Der Spiegelsaal des Palais Seligmann:
Perfekter Abschluß eines Stadtrundganges

(fwu – 26.3.26) Nach der historischen Stadtführung ging es für die Teilnehmer in den Spiegelsaal des Palais Seligmann, wo Leimens Stadtsprecher Michael Ullrich, in der Rolle des Aron Elias Seligmann, noch einen ebenso kenntnisreichen wie humorvollen Zusatzvortrag hielt. Damit bekam der Rundgang einen stimmigen Abschluss genau an dem Ort, der mit der Geschichte des Hauses besonders eng verbunden ist.

„Piano-Duo Natalia & Thomas“ – Natalia Jacob-Apers und Thomas Wagner am Chembalo im Spiegelsaal (2023)

Eine besondere Überraschung war das kleine Konzert, das am Beginn des Vortrages stand und von dem bekannten „Piano-Duo Natalia & Thomas“ (Thomas Wagner und Natalia Jacob-Apers) bestritten wurde. Besonderheit: Sie spielten auf einem Klaviervorläufer, dem Chembalo/Spinett boten zudem eine echte Überraschung:  Sie spielten das Badnerlied – wohl als Welturaufführung auf diesem Musikgerät! 

Ullrich widmete sich dabei nicht nur der Wirkung des Raumes, sondern auch seiner Entstehung und seinen bis heute nicht vollständig geklärten Geheimnissen. Nach seinen Erläuterungen dürfte mit dem Bau des Hauses etwa um 1795 begonnen worden sein. Sicher sei, dass es 1802 fertiggestellt war. Überliefert sind Baukosten von 80.000 Gulden – eine Summe, die auch heute noch beeindruckt. Zum Vergleich führte Ullrich an, dass ein gewöhnliches Haus für eine damals übliche 15- bis 20-köpfige Familie lediglich etwa 500 bis 800 Gulden gekostet habe. Selbst ein hoher Staatsbeamter habe um 1800 im Jahr nur etwa 1.000 bis 1.200 Gulden verdient. Dass Aron Elias Seligmann eine solche Summe allein für dieses Haus aufwenden konnte, zeige den außerordentlichen Reichtum des Bauherrn. Umso bemerkenswerter sei, dass Seligmann selbst nie in diesem Haus gewohnt habe. Er war bereits 1799 nach München gegangen, um dort die Finanzierung des bayerischen Kurfürsten und späteren Königshofs zu übernehmen.

Besonders eindrucksvoll waren die Ausführungen zu den Malereien im Spiegelsaal. Ullrich erklärte die sogenannte Präsenz- oder Illusionstechnik, bei der Hintergrund, Farbgebung und Schattenwurf so angelegt sind, dass beim Betrachter ein fast dreidimensionaler Eindruck entsteht. Wer diesen Effekt nicht sehe, müsse sich nicht wundern: Ein Teil der Menschen könne dies aufgrund der Beschaffenheit des Auges schlicht nicht wahrnehmen. Gerade diese malerische Wirkung trage aber wesentlich zum besonderen Charakter des Saales bei.

An mehreren Bildmotiven erläuterte Ullrich dann die mythologischen Darstellungen des Raumes. So sprach er über Kastor und Pollux, die in der antiken Überlieferung als Sinnbild der Unzertrennlichkeit gelten. Der eine als göttlicher, der andere als sterblicher Bruder – verbunden über den Tod hinaus. Aus der Klage des einen um den anderen sei schließlich jene Erzählung entstanden, nach der beide im Wechsel zwischen Unterwelt und Götterwelt verbunden bleiben. Auch astronomisch habe diese Geschichte ihren Nachhall gefunden, denn selbst ein Sternbild trage ihre Namen.

Deutlich tragischer wurde es bei der Darstellung von Kaunos und Byblis. Ullrich schilderte die Geschichte der Schwester, die sich in ihren Bruder verliebte – nach griechischem Verständnis ein striktes Tabu. Der Bruder habe sie zurückgewiesen und sei geflohen, während Byblis aus Gram und Tränen schließlich zugrunde gegangen sei. In einer Überlieferung wird sie zur Quelle oder Flussnymphe, in einer anderen endet ihre Geschichte noch düsterer. Dieses Bild stehe damit für unerfüllte Liebe. Zugleich merkte Ullrich mit seinem typischen Humor an, dass die Häufung unbekleideter oder halbbekleideter Frauenfiguren in der Malerei des 19. Jahrhunderts möglicherweise nicht nur rein bildungsgeschichtliche Gründe gehabt habe.

Auch die Gemälde über den Türen und weitere Darstellungen im Raum nahm Ullrich in den Blick. Dort finden sich unter anderem Szenen eines antiken Hochzeitszuges mit Figuren wie Dionysos, Ariadne und Saturn. Selbst in diesen Beschreibungen fehlte der augenzwinkernde Ton nicht. Einige der Gestalten wirkten, so Ullrich, nicht mehr ganz nüchtern, während Ariadne vorschriftsmäßig auf ihrem Wagen sitze, gezogen von Ziegenböcken – warum gerade diese Tiere, ließ er bewusst offen.

Ein weiterer Schwerpunkt war die aufwendige Restaurierung des Spiegelsaals. Alles in diesem Raum sei gemalt, selbst dort, wo es wie plastischer Stuck oder massive Architektur wirke. Die Wandbespannungen und Bilder seien äußerst empfindlich. Wer unvorsichtig dagegenstoße, könne Schäden verursachen, deren Behebung schnell in den fünfstelligen Bereich gehe. Entsprechend bat Ullrich darum, Abstand zu den Wänden zu halten. Bei der Sanierung habe man zudem festgestellt, dass die Bilder bei einer früheren Renovierung im Jahr 1962 vertauscht worden waren. Erst die Restauratoren hätten diesen Fehler erkannt und korrigiert.

Mit sichtbarer Genugtuung schilderte Ullrich auch, wie sehr der Raum früher unter weniger glücklichen Eingriffen gelitten hatte. Türen und andere Elemente seien zeitweise in Farben gestrichen gewesen, die mit dem historischen Zustand nichts mehr zu tun hatten. Erst durch die umfassende Restaurierung sei es gelungen, den ursprünglichen Farbcharakter wiederherzustellen. Anhand alter Farbfunde und freigelegter Spuren seien verschiedene Grüntöne geprüft worden, bis man den ursprünglichen Farbton an Fenstern und Türen wieder bestimmen konnte. Sogar eine bewusst nicht restaurierte dunklere Stelle sei im Raum belassen worden, damit Besucher den Unterschied zwischen dem früheren und dem heutigen Zustand unmittelbar erkennen können.

Die Sanierung des Raumes habe rund zwei Millionen Euro gekostet, berichtete Ullrich. Finanziert worden sei sie zu großen Teilen durch die Denkmalstiftung, das Land und Toto-Lotto Baden-Württemberg. Angesichts des heutigen Ergebnisses sei dieses Geld, so der Eindruck des Vortrags, sehr gut angelegt gewesen. Früher war der Saal über Jahre hinweg auch als Sitzungszimmer des Gemeinderats genutzt worden. Entsprechend hätten nicht nur Möbel und Nutzungsspuren, sondern auch Zigarrenrauch und die allgemeine Beanspruchung dem Raum stark zugesetzt.

Zum Ende des Vortrags verband Michael Ullrich seine historischen Erläuterungen erneut mit trockenem Humor. Wenn jemandem seine Ausführungen nicht gefallen hätten, möge er das bitte für sich behalten, bemerkte er augenzwinkernd. Tatsächlich war der Eindruck im Saal ein anderer: Der Vortrag wurde mit viel Beifall aufgenommen. Auch von Seiten des Kulturnetzwerks und der weiteren Beteiligten gab es Dank für die lebendige Darstellung, die historische Genauigkeit und den unterhaltsamen Ton. So wurde der Spiegelsaal an diesem Tag nicht nur als architektonisches Schmuckstück erlebbar, sondern auch als ein Ort, an dem Stadtgeschichte auf anschauliche und vergnügliche Weise erzählt werden kann.

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