Sandhausen: „Nie wieder!“ – Würdiges Gedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg

(cw – 23.11.18) Golden ist der Herbst, nur das umherwehende Laub und die fast kahlen Platanen auf dem Alten Friedhof erinnern daran, dass schon längst November ist. Die Glocken sind verstummt, jetzt spielt der Musikverein Sandhausen ein festliches Menuett von Händel. Für Bürgermeister Georg Kletti ist der Volkstrauertag kein einfacher Termin, wie er selbst bekennt.

Schwierig sei das Gedenken vor allem, weil es kaum noch Zeitzeugen gibt. „Da schweigen Stimmen, die aus erster Hand über die Gräuel und Grausamkeiten des Krieges berichten und aktiv und mit Leidenschaft dafür eingestanden sind, dass es in Deutschland und weltweit keine Alternative zum Frieden gibt“, so Kletti. Umso wichtiger sei es, auch Jugendliche und junge Erwachsene in das Gedenken mit aufzunehmen und ihnen zu vermitteln, dass es beim Volkstrauertag nicht um ein verstaubtes Ritual aus einer fernen Vergangenheit geht, nicht um eine bloße Erinnerungsveranstaltung im Sinne einer Art Familientreffen von und für vergangenheitsorientierte Alte.

Mit Blick auf die Gegenwart betont der Bürgermeister: „Wir gedenken nicht nur jener Menschen, die unter den Deutschen während der finstersten Abschnitte unserer eigenen Geschichte gelitten haben, sondern auch all jener, die bis heute unter bewaffneten Auseinandersetzungen, Terror und Folter leiden und an deren Folgen sterben.“

Um die ungeheure Zahl der Opfer der beiden Weltkriege zu veranschaulichen, fordert Kletti die Zuhörer zu einer gedanklichen Reise quer durch Deutschland ein, von den Allgäuer Alpen bis zur Flensburger Förde, von Selfkant, der westlichsten deutschen Stadt bis Görlitz an der polnischen Grenze. „Stellen Sie sich vor, sie fahren da entlang und treffen niemanden. Keine Menschenseele.“ Sie fahren durch eine Totenrepublik.“ 80 Millionen Tote der beiden Weltkriege, das seien so viele wie heute in der Bundesrepublik Deutschland Menschen leben.

„Kennen Sie Regierungsinspektor Paul Knaack?“ fragt der Bürgermeister die Anwesenden und fährt fort: Der gebürtige Rostocker, der am 26. Dezember 1942 beim Angriff einer sowjetischen Panzerdivision getötet wurde, sei eines der Opfer der beiden Weltkriege. Ein Einzelschicksal von 80 Millionen. „Ein Mensch mit all seinen Hoffnungen, Sorgen. Ängsten und Plänen. Unwiderruflich seiner Zukunft beraubt.“ Ausgewählt hat er den Regierungsinspektor auch deshalb, weil seine Familie sich am Online-Projekt ‚Lichter der Ewigkeit‘ des Volksbunds Deutsche Kriegsgräbervorsorge beteiligt. Denn seinen Angehörigen sei dieser Mensch so wichtig, dass sie ihm lange nach seinem Tod einen Gedenk-Stern bei diesem Projekt gewidmet haben. Klicke man diesen an, so könne man Paul Knaack eine wenig näher kennenlernen und erfahren, dass er dem Krieg offensichtlich kritisch gegenüberstand, sich ihm aber nicht entziehen konnte.

Und der Bürgermeister macht unmissverständlich deutlich: „Die unendliche Trauer und der tiefe Verlustschmerz sind universell. Unerheblich, ob es um Franzosen, Russen, Engländer oder Deutsche geht. Unerheblich, ob es um Syrer, Afghanen, Iraker oder Nigerianer geht. Unerheblich, ob es um Ukrainer, Kurden oder Sudanesen geht. Unerheblich, zu welchem Zeitpunkt – vom Ersten Weltkrieg bis heute.“

Mit Albert Schweitzers Worten bezeichnet er die Soldatengräber als „große Prediger des Friedens“ und schickt hinterher: „Ich wünsche uns, dass weltweit die Menschen in Regierungsverantwortung die stummen Prediger wahrnehmen.“

Der Rathauschef schließt mit den Worten: „Paul Knaack und mit ihm Millionen Soldaten auf beiden Seiten der Fronten mussten ihr Leben geben, um nachfolgenden Generationen zu vermitteln: Nie wieder!“

Nach dem Totengedenken singt der Männergesangverein Germania (B.M.) das ‚Vater unser‘ von Heinrich Lang, bevor Bürgermeister Kletti mit Helmut Scheid und Norbert Berger von der Freiwilligen Feuerwehr den Kranz am Ehrenmal niederlegt und sich davor verneigt.

Das Lied ‚Der gute Kamerad‘ erklingt wie üblich ohne Worte, gespielt vom Musikverein Sandhausen (B.u.). Gemeindediakonin Ute Dumke und Gemeindereferent Thomas Walter bitten um Verzeihung und Frieden und versichern, Gott beschütze jeden Einzelnen – besser als jede Rüstung. Mit dem Stück ‚Letzte Ehre‘ von Hans Hartwig beendet der Musikverein die würdige Gedenkstunde. (heb)

Unter www.lichter-der-ewigkeit.de/ können Sie ein Zeichen zum Gedenken an den Volkstrauertag setzen und den Volksbund Deutsche Kriegsgräber Fürsorge e.V. unterstützen.

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