Nathan Straus: Wohltäter der Menschheit und Wohltäter Sandhausens

Er war kein Sandhäuser – aber sein Einfluss für Sandhausen Anfang des 20. Jahrhunderts darf nicht unterschätzt werden: Nathan Straus. Fragt man Mitbürgerinnen und Mitbürger, was sie mit dem Namen „Nathan Straus“ verbinden oder ob sie von der „Straus’schen Milchküche“ schon mal etwas gehört haben, erhält man meistens nachdenkliche Blicke oder, im besten Fall, die Aussage, „Da habe ich schon mal etwas gehört – ich weiß aber nichts Näheres“.

 Nathan Straus ist in Sandhausen weitgehend in Vergessenheit geraten – völlig zu Unrecht. Der Verkehrs- und Heimatverein erwähnt zwar bei der „Duur de Biggele“ Nathan Straus und verweist auf den ehemaligen Standort der Straus’schen Milchküche, aber dies erfahren dann nur die „Duur“-Teilnehmer und somit nur ein kleiner Teil der Bürgerschaft.

Wer aber war Nathan Straus?

Geboren wurde er als drittes von vier Kindern der Eheleute Lazarus und Sara Straus am 31. Januar 1848 in Otterberg in der Pfalz. Der Ort liegt ungefähr 10 Kilometer nördlich von Kaiserslautern.

Nathan Straus und US-Präsident T. Roosevelt

Die Familie emigrierte 1854 nach Nordamerika. Über Georgia fand sie den Weg nach New York und gründeten dort eine Essgeschirr- und Glasfabrik „Lazarus Straus and sons“. Über die Geschäftstätigkeit ist wenig bekannt, jedoch verkauften Nathan Straus und seine Brüder dem Kaufhaus „Macy“ in New York Essgeschirr und Besteck. 1888 wurden sie Partner des Kaufhauses und 1896 Teilhaber. Dadurch erlangte die Straus Familie allen voran Nathan Straus Geld und Wohlstand.

1875 heirate Nathan Straus die gebürtige Mannheimerin Lina Gutherz. Das Ehepaar hatte 6 Kinder, darunter Nathan Straus jun., über den an dieser Stelle auch noch berichtet wird. Nathan Straus lernte seine zukünftige Frau übrigens nicht in Amerika kennen: Eine Geschäftsreise führte ihn nach Deutschland. Er besuchte einen Freund seines Vaters in Mannheim. Zwischen Nathan Straus und der Tochter des Freundes, Lina Gutherz, war es wohl Liebe auf den ersten Blick. Die Ehe hielt bis zum Tode von Lina Gutherz Straus im Jahre 1930.

Nathan Straus verstand sich als Philanthrop und somit großen Menschenfreund. Sein Wirken hinterließ in vielen Ländern seine Spuren, so auch in Deutschland – und in Sandhausen.

Ende des 19. Jahrhunderts war in Amerika die Tuberkulose-Krankheit weit verbreitet. Insbesondere verursachte verunreinigte Milch eine hohe Kindersterblichkeit. Nathan Straus sagte deshalb der Krankheit den Kampf an und finanzierte Einrichtungen, in welcher Milch pasteurisiert wurde. Die unbehandelte Milch stand nämlich unter Verdacht, die Ursache für Krankheiten und vor allem Tuberkulose zu sein. Straus betätigte sich bei der Ursachenforschung unter anderem in New York, Chicago und Toronto.

1907 besuchte Nathan Straus schließlich auch Deutschland. Hierbei kam er auch nach Heidelberg, Karlsruhe, Eberswalde und Frankfurt. In Heidelberg hielt er einen Vortrag vor Studenten in der Universität und finanzierte eine Einrichtung zur Pasteurisierung von Milch, welche der damaligen Kinderklinik angegliedert war.

Alten Unterlagen zufolge kam offensichtlich über die jüdische Familie Marx, die in der Schulstraße eine Zigarrenfabrik betrieb, der Kontakt zu Nathan Straus zustande.

Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte in Sandhausen eine sehr hohe Kindersterblichkeitsrate. Die Quellen erwähnen sogar, dass Sandhausen an erster Stelle innerhalb von Nordbaden gestanden haben soll. Diese betrug 46 bis 47 Prozent. Auch hier lag die wahrscheinlichste Ursache darin, dass die Kinder keine sterilisierte Milch zu trinken bekamen.

Mit unerbittlicher Unterstützung von Nathan Straus wurde gegenüber dem alten Rathaus eine öffentliche Milchküche eingerichtet, welche am 1. Februar 1908 ihren Betrieb aufnahm. Anfangs wurde die pasteurisierte Milch aus der Heidelberger Milchküche geliefert, ab März 1908 belieferten Sandhäuser Landwirte die Einrichtung. Diese pasteurisierte Milch wurde an bedürftige Familien kostenlos verteilt.

Die Straus’sche Milchküche in Sandhausen

Da diese Einrichtung von Nathan Straus großzügig im Jahre 1908 finanziell unterstützt wurde, erhielt sie so den Namen vom Wohltäter: „Straus’sche Milchküche“.

Nach seiner Abreise schrieb der damalige Bürgermeister Franz Hambrecht am 27. August 1908 an Nathan Straus:

Seit dem 1. Februar 1908 starben in Sandhausen 11 Kinder unter 2 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr 1907 waren es 25 Kinder und in den 5 vorhergehenden Jahren waren es durchschnittlich 32 Kinder. Wir verwenden die gleiche Milch wie zuvor aber nur pasteurisierte Milch.

Innerhalb von zwei Jahren sank die Kindersterblichkeit auf 20 Prozent. Deshalb schrieb am 5. August 1910 Franz Hambrecht abermals ein Telegramm an Nathan Straus:

„Wir sind sehr glücklich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass in diesem Jahr im Monat Juli bei Säuglingen unter 2 Jahren kein einziger Todesfall aufgetreten ist, da die von Ihnen gegründete Milchküche Erfolge erzielt hat“.

Diese ursprünglichen Zahlen wären heute schlichtweg als eine Katastrophe zu bezeichnen. Man bedenke, dass Sandhausen in dieser Zeit beinahe 4.000 Einwohner besaß. Und das zeigt auch das ganze Ausmaß dieses Problems.

Nachdem die Milchküche eröffnet wurde, trug sich die Einrichtung dann von selbst. Nathan Straus musste sich so nicht mehr finanziell beteiligen.

Das Wirken von Nathan Straus fand erhebliche Resonanz in der nordamerikanischen Presselandschaft. Hierzu haben wir, dank Frau Kira Gebauer aus Kanada, einige einschlägige Zeitungsartikel aus dieser Zeit erhalten. Darin ist die Straus’sche Milchküche in Sandhausen (bei Heidelberg) benannt und als vorbildliche Einrichtung dargestellt. So wurde Sandhausen auch in Nordamerika bekannt. Die Artikel aus New York, Ottawa, Chicago und Cincinnati machen dies besonders eindrücklich.

Nathan Straus kam von 1907-1908 nach Deutschland. Bei seiner Reise besuchte er auch die Einrichtung in Sandhausen.

Es gibt eine überlieferte Geschichte von seinem Besuch: Nathan Straus soll einem Mädchen ein kleines Taschengeld geschenkt haben. Daraufhin fragte er das Kind, was es mit dem Geld machen wolle. „Ich kaufe mir ein Kleid“, soll es gesagt haben. Straus erwiderte: „Dann geh am besten zu Rotschild nach Heidelberg“.

Rotschild war ein Kaufhaus mit jüdischem Inhaber. Mit einem Augenzwinkern zeigt es, dass er auch an seine jüdischen Glaubensbrüder dachte.

Um 1914 zog sich Nathan Straus aus dem aktiven Geschäftsleben zurück. Er wirkte weiterhin in erheblichem Umfang durch Unterstützung von sozialen Projekten in den USA.

In seinen späteren Lebensjahren spendete er einen Großteil seines Vermögens den zionistischen Kolonisierungsprojekten in Palästina. Nathan Straus verstarb am 11. Januar 1931 in New York City. Seine Frau Lina verstarb ein Jahr zuvor.

In Israel sind heute in verschiedenen Städten Straßen nach ihm benannt. Auch New York hat Nathan Straus geehrt, unter anderem durch Benennung eines Spielplatzes (Nathan Straus Playground und einen Platz (Nathan Straus Square).

Weiteres Interessantes von der Familie Straus

Wer den Titanic Film von 1997 gesehen hat, kann dort einen älteren Herrn mit einer Frau beobachten, die beide zugunsten jüngerer Passagiere mit Kindern auf einen sicheren Platz im Rettungsboot verzichten. Nach dem Rückweg in ihre Kabine erwarten beide auf dem Bett eng umschlungen den Ertrinkungstod.

Dabei handelt es sich um Isidor Straus, dem Bruder von Nathan. Auch Isidor war genauso ein erfolgreicher Geschäftsmann. Wie soeben beschrieben, kam dieser mit seiner Frau im April 1912 beim Schiffsunglück der Titanic ums Leben.

Weitgehend unbekannt dürfte auch eine schicksalhafte Begegnung von Nathan Straus jun., dem Sohn von Nathan Straus, sein. Er studierte 1908 ein Semester in Heidelberg und freundete sich mit einem Studenten namens Otto Frank an.

Beinahe 33 Jahre später wandte sich Otto Frank verzweifelt an seinen alten Kommilitonen aus Heidelberger Zeiten, der inzwischen ein erfolgreicher Geschäftsmann war, mit der Bitte, für sich und seine Familie ein USA-Visum zu erhalten. Doch alle Bemühungen blieben erfolglos – was für Otto Franks Frau und seine beiden Töchter unweigerlich die Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedeutete und nach deren Verhaftung durch die Gestapo auch das Todesurteil bedeutete. Vielleicht ahnen Sie es bereits: Otto Frank war der Vater von Anne Frank. Im Gegensatz zu seiner Familie überlebte er den Holocaust.

Wilfried Hager

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