Von der Acht zur Unendlichkeit –
Das Denkmal für Rudi Sailer steht schon

(fwu – 29.6.26) Eigentlich hätte man über Rudi Sailer in den vergangenen Tagen kaum noch ein neues Wort verlieren müssen. Es wurde geschrieben über seine legendäre Froschsammlung, über die Orgel, über den unermüdlichen Einsatz für Musik, über Tennis, Troubadoure, Freundschaften und unzählige Ehrenämter. Fast hatte man den Eindruck, es sei bereits alles erzählt worden.

Und dann lag da gestern auf den Tischen im italienischen Landgasthof Il Duetto in Sandhausen-Bruchhausen eine unscheinbare kleine goldene Papierdekoration. Eine stilisierte „80“. Nett gedacht, hübsch anzusehen – bis man den Kopf einmal um 90 Grad nach links neigt. Plötzlich wird aus der Acht das Symbol der Unendlichkeit. Darüber bleibt die Null stehen. Also von Null bis Unendlich. Ein Zufall? Vielleicht. Aber manchmal schreibt das Leben die besseren Metaphern.

Denn genau das beschreibt Rudi Sailer vermutlich besser als jede Festrede: Mit 80 ist bei ihm nichts zu Ende. Er schaltet lediglich in einen anderen Betriebsmodus um. Von der Acht zur Unendlichkeit.

Ein Rekord, den vermutlich niemand mehr einholt

Manchmal lohnt sich ein Blick ins eigene Archiv. Der LeimenBlog begleitet das Stadtgeschehen inzwischen seit anderthalb Jahrzehnten. Dutzende Artikel mit Hunderten Fotos und unzählige Menschen haben darin ihren Platz gefunden.

Natürlich tauchen Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeister und Bürgermeister regelmäßig auf. Das gehört zu ihrem Beruf. Sie werden – vereinfacht gesagt – dafür bezahlt, öffentliche Aufgaben wahrzunehmen. Deshalb gehören sie bei dieser kleinen Statistik nicht in dieselbe Kategorie.

Interessant wird es erst bei den Ehrenamtlichen.

Nach Durchsicht unseres Archivs gibt es im gesamten Stadtgebiet in den vergangenen fünfzehn Jahren keinen Menschen, der häufiger Thema im LeimenBlog war als Rudi Sailer. Keine andere Persönlichkeit wurde mit so vielen Berichten, Reportagen, Leitartikeln und Fotos begleitet. Das ist kein Zufall. Es liegt schlicht daran, dass Rudi überall dort auftaucht, wo Menschen zusammenkommen. Wo musiziert wird. Wo geholfen wird. Wo Vereine leben. Wo Ideen entstehen. Oder wo eine überdimensionale Geburtstagstorte plötzlich den Raum betritt.

Es ist ein Rekord, den man sich nicht kaufen kann und für den es keine Medaille gibt. Er entsteht ausschließlich durch jahrzehntelanges Herzblut.

Wenn Leidenschaft zu Hardware wird

Manche Menschen hinterlassen Erinnerungen. Andere bauen Häuser. Rudi Sailer hat zusätzlich noch etwas ganz Handfestes hinterlassen. Seine legendäre Froschsammlung war einst die größte ihrer Art weltweit und schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde. Inzwischen ist sie nicht mehr bloß eine private Leidenschaft, sondern dauerhaft im Froschmuseum im norddeutschen Büchen installiert. Das ist gewissermaßen die Hardware seines Lebenswerks.

Während Erinnerungen verblassen können, stehen dort tausende Frösche dauerhaft an ihrem Platz. Wer das Museum besucht, begegnet damit auch ein Stück Rudi Sailer – selbst wenn dieser gerade irgendwo anders mit einem Akkordeon, einer Geburtstagstorte oder einer neuen Idee beschäftigt sein sollte.

Die eigentliche Unendlichkeit beginnt bei den Menschen

Viel bedeutender als jede Sammlung ist allerdings das, was sich gar nicht zählen lässt.

Wie viele Kinder und Jugendliche haben durch ihn überhaupt erst ein Akkordeon in die Hand genommen? Wie viele musizieren heute noch, weil Rudi ihnen irgendwann die Freude daran vermittelt hat? Gestern saßen viele von ihnen wieder zusammen und spielten für ihren ehemaligen Lehrer – inzwischen selbst Erwachsene, manche längst Musikpädagogen. Es sind diese Momente, in denen Jahrzehnte plötzlich hörbar werden.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Begeisterung für die Kirchenmusik. Wer jemals erlebt hat, mit welcher Hingabe Rudi an der Orgel sitzt, versteht schnell, warum Musik für ihn nie bloße Unterhaltung war, sondern immer auch Gemeinschaft bedeutete.

Und dann ist da noch ein Engagement, über das viel zu selten gesprochen wird.

Seit Jahrzehnten fährt Rudi gemeinsam mit seinen Mitspielern an Heiligabend in die Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Während viele von uns an diesem Abend bereits unter dem Weihnachtsbaum sitzen, erklingt dort Akkordeonmusik für Menschen, die Weihnachten hinter Gefängnismauern verbringen müssen.

Es ist ein Einsatz, der dort beginnt, wo viele andere lieber wegschauen. Generationen von Häftlingen haben diese Konzerte erlebt. Niemand wird jemals berechnen können, wie viele Menschen dadurch wenigstens für eine Stunde Hoffnung, Trost oder einfach ein Stück Normalität erfahren haben.

Vielleicht ist genau das die wahre Unendlichkeit.

Auch auf dem Tennisplatz wurde Geschichte geschrieben

Musik allein hätte Rudi vermutlich ohnehin nicht ausgelastet. Auch im Sport hat er Spuren hinterlassen. Tennisgruppen wurden gegründet, Menschen zusammengebracht und Freundschaften geknüpft, die weit über den Sport hinausreichen. Wer Rudi kennt, weiß ohnehin: Für ihn war ein Verein nie bloß ein Ort zum Trainieren. Es ging immer um Begegnungen, um Gemeinschaft und – ganz nebenbei – darum, nach dem Sport noch ein bisschen zusammenzusitzen. (Manchmal dauerte dieses „bisschen“ länger als das eigentliche Match.)

Ein Denkmal aus Stein? Braucht es gar nicht.

Früher errichtete man verdienten Persönlichkeiten Denkmäler aus Bronze oder Granit. Heute existiert eine andere Form der Erinnerung. Rudi Sailer braucht kein Standbild auf einem Marktplatz. Er hat sich sein Denkmal längst selbst gebaut.

Wer die Archive des LeimenBlogs durchblättert, stößt immer wieder auf seinen Namen. Mal dirigiert er. Mal spielt er Akkordeon. Dann organisiert er Veranstaltungen, überrascht Jubilare mit einer gigantischen Torte, sammelt Frösche oder sorgt irgendwo dafür, dass etwas funktioniert.

Diese monumentale Sammlung an Berichten ist inzwischen selbst zu einem Denkmal geworden. Digital. Dauerhaft. Öffentlich zugänglich. Das Internet vergisst bekanntlich wenig. In diesem Fall ist das eine ausgesprochen schöne Eigenschaft.

Ein Geburtstag voller Musik und Weggefährten

Rund fünfzig Gäste waren der Einladung in den italienischen Landgasthof Il Duetto gefolgt. Familienmitglieder, Freunde, langjährige Weggefährten und Vereinskameraden füllten den Gastraum und später auch die schattige Terrasse. Draußen flimmerte die Julisonne über den Weinreben, drinnen klirrten Gläser, wurden Hände geschüttelt und Erinnerungen ausgetauscht.

Den musikalischen Auftakt machte bereits gegen halb zwölf der Musikverein Sandhausen mit einem Ständchen. Später folgten weitere Gratulationen. Bürgermeister Hakan Günes ließ es sich nicht nehmen, persönlich zu gratulieren. Für die Partnerschaft St. Ilgen – Tigy sprach der Kassenwart Marc Grothues, für die Troubadoure Gründungsmitglied Michael Reinig und für die Tennisfreunde Hans Hofreiter. Jeder brachte seine eigenen Erinnerungen mit – und fast jede begann mit einem Satz, der sinngemäß lautete: „Weißt du noch damals…“

Besonders persönlich wurde es, als eine ehemalige Schülerin, heute selbst Musiklehrerin, ein eigens umgetextetes Lied zur Melodie von Aux Champs-Élysées vortrug. Der Saal hörte aufmerksam zu, viele summten leise mit, und spätestens jetzt war klar, wie viele Menschen Rudi im Laufe seines Lebens geprägt hat. Natürlich durfte auch der Akkordeonverein Walldorf-St. Ilgen nicht fehlen. Als die Instrumente erklangen, war das fast so etwas wie ein großes Familientreffen – nur eben mit deutlich mehr Balginstrumenten.

Zwischendurch griff Rudi selbst immer wieder zum Mikrofon beziehungsweise zu seinen vorbereiteten Notizen. Er bedankte sich herzlich für die vielen Geschenke, die liebevollen Würdigungen und die zahlreichen Wegbegleiter. Doch wer Rudi kennt, weiß: Aus einem einfachen Dank wird bei ihm schnell eine kleine Geschichte. So erzählte er Anekdoten aus vergangenen Jahrzehnten, erinnerte an gemeinsame Erlebnisse und sorgte immer wieder für Schmunzeln im Saal.

Die wohl meistfotografierte Torte der Stadtgeschichte

Wer Rudi kennt, kennt auch seine Bauschaum-Torten. Seit Jahren überrascht er Geburtstagskinder, Jubilare und Vereinsfreunde mit seinen aufwendig gestalteten Riesentorten, versehen mit Wunderkerzen, Musik und – meistens – einem Akkordeon im Gepäck.

Diesmal stand die Torte ausnahmsweise für ihn selbst im Mittelpunkt. Mehrstöckig, dekoriert und gekrönt von einer stilisierten Tempo-80-Tafel mit seinem Namen – ein Motiv, das vermutlich häufiger fotografiert wurde als manches historische Gebäude.

Es ist durchaus eine charmante These: Kein Kirchturm, kein Rathaus und kein anderes einzelnes Objekt dürfte in den vergangenen fünfzehn Jahren im LeimenBlog häufiger abgebildet worden sein als Rudis legendäre Geburtstagstorten. Sie sind längst selbst ein kleines Stück digitaler Stadtgeschichte geworden.

Und was, wenn Peter Diamandis recht behält?

Technologie-Vordenker wie Peter Diamandis vertreten die These, dass in den kommenden Jahrzehnten gewaltige Fortschritte bei der biologischen Verjüngung möglich werden könnten. Ob und wann sich diese Vision tatsächlich erfüllt, weiß heute niemand. Aber nehmen wir einmal an, die Forschung überrascht uns schneller als gedacht. Dann würde sich irgendwann vielleicht Rudis biologische Hardware seiner längst vorhandenen unendlichen Software anpassen. Wer weiß? Vielleicht treffen wir uns im Jahr 2056 wieder irgendwo zwischen Akkordeonorchester, Tennisplatz und Geburtstagstorte und berichten über Rudis neuesten Einsatz für die Stadt. Ganz ausschließen sollte man das inzwischen wohl nicht mehr.

Ein persönlicher Pakt

Lieber Rudi, wir beide haben viele Stunden gemeinsam auf dem Tennisplatz verbracht. Heute zwingen dich ein paar Zipperlein zu kleineren Pausen – etwas, das man mit 80 vermutlich gerade noch entschuldigen kann. Deshalb schließen wir hier öffentlich einen kleinen Pakt.

Halte einfach noch ein bisschen durch, bis die Wissenschaft vielleicht tatsächlich die berühmte „Longevity Escape Velocity“ erreicht. Dann lassen wir uns beide verjüngen, stehen als gefühlte Dreißigjährige wieder auf dem Tennisplatz und jagen die gelbe Filzkugel übers Netz, als wären die vergangenen Jahrzehnte nur eine etwas längere Satzpause gewesen. Und falls das doch nicht klappt, spielen wir eben etwas langsamer.

Von Herzen alles Gute – und bitte genauso weitermachen

Auch wir gratulieren Rudi Sailer danz herzlich zum 80. Geburtstag. Vor allem wünschen wir ihm Gesundheit, Freude und die Neugier, die ihn seit Jahrzehnten antreibt. Denn solange sich diese kleine goldene Acht auf den Geburtstagstischen zur Unendlichkeit drehen lässt, solange wird Rudi Sailer vermutlich weiterhin dort auftauchen, wo Menschen Musik machen, sich engagieren, gemeinsam lachen oder einfach Hilfe brauchen.

Und wir haben das angenehme Gefühl, dass wir noch viele, viele weitere Artikel über ihn schreiben dürfen. Am liebsten natürlich wieder mit einer überdimensionalen Torte im Bild.

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