Geschichte des Sandhäuser Kriegerdenkmals: Errichtung und „Veteranenverein“

(rwm – 24.01.21) In der vergangenen Ausgabe beleuchtete der Historiker Rolf W. Maier die Geschichte des deutsch-französischen Krieges aus Sandhäuser Sicht: Mehrere junge Männer aus der Hopfengemeinde waren 1870/71 gefallen. Ihnen zur Erinnerung und Ehre wurde vor der Katholischen Kirche St. Bartholomäus ein ‚Kriegerdenkmal‘ aufgestellt. Dort stand es bis 1950er oder 1960er Jahre. Im zweiten und letzten Teil seines Berichts widmet sich Maier der Errichtung des Denkmals und der Gründung des „Veteranenvereins“. Und er fragt: 


Wer kann Hinweise zum Verbleib des Denkmals geben?


Foto: Dieter Gaab /„anno dazumal“ Burg-Apotheke 2018. Auf dem kleinen Platz vor der Kath. Kirche St. Bartholomäus stand einst ein Kriegerdenkmal

Über die Umstände der Errichtung des sogenannten „Kriegerdenkmals“ wissen wir bislang nichts. Aber wir können aus der Feier des Kriegervereins anlässlich des 50-jährigen Bestehens im Jahre 1924 (vgl. Bild im Heimatbuch, S. 204) ablesen, wann der Veteranenverein gegründet wurde. Dieser war weniger der militaristischen als der nationalen Begeisterung nach der Reichseinheit zuzuordnen; zudem kümmerte sich der Veteranenverein um die trauernden Hinterbliebenen sowie um kranke Mitglieder – sozusagen auch als karitatives Unternehmen. Dass im Verlauf der Jahrzehnte Reden vor dem Kriegerdenkmal „geschwungen“ wurden, die neben dem Patriotismus auch den militaristischen Geist des Wilhelminismus verkörperten, gehört auch zu den Tatsachen der Geschichte.

Der Sedanstag (2.9.1870), der Tag an dem Frankreichs Kaiser Napoleon III. kapitulierte und festgenommen wurde, entwickelte sich zum wichtigsten Feiertag des Kaiserreichs. Böllerschüsse vor dem Kriegerdenkmal an diesem Tag beweisen diese Mentalität des Patriotismus oder auch Nationalismus. Überall in Baden errichtete die begeisterte Bevölkerung nach 1871 Denkmäler, um sowohl den Sieg über den „Erzfeind“ Frankreich zu begehen, als auch an die gefallenen Soldaten zu erinnern – so auch in Sandhausen. Hierfür schuf der Veteranenverein die Voraussetzungen. Es bot sich der kleine Platz vor der St-Bartholomäus-Kirche an, da die Mehrheit der Gefallenen katholische Pfarrgemeindemitglieder waren.

Hinweise deuten auf die Gründung des Kriegervereins 1874 hin; andere Quellen sprechen vom Jahr 1872. Dem Verein gehörten bald 172 Mitglieder an, obwohl nur 75 Sandhäuser an diesem Krieg teilgenommen hatten. Zum Vorsitzenden des Vereins wählte man den Landwirt Heinrich Scheid II, der als evangelischer Kirchengemeinderat zu verzeichnen ist und aufgrund seines Alters (Jahrgang 1846) wahrscheinlich selbst Kriegsteilnehmer war: Scheid war verheiratet mit Katharina Schmitt und lebte bis 1915. Wer die künstlerische Gestaltung des einem Obelisken ähnelnden Denkmals ausführte, gehört auch weiterhin in das Dunkle unserer Sandhäuser Geschichte. Ich erinnere mich auch an eine Zeichnung eines Walldorfer Künstlers, der ein schönes Ensemble mit dem Objekt katholische Kirche, Kriegerdenkmal und bäuerliches Fuhrwerk zeichnete.

Wir werden weiterhin an der Erforschung der „Kriegerdenkmal-Geschichte“ arbeiten. Dieser Artikel versteht sich auch als Aufruf an die Sandhäuser Familien: Besitzen Sie Kenntnisse, Fotos, Zeichnungen oder Dokumente, die mit diesen Ereignissen und dem Kriegerdenkmal vor der katholischen Kirche in Zusammenhang stehen? Hinweise nimmt die Pressestelle der Gemeinde gerne entgegen (E-Mail-Adresse: [email protected]).


Literaturhinweise:

Ein Dankeschön an Frau Christine Hambrecht, Sandhausen, für die Bereitstellung der Fotos.

Deutsch-Französischer Krieg 1870 (2014): Dauerausstellung in Gravelotte bei Metz

Dorsch, Rudi (1986): Kriege und Notzeiten, in: Heimatbuch der Gemeinde Sandhausen, S.109ff, Heidelberg. Enthält auch eine Zeichnung des „Kriegerdenkmals“.

Engehausen, Frank(2012): Kleine Geschichte des Großherzogtums Baden,1806-1018, Karlsruhe

Frei, Kurt (1990): Familien in Sandhausen 1694-1899, Lahr

Foto: Jahreskalender der Burg-Apotheke (2018): Mahnmal an der katholischen Kirche Waldstraße,  November 2018 (Foto des „Kriegerdenkmals“): Kalender „anno dazumal“ Burg-Apotheke Sandhausen 2018, freundliche Bildleihgabe Herr Dieter Gaab

Lassak, Frank: „Ich habe noch nie so grauenhaft anzuschauende Leichen gesehen“, in: Die Welt v. 18.8.2020

Maier, Rolf W. (2021): Hauptlehrer, Organist und Ehrenbürger. Leben und Wirken des Andreas Brettle, in: Gemeindenachrichten vom  22. Oktober 2021, Teil 1 ff

Neitzel, Sönke (2020): Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin

Pfeil, Ulrich (2021): Versailles und der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, APUZ 1/2

Scheible, Heinz (2012): Beiträge zur Kirchengeschichte Südwestdeutschlands, Stuttgart

Wikipedia (2021): Badische Armee/de

Wilckens, R. (1893): Kriegsfahrten eines freiw. Badischen Dragoners anno 1870-71, Karlsruhe

 

 

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