Glaubensfragen, aber auch in Wirtschaftsfragen und in politischen Streitfällen, mit friedlichen Mitteln zu regeln. Wir beten dafür, dass Gott uns die Kraft zur Solidarität gibt, auch ganz konkret für die vielen Flüchtlinge, die bei uns in Europa Schutz suchen, dass wir mit den Verfolgten teilen   lernen, auch wenn es uns etwas kostet.

Wir beten dafür, dass wir endlich damit ernst machen, als Kinder Abrahams den Austausch untereinander zu pflegen, damit wir voneinander lernen und uns besser verstehen, auch wenn wir uns unserer Unterschiede bewusst sind und bleiben.  Unsere uneingeschränkte Fürbitte aber gilt allen, die auch heute wieder zu Opfern gemacht werden, von Extremisten, die eine Religion missbrauchen, um ihre eigenen sadistischen Triebe und ihre Machtgelüste zu befriedigen.

Amen“

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