Große Schritte für die Langsamsten der Welt: Schildkrötenhaus macht Fortschritte

(zoo – 4.7.26) Große Baustellen haben etwas Beruhigendes. Jeden Tag sieht alles ein klein wenig anders aus – mal steht eine Wand, mal verschwinden Gerüste, mal tauchen plötzlich Rohre auf, deren Zweck vermutlich nur Eingeweihte kennen. Im Zoo Heidelberg wächst derzeit genau so ein Bauprojekt heran: das neue Schildkrötenhaus. Und obwohl seine künftigen Bewohner eher für gemächliches Vorankommen bekannt sind, geht es auf der Baustelle erstaunlich flott voran.

Der Rohbau steht – jetzt beginnt der Holzbau

Wo bis vor wenigen Monaten noch eine Baugrube das Bild bestimmte, erhebt sich inzwischen ein massiver Neubau. Das Betondach ist fertiggestellt, das Gerüst umspannt nahezu das gesamte Gebäude, und zwischen Backsteinwänden und Stahlrohren herrscht geschäftiges Arbeiten. In dieser Woche beginnt der Holzbau – ein weiterer sichtbarer Schritt auf dem Weg zum neuen Zuhause der Riesenschildkröten.

Die eigentliche Herausforderung versteckt sich allerdings hinter den Mauern. Rund 20 Gewerke und mehrere Fachplanungsbüros müssen ihre Arbeiten genau aufeinander abstimmen. Heizung, Lüftung, Wasser- und Elektroinstallation folgen in den kommenden Bauabschnitten. Von außen wirkt das Gebäude dabei fast nüchtern – innen entsteht jedoch ein technisch anspruchsvolles Haus mit dauerhaft tropischem Klima.

Mehr als nur ein Zuhause für Schildkröten

Das neue Gebäude soll weit mehr werden als ein Stall für große Panzerträger. Besucher erwartet künftig ein ganzjährig zugänglicher Ausstellungsbereich, der sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt. An neun Terrarien werden verschiedene Lebensräume vorgestellt – von bedrohten Inselökosystemen über alpine Regionen bis hin zu heimischen Feuchtgebieten, die zunehmend unter Trockenheit leiden.

Auch Tierarten, die von steigenden Temperaturen profitieren, finden ihren Platz. So werden unter anderem Italienskorpione und Mauergeckos zeigen, wie sich manche Arten immer weiter nach Norden ausbreiten. Ein Thema, das sich nicht nur in Lehrbüchern beobachten lässt, sondern inzwischen auch in manchen Gärten und an sonnigen Hauswänden.

Die Rückkehr der sanften Riesen

Besonders gespannt wartet das Zoo-Team auf vier alte Bekannte. Seit dem Sturmschaden im Februar 2022 leben die Aldabra-Riesenschildkröten vorübergehend im Zoo Prag. Damals hatte ein umgestürzter Baum große Teile des früheren Schildkrötenhauses zerstört. Nach dem Abriss des alten Gebäudes im Sommer 2025 begann schließlich der Neubau.

Im neuen Haus erwartet die Tiere eine großzügige Innenanlage mit Temperaturen zwischen 22 und 25 Grad Celsius, speziellen UV-Strahlern, einer Luftbefeuchtungsanlage und einem geräumigen Badebecken. Ergänzt wird die Anlage durch einen Außenbereich. Kurz gesagt: ein Umzug, bei dem niemand selbst Kartons schleppen muss (was bei Schildkröten vermutlich ohnehin etwas länger dauern würde).

Viel Eigenleistung auf der Baustelle

Nicht alles wird von externen Firmen erledigt. Zahlreiche Arbeiten übernimmt das Team des Zoos selbst. So entstehen die künstlichen Felsen für die Tieranlagen in Eigenleistung. Gemeinsam mit Bundesfreiwilligen-Dienstleistenden werden sie aus Spritzbeton modelliert – eine Arbeit, die handwerkliches Geschick ebenso verlangt wie ein gutes Auge dafür, wie Felsen in der Natur tatsächlich aussehen.

Wer derzeit an der Baustelle vorbeikommt, hört das typische Klirren von Gerüstteilen, das Surren von Maschinen und gelegentlich das Hämmern der Handwerker. Zwischen Kabelrollen, Baumaterial und den Gerüstebenen lässt sich bereits erahnen, wie der neue Themenbereich einmal wirken wird – auch wenn momentan noch mehr Beton als Tropenklima zu sehen ist.

Ein Haus für jede Jahreszeit

Mit dem Neubau gewinnt der Zoo nicht nur ein modernes Zuhause für seine Riesenschildkröten. Gerade in den Wintermonaten soll das Gebäude den Besuchern zusätzliche Möglichkeiten bieten, Tiere unabhängig vom Wetter zu beobachten. Gleichzeitig erweitert der Zoo seinen Bestand um zahlreiche Reptilien, Amphibien und Wirbellose und verbindet Tierhaltung mit Umweltbildung.

Bis die ersten Riesenschildkröten wieder gemächlich durch ihre neue Anlage ziehen, sind zwar noch einige Bauabschnitte zu bewältigen. Doch der Rohbau zeigt bereits deutlich, dass aus einer Baustelle Schritt für Schritt wieder ein Ort entsteht, an dem künftig nicht nur die größten Landschildkröten der Welt einziehen, sondern auch viele Besucher ein wenig länger verweilen dürften – vermutlich deutlich schneller unterwegs als ihre zukünftigen Gastgeber.

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