Wenn eine Gemeinde zur Familie wird: Arul Lourdu blickt auf sein Leben zurück

Von Fritz Uthe

(28.9.26) Als Pfarrer Dr. Arul Lourdu im Januar 2025 nach 17 Jahren unsere Seelsorgeeinheit verließ, ging für viele Leimener, Nußlocher und Sandhäuser nicht einfach ein katholischer Geistlicher – es ging ein vertrauter Wegbegleiter. Für mich ging vor allem ein enger Freund, mit dem mich zahllose Gespräche und nicht zuletzt eine unvergessliche Reise zu Papst Franziskus nach Rom verbinden. Nun hat Arul eine Art Autobiografie vorgelegt: „The World Became My Family“.

Das Buch erscheint heute offiziell

Den Anstoß dazu gab eine fast skurrile Begebenheit, von der Arul gestern in seinem sonntäglichen Videogruß auf Leimen-Lokal erzählte: Vor kurzem saß er allein beim Kaffee in einem Hotel-Restaurant. Als die Bedienung erfuhr, dass er weder Frau noch Kinder hat, sagte der Kellner mitleidig auf Englisch zu ihm: „You have lost your life“ – Sie haben Ihr Leben verpasst! Der Satz ließ ihn auf seinem Zimmer nicht mehr los. Hatte er sein Leben wirklich verpasst? Arul begann, auf seine 57 Lebensjahre zurückzublicken – und das Ergebnis ist dieses 380 Seiten starke Buch: Nein, er hat nichts verpasst; die ganze Welt ist seine Familie geworden!

Für alle, die zögern, weil das Buch auf Englisch erschienen ist: Keine Sorge! Arul bedauert im Video selbst mit einem Augenzwinkern, dass es „leider auf Englisch“ ist – aber ganz bewusst, weil es ein weltweites Zeugnis sein soll. Man braucht dafür gewiss kein Anglistik-Studium. Er schreibt in einem bemerkenswert klaren, schnörkellosen und leicht verständlichen Englisch. Die Sätze sind kurz und bildhaft. Beim Lesen hört man förmlich seine ruhige Stimme, ganz so, als säße er einem bei einer Tasse Kaffee am Tisch gegenüber.

Zwar erzählt das Buch seinen gesamten Weg – von der Kindheit im indischen Tamil Nadu über schwere Brandverletzungen und sein jahrelanges Stottern bis zu seiner heutigen Aufgabe in Neu-Delhi. Doch das pulsierende Herzstück sind die 17 Jahre hier bei uns.

Was mich beim Lesen besonders berührt hat, ist die Ehrlichkeit, mit der Arul auf Leimen blickt. Es ist keine distanzierte Pfarrchronik, sondern eine Liebeserklärung an die Menschen. Er nimmt uns mit hinter die Kulissen: in das stets offene Pfarrhaus, zu den Kindergartenbesuchen – die für ihn oft die beste „Therapie für die Seele“ waren –, und zu den Generationen, die er von der Taufe bis zur Trauung begleiten durfte. Auch wer ihn außerhalb der Kirche erlebte, wird vieles wiedererkennen: Er suchte das Gespräch mit der Kommunalpolitik, initiierte die Runden Tische und erfand das gemeinsame Essen bei „Katholische Kirche kocht“ (KKK). Dass wir beide – der katholische Pfarrer und der bekennende Agnostiker – über all die Jahre so vertrauensvoll zusammenarbeiten konnten, beschreibt er als Beweis dafür, dass echte Freundschaft keine identischen Weltanschauungen braucht.

Dabei verklärt er seine Zeit keineswegs. Wie er treffend bemerkt, begegnet man im Leben zwei Sorten von Menschen: jenen, die einen lieben und beschenken, und jenen, die einen durch schmerzhafte Erfahrungen lehren. Auch in Leimen spart er die Schattenseiten nicht aus: den Druck der Strukturreform 2011, das Ringen um Einheit zwischen den fünf Gemeinden und die Einsamkeit mancher Leitungsentscheidungen.

Unsere Freundschaft hat die Distanz nach Neu-Delhi natürlich mühelos überstanden. Pünktlich zum Wochenende schickt mir Arul weiterhin sein geistliches Wort zum Sonntag per Video auf Deutsch aus Indien, das wie gewohnt auf Leimen-Lokal erscheint. Inzwischen sind wir bei Folge 783 angekommen. Es dauert also gar nicht mehr so lange, bis wir die 1.000 voll haben – und dann freuen wir uns schon auf den nächsten Besuch beim dann amtierenden Papst!

„The World Became My Family“ ist ein warmherziges Zeugnis eines Mannes, der bei uns eine Familie fand. Eine Lektüre, die ich den Menschen hier in Leimen, Nußloch und Sandhausen nur wärmstens ans Herz legen kann. Das Buch ist ab sofort bei Amazon erhältlich.

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