Schülerreporterinnen-Interview mit Sabine Kuhn über den Leimener Tafelladen

(ogrs – 28.2.2019) Die Klasse 9a der Otto-Graf-Realschule konnte durch ein Projekt eine Spende in Höhe von 500 € an die Leimener Tafel übergeben. Anläßlich dieser Gelegenheit wurden Sabine Kuhn, Leiterin der Leimener Tafel, von SchülerInnen der Klasse zu den Hintergründen der Tafel interviewed: 


Frage: Können Sie uns allgemein etwas über die Tafel erzählen?

Schülerinnen der Klasse 9a der Otto-Graf-Realschule beim Interview mit Sabine Kuhn (l.)

Sabine Kuhn: Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet und aus ihr entstand dann die große Tafelbewegung. Diese umfasst heute fast ganz Deutschland mit insgesamt 940 Tafeln. Dabei sind die einzelnen Tafeln voneinander abhängig und können ohne einander gar nicht existieren. Hinter dem ganzen Tafelsystem steckt ein ausgeklügeltes Netz.

Im Großen und Ganzen muss man sich es so vorstellen: die Bundesverbände werden von den einzelnen Firmen angesprochen, die im Überschuss produziert haben oder kleine Mängel an den Lebensmitteln bestehen, wie zum Beispiel ein abbröckelnder Rand bei einer Pizza, aber auch wenn die Verpackungen nicht einwandfrei aussehen. Diese Lebensmittel werden dann an die Landesverbände der Tafel weitergegeben. Hier bei uns ist es beispielsweise der Landesverband in Stuttgart.

Danach sprechen die Landesverbände die Verteilertafeln an, die Leimener Tafel gehört zu der Verteilertafel in Mannheim, zu der noch 16 andere angehören. Wie man es aus dem Namen schon heraushört, verteilen diese „Verteilertafeln“ dann die Lebensmittel an die Tafeln, die ihnen angehören.

Frage: Wie viele Menschen werden durch die Tafel in Leimen versorgt?

Sabine Kuhn: In Leimen werden durch diese Lebensmittel rund 1600 Menschen versorgt. Jedoch schwankt die Zahl, weil wir immer wieder Ausweise ausstellen und dann Bezugsberechtigte in Arbeit kommen oder die Menschen umziehen und dann nicht mehr kommen.

Frage: Welchen Stellenwert haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter?

Sabine Kuhn: Die Tafeln könnten gar nicht ohne die ehrenamtlichen Helfer bestehen. Hier bei uns in der Leimener Tafel sind es 20 Helfer, die von Montag bis Donnerstag, zusammen ca. 200 Stunden, arbeiten. Hierbei muss man auch bedenken, dass manche Menschen auch noch nebenbei berufstätig sind.  Ich persönlich verbringe rund 10 Stunden wöchentlich in der Tafel, da auch ich auch berufstätig bin. Wenn ich dann mal frei habe, versuche ich so viel wie möglich in der Tafel mitzuhelfen. Da ich auch recht viel von zu Hause aus, auch abends oder spät in der Nacht mache, komme ich fast immer auf 20 bis 30 Stunden Tafelarbeit in der Woche. 

Wie kann man sich einen Tag bei der Tafel konkret vorstellen?

Sabine Kuhn: Hierbei handelt es sich sehr viel um Routine. Der Tag startet um Punkt acht Uhr und schon geht es damit los, dass das „Tafelauto“ und die Lieferanten sich auf den Weg machen und die Lebensmittel von den einzelnen Supermärkten abholen und dann zu der Tafel fahren, um dort zu entladen. Anschließend wird die Ware sortiert und in kleinere Körbe verpackt, die dann in den Verkauf gestellt werden können. Derzeit fährt der Fahrer dann wieder weg und holt die nächste Ladung. Währenddessen sind dann verschiedene Menschen für das Aussortieren von Obst, Gemüse und Brot zuständig. Um zwölf Uhr beginnt die Mittagsschicht und zwei Personen regeln den Empfang sowie den Einlass.

Zu ihren Aufgaben gehört dann das Kontrollieren der Ausweise, Verlängern der Ausweise und die Kontrolle, ob der Kunde überhaupt noch ausweisberechtigt ist. Es kann natürlich immer sein, dass einige Personen nun eine Arbeitsstelle gefunden haben und die dürfen dann natürlich nicht mehr in der Tafel einkaufen, doch leider gibt es immer Menschen, die diese Situation ausnutzen. Dann gibt es noch das Kassenpersonal und zwei Leute, die zum Auffüllen der Ware da sind. Nicht alle Lebensmittel werden schon am Anfang rausgestellt, da sich die Ersten dann natürlich alles nehmen und für die Anderen nichts mehr übrigbleibt, doch das soll natürlich nicht so sein.

Jeder muss fair behandelt werden und auch das Recht haben aus verschiedenen Lebensmitteln zu wählen. Die Kunden dort werden genauso freundlich behandelt wie in jedem Supermarkt, jedoch ist die Auswahl der Produkte eingeschränkt. Der einzige Unterschied zu einem Supermarkt ist, dass es eine Einlasskontrolle gibt. Doch natürlich werden die Kunden genauso wertschätzend behandelt.

Frage: Was können wir als Schüler tun, um die Tafel zu unterstützen?

Marmeladengläser, die im AES-Unterricht gekocht wurden

Sabine Kuhn: Die Otto-Graf-Realschule Leimen ist hier wirklich vorbildlich und sozial wirklich genial. Viele hilfreiche Aktionen kamen bereits von eurer Schule. Die Geldspende, die eure Klasse 9a mit dem Wanderhalbmarathon für uns erlaufen hat, war eine sehr große Hilfe.

Die Produkte, wie die Marmeladengläser oder die Dinkelkissen, die im AES-Unterricht von SchülerInnen der Klasse 8 gefertigt und hergestellt wurden, haben uns ebenfalls sehr gefreut. Genauso waren die Weihnachtsplätzchen-Aktionen eurer Klasse der letzten zwei Jahre eine schöne Bescherung und es haben ja auch schon Schüler bei Edeka-Walter Lebensmittel und Spenden für die Tafel gesammelt. Vorbildlich ist wirklich, dass euch immer etwas Neues einfällt, um unsere Arbeit zu unterstützen.

Frage: Welche Produkte fehlen denn am meisten?

Sabine Kuhn: Haltbare Lebensmittel wie zum Beispiel Mehl, Marmelade oder Zucker. Das große Problem der Tafel ist nämlich, dass dort solche Art von Produkten immer Mangelware sind, da die Geschäfte natürlich selbst ihren Umsatz damit machen wollen. Alles was schnell kaputt geht, also verfault, wird natürlich an die Tafel weitergegeben, bevor sie es wegschmeißen oder teuer entsorgen müssen. Kleider-Spenden sind auch immer willkommen in der Tafel.

Frage: Was ist für Sie persönlich das Schönste an der Arbeit bei der Tafel?

Sabine Kuhn: Vor Ort helfen zu können, treibt mich immer aufs Neue an. Die Teamarbeit mit den anderen Helfern gefällt mir sehr. Die zwischenmenschliche Bindung, die es heutzutage nur noch ganz selten gibt, sieht man in der Tafel täglich aufs Neue. Die Tafelfamilie wuchs mir in den letzten acht Jahren sehr ans Herz.

Frage: Haben sie eine Strategie, wie sie immer mehr Menschen bedienen können?

Sabine Kuhn: Strategien zu entwickeln ist hierbei sehr schwierig. Aber wichtig ist der wertschätzende Umgang mit unseren Kunden. Je wertschätzender wir mit den Kunden umgehen, desto mehr werden wir auch an andere Menschen die auch bedürftig sind, empfohlen. Denn leider ist es heutzutage immer noch so, dass der Unterschied zwischen arm und reich viel ausmacht und so trauen sich manche Menschen, die es eigentlich nötig haben, nicht zur Tafel zu gehen und lieber bis zum Ende des Monats hungern. Die Menschen haben Angst, gesehen zu werden und es muss einfach erreicht werden, dass das Weltbild geändert wird. Man muss sich nicht schämen, wenn man mal Hilfe braucht und das muss man eben allen Menschen vermitteln. Es kann jedem, wirklich jedem Menschen passieren, dass man in so eine Situation kommt und es braucht keinem peinlich zu sein, sich Hilfe zu suchen.

Frage: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Entwicklung der Leimener Tafel?

Sabine Kuhn: Natürlich haben die Menschen der Tafel auch Wünsche und Träume. Ein Wunsch der Tafel konnte jetzt schon erfüllt werden, nämlich das Kühlhaus. Die Tafel sollte einfach wachsen und gedeihen. Aber natürlich ist es auch auf der anderen Seite so, dass die Bedürftigen erst gar nicht in so eine Lage kommen sollten. Jedem von ihnen soll es gegönnt sein, Arbeit zu finden und in den Urlaub zu fahren, aber leider ist das nicht immer möglich. Der Standard der Wertschätzung in der Tafel soll einfach gehalten werden.

Frage: Wie kann es sein, dass der Staat es überhaupt zulässt, dass so viele Menschen in Armut leben? 

Sabine Kuhn: Es ist absolut unverständlich, dass der Staat es überhaupt zulässt, dass so viele Menschen in Armut leben. Die Menschen, die Deutschland nach dem Krieg aufgebaut haben und heute mit einer miserablen Rente leben müssen, haben das in keinster Weise verdient.

Frage: Welche konkreten Entwicklungen erwarten Sie im Hinblick auf das Angebot der Tafel?

Sabine Kuhn: In Zukunft kann man sich auch darauf gefasst machen, dass die Tafel mobilisiert wird. Vielleicht gibt es bald einen „Tafeldrive“, wenn die nötige Unterstützung da ist. Für viele Rentner wird es mit dem Alter immer schwerer die Tafel zu erreichen und dann wäre es eine große Erleichterung, wenn die Lebensmittel einem vor die Haustür geliefert werden. Auch jetzt gerade in der Grippezeit wäre es schön, wenn man eine kleine Hilfe bekäme. Für die zukünftige Entwicklung ist es wichtig, dass es einfach so bleibt wie es ist. Das sich nichts verschlechtert, sondern nur verbessert. Dann muss man auch sagen, dass die Tafel auch gar nicht ohne die großen Discounter weiter bestehen könnte, denn ohne die Lebensmittel könnte nichts mehr zu den geringen Preisen verkauft werden.

Frage: Wie finden Sie die Darstellung der Tafeln in den Medien?

Sabine Kuhn: Die Medien stellen die Lage der Tafel übertrieben und zugespitzt dar, was nicht der Wahrheit entspricht. Sie wird oft im Zusammenhang von Armut, Ausgrenzung und Mangel gezeigt. Eine Tafel ist und war auch immer ein zivilisierter Ort und ein kleiner Supermarkt, wie jeder andere auch. In jedem anderen Supermarkt auch kann es zu Streitereien kommen und man sollte es auf keinen Fall so darstellen, als ob es nur in Tafeln zwischenmenschliche Reiberein gäbe. Leider wird in der Presse vieles recht überspitzt und dramatisiert. 

Liebe Frau Kuhn, herzlichen Dank, dass Sie sich für unsere Fragen so viel Zeit genommen und uns einen interessanten, spannenden Einblick in die Arbeit der Tafel gewährt haben.


Das Interview führten Amoudia Aboulaye, Ornela Shahini, Kady Manneh und Michelle Leibel, SchülerreporterInnen der Klasse 9a der Otto-Graf-Realschule Leimen


 

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