Newtimer-Rallye mit Beschleuningungs-„Rennen“ –
Der Sicherheitsgurt war entscheidend!

(fwu – 29.7.26) Früher waren das Gebrauchtwagen. Heute stehen sie geschniegelt und gebügelt (?) auf Oldtimer- oder Youngtimer-Veranstaltungen. Das ist vermutlich der Moment, an dem viele Besucher unauffällig nachrechnen, wann der eigene erste Wagen eigentlich gebaut wurde – und sich anschließend wünschen, nie einen Taschenrechner erfunden zu haben. Denn wer am Samstag bei der 2. Youngtimer-Rallye der Oldtimerfreunde Heidelberg über das Gelände des Weinguts Adam Müller schlenderte, begegnete Fahrzeugen, die früher den Weg zur Arbeit, zum Baumarkt oder zum Familienurlaub bewältigten. Heute werden sie poliert, fotografiert und liebevoll bewundert. So ändern sich die Zeiten.

Als der Alltag „plötzlich“ Kult wurde

„Neulich“ noch im Neuwagen-Showroom, jetzt als Newtimer bei einer Rallye und demnächst dann Oldtimer …

Rund 60 Fahrzeuge gingen schließlich an den Start der Rallye. Schon auf dem Parkplatz wurde klar, wie breit der Begriff „Youngtimer“ inzwischen geworden ist. Da stand ein Wartburg beinahe Stoßstange an Stoßstange mit einem Porsche, ein Maserati parkte neben einem Mercedes W124, BMW der 80er und 90er reihten sich an Volvo, Mini, Audi und Opel. Wer aufmerksam durch die Reihen lief, konnte innerhalb weniger Minuten seine komplette automobile Vergangenheit wiederfinden.

Manche Besucher blieben vor einem silbernen Mercedes stehen und hörte den Satz: „So einen hatte mein Nachbar.“ Zwei Autos weiter folgte meist: „Den bin ich selbst gefahren.“ Und spätestens beim Volvo oder BMW E24 wurde aus Erinnerung plötzlich Wehmut. Früher hätte man diese Fahrzeuge vermutlich noch mit dem Hinweis verkauft: „Hat zwar ein paar Macken, fährt aber zuverlässig.“ Heute bekommt derselbe Wagen Startnummern aufgeklebt und wird fotografiert, als wäre er gerade in Pebble Beach ausgezeichnet worden.

Gerade diese Mischung machte den Reiz aus. Zwischen kantigen Limousinen, eleganten Coupés, offenen Cabrios und sportlichen Kompakten wirkte nichts künstlich zusammengestellt. Es war eher ein rollendes Familienalbum der letzten vier Jahrzehnte.

Vom Wartburg bis zum Maserati

Der Wartburg gehört inzwischen ganz selbstverständlich zur Youngtimer-Familie – auch wenn er schon damals nicht gerade als Neuwagen wirkte.

Besonders schön war dabei die Bandbreite. Der hellblaue Wartburg zog ebenso viele neugierige Blicke auf sich wie die italienischen Sportwagen. Während manche Besucher beim Zweitakter schmunzelnd über frühere Urlaubsfahrten erzählten (mit Höchstgeschwindigkeit Rückenwind), glänzten daneben Porsche, Mercedes SL, Jaguar und Maserati in der Sonne.

Die Mini-Fraktion war stark vertreten – teilweise mit echtem Rallye-Innenleben. Der Sicherheitsgurt wurde hier fast zur eigenen Disziplin.

Dazwischen standen BMW der klassischen Sechszylinder-Generation, Mercedes W124 in sämtlichen Variationen und auffallend viele Minis – vom nahezu serienmäßigen Cooper bis zum kompromisslosen Rallye-Umbau mit Überrollkäfig und Vierpunktgurten. Man konnte problemlos eine halbe Stunde zwischen den Fahrzeugen verbringen, ohne zweimal dasselbe Auto wirklich anzusehen.

Der Volvo mit Rallye-Aufklebern bewies: Nicht immer gewinnt der Schnellste, manchmal der mit den schönsten Geschichten auf der Karosserie.

Auch die Fahrer passten zum Bild. Viele diskutierten über Baujahre, Motorvarianten oder seltene Ausstattungen, andere saßen entspannt im Schatten und tranken ihren Kaffee. Große Hektik war nirgends zu spüren. Wer Youngtimer fährt, hat offenbar gelernt, dass man nicht jeden Moment mit Höchstgeschwindigkeit verbringen muss.

Start mit Kaffee und (alkoholfreiem) Wein – ganz ohne Burnout

Los ging der Tag gemütlich. Beim Weingut Adam Müller warteten Kaffee von Sechs Acht Kaffeeröster, Wein, ein Frühstückssnack und viele Benzingespräche. Um 10.03 Uhr rollte schließlich das erste Fahrzeug Richtung Ilvesheim. Dort mussten die Beifahrer ihre Treffsicherheit beim Werfen kleiner Bälle in Körbe beweisen, ehe es weiter nach Osthofen zum Weingut Groebe ging.

Doch auch dort wartete zunächst Arbeit statt Mittagessen. Erst mussten Fragen zu einer zuvor gezeigten Kiste mit verschiedenen Gegenständen und zur gefahrenen Strecke beantwortet werden. Wer glaubte, einfach nur gemütlich über Landstraßen zu cruisen, wurde freundlich daran erinnert, dass Aufmerksamkeit ebenfalls zur Rallye gehört.

Über Dittelsheim-Heßloch, Wörrstadt, Guldental, Waldlaubersheim führte die Strecke schließlich nach Grolsheim. Dort standen unter anderem eine Abstandsmessung und ein kleiner Geschicklichkeitsparcours auf dem Programm, bevor der Tag mit Siegerehrung und gemütlichem Ausklang endete.

Das vermutlich langsamste Beschleunigungsrennen Deutschlands

Der heimliche Höhepunkt spielte sich allerdings schon am Startgelände ab. Offiziell hieß die Disziplin Beschleunigungs-„Rennen“. Wer dabei an qualmende Reifen, röhrende Motoren oder spektakuläre Starts dachte, musste seine Erwartungen allerdings leicht korrigieren.

Etwa 15 Meter vom Auto entfernt wartete zunächst ein Buzzer. Diesen musste der Fahrer drücken und anschließend möglichst schnell zu seinem Fahrzeug gelangen. Theoretisch also ein Sprint, eine „Rennen“. Praktisch entwickelte sich daraus eher ein zügiger Spaziergang.

Der Grund war einfach: Es ging leicht bergab. Wer tatsächlich losrannte, riskierte kurz vor dem eigenen, liebevoll gepflegten Fahrzeug eine ungewollte Vollbremsung – oder schlimmer noch einen Zusammenstoß mit der eigenen Autotür. Beides wollte verständlicherweise niemand ausprobieren. Also bewegte sich das Starterfeld mit bemerkenswerter Umsicht Richtung Auto. Man hätte fast meinen können, die Teilnehmer seien auf dem Weg zum Sonntagsbraten.

Kaum angekommen, begann die eigentliche Herausforderung. Tür öffnen, einsteigen, Gurt anlegen – und erst dann durfte der Motor gestartet werden. Genau hier entschied sich erstaunlich oft das Rennen.

Denn während moderne Dreipunktgurte meist schnell ihren Platz fanden, entwickelten sich die Vierpunktgurte der Rallyefahrzeuge zu kleinen Geduldsspielen. Besonders beim roten Mini dauerte das Anschnallen deutlich länger als die anschließende komplette Fahrstrecke. Links einrasten, rechts einrasten, Gurte sortieren, Schloss schließen – Motorsport ist eben Präzisionsarbeit.

War der Gurt endlich eingerastet, folgte die eigentliche Beschleunigungsprüfung. Rund 25 Meter Vollgas. Nach zwei oder drei Sekunden war alles vorbei. Die eigentliche Zeit hatten die Teilnehmer also gar nicht im Auto verloren. Sondern davor.

Es war vermutlich eines der wenigen Beschleunigungsrennen, bei dem menschliche Gehgeschwindigkeit und Fingerfertigkeit deutlich wichtiger waren als Hubraum und Pferdestärken. Der Sieger war am Ende nicht zwangsläufig der stärkste Motor, sondern derjenige, der den Sicherheitsgurt ohne Nachdenken erwischte. Ganz nebenbei war die Disziplin auch eine sympathische Erinnerung daran, warum der Sicherheitsgurt überhaupt erfunden wurde. Erst anschnallen, dann losfahren. Eine Regel, die an diesem Tag sogar Zeit kostete – aber eben auch Punkte brachte.

Vom Influencer bis zum Nissan Micra

Mit dabei waren auch die Motorsport-Influencer „Rennsport mit Schnorres – der Motorsport Dennis“ und „Abgasprinzessin“, die das Geschehen begleiteten und für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgten. Am Ende setzte sich in der Gesamtwertung allerdings kein exotischer Sportwagen durch, sondern ein Nissan Micra CC Cabrio aus dem Jahr 2006. Michaela Rosenberg und Kai Rosenberg sicherten sich mit dem kleinen Cabriolet den Gesamtsieg – ein schönes Beispiel dafür, dass bei einer Youngtimer-Rallye nicht die Motorleistung entscheidet, sondern Konzentration, Geschick und ein wenig Gelassenheit.

Die schönste Erkenntnis des Tages

Am Ende blieb weniger der Wettbewerb in Erinnerung als das entspannte Miteinander. Zwischen glänzend polierten Motorhauben, geöffneten Türen und unzähligen Fachgesprächen wurde deutlich, dass Youngtimer inzwischen genau dort angekommen sind, wo früher die Oldtimer standen: Sie erzählen Geschichten.

Und vielleicht war genau das die größte Überraschung dieses Tages. Die Autos, die viele noch als ganz normale Alltagsfahrzeuge kennen, lösen heute dieselben nostalgischen Gefühle aus wie früher ein Käfer oder ein Opel Kapitän. Die Zeit fährt eben schneller als jeder Maserati.

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