Evengelischer Familiengottesdienst mit Krippenspiel zu Heiligabend

4641 - Familiengottesdienst 16Für viele evangelische Christen und ihre Familien gehört der Gottesdienstbesuch an Heiligabend zum festen Repertoire am Vortage vor Weihnachten. Das von den Kindern aufgeführte Krippenspiel mit der Weihnachtsgeschichte gehört in diesem Festgottesdienst traditionell dazu und wurde von ihnen schon seit Wochen in der Adventszeit geprobt. Das Kirchenschiff ist bis auf den letzten Platz gefüllt und auch auf der Orgelempore ist schon lange vor Beginn kein Platz mehr zu finden. Wohl an keinem anderen Tage des Jahres ist der Andrang so groß.

4641 - Familiengottesdienst 19 Dementsprechend aufgeregt sind die an der Aufführung teilnehmenden Kinder die ihren Auftritt dennoch mit Bravour absolvieren. Der Stern über Bethlehem ,Maria und Josef im Stall, Jesus in der Krippe, die Hirten auf dem Feld und die Engel, die die frohe Botschaft verkündet. Die Weihnachtsgeschichte. Die Predigt von Pfarrer Steffen Groß beschäftigt sich natürlich mit diesem Thema und beginnt gleich mit einer schwierigen Frage. „Was ist der wichtigste Satz in der Bibel? Die Auflösung des Rätsels können Sie der Predigt selbst entnehmen:

„Liebe Weihnachtsgemeinde, liebe Kinder!

Eine Frage zu Beginn: was ist der wichtigste Satz in der Bibel?

4641 - Familiengottesdienst 5 Steffen GrossIch habe mich das als Kind selbst gefragt. Und wenn ich als Kind etwas nicht wusste, habe ich meinen Papa gefragt. Der kennt sich aus – ist ja mein Papa! Also bin ich hingekommen, habe an seinem gemütlichen Arbeitszimmer geklopft und gefragt: „Papa, was ist der wichtigste Satz der Bibel?“ Mein Papa hat ein bisschen nachgedacht. Er hat an seinen Pfeife gezogen, dass es qualmte. Und dann hat er mich angeschaut mit so einem Blick, den nur Papas können, und gesagt: Mein Sohn: Der wichtigste Satz der Bibel ist „Fürchtet euch nicht!“.

4641 - Familiengottesdienst 16Der Engel im Krippenspiel hat diesen Satz eben auch gesagt zu den vor Furcht zitternden Hirten auf dem Feld. Er sagte: „Habt keine Angst!“. Oder, in der Sprache Martin Luthers: „Fürchtet euch nicht!.“ „Al Tirah!“ auf Hebräisch. „Mä phobeiste!“ auf griechisch. „Don´t be afraid“ auf englisch. Aramäisch? Romanes?

Gefürchtet habe ich mich damals öfter, wie wohl jedes Kind. Vor der Dunkelheit. Vor Monstern. Vor blöden Kindern, die andere ärgern, auch mich. Oder vor dem Telefon, weil immer dann einer anrief, wenn wir endlich mal Zeit hatten und mit Papa, Mama und meiner kleinen Schwester Nine Monopolly gespielt haben oder Doppelkopf. Wenn das Telefon klingelte, musste Papa meist schnell wegfahren, der ist nämlich Arzt. Und ich dachte: Hoffentlich kommt Papa schnell wieder. Hoffentlich passiert ihm nichts da draußen. Und hoffentlich bringt er mich nachher wenigstens ins Bett Mittlerweile bin ich selbst Papa. Und Pfarrer. Aber der Grundakkord meines Glaubens hat sich nicht verändert. Wenn mich heute einer fragt, wie der wichtigste Satz der Bibel lautet, antworte ich genauso wie mein Papa und genau so, wie es der Engel zu den Hirten sagt: „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst“.

4641 - Familiengottesdienst 6 Steffen GrossDabei gibt es so viel, was uns Angst machen kann. Nicht nur die Monster und die Dunkelheit. Ich denke an Malala, das 17 Jahre alte Mädchen aus Pakistan, das ihr auf den Bildern in eurem Liedblatt seht. Malala setzt sich, seitdem sie 11 ist, für die Rechte von Kindern ein. Sie will, dass alle Kinder in die Schule gehen dürfen. Dass alle gleich behandelt werden, auch die Mädchen, die oft in Malalas Heimat Pakistan wenig zu lachen haben. Was Malala da tut und sagt, das passt vielen Männern nicht. Einige von diesen Männern haben sie vor zwei Jahren beinahe umgebracht. Und was macht Malala? Sie setzt sich weiter für Kinder, vor allem für Mädchen ein. Sie sagt: „Alles was ich will ist Bildung.“ Und „Ich fürchte mich vor niemandem!“ Dieses wunderbare muslimische Mädchen aus Pakistan hat vor ein paar Wochen den wichtigsten Preis der Welt bekommen – den Friedensnobelpreis. Mit 17! Malala ist noch ein Kind. Aber sie fürchtet sich nicht.

4641 - Familiengottesdienst 15Fürchtet euch nicht! Ich denke an die Eltern, die sich dauernd streiten, und die Kinder haben Angst, dass die Familie kaputt geht. An die alten Leute, die sich fürchten, dass niemand sie im Altenheim besucht, nicht mal an Weihnachten. An die Erwachsenen, die sich vor einer schlimmen Krankheit fürchten oder vor dem Tod. An die Familien, die Angst haben, weil einer von Ihnen bei der Bundeswehr ist und Weihnachten im Krieg feiern muss, in Afghanistan zum Beispiel.
Und ich denke in diesen Tagen an die Flüchtlinge, die es mit knapper Not aus dem Krieg und der Not ihrer Heimat herausgeschafft haben. Wer geht schon gern aus seiner Heimat weg? Ich nicht! Und erst recht nicht, wenn gerade alles kaputt geht, das eigene Haus, die Firma oder die Schule. Und dann kommen die Flüchtlinge nach Deutschland, nach Leimen. Sie sind in Sicherheit. Es gibt Wohnungen mit Heizung, etwas zu Essen, Schulen für die Kinder, vielleicht eine Arbeit für die Eltern. Und dann merken sie: es gibt viele Leute in Deutschland, die mögen uns nicht. Die hassen uns. Die wollen uns wieder loswerden. Zu Hause können wir nicht mehr leben, und hier wollen uns manche auch nicht haben. Wenn das nicht zum Fürchten ist…

4641 - Familiengottesdienst 14Unsere Welt, unser Leben, sie sind manchmal zum Fürchten. Übrigens auch für Maria und Josef und das Kind in der Krippe. Die haben keine vernünftige Herberge, kaum etwas zu Essen. Und bald müssen sie nach Ägypten fliehen, weil der böse König Herodes das Jesuskind töten will.

Auch die Hirten fürchten sich. Vor den Berglöwen. Vor den Menschen, die sich nicht riechen können, weil sie halt immer ein bisschen nach Schaf und Feuer stinken. Aber Lammfleisch und Wolle finden dann alle gut …  Und sie fürchten sich vor den Engeln, die da einen Riesenkrach veranstalten und irgendetwas von einem Messias, einem Königskind in der Krippe erzählen und vom Frieden auf Erden.

Und trotzdem: Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht! Ihr Hirten, Maria und Joseph, ihr Flüchtlinge, ihr Polizisten- und Soldatenfamilien. Fürchtet euch nicht, ihr Kranken, ihr Alten, ihr Kinder. Fürchte dich nicht, Malala! Habt keine Angst.

Denn seit dieser Nacht ist alles anders. Als alle Hoffnung am Ende war und die Nacht am dunkelsten, da ist im Stall von Bethlehem der Stern von Bethlehem aufgegangen. Seit Jesu Geburt im Stall ist eine neue Hoffnung in der Welt: Auf Frieden. Auf Essen, Schule, Sicherheit, Arbeit, auf Liebe für alle. Darauf, dass irgendwann Schluss ist mit dem Hass, den Krankheiten, dem Krieg, dem Ärger und der Flucht, der Armut und dem Neid.

4641 - Familiengottesdienst 5 Müller Organist

Michael A. Müller an der Orgel

Und seit dieser Nacht ist die Botschaft für alle in der Welt: Fürchtet euch nicht! Dieses Kind, dass da hilflos und wehrlos und bestimmt auch schreiend und mit vollen Windeln in der Krippe liegt, dieses Kinder wird alles verändern. Alles gut machen. Fürchtet euch nicht! Gott ist da! Nicht immer so, wie wir das gern hätten. Gott ist kein Wunschautomat. Aber Gott ist da, immer und überall. Und er ist bei uns, vor allem, wenn die Nacht am Dunkelsten ist. Heute sieht Gott vielleicht wie ein Flüchtlingskind aus, wie eine Oma im Altenheim oder wie ein Erwachsener, der verzweifelt am Leben. Oder wie Malala… Gott ist mit uns. Fürchtet euch nicht!

4641 - Familiengottesdienst 22

Massud Hosseini an der Gitarre

Übrigens: Für die Hirten hat sich in jener Nacht das Leben verändert. Sie waren immer noch Hirten. Aber nachdem sie das Kind im Stall gesehen hatten, waren sie wie ausgewechselt. Sie haben von dieser Nacht an allen Menschen von Gott erzählt. Davon, das Gott alle Menschen liebt, auch und gerade die, die sonst kaum einer leiden kann. Sie haben erzählt – und sicher auch angepackt: Anderen geholfen. Anderen etwas abgegeben. Frieden gestiftet. Und das alles nur wegen diesem Kind und diesem einen Satz: „Fürchtet euch nicht.“

Heute sind wir die Hirten. Heute sehen wir den Stall und das Kind. Heute begegnet uns Gott. Und er sagt: macht´s genauso! Erzählt von Jesus, vom Frieden und von der Hoffnung. Macht diese Welt ein Stück besser, egal, wie klein oder wie groß ihr seid. Bringt Liebe in die Nacht. Und: Fürchtet euch nicht! Gott ist da.

Wer wollte da nicht Hirte sein? Also: Ärmel aufkrempeln, Mund auf. Gebt die Botschaft weiter, mit allem, was ihr habt. So wie mein Papa damals im Arbeitszimmer: „Fürchtet euch nicht!“ Amen.“

 


Redaktionelle Anmerkung zu den Bilder: Um den Gottesdienst nicht zu stören, wurden die meisten Bilder von der Empore aus und ohne Blitz aufgenommen, worunter die Qualität leidet. Wir bitten um Verständnis.

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