Pflegeakademiker am Krankenbett: Akzeptanz wächst, Strukturen fehlen weiterhin

(grn – 19.5.15) „Flucht“ aus ungeliebten Tätigkeiten am Patienten oder unverzichtbarer Beitrag zur Professionalisierung der Pflege? Die Teilnehmer, die beim fünften Expertengespräch am 8. Mai 2015 an der Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH (BZG) über die Bedeutung der Pflegewissenschaft für die Pflegepraxis diskutierten, sind sich in der Beantwortung dieser Frage einig.

An der Akademisierung der Pflege führt aus Sicht der Experten kein Weg vorbei. Allein um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten und so dem enormen Fachkräftemangel, der sich schon heute abzeichnet, gegenzusteuern, sei es nötig, auch Karrieremöglichkeiten in der unmittelbaren Patientenversorgung zu schaffen. Die wissenschaftliche Fundierung pflegerischen Handelns werde allerdings auch deshalb unabdingbar, weil Pflegesituationen immer komplexer und Verweildauern immer kürzer werden. Zudem würden immer mehr pflegebedürftige und chronisch mehrfach erkrankte Menschen Pflegeleistungen in Anspruch nehmen.

2177 - BZG-Expertengespraech-Senn-Lohr-Reiss

Das BZG Leitungsduo: Schulleiterin Andrea Senn-Lohr und Geschäftsführer Walter Reiß

„Die Verknüpfung von Praxisnähe und wissenschaftlichem Studium ist ideal“, stellte BZG Geschäftsführer Walter Reiß gleich zu Beginn der Veranstaltung fest. Die von ihm gemeinsam mit Schulleiterin Andrea Senn-Lohr geführte Pflegefachschule in Trägerschaft der somatischen GRN Gesundheitszentren Rhein-Neckar gGmbH und des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden(PZN) bietet seit Oktober 2012 parallel zur Berufsausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege ein neunsemestriges Studium an, das zum „Bachelor of Arts in Pflege“ führt. Die steigende Nachfrage von Schulabgängern mit Hochschul- und Fachhochschulreife belegten eindrucksvoll, welch’ wichtigen Beitrag dieses Angebot für die zukünftige Sicherung einer qualifizierten Pflege leisten könne. Reiß, der neben seiner Funktion als BZG-Geschäftsführer auch Pflegedirektor am PZN ist, stellte jedoch auch klar, dass dieses Studiums nicht in erster Linie darauf ausgerichtet sei, Führungskräfte zu produzieren. „Wir statten Pflegende mit einem wissenschaftlichen Instrumentarium aus und qualifizieren sie gleichzeitig für die Praxis,“ erläuterte er.

Schlechte Rahmenbedingungen führen zu Berufsflucht

Als absolut notwendig und unumkehrbar bezeichnete Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, die begonnene Akademisierung in den Pflegeberufen. Mit verhaltenem Optimismus stellte er in dieser Legislaturperiode auch eine neue Ernsthaftigkeit fest, mit der sich die verantwortlichen Politikvertreter den drängenden Zukunftsfragen der Pflege und der Pflegeberufe stellten. Nach jahrelanger Ignoranz zeichneten sich für die größte Berufsgruppe in Deutschland nun auch endlich Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten ab, die diese allerdings intensiver aufgreifen müssten. Gerade im Hinblick auf das neue Pflegeberufegesetz, zu dem bis Sommer 2015 der Referentenentwurf vorliegen dürfte, sei eine kritische Analyse und aktive Stellungnahme der professionell Pflegenden gefragt.

2177 - BZG-Expertengespraech-Gruppe

v.l.n.r.: Anke Begerow (Hochschule f. angew. Wissenschaften Hamburg), Holger Schmitte (Florence-Nightingale-Krankenhaus Kaiserswerth), Andrea Senn-Lohr(BZG), Andreas Westerfellhaus(Deutscher Pflegerat), Prof. Dr. Renate Stemmer (Kath. Hochschule Mainz), Kerstin Kück, (Hochschule f. angew. Wissenschaften Hamburg), Walter Reiß (BZG)

„Das neue Gesetz muss klar regeln, wer was in Zukunft machen soll und es muss auch den akademischen Teil der Ausbildung einheitlich definieren!“, forderte Westerfellhaus. Geschehe dies nicht, so würden gerade die hochqualifizierten Absolventen nach ihrer Ausbildung nicht in den Pflegeberuf gehen, wie es mancherorts bereits jetzt schon zu beobachten sei. „Dabei wollen diese jungen Menschen ja in die Pflege! Sie finden jedoch keine akzeptablen Rahmenbedingungen vor“, beklagte der Referent. Er appellierte an die Teilnehmer sich in ihren jeweiligen Einrichtungen zu engagieren, damit endlich die nötigen Strukturen für mehr Mitbestimmung und Interessenwahrung der professionell Pflegenden geschaffen würden. An der Einrichtung von Pflegekammern nach dem Vorbild von Rheinland-Pfalz führe auf dem Weg zu mehr Selbstverwaltung kein Weg vorbei. Als ein ermutigendes Zeichen des Aufbruchs bezeichnete er die Tatsache, dass sich erstmals 5.000 Vertreter der Berufsgruppe zum Deutschen Pflegetag 2015 in Berlin eingefunden hätten.

Für eine Neuordnung der Aufgaben und Verantwortungen

Für die Entwicklung von Kernkompetenzen seitens des Pflegepersonals im Krankenhaus plädierte Professor Dr. Renate Stemmer, Dekanin für den Fachbereich Gesundheit und Pflege an der Katholischen Hochschule Mainz. „Nur wenn die Aufgaben und Verantwortungen bei der Gesundheitsversorgung neu geordnet sind und die Pflege eigene Ressourcen für die Übernahme von mehr Verantwortung erhält, können die komplexen Herausforderungen der Zukunft gemeistert werden“, so ihre Einschätzung. Sie verwies auf internationale Studien, die den qualitätssteigernden Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegepersonen belegen. Längst sei auch hierzulande die Zeit reif für eine selbstständige Heilkunde, die im Verantwortungsbereich der Pflege angesiedelt ist. Politische Initiativen wie das neue Versorgungsstärkungsgesetz 2015 zeigten, dass ein Umdenken erforderlich sei, um auch weiterhin flächendeckend eine gute medizinische Versorgung sicherzustellen. In diesem Zusammenhang zeichne sich für den Pflegesektor eine Chance ab, bereits in 2008 initiierte, aber nicht weiterverfolgte Modellprojekte mit eigenen Versorgungsaufgaben und weitreichender Handlungsautonomie der Pflege erneut aufleben zu lassen.

ANP-Modell als Brücke zwischen Pflegewissenschaft und -Praxis

2177 - BZG-Expertengespraech-Publikum

v.l.n.r. vorne: Andrea Senn-Lohr (BZG), Prof. Dr. Renate Stemmer (Kath. Hochschule Mainz), Andreas Westerfellhaus (Deutscher Pflegerat), Walter Reiß (BZG), Kerstin Kück, M.Sc. und Anke Begerow, M.Sc. (Hochschule f. angew. Wissenschaften Hamburg)

Wie akademisch ausgebildete und klinisch spezialisierte Pflegende dem Versorgungsbedarf in einem deutschen Krankenhaus gerecht werden, zeigt ein Pionierprojekt am Florence-Nightingale-Krankenhaus in Kaiserswerth bei Düsseldorf. Der Pflegewissenschaftler Holger Schmitte (M.Sc.) berichtete von dem Projekt Advanced Nursing Practice (ANP), im Rahmen dessen er selbst als klinisch tätiger Pflegeexperte seine wissenschaftliche Kompetenz in die Patientenversorgung „am Bett“ einbringe. Das international verbreitete, in Deutschland jedoch bislang kaum aufgegriffene ANP-Modell wurde in diesem Schwerpunktkrankenhaus mit elf Fachkliniken auf Initiative des Pflegedirektors in 2010 eingeführt, um die spezifischen Qualifikationen in der Pflege sinnvoll einzusetzen.

Mit der Ausdifferenzierung der Qualifikationsniveaus und Übertragung von mehr Verantwortung an die ANP-Pflegeexperten verband sich das Ziel, die Pflegepraxis in dem Krankenhaus wirksam, nachhaltig und evidenzbasiert zu gestalten. Nach fünfjähriger Erfahrung hat sich das ANP-Konzept als wegweisendes Bindeglied zwischen Pflegewissenschaft und Pflegepraxis erwiesen. Behindert werde die weitere Verbreitung des Modells in deutschen Kliniken derzeit durch zahlreiche ungelöste Fragen, zu denen die Bezahlung und rechtliche Regulierungen wie auch die Aufgabenzuordnung und Rollendefinition sowie die fehlende Wirkungsforschung gehörten.

Nutzen für den Patienten als Leitidee einer evidenzbasierten Pflege

Gerade mit Blick auf diese „Baustellen“ zeigten die Teilnehmer des Expertengesprächs besonderes Interesse an den Impulsvorträgen von zwei „frisch gebackenen“ Master-Absolventinnen aus Hamburg. Nutzen und Unterschiede des pflegepraktischen und -wissenschaftlichen Arbeitens thematisierte Anke Begerow, die zu 50 Prozent als Master of Science in Pflege an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg und zu 50 Prozent als Krankenschwester in der Universitären Herzzentrum Hamburg GmbH tätig ist. Am Beispiel der Versorgungsanforderungen bei einem Patienten mit akutem Herzinfarkt verdeutlichte sie die Komplexität des pflegerischen Entscheidens und Handelns im Klinikalltag. Um den größtmöglichen Nutzen für den Patienten zu schaffen, gelte es, die pflegewissenschaftliche Generierung von Evidenzen mit dem oftmals intuitiven Handeln in der Pflegepraxis systematisch zu verknüpfen und so evidenzbasierte Pflegeentscheidungen zu gewährleisten.

Kerstin Kück, ebenfalls Master-Absolventin der Hochschule für Angewandte WissenschaftenHamburg, zeigte anhand eines praktischen Beispiels auf, wie wissenschaftliches Arbeiten in der Pflegepraxis umgesetzt werden. „Best practice im Sinne des Patienten muss das Ziel sein!“ so die Pflegewissenschaftlerin mit Grundausbildung zur Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie. Dies setze eine strukturierte Arbeitsweise, die Generierung und Weitergabe von Wissen wie auch die Begründung von Entscheidungen voraus. Bei pflegerischen Fragestellungen, die im Einzelfall durch Standards und Leitlinien nur unzureichend beantwortet werden, empfahl sie selbstgesteuerte Innovationszirkel, Projektgruppen oder Expertenkreise einzurichten. In einem vertrauensvollen Umfeld ohne Wettbewerbsgedanken könnten alte Praktiken überdacht und zeitgemäßes Spezialwissen in der Pflege generiert, dokumentiert und verbreitet werden.

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