Infektionskrankheiten – ein Blick in die regionale Vergangenheit während Corona-Zeiten

(von Oliver Mohr, M.A. – 20.4.20)  Seuchen beeinträchtigten seit Jahrhunderten das Leben und sind erst seit wenigen Jahrzehnten als existenzielle Bedrohungen aus dem Bewusstsein der Menschen – zumindest in der westlichen Welt – verschwunden. Dass das Gefühl, Infektionskrankheiten dank einer immer leistungsfähigeren Medizin im Griff zu haben, zu optimistisch war, wissen wir nun seit März 2020, als die weltweite, bisher als weit entfernt wahrgenommene, aber zusehends über Italien und Österreich immer näher kommende Corona-Pandemie auch Deutschland mit voller Wucht traf.

Der letzte größere Ausbruch einer tödlichen Seuche ereignete sich in unserer Region vor gut 60 Jahren. Während der „Heidelberger Pockenfälle“ im Dezember 1958 erlagen zwei Menschen dieser Krankheit. Auslöser der Pockenwelle war ein Arzt der Ludolf-Krehl-Klinik, der sich auf einer Indienreise mit den Pocken infiziert hatte. Nachdem die Krankheit erkannt worden war, wurden umfangreiche Quarantänemaßnahmen erlassen, allein in der „Krehl“ waren über 400 Menschen isoliert, zwei weitere Quarantänestationen wurden eingerichtet. Da vielfach gegen die Quarantänevorschriften verstoßen wurde, kam die Polizei zum Einsatz, um die Maßnahmen durchzusetzen. Die „Heidelberger Pockenfälle“ machten in der ganzen Bundesrepublik Furore, Hotelzimmer wurden reihenweise storniert, der Umsatz der Gaststätten brach ein. Über die dramatischen Heidelberger Ereignisse findet sich in der Mediathek des Südwestrundfunks ein Zusammenschnitt von Filmdokumenten, unter anderem auch ein interessantes Interview mit dem damals gerade neu gewählten Oberbürgermeister Robert Weber.

Die Heidelberger Ereignisse stellten aber einen Einzelfall dar, die Bürgerinnen und Bürger der Region blieben bis 2020 von tödlichen Seuchen verschont. Ganz anders erging es aber ihren Vorfahren. So war Baden von der Spanischen Grippe besonders schwer betroffen. Sie erreichte 1918 in Baden ihren Höhepunkt, als 8.400 Menschen bei damals 2,2 Millionen Einwohnern starben. Diese Sterberate entspricht etwas weniger als vier Menschen pro 1.000 Einwohner. Hochgerechnet auf die heutige Einwohnerzahl Baden-Württembergs würde dies über 40.000 Sterbefällen entsprechen (die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus liegt zum heutigen Stand im Südwesten bei knapp unter 900). Diese Zahlen verdeutlichen, wie noch weitaus bedrohlicher als heute tödliche Infektionskrankheiten für die Menschen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass an ihr vor allem jüngere Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren erkrankten und nicht vorrangig die Älteren oder Kranken wie heute beim Coronavirus.

Die Spanische Grippe war keineswegs die einzige Seuche, mit der die Menschen zu kämpfen hatten. Weit verbreitet war noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Tuberkulose, kurz Tbc, oft auch als „Schwindsucht“ oder „Weiße Pest“ bezeichnet. Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine Lungenkrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Bis zur Entdeckung des Tuberkuloseerregers war die Medizin gegen diese Krankheit weitgehend hilflos, sie endete in der Regel mit dem Tod der an ihr Erkrankten. Daher war es eine medizinische Sensation, als Robert Koch im Jahre 1882 vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft die Entdeckung des Erregers verkündete.

Trotz der Entdeckung Kochs gelang es nur, die Tuberkulose zurückzudrängen, sie konnte – anders als zum Beispiel die Pocken – nie ganz ausgerottet werden. So starben im Jahre 1923 in Baden 3.913 Menschen an der Tuberkulose, was einem Anteil von 12,3 Prozent aller Gestorbenen entspricht. Noch heute sterben weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen an der Tuberkulose. Die „Schwindsucht“ ist ein Beispiel dafür, wie Seuchen das menschliche Leben und die menschliche Kultur prägten – und weiterhin prägen, was uns derzeit wieder ins Bewusstsein gerufen wird. Über die Geschichte der Tuberkulose kann man mehr am Deutschen Tuberkulose-Archiv erfahren, das an der Thoraxklinik in Heidelberg-Rohrbach beheimatet ist. Es befindet sich im Rohrbacher Schlösschen, ein auch sonst sehenswerter klassizistischer Bau im Park des Klinikums. In mehreren Räumen sind Bilder und Objekte zu sehen, die sich beispielsweise mit der Epidemiologie der Tuberkulose, den Infektionswegen, der Art der Ausbreitung, den Symptomen und den therapeutischen Möglichkeiten beschäftigen. Ein eigener Raum des Archivs ist der Tuberkulose im Rhein-Neckar-Raum gewidmet.

Diejenige Infektionskrankheit, die sich am tiefsten in unser kollektives Gedächtnis eingetragen hat, ist die Pest. Die Pest oder der „Schwarze Tod“ kam in der Mitte des 14. Jahrhunderts in mehreren Wellen über Europa und kostete etwa 20 Millionen Menschen das Leben, was einem Drittel der europäischen Bevölkerung entsprach. Noch im 17. und 18. Jahrhundert war die Pest nicht besiegt. Auch in der Kurpfalz sah sich die kurfürstliche Verwaltung gezwungen, zahlreiche Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pest zu verhängen, wie der Mannheimer Historiker Marco Wagner berichtet. Es wurden ganze Dörfer abgeriegelt, in denen die Pest gehäuft auftrat, so etwa geschehen im pfälzischen Dorf Herxheim bei Landau. Zu den gängigen Maßnahmen gehörten die Quarantäne, sowie die Einschränkung von Verkehr und Handel durch kurfürstliche Verordnungen. Auch der Präventionsgedanke spielte hierbei eine Rolle. Als im Jahre 1722 in der fernen Provence die Pest ausbrach, wurde die Einfuhr von Waren aus der südfranzösischen Region nach Heidelberg verboten. Fremde erhielten zu Pestzeiten nur Zutritt in das Kurfürstentum, wenn sie nachweislich aus einer pestfreien Gegend stammten. In Pestzeiten wurde auch die Heidelberger Universität geschlossen, was, so Wagner, in einem Matrikelbuch von 1665 dokumentiert ist. Die Studierenden verließen bei Pestausbrüchen die Stadt und erhielten Gelegenheit, ihre Studien an pestfreien Orten wie Bretten, Eberbach, Ladenburg oder Mosbach fortzusetzen.

Die statistischen Angaben entnommen aus: Güll, Reinhard, Seuchen – unausrottbare Geißeln der Menschheit?, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 10/2013, S. 38-43.

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