Von Udo Jürgens bis Rammstein: Kraft und Kraftin begeistern Sandhausen

(fwu – 6.10.26) Der Tag der Deutschen Einheit ist ja eigentlich eine eher staatstragende Angelegenheit. Man denkt an Festakte, Reden, Fahnen und jene politischen Rückblicke, bei denen irgendwann zuverlässig das Wort „historisch“ fällt. In Sandhausen geht man die Sache seit vielen Jahren etwas bodenständiger an: Dort trifft man sich auf dem Lège-Cap-Ferret-Platz, setzt sich an lange Biertische, holt sich etwas vom Grill und hört Musik. 

Und diesmal spielte auch das Wetter mit. Am Vormittag lagen die Temperaturen noch unter 20 Grad, doch die Sonne arbeitete gewissenhaft ihre Feiertagsschicht ab. Am frühen Nachmittag waren rund 25 Grad erreicht, unter den großen Bäumen suchten die Besucher Schatten, auf den Tischen standen Gläser und Flaschen, und zwischen den dicht besetzten Bänken musste man sich seinen Weg mit einer gewissen Umsicht suchen. Der Platz war proppenvoll.

Aus einer Informationsveranstaltung wurde ein großes Fest

Organisiert wurde das Fest vom SPD-Ortsverein Sandhausen. Ursprünglich sei war es als Informationsveranstaltung zur deutschen Wiedervereinigung gedacht gewesen – damals war das Thema schließlich noch ziemlich neu und nicht bereits Stoff für Geschichtsbücher, Jahrestage und Fernseharchive. Über die Jahrzehnte änderte sich der Charakter. Aus der Informationsveranstaltung wurde ein großes Treffen zum Feiertag, das inzwischen das größte SPD-Fest zum Tag der Deutschen Einheit im Rhein-Neckar-Kreis ist. Die dicht an dicht stehenden Bierbänke lieferten am Nachmittag zumindest ein recht handfestes Argument dafür: Viele Sandhäuser waren gekommen, ebenso Besucher aus umliegenden Gemeinden, darunter Leimen. An den Tischen wurde geredet, gegessen und diskutiert, alte Bekannte entdeckten einander zwischen den Reihen, andere blieben mit Getränken in der Hand stehen, weil ein freier Sitzplatz vorübergehend zu den knapperen Gütern des Feiertags gehörte.

Am Grill herrschte ebenfalls Hochbetrieb

Während vorne Musik zu hören war, lief hinter den Ständen jener Teil eines Festes, ohne den selbst die schönste deutsche Einheit spätestens gegen Mittag an ihre organisatorischen Grenzen käme. Mitglieder des SPD-Ortsvereins standen am Ausschank, an der Essensausgabe und am Grill. Bratwürste, Rindswürste und Steaks brutzelten, dazu gingen Pommes und auch vegane Würstchen über die Theke. Wer es süßer wollte, hielt sich ans Kuchenbuffet.

Zeitweise bildeten sich längere Schlangen. Das bedeutete ein paar Minuten Wartezeit, aber angesichts von Sonnenschein, Stimmengewirr und dem Geruch vom Grill schien niemand unmittelbar den Vermittlungsausschuss anrufen zu wollen. 

Tobias Benz macht den musikalischen Anfang

Für die Musik sorgte zunächst Tobias Benz am E-Piano. Während rundherum gegessen und erzählt wurde und immer neue Besucher auf den Platz kamen, lieferte er den musikalischen Auftakt. Am frühen Nachmittag wechselte dann nicht nur das Programm, sondern merklich auch die Aufmerksamkeit des Publikums.

Denn nun standen Reiner und Vanessa Kraft an den Mikrofonen. Schon optisch war klar, dass hier kein besonders steifer Feiertagsakt bevorstand: zwei silbern glänzende Mikrofone, Sonnenbrillen, Reiner Kraft in Lederhose und Vanessa Kraft im schwarzen Shirt mit den Städtenamen „New York, London, Sandhausen, Paris, Tokyo“. Sandhausen ziemlich selbstverständlich zwischen den Metropolen dieser Welt – geografisch kühn, musikalisch an diesem Nachmittag aber durchaus vertretbar.

Kraft und Kraftin: von Udo Jürgens bis Rammstein

„Kraft und Kraftin“ kündigten eine musikalische Spannweite von Udo Jürgens bis Rammstein an. Das ist ein Weg, für den andere Veranstalter vermutlich mehrere Bühnen und mindestens zwei Programmhefte benötigen. Die beiden erledigten ihn zu zweit und mit sichtbarem Vergnügen an der Sache.

Reiner und Vanessa Kraft plauderten mit dem Publikum, machten ihre Ansagen, lachten und gingen dann wieder in den nächsten Titel. „Die Sonne und Du“ passte zum warmen Nachmittag ohnehin wie bestellt, bei „Du kannst nicht immer 17 sein“ wurde mitgeklatscht und mitgeschunkelt. Wobei die Altersstruktur auf den Bänken erkennen ließ, dass ein beträchtlicher Teil des Publikums diese Erkenntnis bereits aus eigener Anschauung gewonnen hatte.

Reiner Kraft blickte auf Sonne, T-Shirts und den dicht besetzten Platz und rief: „So kann der Sommer beginnen!“ Kalendertechnisch war das am 3. Oktober eine durchaus ambitionierte Forderung. Aber bei 25 Grad und Menschen unter grünen Baumkronen durfte man an diesem Nachmittag auch dem Herbst nicht alles glauben.

Wenn zwei auf der Bühne selbst Spaß haben

Was den Auftritt trug, war nicht allein die Auswahl der Lieder. Die beiden hatten sichtbar selbst Freude daran. Vanessa Kraft sang mit weit geöffneten Armen und gestikulierte zu den Texten, Reiner Kraft stand daneben am Mikrofon, und zwischendurch gingen bei ihm auch schon einmal beide Arme nach oben. Vor der kleinen Bühne saßen die Besucher dicht gedrängt auf den Bänken, drehten sich zur Musik, klatschten mit oder sangen mit.

Gerade diese Mischung aus Schlager, Pop und Rock funktionierte, weil „Kraft und Kraftin“ daraus keine musikalische Grundsatzfrage machten. Hier durfte Udo Jürgens neben deutlich härteren Tönen bestehen, ohne dass jemand zuvor einen Koalitionsvertrag aushandeln musste. Für ein Fest am Tag der Deutschen Einheit war das möglicherweise sogar die passendste Form der musikalischen Verständigung.

Und zu Weihnachten gibt es ein Wiedersehen

Ganz vorbei ist es mit Kraft und Kraftin in Sandhausen in diesem Jahr offenbar noch nicht. Das Duo kündigte an, auch auf dem Weihnachtsmarkt aufzutreten. Wer sie an diesem sonnigen Oktobertag vor den voll besetzten Bierbänken erlebt hatte, konnte sich also schon einmal vormerken, dass dieselben Stimmen demnächst unter etwas anderen klimatischen Bedingungen zu hören sein werden – vermutlich mit Jacke statt T-Shirt und Glühwein statt Sommerwetter.

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