1.000 € monatlich für jeden! Prof. Werner erläutert das bedingslose Grundeinkommen

(fwu – 24.1.13) Wenn der Gründer der dm-Drogeriekette, Professor Götz Werner zu der Idee eines Bedingslosen Grundeinkommens („BGE“) spricht, sind die Säle üblicherweise voll. Das Thema ist provokant und in Zeiten von „Hartz 4“ und immer mehr Minijobs aktueller denn je. Die Astoria-Halle in Walldorf war denn auch am Mittwoch abend sehr gut gefüllt, aus der gesamten Region waren Bürgerinnen und Bürger der Einladung der Walldorfer SPD zu diesem Vortrag gefolgt.

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Der Walldorfer SPD Vorsitzenden Roland Porter bei der Begrüßung

Nach der Begrüßung und einer kurzen Einführung in das Thema durch den Walldorfer SPD Vorsitzenden Roland Porter übernahm der inzwischen 68-jährige Prof. Werner das Wort. Über 90 Minuten sprach er frei und pointenreich über sein Menschenbild, daß sich im Laufe seines erfolgreichen Berufs- und Unternehmerlebens gebildet hat und über den Sinn und die Auswirkungen eines Bedingslosen Grundeinkommens.

Der Mensch sei nicht für Wirtschaft da, genausowenig wie Schüler für die Schule oder Studenten für die Universität. Es sei im Gegenteil genau andersherum, so sein Credo. Ohne Menschen gäbe es eben keine Wirtschaft, Schule oder Universität. Sodann griff er ein ehemaliges Wahlkampfmotto der SPD auf, daß „Arbeit sichern“ lautete und an dem er erläuterte, was am gegenwärtigen Gesellschaftsbild grundsätzlich falsch sei. „Arbeit sichern“ sei vollkommener „Blödsinn“ – gemeint sei hingegen „Einkommen sichern“. Arbeit und Einkommen dürften nicht gleichgesetzt werden. Durch das logische Verständnis dieses Unterschiedes ergäbe sich dann automatisch ein anderes, am Menschen ausgerichtetes Weltbild.

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Prof. Götz Werner bei seinem Vortrag

Im Gegensatz zum Tier, sei der Mensch ein ergebnisoffenes System. Eine Giraffe werde immer als Giraffe geboren und sterbe als solche. Sie ist vollkommen determiniert. Doch was aus einem Menschen im Lauf seines Lebens werde, sei völlig offen. Die Spannbreite reiche da vom Straftäter bis hin zu jemandem, dem Denkmäler errichtet werden. Es gäbe kaum etwas Spannenderes als Biographien zu verfolgen oder zu lesen. Der Mensch lebe, ob sich zu entwickeln und die Gesellschaft (und die Parteien!) hätten die Aufgabe, dies zu fördern. Einkommen brauche man zum Leben, Arbeit – nicht nur in der Form der Erwerbsarbeit – um sich zu entwickeln. So übersteige die Menge der ehrenamtlich geleisteten Arbeit die der Erwerbsarbeit sehr deutlich. Es sei diskriminierend, nur die Erwerbsarbeit als solche anzusehen (und in Form von Geld zu entlohnen).

Nur durch Einkommen (nicht durch Arbeit) entstehe Freiheit, was letztendlich bedeutet „Nein“ sagen zu können. Schon Rousseau sagte „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Das Denken in unserer  Gesellschaft hängt der tatsächlichen Entwicklung immer hinterher, das Denken folge mit Verspätung („nach-denken“). Dies hätte z. B. dazu geführt, daß in England nach dem Aussterben der Dampflocks trotzdem noch einige Zeit Heizer auf E-Loks mitgefahren seien.

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Astoria-Halle Walldorf: Ein sehr gut besuchter Vortrag

Der Mensch sei schon lange kein Selbstversorger mit einem Stück Land mehr. Heute herrsche ausschleßlich Fremdversorgung. Nahezu jeder Mensch produziert ausschließlich für andere Menschen. Dies führe erst zu einem Überfluß an Gütern. Löwen hingegen seien Selbstversorger und reißen jeweils nur ein Zebra. Wären sie auch Fremdversorger, würden sie die gesamte Zebraherde reißen.

Als Skandal bezeichnete Werner die Tatsache, daß die öffentliche Hand immer mehr verarme und daß es Kinderarmut gäbe. Es sein an sich unglaublich, daß ein Automechaniker mehr verdiene als eine Erzieherin  unserer Kinder oder die Pflegerin unserer Alten. Die relative Vernachlässigung der Kinder und das Zulassen von Kinderarmut sei Dummheit hoch vier. Altersarmut sei grober Undank gegenüber den Alten, die unser jetziges Leben durch ihre Vorleistungen erst ermöglicht haben. Der 130 Jahre alte Bismarcksche Sozialstaat habe sich überlebt und können in Zukunft nicht mehr für Gerechtigkeit sorgen, so Werner.

Ein bedingsloses Grundeinkommen würde alles positiv verändern, allerdings müsse die Forderung danach aus der Gesellschaft kommen. Politiker würde nur das aufgreifen, was ihre potentiellen Wähler fordern.

Die Frage zur Finanzierung des BGE stelle sich nicht wirklich, es seien ausreichend Güter vorhanden. „Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet Gründe“, so Werner.

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v.l. – n.n., SPD-Vorsitzender Roland Portner, Prof. Götz Werner, stellv. SPD-Vorsitzende Dr. Andrea Schröder- Ritzrau

Auch die potentielle Gefahr, daß mit einem BGE viele Menschen nicht mehr arbeiten würden, sehe er nicht. Man könne den Menschen ruhig etwas zutrauen. Erforderlich sei ein positives Menschenbild das dem Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ folge. Oder wie das dem Freiherren vom Stein zugeschriebene Zitat treffend formuliert: „Zutrauen veredelt den Menschen“. Auch Friedrich Schiller habe es treffend ausgedrückt: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muß warm wohnen, und satt zu essen haben, wenn sich die bessre Natur in ihm regen soll.“

Seinen Vortrag schloß Werner mit der Feststellung, daß er nun dem Publikum genügend Fragen mitgegeben habe, an denen es weiter arbeiten/denken müsse. Die Bereitschaft zum freien Denken sei erforderlich. Fakt sei, daß die Probleme von heute nicht mit den Instrumenten gelöst werden können, die sie verursacht haben.

Im Anschluß an seinen Vortrag beantworte Werner noch Fragen aus dem Publikum, bevor er von Roland Porter als Dank für seinen vorzüglichen Vortrag ein kleines Geschenk überreicht bekam (Pralinen aus Heidelberg!). Porter betonte ausdrücklich, daß Prof. Werner den Vortrag ohne Honorar gehalten habe und nur deshalb der Eintritt kostenfrei gewesen sei. Das Publikum quittierte dies mit langanhaltendem Applaus.

070 - BGE Werner 5Buchempfehlung: Götz W. Werner, Adrienne Goehler „1.000 Euro für jeden – Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen“

„Angst vor zunehmender Armut und Erwerbslosigkeit prägen unsere Gesellschaft. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Der heutige Sozialstaat weiß darauf keine Antwort. Es fehlt an Ideen, die Wende zur Kulturgesellschaft zu gestalten.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein bahnbrechendes Konzept, um dem grundlegenden Wandel von Leben und Arbeit zu begegnen und die Menschen von Existenzangst zu befreien. Einfach, gerecht und finanzierbar! Es schafft Sicherheit und Freiraum für Kreativität und Eigeninitiative, gibt der Arbeit ihren Sinn und den Menschen ihre Würde zurück.

Götz Werner und Adrienne Goehler zeigen, wie das Bedingungslose Grundeinkommen in die Praxis umgesetzt werden kann und wie es den Traum der Französischen Revolution von einer solidarischen Gesellschaft einlöst.“

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1 Kommentar für “1.000 € monatlich für jeden! Prof. Werner erläutert das bedingslose Grundeinkommen”

  1. I_Schmidt

    Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist etwas Gutes!
    Falsch! Um BGE zu zahlen, muss ich anderen Menschen Geld entwenden. Dies ist eine Verletzung des Eigentumsrechts. Es gibt kein Recht auf Kosten anderer bedingungslos versorgt zu werden.
    Wenn eine Lotterie als Gewinn monatliche Rente verspricht, muss man diese erst mal gewinnen. Hat man dieses große Los gewonnen, und die Hürde bis dahin ist hoch, zahlen die anderen die nicht gewonnen haben und weiter spielen jenen Gewinnern monatlich die Rente. Das geht nur so lange gut, wie noch jemand weiter spielt. Das leuchtet ein. Das gute daran, die Spielteilnahme ist freiwillig.
    Beim BGE soll jeder 1.000 Euro bekommen. Das ist dann für die nicht freiwillig, die das BGE erarbeiten müssen.
    Was würde ein Bäcker sagen, wenn er jedem seiner Kunden monatlich ein Brot schenken muss, weil es bedingungslos für jeden herzugeben ist.
    Klar, wenn er muss, dann schlägt sich das auf den Preis für die noch verkauften Brote nieder.

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