„Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“: Die Kirchen als Kunstprojekte von Generationen

Landrat Stefan Dallinger, Landesbischof i. R. Dr. Ulrich Fischer und Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch präsentieren Grundlagenwerk.

(rnk – 2.3.18) Fast hätte man glauben können, man besuche eine Christmette oder einen Osterfestgottesdient, so gut gefüllt waren, und das trotz Grippewelle und arktischer Kälte, am vergangenen Mittwoch (28. Februar 2018) die evangelische Stadtkirche in Ladenburg und die katholische St.-Gallus-Kirche. Doch in den beiden benachbarten großen Kirchen der alten Römerstadt präsentierte Landrat Stefan Dallinger zusammen mit Landesbischof i. R. Dr. Ulrich Fischer und Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch in einer Doppelveranstaltung ein bundesweit relativ einmaliges Buchprojekt.

„Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“ heißt das mit fast 1.500 Fotos opulent bebilderte, 616 Seiten im Großformat starke Grundlagenwerk, das alle über 210 evangelischen und katholischen Kirchen sowie die Andachtsräume der kreiseigenen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen erfasst. Die Buchvorstellung wurde musikalisch umrahmt von Prof. Dr. Michael Gerhard Kaufmann mit herausragenden Orgelstücken auf der Walcker-Orgel und der Mönch-Orgel, unterstützt in der katholischen Kirche vom bundesweit renommierten Glockenexperten Kurt Kramer, als beide selten gehörte Stücke für Orgel und Glocken spielten.

Das Buch, in dem 17 Autorinnen und Autoren in bisher noch nie dagewesener, umfassender Weise aus den verschiedensten Blickwinkeln das Zusammenwirken von Kunst und Kirche vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart beleuchten sowie über Geschichte, Architektur und Kunstschätze berichten, ist in harmonischer Zusammenarbeit mit der evangelischen und katholischen Kirche entstanden. „Ein „Ökumeneprojekt“, wie Landrat Stefan Dallinger sagte, der besonders die fast unglaubliche Leistung und die hohe Qualität der Fotos von Dorothea Burkhardt hervorhob, die auf Bildschirmen gezeigt wurden. Dass heute nicht das Trennende, sondern das Verbindende der Konfessionen im Mittelpunkt aller Bemühungen stehe, klang schon in den Begrüßungen durch die „Hausherren“ Pfarrer David Reichert für die evangelische und Pfarrer Ronny Baier für die katholische Kirche an – und es stand im Mittelpunkt der Reden von Erzbischof em. Dr. Zollitsch und Landesbischof i. R. Dr. Fischer. Beide waren gerne nach Ladenburg gekommen, um ihre Verbundenheit mit der Region und dem gigantischen Unternehmen zu zeigen, das begonnen hatte, als beide noch im Amt gewesen waren und das nun „den beeindruckenden sakralen Kultur- und Kunstbestand weitgehend vollständig in einem einzigen Buch versammelt“.

Der Erzbischof verglich in seiner Rede in der evangelischen Stadtkirche zwei im 16. Jahrhundert entstandene Altäre, den Meßkircher Flügelaltar, der katholische Frömmigkeit in bilderreich volkstümlich farbenfroher Pracht dargestellt, und den „Gothaer Flügelaltar“. Dieser wurde für einen protestantischen Auftraggeber in Württemberg gefertigt und ist nicht weniger reich an Bildern, die sich auf biblische Szenen und Schriftzitate konzentrieren. „Gerade in ihrer Unterschiedenheit ergänzen sie sich. Sie verbindet das Bemühen, die Welt des christlichen Glaubens und die biblischen Geschichten für uns Menschen anschaulich zu machen und sie in die Gegenwart zu übersetzen“, stellte Dr. Zollitsch fest. Beide Altäre, die derzeit in einer Ausstellung der Staatsgalerie in Stuttgart zu sehen sind, zeigen, dass das Gemeinsame unter den sich trennenden Konfessionen in der Kunst an vielen Orten weiterlebte und fortdauerte. Dieses Verbindende in der Kunst lasse das Werk „Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“ ebenso plastisch aufscheinen. Wie leer, arm und banal wäre eine Welt ohne alle Kirchen und Kapellen, alle christlichen Kunstwerke, alle Kreuze, Plastiken und Bilder, fragte der Erzbischof. Doch „die Vielgestaltigkeit und Vielfalt sakraler Kunst im Rhein-Neckar-Kreis sei unglaublich groß und lasse ihn staunen. Diesen gewaltigen Reichtum, den beide Konfessionen hier anzubieten haben, ihn aufzuzeigen und zu erschließen, ist ein bleibendes Verdienst der Herausgeber und Autoren, die höchsten Respekt und staunende Anerkennung verdienen“, so der frühere Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz.

Landesbischof i. R. Dr. Fischer verwies in der katholischen Kirche auf die Berechtigung des Satzes „Europa ist der Kontinent der Kirchtürme.“ Denn Kirchtürme prägen in der Tat die europäische Landschaft, auch in der Rhein-Neckar-Region. Aber dass es darüber hinaus noch Vieles in den Kirchen dieser Region zu entdecken gibt, werde durch die ausgezeichneten und viele Details heraushebenden Fotografien von Dorothea Burkhardt deutlich. Und die sachkundigen Wortbeiträge der Autoren tragen dazu bei, das kulturelle Gedächtnis zu schärfen und zu stärken. Denn was wäre unsere Kultur ohne die großen Schätze sakraler Kunst, die vor allem in unseren Kirchen bewahrt sind, stellte der Landesbischof fest. Aber ein Kirchenraum sei – auch im ökumenischen Miteinander – weit mehr. Dieses „Mehr“ verdeutlichte er anhand von Psalm 26, in dem es heißt: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt“. Kirchen seien Orte, die von den Menschen in langen Jahren ihres Lebens mit ihren Tränen und mit ihrem Dank gefüllt, in denen sie in Zeiten innerer Unruhe einen Ort der Stille gefunden, als Ehepaare um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg gebetet haben, ihre Kinder getauft, sie getröstet wurden und ihrer Verstorbenen gedachten. So sei eine Kirche ein „durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum“, was sich in den Wort- und Bildbeiträgen des Buches „Sakrale Kunst“ spüren lasse.

Zuvor hatte schon Landrat Stefan Dallinger die Kirchen als „ein bestimmendes, verbindendes Element über viele Jahrhunderte hinweg“ bezeichnet, die heute, neben der Tradition, für Weltoffenheit stehen, was ebenso für den Rhein-Neckar-Kreis und die Kurpfalz gelte. In den Kirchengebäuden im Kreis finde sich ein reiches historisch-künstlerisches Erbe aus allen Kunstepochen. Das Spektrum reiche von uralten Kirchenbauten und Klöstern bis zu modernsten Bauformen, von bildreichen mittelalterlichen Wandmalereien bis zu unglaublich farbigen Glasfenstern, von qualitätsvollen handgeschnitzten Statuen bis zu modernen Kunstwerken in und vor den Kirchen, die einerseits ein vielschichtiges Spiegelbild der historischen Kulturlandschaft seien, andererseits bestimmten viele zeitgenössische bzw. moderne Arbeiten aus Architektur, Malerei und Bildhauerei deren Erscheinungsbild.

Im Blick auf die eigene Kulturarbeit des Kreises, die in vielen Veröffentlichungen dokumentiert ist, nannte er das nun erschienene Buch „Sakrale Kunst“ den bisher umfassendsten Kunstkatalog des Kreises: „Hier im größten Kunstprojekt im Rhein-Neckar-Kreis haben in mehr als 1.600 Jahren viele Generationen von Menschen mitgearbeitet – zur höheren Ehre Gottes“. Er dankte der Firma ColorDruck Solutions GmbH in Leimen für die reibungslose Kooperation während des Herstellungsprozesses und die außerordentlich hohe Druckqualität dieses Bandes.

Darin gebe es wahrlich viel zu entdecken, lud der Landrat alle Kunstinteressierten ein, sich der sechs, eng ineinandergreifenden thematischen Blöcke zu widmen. Den ersten und umfangreichsten hat der renommierte Kunsthistoriker Professor Hans Gercke verfasst, der bei der Vorstellung anhand der Ladenburger Kirchen die Intention des Buches erläuterte. Von ihm stammt neben der strukturell-analytischen Darstellung „Die Kirche im Dorf“ ein ausführlicher kunsthistorischer Überblick über alle Kirchen im Rhein-Neckar-Kreis. In sechs geografisch orientierten Teilkapiteln nimmt er die Leserinnen und Leser auf eine kunst- und kirchenhistorische Reise durch den Kreis mit.

Im zweiten Teil behandeln die Lobbacher Ehrenbürgerin Doris Ebert, Berno Müller und die Kunsthistorikerin Dr. Maria Lucia Weigel einzelne wichtige kunst- und kirchenbauhistorische Aspekte. Anschließend widmet sich der dritte Komplex den Fragen der Bewahrung, der Erhaltung sowie der zukünftigen Entwicklung und Planung von Kirchenbauten. Hier berichten die verantwortlichen Bauplaner der evangelischen und katholischen Kirchenbehörden, Horst Wein und Dr. Werner Wolf-Holzäpfel, ebenso aus ihrer praktischen Arbeit wie die Restauratoren Karin und Raymond Bunz sowie Andreas Wolf und Bettina Rohrseitz.

Ein Beitrag über die Ausgestaltung kreiseigener Andachtsräume in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen des Rhein-Neckar-Kreises bildet gemeinsam mit den Ausführungen der schon genannten zeitgenössischen Künstler unserer Region den vierten Block. Die Künstler schreiben über ihre Auseinandersetzung und ihren Umgang mit sakraler Kunst und stellen exemplarisch eigene Projekte vor.

In einem reich bebilderten fünften Abschnitt ergänzt und vertieft Berno Müller, ähnlich einem Rundgang durch eine Kirche, das zuvor Dargestellte. Die beschriebenen Beispiele charakteristischer Ausstattungsmerkmale sollen dabei helfen, den Blick für die verschiedenen Kunststile, die theologische Bedeutung und die damit verbundenen liturgischen Funktionen zu schärfen. Die Beschreibungen von herausragenden Orgeln durch den erzbischöflichen Orgelinspektor Professor Dr. Michael Gerhard Kaufmann und die Ausführungen von Glockenexperte Kurt Kramer über wichtige Kirchenglocken im Rhein-Neckar-Kreis beschließen diesen fünften Teil.

Als dokumentarischer Anhang findet sich als sechster Teil ein kompaktes, von Nils Schwarz erstelltes „Verzeichnis aller Kirchen“ in den 54 Städten und Gemeinden des Rhein-Neckar-Kreises. Es bietet neben den wichtigsten Daten zudem Hinweise auf weiterführende Literatur zu den einzelnen Kirchen, ermöglicht in Kürze einen schnellen Zugriff und hilft, die Fülle des Materials zu überblicken. Ausführliche Register machen das Buch zu einem wichtigen Kompendium.

Landrat Stefan Dallinger dankte abschließend den beiden Herausgebern des Buchs, Kreisarchivar Dr. Jörg Kreutz und Berno Müller, sowie allen ihren Kolleginnen und Kollegen für ihr Engagement, diese umfassende kunsthistorisch-theologische Betrachtung des Themas sakrale Kunst in „perfekter Synthese von Wort und Bild entstehen zu lassen“.


Info: „Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“ – 616 Seiten, Großformat, knapp 1.500 Fotos, Gewicht 3,8 kg. Preis: 45 Euro.

17 Autorinnen und Autoren beschreiben das Zusammenwirken von Kirche und Kunst vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart.

Erhältlich im Buchhandel (ISBN 978-3-932102-39-4) oder direkt beim Kreisarchiv Rhein-Neckar-Kreis, Trajanstraße 66 in Ladenburg, Telefon 06203 9306-7740 oder E-Mail [email protected]


 

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1 Kommentar für “„Sakrale Kunst im Rhein-Neckar-Kreis“: Die Kirchen als Kunstprojekte von Generationen”

  1. E_Hennenberger

    Knapp 1.500 Fotos, 616 Seiten, 3,8 kg Papier für 45.- € – Halleluja –

    Kirchen in ihrer vollen Pracht und Sakralen Kunstreichtümer, sind Ausdruck von unermesslichen Reichtum und Macht über Menschen und Regierungen.
    All die sakrale Kunst, mit denen sich heute die Kirchen schmücken, hat Jesus in seiner Botschaft wohl nie gewollt. Ein Zeugnis der Institutionen Kirchen eines Baals-Kult der Gegenwart. Dieser wird vordergründig als „Christlich“ bezeichnet, in Wirklichkeit folgt man dem Baal, dem Götzen, dem Widersacher.

    Jesus (sofern es ihn überhaupt gab) besaß nichts, wohin er sein Haupt legen konnte. Er lebte völlig arm in der Bibel und fordert Verzicht auf allen Besitz. Er verlangt Mission ohne Geld und Gürtel.
    Jesus sagt: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!
    Was haben die Menschen in ca. 2000 Jahren daraus gemacht? Ach ja, man nennt diesen Reichtum, Prunk und Protz, „sakrale Kunst“.

    Im obigen Artikel heißt es: „Europa ist der Kontinent der Kirchtürme“

    Ein Beispiel dazu: 20 Tonnen Indianer-Gold!
    Vieles von dem Gold, welches amerikanischen Ureinwohnern auf grausame Weise geraubt wurde, landete in spanischen Kirchen.

    Zitat: „Wen überfällt nicht ein Schaudern, wenn er den mit 20 Tonnen Gold vergoldeten Altar der Kathedrale von Sevilla bestaunt und dabei an das in den Minen vergossene Blut der Indios denkt. Treffend spricht diese prophetische Klage Erzbischof Melchior de Linnán aus: ´Er halte es für gewiss, dass jene Edelmetalle im Blut der Indios gebadet waren und dass, wenn man das aus ihnen herausgeholte Geld ausdrücken würde, mehr Blut als Silber aus ihnen heraustropfen müsste … “ (Enrique Rosner)

    Der Hochaltar der Kathedrale von Sevilla, Santa Maria de la Sede. Der Flame Pieter Dancart begann mit dem 23 Meter hohen Altarretabel im Jahre 1482, vollendet wurde es im Jahre 1564. Das Altarretabel (Altaraufsatz) geht über vier Stockwerke in denen je sieben biblische Szenen vollplastisch in Gold dargestellt sind.

    An eine Wiedergutmachung und ein Zurückgeben der Beute denkt die Kirche bis heute nicht.

    Mein Fazit abgeleitet aus der Bibel:
    Wollt ihr also vollkommen sein, so gehet hin und verkauft alles was ihr habt an Schätzen, Gold und sakralen Kunstreichtümer und gebt es den Armen, so werdet ihr einen Schatz im Himmel haben.
    Wo seid ihr, wenn euch jemand auf die rechte backe schlägt, dem bietet die linke auch, wenn euch jemand euren Rock nehmen will, dem lasst auch euren Mantel. Wenn euch jemand nötigt eine Meile zu gehen, so geht mit ihm zwei und wendet euch von niemand ab, der etwas von euch borgen will?
    Sagt diesen unsäglichen Reichtümer ab, wenn ihr Salz und Licht sein wollt für diese Welt.

    Kirchengeld ist Blutgeld!

    E. Hennenberger
    Sprecher der Humanistischen IG Leimen
    http://www.wir-sind-leimen.de

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