Turm-Apotheke Leimen: 50-jähriges Jubiläum 15 Monate nach Generalsanierung

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 4(fwu – 18.12.14) Nur 15 Monate nach der Wiedereröffnung und nach einer Generalsanierung konnten Apothekerin Julia Bittler und Vater Wolfgang Müller in der Turmapotheke das 50-jährige Jubiläum der Apotheke im Haus mit einer kleinen Feier begehen. Die Grüße der Stadt überbrachte Bürgermeisterin Claudia Felden, die die Bedeutung eines lebendigen Stadtkerns und der dort ansässigen Betriebe für die Attraktivität der Gesamtstadt in einer kurzen Ansprache betonte. Für Leimen sei es ein Glücksfall, dass Apotheker Müller mit seinem starken historischen Interesse und seiner Verbundenheit mit der Lokalpolitik die lange Tradition einer Apotheke an dieser Stelle fortsetze.

Den zahlreich erschienenen Gästen, darunter auch Gemeinderat Rudolf Woesch, brachte Leimens ehemaliger Bürgermeister und Ehrenbürger Bruno Sauerzapf in einer launigen Rede  die Entwicklung des Bereiches in Leimens  zwischen Franzosenturm und Straßenbahn innerhalb der letzten 120 Jahre und die der Turmapotheke sodann näher.

Laudatio von Bruno Sauerzapf:

Heute lade ich Sie zu einer Zeitreise ein. Ich will mit Ihnen heute durch Leimen spazieren, insbesondere auf der Straße mit den Schwerpunkten zwischen Franzosenturm und Nußlocher Tor.

Leimen 1894

Tauchen wir in die Geschichte ein. Ende des 19. Jahrhunderts war Leimen ein Dorf mit 1.943 Einwohnern, 232 bewohnten Gebäuden und 416 Haushalten. Ein Haushalt zählte knapp 5 Personen, in einem Gebäude wohnten über 8. Der eigentliche Siedlungsbereich beschränkte sich im Wesentlichen auf den historischen Ortskern östlich der heutigen Rohrbacher Straße, die damals die Hauptstraße war und bis zur Berg-Brauerei führte. Das Zementwerk gab es noch nicht. Es wurde 1896 in Leimen errichtet, weil das alte Werk auf dem Gelände des heutigen Thermalbades abbrannte.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 9Wir beginnen unseren Spaziergang im Jahre 1894 am Franzosenturm. Reste der Festungsmauer kann man gut erkennen, insbesondere den Franzosenturm, heute noch ein Wahrzeichen Leimens. Wenn wir weiter gehen, sehen wir auf der rechten Seite die einzige Apotheke, die bereits am 23. März 1867 von Alfred Felder eröffnet wurde.

1894 wurde zwar noch nach Rezepturen Arzneimittel hergestellt. Durch die Errungenschaften der pharmazeutischen Industrie begann jedoch Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Umstellung der deutschen Apotheke. Anstatt Arzneimittel selbst herzustellen, beschäftigt sich die Apotheke zunehmend mit der Prüfung der Qualität und Identität von Arzneimitteln und der Beratung rund um Arzneimittel.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 11Werfen wir einen Blick in die Apotheke. Hinter einen Tresen steht der Apotheker – eine der wichtigsten Personen im Ort. Auf dem Tresen stehen ein Tiegel, Fachbücher, eine Balkenwaage und natürlich – unverzichtbar – die Kasse. Hinter ihm stehen auf Regalen Behältnisse aus Glas oder Porzellan mit Flüssigkeiten oder Arzneimitteln oder anderen Bestandteilen. Eben kommt ein Bürger mit einer Rezeptur. Der Apotheker prüft nach, ob die Arznei bereits vorrätig ist. Dies ist nicht der Fall, so dass er beginnt, die Arznei zusammenzustellen, mit dem Tiegel Bestandteile zu zerkleinern und danach natürlich den vereinbarten Obolus zu vereinnahmen. Wir verlassen das Apothekengebäude und gehen weiter.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 15Ein älterer Mitbürger erzählt uns vom 12 Meter hohen Bärentor, das in seiner Jugend 1842 abgebrochen wurde, weil die größeren. Fuhrwerke nicht mehr durchfahren konnten. Ein landwirtschaftliches Gehöft bildet den Endpunkt der heutigen Landesstraße. Erst viel später wird die heutige Landesstraße gebaut, zuvor war dort der Bauernhof Rehm und später auch die Tankstelle Diebold mit einer Kfz-Reparaturwerkstätte.

Apropos Fahrzeuge. Die Fuhrwerke fahren von der Rohrbacher Straße aus durch den Ortskern über die heutige Rathausstraße und Nußlocher Straße in Richtung Nußloch. Eine Frau erzählt uns vom einen unglaublichen Ereignisvor 6 Jahren. Am Donnerstag, 2. August 1888 – im Drei-Kaiser-Jahr – fuhr ein seltsames Fahrzeug mit drei Rädern ohne Pferde durch den Ortskern, machte großen Lärm, erschreckte Hunde und Katzen, Pferde scheuten.

Turmapothek Logo 2 - 300x120Auf dem „Kutschbock saß eine Frau mit zwei Söhnen. Es waren Bertha Benz mit ihren Söhnen Eugen und Richard – 15 und 14 Jahre alt. Sie machten die erste Überlandfahrt mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 ihres Mannes Carl Benz auf dem Weg zu ihrer Mutter von Mannheim nach Pforzheim und stellten damit die Leistungsfähigkeit des Wagens unter Beweis. Ein wesentlicher Meilenstein in der Geschichte des Automobils. Ein wahrhaft historisches Ereignis. Leider hatte die Leimener Apotheke geschlossen oder hatte bereits Mittagspause oder es war noch genügend Ligroin (leichtflüchtiges Leichtbenzin) im Tank, denn ansonsten wäre sie wahrscheinlich die erste Tankstelle der Welt geworden. So geht dieses Zertifikat dann an eine Wieslocher Apotheke.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 10Setzen wir unseren Weg fort. Es gibt noch keine „Elektrische“, denn erst am 25. Märt 1901 wurde die Baugenehmigung für die Straßenbahn, das Verwaltungsgebäude und das Depot erteilt. Wir passieren das bereits 300 Jahre alte Gasthaus „Bären“, gehen die gepflasterte Hauptstraße hoch und blicken nördlich auf das Palais Seligmann, das 1802 fertiggestellt wurde. Später war der Erbauer des „Schlosses“ Aaron Elias Seligmann Hofbankier und sanierte die katastrophalen Finanzen des bayrischen Königshauses. 1819 wurde er mit dem Titel „von Eichtal“ in den Adelsstand erhoben.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 141814 – vor 80 Jahren – so erzählen die alten Leimener – verbrachte König Friedrich Wilhelm der II mit seinen Söhnen Friedrich Wilhelm IV und Wilhelm I das Neujahrsfest in Leimen und besuchte das Palais. 1819 wurde während des Rückzugs der russischen Truppen aus Frankreich Zar Alexander im Leimener Schloss empfangen. 1841 erwarb die Gemeinde das Palais, das jetzt Schul- und Rathaus ist. Die Simultanschule hat dort ihren Sitz, die 1876 anstelle der konfessionellen Schulen eingerichtet wurde. Dieses Schulhaus wurde später zu klein, deshalb wurde 1910 das heutige Schulhaus errichtet. 1893 wurden 365 Kinder dort unterrichtet.

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 13Auf dem Platz vor dem Palais stand eine Synagoge, die 1905 von der Gemeinde erworben und abgerissen wurde. Südlich sehen wir eine der Zigarrenfabriken von Leimen, die damalige „Tabakmanufaktur“, die in einem ehemaligen Gasthaus „Der Rote Ochsen“, untergebracht ist. Die Tabakfabriken sind der Schwerpunkt der örtlichen Industrie Auf der Stirnseite erblicken wir die Brauerei, die bereits auf das Jahr 1863 zurückgeht und 2005 wegen mangelnder Rentabilität geschlossen wurde. Neben der Brauerei steht die katholische Kirche, ein Holzbau, der 1727 errichtet und 1921 an die Brauerei als Lager verkauft wurde. Nördlich der Kirche verläuft eine kleine Gasse, an deren steht eine weitere Tabakfabrik steht. Im Jahre 1952 wurde die Kirche abgebrochen, eine Flaschenabfüllanlage entstand.

Wir gehen weiter auf der Nußlocher Straße bis zur Gaststätte „Krone“ (heute „Bürgerhaus am Alten Stadttor“) am ehemaligen Nußlocher Tor und kommen ins „Zigeunerviertel“, benannt nach dem fahrenden Volk, das früher außerhalb der Stadtmauern bleiben musste.

Hier beenden wir unseren historischen Sparziergang.

Blicken wir auf das Jahr 1964

4617 - Turmapotheke Jubilaeum - 8Zwei Weltkriege hinterließen bei den Gebäuden in Leimen wenige Schäden. Viel einschneidender warten die vielen Kriegstoten und durch Kriegsverletzung Schwerbehinderte.

1.600 Heimatvertriebene mussten in Leimen nach dem 2. Weltkrieg integriert werden. Dadurch und durch Zuzug stieg die Einwohnerzahl stieg auf über 7.000.

Neue Baugebiete im Tal und am Berg wurden erschlossen.

Die örtliche Industrie boomte. Das Zementwerk lieferte am 9. Dezember 1964 die ein millionste Tonne Zement aus. Heute sind es ca. 550.000 t – etwas mehr als die Hälfte.

795 - Turm Apotheke 2Das Eternitwerk als größter Arbeitgeber, eröffnet 1955, beschäftigte zeitweise nahezu 1.500 Menschen, heute sind es deutlich weniger.

1964 kam auch das Aus für einen traditionellen Industriezweig. Fabrik Erhard als letzte Tabakfabrik schloss ihre Pforten.

Es gab mehr Einpendler als Auspendler, in Leimen arbeiteten mehr Menschen von außerhalb als Einwohner Leimens außerhalb in den umliegenden Gemeinden tätig waren.

Das Leimener Freischwimmbad feierte seinen 1. Geburtstag. Bürgermeister Otto Hoog konnte am 26. August den 300.000 Badegast in der Badesaison 1964 begrüßen.

Der Apotheker Hartmut Schau eröffnete am 26.10.1964 in der Rohrbacher Straße 3 eine zweite Apotheke, Erwarb 1980 das jetzige Apothekengebäude und verlegte dorthin die Apotheke mit damals neuzeitlicher Gestaltung in das jetzige Gebäude.

Ein kurzer Blick auf Leimen heute

Leimen wurde 1981 zu Stadt ernannt. Mit Beschluss der Landesregierung wurde Leimen am 1. April 1991 Große Kreisstadt. Leimen wuchs auf über 25.000 Einwohner an.  Noch ist immer ist Leimen regional bedeutsamer Gewerbe- und Industriestandort. Ein neues Postverteilungszentrum am Stralsunder Ring entstand erst kürzlich. Das Gewerbegebiet kann erweitert werden. Denn der öffentliche Personennahverkehr ist mit Stadtbus, Bussen und Bahnen sehr gut ausgebaut. Der Stadtkern ist durch die Umgehungsstraßen deutlich entlastet.  Die Stadtkernsanierung macht gute Fortschritte. Durch den Bau des neuen Rathauses wird der Ortsmittelpunkt wieder zum Stadtkern. Allerdings liegt heute Leimen nach der Steuerkraft im unteren Bereich im Vergleich zu anderen Großen Kreisstädten. Deshalb muss jedes Jahr um einen Haushalt gekämpft werden, der auch Investitionen zulässt.

795 - Turm Apotheke 1Am 1. August 2013 übernahm die Apothekerfamilie Julia Bittler/Wolfgang Müller die nunmehr „nagelneue“ Turmapotheke. Noch ein Wort zu Wolfgang Müller. Der Name bürgt für Qualität. Wolfgang Müller ist ein Leimener Urgestein. Er ist mit der Stadthistorie sehr eng verbunden, liebt Leimen und war deshalb auch lange Jahre als Stadtrat mit konstruktiv-kritischen Beiträgen tätig. Dies beweist auch die heutige Ausstellung, die mit viel Liebe zusammengestellt wurde. Dafür herzlichen Dank.

Zum Abschluss zwei Zitate:

1. Zitat von Unbekannt (nicht ganz ernst gemeint): „Der Apotheker ist ein Geschäftsmann, der verhungert, wenn es ihm nicht gelingt, unleserliche Rezepte zu entziffern.“

2. Zitat von Schopenhauer (ernst gemeint): „Die Gesundheit überwiegt alle äußeren Güter so sehr, dass wahrscheinlich ein gesunder Bettler glücklicher ist als ein kranker König.“

Somit haben wir die Aufgabe aller Apotheker: Macht die Könige und Bettler glücklich.“

 

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