Schuljahresende: Was hilft in der Lese- und Rechtschreibförderung?

Fragen an Prof. Dr. Matthias Grünke, Universität Köln.

Herr Prof. Grünke, wodurch zeichnen sich gute Lerner aus?

903 - Foto Interview GrünkeGrünke: Laut dem „Good Strategy User Model“ lernt man dann gut, wenn man über effektive Lernstrategien verfügt, diese zielgerichtet einsetzt sowie viele Fertigkeiten, wie etwa die Verwendung von Rechtschreibregeln, beherrscht. Und wenn man in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit über längere Zeit einer bestimmten Sache zuzuwenden.

Viele Kinder haben keine Probleme, Lesen und Schreiben zu lernen. Andere jedoch schon. Woran liegt das?

Grünke: Die Ursachen können vielfältig sein. Manche Kinder tun sich hier von Grund auf schwerer als andere. Manchmal kommt dazu, dass einige Mädchen und Jungen in ihrer Vorschulzeit zu selten die Gelegenheit hatten, ihren Eltern beim Vorlesen zuzuhören. Auch zu viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer kann die Entwicklung negativ beeinflussen.

Wie kann es zu solchen Unterschieden kommen? Immerhin haben alle Kinder das gleiche Unterrichtsangebot …

Grünke: Würden alle Kinder einem Leichtathletikverein beitreten und dort regelmäßig die gleichen Trainingsangebote erhalten, wären sie deswegen im Hinblick auf ihre Weitsprung-, Sprint- oder Speerwurfleistungen auch nicht gleich gut. Das besondere Problem beim Sprachunterricht ist, dass es Kinder ohne ausreichende Lese- und Rechtschreibkompetenzen auf Dauer sehr schwer haben werden. Deswegen ist es wichtig, gerade solche Mädchen und Jungen wirksam zu unterstützen, die sich hier in auffallender Weise schwer tun. Mit den richtigen Angeboten könnte man viel erreichen.

Sie haben verschiedene Fördermethoden, die Kindern mit Lese- und Rechtschreibproblemen helfen sollen, miteinander verglichen. Dabei sind Sie zu überraschenden Ergebnissen gekommen …

Grünke: Überraschend sind die Ergebnisse eigentlich nicht. Wenn ich einem Kind zeige, wie es eine Geige halten soll, mit ihm einfache Fingerübungen durchführe, Fehler unmittelbar korrigiere, es nicht überfordere, den Anspruch langsam erhöhe und es für alle Fortschritte ausgiebig lobe, werde ich als Lehrer natürlich erfolgreicher sein, als wenn ich das Kind seinen „eigenen Weg“ entdecken lasse.

Das wird allerdings nicht überall so gehandhabt.

Grünke: Viele Schulen arbeiten nach sehr offenen Methoden und vermeiden in den ersten beiden Jahren direkte Rückmeldungen, um die Mädchen und Jungen nicht zu entmutigen. Einschlägige Studien zeigen, dass sich der Anteil der Kinder mit Lese-Rechtschreibstörungen im Laufe der Jahre dadurch vervielfacht. Überraschend ist das nicht. Wir wissen aus unserer Alltagserfahrung, wie schwer es ist, eine falsche Information aus unserem Kopf herauszukriegen. Haben wir auf einer Party einmal die Namen von Paul und Georg verwechselt, kommen wir vermutlich auch in Zukunft immer wieder ins Grübeln, wenn wir einen der beiden treffen. Besser ist es, Dinge von Beginn an unter kompetenter Anleitung richtig zu lernen, anstatt sich später mühsam umgewöhnen zu müssen. Das gilt für den Sprachunterricht genauso wie für viele andere Lebensbereiche.

Warum schneiden gerade die beliebten Methoden so schlecht ab?

Grünke: Ich würde der Aussage nur bedingt zustimmen, dass beliebte Methoden schlecht abschneiden. Viele Kinder fühlen sich sehr motiviert, wenn jemand da ist, der ihnen ganz konkret etwas beibringt, sie mit lösbaren Aufgaben konfrontiert und ihnen viele Erfolgserlebnisse ermöglicht. Auch intensive Wiederholungen werden von den meisten Mädchen und Jungen im Grundschulalter unter diesen Umständen nicht abgelehnt – im Gegenteil. Außerdem wollen Kinder normalerweise sogar eine Rückmeldung im Hinblick darauf, ob sie etwas richtig oder falsch gemacht haben. Selbst viele Lehrkräfte freuen sich meiner Erfahrung nach, wenn sie auch einmal in den Lernprozess eingreifen und ihren Schülern etwas direkt vermitteln dürfen.

Dieser Lernprozess entspricht jedoch nicht der derzeitigen Modewelle.

Grünke: Von Seiten der Schulpolitik ist ein solches lehrkraftzentriertes Vorgehen nicht angebracht. Stattdessen soll alles handlungsorientiert erschlossen und selbst entdeckt werden. Das klappt bei den meisten Kindern auch. Sie lernen trotz (nicht wegen) der Methode des Lehrers und nehmen von einem solchen Vorgehen keinen Schaden. Bei den weniger begabten ist das anders. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen jemand mit fundierten Lernmethoden unter die Arme greift. Die stark konstruktivistisch ausgerichteten Ansätze schneiden bei diesen Kindern deswegen so schlecht ab, weil sie mit grundlegenden Lernprinzipien in vielerlei Hinsicht ganz krass im Widerspruch stehen.

Das heißt, viele Nachhilfeeinrichtungen benutzen falsche Ansätze, beim Versuch, den Kindern zu helfen?

Grünke: Ja. Nicht jeder Ansatz ist gleich sinnvoll. Manche Methoden schaden mehr als sie nutzen.

Wie sollte Ihrer Meinung nach ein Förderkonzept aussehen, das Schülern mit einer Lese- und/oder Rechtschreibschwäche helfen kann?

Grünke: Die Basis an Forschungsbefunden ist sehr breit und stabil. Ein Wiederholen des Stoffes ist bei solchen Konzepten zentral. Dies ist keine Frage des persönlichen Ermessens. Genauso wenig ist es Ansichtssache, ob man beim Bau einer Brücke die Regeln der Statik beachten sollte oder nicht – auch wenn Menschen ungleich komplexer sind als Gebäude.

Und welche Förderansätze müsste dieses berücksichtigen?

Grünke: Es sind solche Ansätze am effektivsten, bei denen die relevanten Kompetenzen explizit vermittelt, die Hilfestellungen systematisch aufeinander aufgebaut, ausgiebige einschleifende Übungen angeboten, Fehler unmittelbar korrigiert und Fortschritte sehr häufig erfasst werden.

Die Fragen stellte Dr. Gerd Eisenhofer, Leiter des LOS Speyer-Schwetzingen-Wiesloch.

Das LOS veranstaltet am Donnerstag, dem 28.02.2013 um 15.30 Uhr ein Symposium mit Prof. Dr. Matthias Grünke zum Thema „Wirksame Methoden in der Lese- und Rechtschreibförderung“. Veranstaltungsort ist das Palatin Kongresshotel in Wiesloch. Nähere Informationen unter www.LOS-Speyer.de oder beim LOS Speyer (06232/291603).

 

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