(fwu – 21.9.26) Am Friedrich-Ebert-Gymnasium sind die neuen Fünftklässler angekommen: neue Gesichter auf den Fluren, Rucksäcke auf den Schultern und für die Kinder zunächst einmal eine stattliche Sammlung unbekannter Namen, Räume und Stundenpläne. Heute ist die Sache sprachlich eindeutig: Nach der Grundschule kommt man in die fünfte Klasse.
Früher wäre aus denselben Kindern etwas anderes geworden: Sextaner. Das klingt inzwischen ein wenig nach Tintenfass, Lederranzen und einem Schuldirektor mit sehr geradem Scheitel, war aber noch vor wenigen Jahrzehnten eine ganz normale Bezeichnung. Der Sextaner war der Schüler der Sexta – und die Sexta entsprach unserer heutigen fünften Klasse.
Von der Sexta bis zur Oberprima
Die alte Ordnung des klassischen humanistischen Gymnasiums benutzte lateinische Klassenbezeichnungen und zählte gewissermaßen vom oberen Ende her. Ganz unten begann man in der Sexta, danach kamen Quinta und Quarta, anschließend Untertertia und Obertertia, Untersekunda und Obersekunda und schließlich Unterprima und Oberprima.
In heutige Zahlen übersetzt führte dieser Weg von Klasse 5 bis Klasse 13. Heute beginnt die Gymnasialzeit am Friedrich-Ebert-Gymnasium ebenfalls in Klasse 5, endet aber nach zwölf Schuljahren. Das ist zweifellos leichter zu durchschauen. Allerdings klingt „Oberprima“ erheblich eindrucksvoller als „die Zwölf“. Bei Oberprima erwartet man beinahe, dass das Abiturzeugnis anschließend mit Siegellack verschlossen wird.
Sextaner wurde man
Das Wort bezeichnete dabei mehr als nur eine Jahrgangsstufe. Sextaner zu werden bedeutete den Eintritt ins Gymnasium. Man hatte die Grundschule hinter sich und gehörte nun zu den Gymnasiasten – wenn auch zunächst ganz unten in der schulischen Rangordnung. Über einem standen Quintaner, Quartaner, Tertianer und Sekundaner und ganz oben die Primaner, die einem Zehn- oder Elfjährigen vermutlich ungefähr so erwachsen vorkamen wie der Schuldirektor selbst.
Entsprechend häufig begegnet einem der Sextaner in älteren Romanen, Erinnerungen und Schulgeschichten. Jeder wusste damals, wer damit gemeint war: der kleine Neue am Gymnasium, noch am Anfang eines langen Weges bis zur Prima. Das Wort hatte deshalb durchaus etwas Stolzes. „Unser Junge ist jetzt Sextaner“ war nicht bloß eine Mitteilung über die Nummer des Klassenzimmers.
Erst pflügte der Bauer, später kam Caesar
An vielen Gymnasien begann für die Sextaner zugleich die Bekanntschaft mit Latein. Generationen von Schülern lernten zunächst einfache Sätze und Vokabeln, in denen Bauern pflügten, Zikaden sangen und die antike Welt noch erfreulich überschaubar erschien. Agricola arat – der Bauer pflügt – ist von jener Sorte Latein, die sich erstaunlich hartnäckig im Gedächtnis festsetzen konnte.
Später wurde es anspruchsvoller. Dann warteten klassische Autoren, und kaum einer hat sich so dauerhaft in das Gedächtnis ehemaliger Lateinschüler eingegraben wie Caesar mit seinem De bello Gallico. Schon der erste Satz wurde für Generationen beinahe zum Erkennungsspruch:
Gallia est omnis divisa in partes tres.
Ganz Gallien ist in drei Teile geteilt. Caesar hatte damit sein Gallien gleich zu Beginn ordentlich sortiert – und anschließend für sehr lange Zeit dafür gesorgt, dass Gymnasiasten herausfinden mussten, warum welcher Ablativ nun eigentlich dort stand, wo er stand.
Der Sextaner ging – seine Blase blieb
Mit der modernen Nummerierung verschwanden Sexta, Quinta, Tertia und Prima nach und nach aus dem Schulalltag. Ganz aus der deutschen Sprache verabschiedete sich der Sextaner allerdings nicht. Ausgerechnet eine eher wenig ruhmreiche Hinterlassenschaft erwies sich als bemerkenswert widerstandsfähig: die Sextanerblase.
Wer eine Sextanerblase hat, muss auffallend häufig zur Toilette. Der Ausdruck wird bis heute scherzhaft verwendet, auch wenn kaum noch jemand dabei an die unterste Klasse eines Gymnasiums denkt. Sprachgeschichtlich ist das ein wenig ungerecht: Der stolze Sextaner verschwand, seine Blase überstand sämtliche Schulreformen.
Auch andere kleine Überreste jener Schulwelt leben weiter. Den Primus als Klassenbesten versteht man noch heute, der etwas angestaubte Pennäler ist ebenfalls nicht völlig ausgestorben, und vor allem der Pennälerhumor hat sich als erstaunlich reformresistent erwiesen – gelegentlich sogar Jahrzehnte nach dem Abitur.
Fünftklässler heute, Sextaner damals
So weit entfernt sind die neuen Fünftklässler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums von den alten Sextanern also gar nicht. Auch sie verlassen eine vertraute Grundschule, kommen in ein größeres Haus, müssen neue Lehrer, Mitschüler und Wege kennenlernen und gehören plötzlich wieder zu den Jüngsten. Gestern waren sie noch die Großen, heute schauen sie auf die oberen Jahrgänge, die ihnen vermutlich ähnlich erwachsen erscheinen wie früher einem Sextaner die Primaner.
Nur die Sprache ist nüchterner geworden. „Unser Kind kommt jetzt in die fünfte Klasse“ ist präzise und jeder versteht es sofort. „Unser Kind wird Sextaner“ hatte dagegen einen gewissen Klang. Das bezeichnete nicht nur eine Klassenstufe, sondern einen kleinen Aufstieg: Die Grundschule war geschafft, nun begann das Gymnasium. Ganz unten zwar – aber darauf durfte man durchaus stolz sein.
Vielleicht liegt darin der kleine Unterschied: In die fünfte Klasse kommt man. Sextaner wurde man.
Dann pflügte der agricola, irgendwann teilte Caesar ganz Gallien in drei Teile – und wer zwischendurch allzu häufig hinausmusste, sorgte dafür, dass wenigstens ein Stück der alten Sexta bis heute im deutschen Wortschatz überlebt hat.
Die Sextanerblase.




