Materialseilbahn: Ein monumentales Relikt der Industriekultur weicht dem Rückbau
(fwu – 27.12.25) „O tempora, o mores!“ – möchte man ausrufen, blickt man auf das Schicksal der imposanten Materialseilbahn, die über ein Jahrhundert lang ein technisches Bindeglied zwischen Kalksteinbruch und Zementwerk war. Was einst als ein Paradebeispiel ingenieurtechnischer Zweckmäßigkeit galt, ist nun dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit unterworfen – der Rückbau schreitet fort, die Brückenpfeiler weichen dem Bagger.
Das Foto zeigt ein beredtes Zeugnis dieses Wandels:
Die ehemalige Straßenbrücke der Seilbahn über die Tinqueuxallee in Leimen liegt – entrückt ihrer einstigen Funktion – schräg auf dem Boden. Umgeben von Bauzäunen, das Metall sichtlich gezeichnet vom Rückbauprozess, mutet sie wie ein gestrandetes technisches Fossil an. Der „Halt!“-Charakter des Halteverbotsschilds vor der Brücke wirkt wie eine stille Mahnung an die Vergänglichkeit selbst modernster Bauwerke.
Über 100 Jahre Seilbahn-Geschichte
Die Geschichte dieser Seilbahn beginnt im Jahr 1918 – inmitten des Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg – und endet symbolträchtig im November 2025, gut ein Jahrhundert später. Ursprünglich verband sie den nun stillgelegten Steinbruch Leimen mit dem Zementwerk. Als jener in ein Naturschutzgebiet umgewandelt wurde, übernahm ab den 1960er Jahren der Steinbruch Nußloch die Rohstoffversorgung. Seither transportierte die rund 5,4 km lange Materialseilbahn stündlich bis zu 330 Tonnen Kalkstein ins Werk nach Leimen – und ersparte der Umwelt dabei über 40.000 Lkw-Fahrten jährlich.
Insgesamt 260 Loren bewegten sich in kontinuierlichem Umlauf auf einer Strecke von 11 km (Hin- und Rückfahrt). 2.200 Tonnen pro Schicht – das ist die stolze Förderleistung gewesen. Doch mit der Einstellung der Klinkerproduktion Anfang 2023 wurde auch der Betrieb der Seilbahn obsolet.
Rückbau mit Augenmaß – Denkmalgeschützte Relikte bleiben erhalten
Der Rückbau der Seilbahn begann im November 2025 und ist inzwischen weit fortgeschritten. Die Stahlseile und Loren wurden bereits Monate zuvor entfernt. Gegenwärtig befinden sich die Abrissarbeiten an den Brücken und Stützen, insbesondere in der Tinqueuxallee und in der Nußlocher Bismarckstraße, im vollen Gange.
Das Landesdenkmalamt hat jedoch eingegriffen: Einzelne Bauwerke – wie das spektakuläre 60-Grad-Kurvenbauwerk in Nußloch, die Brücke über die B3 beim Steinbruch und die über den Stralsunder Ring in Leimen – wurden unter Schutz gestellt und sollen als Relikte industrieller Vergangenheit bestehen bleiben.
Mit der Materialseilbahn unterwegs: Kultvideo mit über 122.000 Zugriffen
Es sei an dieser Stelle auf ein überaus eindrucksvolles Zeitdokument verwiesen, das dem technik- und heimatgeschichtlich Interessierten einen unmittelbaren Einblick in das einstige Wirken dieser bemerkenswerten Seilbahn gewährt:
Im Jahre 2015, als der Betrieb der Materialseilbahn zwischen dem Steinbruch Nußloch und dem Zementwerk Leimen noch in vollem Gange war, wurde durch unsere Kameras eine Mitfahrt aufgezeichnet – und zwar in einer der Loren selbst, was für den gewöhnlichen Menschen aus sicherheitstechnischen Gründen stets unmöglich blieb. Diese einmalige filmische Dokumentation erlaubt eine vollständige Fahrt entlang der rund 5,4 Kilometer langen Strecke – von der Beladung der Loren im Steinbruch bis hin zur Entladung im Werk.
Der Film wurde seinerzeit mit dankenswerter Unterstützung von HeidelbergCement realisiert, und ist bis heute auf YouTube in voller Länge abrufbar. Die Resonanz spricht für sich: Mit mittlerweile deutlich über 122.000 Aufrufen erfreut sich das Video großer Beliebtheit und ist zu einer Art nostalgischem Kultobjekt für Technikfreunde und Heimatliebhaber avanciert.
Wer sich also noch einmal bildhaft vergegenwärtigen möchte, mit welch gemächlicher Würde sich die Loren durch die Landschaft bewegten, dem sei diese filmische Reise wärmstens empfohlen. Ein Stück lebendige Industriegeschichte – festgehalten in bewegten Bildern.
P.S.: Bei Minute 3:33 ist kurz der „rasende Reporter“ zu sehen (aber nur für aufmerksame Augen) und bei 5:50 deutlich länger.
Lorenfahrt: Mit der Materialseilbahn von HeidelbergCement von Nußloch nach Leimen
Kurz-URL: https://leimenblog.de/?p=198437















































