Wolfgang Müller: Das magische Dreieck von Wein, Medizin und Pharmazie

Der nachfolgende Vortrag wurde von Apotheker Wolfgang Müller anläßlich des 1.  Leimener Kerweauftakts zur 45. Weinkerwe am 16.9.16 im Rosesaal zu Leimen gehalten und uns von ihm zum Abdruck“ zur Verfügung gestellt:


7855 - Leimener Weinkerwe 2016 - Weinprobe - 6b„Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste“ – PLUTARCH griechischer Schriftsteller.

Erwarten Sie von mir keine wissenschaftliche Abhandlung, wahrscheinlich würden Sie sogar mich erschlagen, wenn ich es täte. Ich möchte Ihnen locker, leicht den Wein als Lebenselixier nahe bringen. Spiritus Vini, der Geist des Weines, Weingeist, Aethanol, das ist mehr als nur Alkohol. Erwarten Sie von mir ein launisches Weinbrevier zu Wein und Medizin und zu Wein und Pharmazie.

Aber unbestritten ist Wein mehr als ein alkoholisches Getränk mit Vorzügen und Nachteilen und ich zitiere hier einen unbekannten Professor, der gesagt haben soll: „Natürlich bin ich mir klar über die Schäden, die der Alkohol anrichten kann. Wenn ich aber diesen herrlichen Wein vor mir schlechthin als Alkohol bezeichnen müsste, so käme es mir vor, als wenn ich zu meiner Geliebten sagte: Du Wirbeltier.“

Der Wein hat seit der Antike viele Phantasien bewegt und in der Kulturgeschichte der Menschheit haben letztlich nur drei Getränke eine Bedeutung gewonnen: das Wasser, das Bier und der Wein. Die Faszination Wein bewegte Literaten und Poeten, Geistige und Geistliche. Wein kann also mehr als nur einen Rausch erzeugen. Er hat und hatte immer Freunde und Gegner, Hardcore-Abstinenzler formulieren spitz: „Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein“ – aber sicher nicht besoffen. Oder der Volksmund sagt bei einem früh verstorbenen Trinker „der hat sich zu Tode gesoffen“, wird einer aber 90 und älter, heißt es „den hat der Wein erhalten“.

Turmapotheke Logo NEU 300x120Ja dieser Wein ist ein lebendiges, geistiges Wesen mit durchaus Arzneimittelcharakter. Denn es ist bis heute ein Rätsel, warum die vielen hundert Bestandteile zusammen in ihrer organischen Einheit wirksamer sind als die jeweiligen Einzelbestandteile. Wein war immer etwas Geheimnisvolles, wurde als göttliches Geschenk empfunden und durch Mythos und Religion geheiligt. Ja Wein auf Rezept – das war der reale Traum. Denn noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert stand der Wein an der Spitze aller ärztlichen Verordnungen.

Sicher auch sehr beliebt und angenehm, denn wie sahen in der damaligen Zeit die Alternativen aus? Die klassischen Behandlungsweisen waren „Blut- und Säftereinigung“ durch Aderlass, Abführen, Brechmittel, Schwitzpackungen oder Schröpfen. Da liest sich die damalige Wein-Arzneimittellehre wie eine Therapie im Paradies: Rotweine bei Durchfallerkrankungen, Weißweine zur Anregung der Nierenfunktion, Portwein bei akutem Fieber und Blutarmut, Burgunder bei Appetitlosigkeit, Champagner bei Übelkeit und grippalen Erscheinungen und Burgunder, Portwein und Madeira in der Rekonvaleszenz, also in der Wiedergenesungsphase.

Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die damaligen Krankenhäuser über einen gut sortierten Weinkeller verfügten und bei der Krankenvisite gehörte häufig eine Weinverordnung zur Therapie, wobei die Art des Weins, die Häufigkeit und Menge der Einnahme genau festgelegt wurden.


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Die Statistik über den Weinverbrauch des Elisabeth-Hospitals in Darmstadt vor kaum mehr als hundert Jahren (1871) liest sich gerade zu phantastisch: „In einem Zeitraum von sechs Monaten, während dem 755 Patienten behandelt wurden, betrug die verordnete bzw. konsumierte Menge an Wein 4.633 Flaschen Weißwein, 6.233 Flaschen Rotwein, 60 Flaschen Champagner, einige Dutzend Bouteillen Weißwein gehobener Qualität, einige Flaschen Bordeaux und ungefähr 350 Flaschen Portwein“.

Es bedarf keiner besonderen Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Patienten dieser sicher immer voll belegten Klinik meist benebelt, wenn nicht ständig betrunken waren. Trotzdem wird es auch hier dank einer „gezielten Therapie“ geheilte Patienten gegeben haben. Denn wenn eines Tages unsere Nachfahren die Statistik über den „Rekordumsatz“ an Arzneimitteln in den Kliniken unserer Zeit lesen werden, dann werden diese auch den Kopf darüber schütteln, welche ungeheuren Mengen an Antibiotika, Beruhigungsmitteln, Hormonen und vielen anderen Substanzen kranken Menschen zugemutet wurden.

Andererseits wäre es doch eine vergnüglich-groteske Vorstellung, wenn eines Tages im „Deutschen Ärzteblatt“ zu lesen wäre: „Großklinikum oder Seniorenwohnstift sucht einen Kellermeister mit internationaler Erfahrung“.

Zum Abschluss meines Blickes in 18. und 19. Jahrhundert eine Anekdote über den geistreichen englischen Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900). Dieser war durch eine hartnäckige Erkältung ans Bett gefesselt. Einziger Trost während der Krankheit war der Weinvorrat, den er mit viel Freude minderte.

Als ihn sein Arzt aufsuchte und eine beträchtliche Zahl von leeren Flaschen im Zimmer entdeckte, warnte er: „Bei Ihrem Husten sollten Sie keinen Wein mehr trinken!“ – Der Dichter überlegte und meinte dann: „Sie meinen also ich soll nur noch husten?“. Dies hätte Goethe noch ergänzen können mit einem „Soll denn doch getrunken sein, trinke nur vom besten Wein!“

Louis Pasteur erkannte auch, dass mit Bakterien verseuchtes Wasser durch Zusatz von Wein wieder trinkbar gemacht werden konnte.
Damit entdeckte er das älteste und natürlichste Antibiotikum der Menschheitsgeschichte. Und diese desinfizierende und bakterientötende Wirkung nutzten schon die alten Römer.

So ist ein Tagesbefehl von Julius Cäsar bekannt, mit dem er seine Truppen aufforderte, die ihnen zugeteilte Menge Wein auch zu trinken, um Darmerkrankungen vorzubeugen. Auch weiß man, dass die Schiffsbesatzungen der seefahrenden Nationen in früheren Zeiten Wein (aber auch andere alkoholische Getränke wie z.B. Rum) als „Wasserersatz“ mitnahmen, was sofern höchst bedeutungsvoll war, weil ein faulendes Wasser auf hoher See Krankheiten und Epidemien aller Art heraufbeschwor.

So erhielten beispielsweise französische Seeleute bis zu dreieinhalb Liter Wein pro Tag. Auch die auf hoher See mitgeführten Weinvorräte der spanischen Armada waren zeitweise fast doppelt so groß wie die Wasserreserven der Schiffe.
Die negative Seite eines solchen „vorbeugenden Weinprophylaktikums“ war allerdings, dass der Alkoholismus unter den Matrosen weit verbreitet war.

Wir haben also gehört vom Wein als Wasserersatz in der christlichen Seefahrt. Er soll aber schon auch als „Benzinersatz“ funktioniert haben:

Eine Nonne fährt mit dem Auto durch die Pfalz. Unterwegs geht ihr das Benzin aus. Gottlob ist die nächste Tankstelle, zu der sie sich zu Fuß aufmacht, nicht weit. Aber dort man leider aber keine Benzinkanister mehr, lediglich ein paar leere Weinflaschen. Der Tankwart füllt in diese das Benzin und meint: „Damit kommen Sie schon ein paar Kilometer weiter, damit Sie dann voll tanken können“.  Die Nonne marschiert wieder zurück zu ihrem Wagen und ist gerade dabei, aus der Weinflasche Benzin in den Tank zu füllen, als ein hilfreicher Autofahrer anhält.
Als er sieht, wie die Nonne das Benzin aus der Weinflasche eingießt, schüttelt er den Kopf und lacht: „Schwester Ihren Glauben möchte ich haben!“

Darauf passt nur noch Ringelnatz: „Die besten Vergrößerungsgläser für die Freuden dieser Welt sind die aus denen man trinken kann!“

Jedenfalls wohl dem, der nicht verzichten muss und dass es uns nicht so ergeht wie einem gestandenen Kurpfälzer, dem es nicht gut ging und deshalb seinen Hausarzt aufsuchte.

Nach der Untersuchung meinte der Doktor: „Für Sie gibt es in der Zukunft drei Dinge nicht mehr. Mit dem Rauchen ist Schluss, mit den Frauen ebenso, und ganz besonders mit dem Wein!“

Nun gut sinniert der Patient, mit dem Rauchen wollte ich sowieso aufhören, ja und mit Frauen und Sex, mit zunehmendem Alter, des „herd fun ganz alo uf, des mergsch gar net“. Aber der Wein?

Und fragt der fassungslose Patient:„ Sie, Herr Doktor, sind Sie wirklich überzeugt, dass das dann hilft, dass ich hundert Jahre alt werde?“ „Natürlich nicht“, meint der Arzt. „Aber es wird Ihnen so vorkommen.“


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Zum Abschluss meiner „Streifzüge“ noch ein Blick in die reale praktische und auch genussvolle Pharmazie zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

Da finden sich Rezepturen für Haarwasser und Eau de Cologne für den örtlichen Friseur, für Zahnpaste und chemischer Tinte, für Blumennährsalz und Phosphorlatwerge zur Rattenvernichtung für die Bauern bis hin zu Parquet-Wichse, Löthwasser, Speisesenf und Strohhutlack.

Und als Krönung eine „Wickersheimersche Flüssigkeit“ zum Konservieren von Leichen. So sahen also die Dienstleistungen und Aufgabenstellungen einer serviceorientierten Apotheke damals aus. Und dazwischen finden sich aber auch Rezepturen für Curacao-, Cacao- und Vanille-Liqueur und Champagner-Essenz, um nur einige zu nennen. Sicher nicht zum öffentlichen Verkauf bestimmt, sondern eher Zeichen einer besonderen, aktiven, lebensbejahenden Freude früherer Apothekergenerationen. Und destilliert, gebrannt wurde Inhouse in der Apotheke im eigenen Destillierofen.

Wir müssen aber auch nicht lange suchen, um Rezepturen für Pepsinwein, aromatischen Eisen-Wein, China-Wein und Fieber-Wein zu finden.

Die Rezeptur zu diesem Vinum Chinae liest sich spannend (Inhaltsstoff Chinin): Chinarinde 2kg, Cognac 2 Lit., Pomeranzentinktur 500 Gr., Honig 5 Lit. und 42,5 Lit. Samos Wein. Nun den mal Prost!!!

Überhaupt war die damalige Pharmazie eine kräftig und robust ausgerichtete Pharmazie. Heute soll es oft möglichst auf Naturbasis sein, es soll wirken, aber keine Nebenwirkungen und zudem soll`s nichts kosten.

Die damaligen Rezepturen waren nichts für Weicheier und Warmduscher. Nach einer durchzechten Nacht mit all diesen Likören, Weinen und Essenzen wirkte ein „Kopfwehpulver“ wahre Wunder. Dagegen ist „crystal metal“ ein homöopathisches Schüsslersalz. Denn unser so harmlos klingendes „Kopfwehpulver“ bestand aus: Phenacetin, Chinin, Coffein, Morphin und Zucker. Diese grandiose Mischung gibt es heute nicht mal mehr mit einem Betäubungsmittelrezept.

Nun dieses „Kopfwehpulver“ brauchen wir aber auch nicht mehr bei diesen wunderbaren Gewächsen unserer Leimener Weingüter.

Ich habe versucht, Ihnen einen kleinen Einblick in dieses magische Dreieck von Wein, Medizin und Pharmazie zu geben

In diesem Sinne nochmals vielen Dank für Ihr Zuhören, auf Ihr Wohl, auf unser aller Wohl – und denken Sie daran „Gsund bleiben!“

Wolfgang Müller, 1. Weinkerwe-Auftakt am 16.09.16

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