Boris Becker zieht um: Leimens berühmtester Sohn bekommt einen neuen Platz in der Stadt

(fwu – 30.10.26) Von Wimbledon in die Villa Toskana: Eine neue Dauerausstellung erinnert an die Tennisgeschichte, die einst beim TC Blau-Weiß Leimen begann. Am Dienstag wurde sie offiziell eröffnet.

Wer heute auf den Tennisplätzen des TC Blau-Weiß Leimen steht, befindet sich gewissermaßen auf historischem Boden. Hier begann eine Karriere, die 1985 ganz Deutschland vor die Fernsehgeräte brachte und einen damals 17-jährigen Leimener über Nacht zum Weltstar machte. Boris Becker gewann Wimbledon, und seine Heimatstadt hatte plötzlich einen Bekanntheitsgrad, für den andere Kommunen vermutlich mehrere Millionen Euro Stadtmarketing hätten ausgeben müssen.

Das ist inzwischen über 40 Jahre her. Die damaligen Fernsehbilder gehören längst zur deutschen Sportgeschichte, und die meisten Jugendlichen kennen Boris Becker heute eher aus den Medien als von seinen legendären Auftritten auf dem Tennisplatz. Das könnte sich zumindest in Leimen ein wenig ändern. Denn seit letztem Dienstag gibt es im Hotel Villa Toskana eine neue Dauerausstellung, die an die sportlichen Leistungen des berühmtesten Sohnes der Stadt erinnert. Und dafür musste Boris Becker nicht einmal persönlich anreisen.

Ein Stück Leimener Stadtgeschichte wechselt den Standort

Eröffnung der Boris-Becker-Ausstellung in der Villa Toskana
Oberbürgermeister John Ehret, Harry Bossert, Jörg Hormann und Hoteldirektor Tim Schreiber (von links) vor dem großformatigen Boris-Becker-Motiv.

Die Stadt Leimen verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Erinnerungsstücken aus Beckers aktiver Zeit. Über viele Jahre waren Teile davon im Boris-Becker-Zimmer des alten Rathauses zu sehen. Andere Stücke verschwanden keineswegs, sondern wurden ordentlich im Stadtarchiv verwahrt. Dort sind sie zwar sicher aufgehoben, aber für einen spontanen Besuch eher ungeeignet.

Nun hat die Stadt gemeinsam mit der Villa Toskana eine Lösung gefunden, die wesentlich publikumsfreundlicher ist: Rund 40 ausgewählte Exponate sind in die bereits bestehende Sports-Lobby des Hotels eingezogen. Das zweite Foyer wurde dafür entsprechend gestaltet und bietet nun eine kleine Zeitreise durch die große Tennisgeschichte.

Zu den besonderen Stücken gehören die Originalbälle von Beckers zweitem und drittem Wimbledon-Sieg, ein mit seinem damaligen Konkurrenten Ivan Lendl getauschter Tennisschläger, Schuhe, Pokale, Autogrammkarten und eigens zu seinen Erfolgen geprägte Münzen.

Dazu kommen zahlreiche Bilder, darunter ein riesiges Aufschlagmotiv, auf dem Becker noch genau jener junge Sportler ist, dessen kompromissloses Spiel seinerzeit die Tenniswelt aufmischte.

Ein Oberbürgermeister, zwei Archivkenner und eine sportbegeisterte Hotelfamilie

Oberbürgermeister John Ehret bei der Ausstellungseröffnung
Oberbürgermeister John Ehret bei seiner Ansprache zur Ausstellungseröffnung am 27. Oktober.

Zur offiziellen Eröffnung kamen Oberbürgermeister John Ehret, Wirtschaftsförderer Jörg Hormann, der langjährige Stadtarchivleiter Harry Bossert sowie Mitglieder der Hotelierfamilie Schreiber zusammen.

Hormann und Bossert hatten zuvor die städtischen Bestände durchgesehen und die Auswahl für die neue Präsentation getroffen. Allein die Gegenstände und Dokumente aus Beckers Tennislaufbahn beanspruchen im Archiv ungefähr drei Regalmeter. Wer sich durch solche Bestände arbeitet, braucht neben Sachkenntnis auch eine gewisse Ausdauer – eine Eigenschaft, die bekanntlich auch auf dem Tennisplatz nicht schadet.

Bei den Vorbereitungen wurde auch Kontakt zur Familie Becker aufgenommen. Interessant dabei: Boris Becker zeigte sich besonders neugierig auf einige Gedenkmünzen, deren Existenz ihm offenbar selbst nicht bekannt gewesen war.

Oberbürgermeister John Ehret würdigte bei der Eröffnung die herausragende Bedeutung des Leimener Ehrenbürgers für die deutsche Sportgeschichte. Für die Stadt ist die Ausstellung zugleich eine Möglichkeit, ihre eigene Geschichte einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Die Villa Toskana will mehr als nur Hotel sein

Hinter dem neuen Ausstellungsort steht die sportbegeisterte Familie Schreiber. Hotelgründer Joachim Schreiber und Hoteldirektor Tim Schreiber sehen in der Sports-Lobby nicht nur eine dekorative Ergänzung des Hotelbetriebs, sondern auch eine Möglichkeit, Sportgeschichte zu vermitteln. Besonders die jüngere Generation liegt Tim Schreiber am Herzen. Die Ausstellung soll zeigen, welche Möglichkeiten der Sport eröffnet, und möglichst auch Interesse am aktiven Vereinsleben wecken.

Das passt durchaus zu Leimen. Schließlich hat die Stadt nicht nur Boris Becker hervorgebracht beziehungsweise sportlich geprägt. Mit dem Radrennfahrer Günter Haritz, dem Gewichtheber Matthias Steiner und dem Eisschnellläufer Ehrhard Keller gibt es weitere bedeutende Namen mit engem Bezug zur örtlichen Sportgeschichte.

Auch der AC Germania St. Ilgen gehört in diesen Zusammenhang. Der traditionsreiche Gewichtheberverein schaffte unter maßgeblicher Beteiligung Ehrhard Kellers den Aufstieg in die Bundesliga. Matthias Steiner wiederum trainierte im Leimener Bundesleistungszentrum, bevor er 2008 in Peking Olympiasieger wurde.

Die Sports-Lobby könnte damit langfristig zu einer kleinen Ruhmeshalle des Leimener Sports werden. Der Anfang ist jedenfalls gemacht.

Was aus dem Jungen vom TC Blau-Weiß wurde

Boris-Becker-Ausstellung in der Villa Toskana
Bilder und Erinnerungsstücke dokumentieren den Weg des jungen Leimener Tennisspielers zum internationalen Sportstar.

Sein erster Wimbledon-Sieg am 7. Juli 1985 machte Boris Becker über Nacht zum Weltstar. Mit gerade einmal 17 Jahren gewann er als jüngster männlicher Einzelsieger der Turniergeschichte das berühmteste Tennisturnier der Welt. Deutschland entdeckte plötzlich den Tennissport, die Mitgliederzahlen der Vereine stiegen, und in Leimen war man auf den jungen Mann, der beim TC Blau-Weiß seine ersten Schritte gemacht hatte, natürlich besonders stolz.

Es blieb nicht bei diesem einen Triumph. Insgesamt stehen 49 Turniersiege im Einzel, 15 im Doppel und sechs Grand-Slam-Titel in Beckers sportlicher Bilanz. Dreimal gewann er Wimbledon, zweimal die Australian Open und einmal die US Open. 1991 erreichte er schließlich die Spitze der Tennisweltrangliste.

Und genau hier bekommt die Eröffnung der Leimener Ausstellung eine bemerkenswert aktuelle Note: Ausgerechnet in derselben Woche, in der Boris Beckers sportliche Vergangenheit in der Villa Toskana einen neuen Platz erhält, schreibt Alexander Zverev deutsche Tennisgeschichte. Mit seinem Sieg am gestrigen Donnerstag gegen den Niederländer Tallon Griekspoor beim ATP-Turnier in Wien sicherte er sich erstmals die Führung in der Weltrangliste. Ab Montag, dem 2. November, wird er offiziell als Nummer eins geführt – als erst zweiter deutscher Tennisspieler nach Boris Becker und damit 35 Jahre nach dessen Aufstieg an die Weltspitze. Ein schöner Zufall, den sich selbst ein geschickter Veranstaltungsplaner kaum besser hätte ausdenken können.

Zurück nach Leimen: Dass Beckers außergewöhnliche Karriere beim örtlichen TC Blau-Weiß ihren Anfang nahm, gehört bis heute zum Selbstverständnis des Vereins. Auch seine Mutter Elvira blieb dem Club über Jahrzehnte eng verbunden und war dort Ehrenmitglied.

2015 wurde Boris Becker in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen. An seiner Bedeutung für den Tennissport ändern auch seine späteren persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten nichts. Sportliche Leistungen lassen sich schließlich nicht nachträglich aus den Ergebnislisten streichen.

Im Archiv wartet noch reichlich Arbeit

Mit den rund 40 ausgestellten Erinnerungsstücken ist der vorhandene Bestand längst nicht erschöpft. Im Stadtarchiv lagern weitere 30 bis 40 Kisten mit Tausenden Zeitungsartikeln, die Beckers Karriere über Jahrzehnte begleitet haben. Jörg Hormann kündigte an, dieses Material künftig digitalisieren und zugänglich machen zu wollen. Über einen QR-Code könnten Besucher dann zusätzlich zur eigentlichen Ausstellung historische Berichte und Dokumente abrufen.

Das wäre eine sinnvolle Ergänzung, denn gerade die zeitgenössischen Berichte zeigen, wie außergewöhnlich Beckers Aufstieg damals wahrgenommen wurde. Was heute selbstverständlich erscheint – ein deutscher Tennisspieler als internationaler Superstar –, war 1985 eine Sensation. Nicht alle Erinnerungsstücke sind übrigens umgezogen. Die 1991 von Antonius Schoofs geschaffene Boris-Becker-Büste bleibt im Rosensaal des Bürgerhauses. Auch dort ist der berühmte Leimener also weiterhin vertreten.

Besichtigung ausdrücklich auch für Leimener möglich

Informationstafel zur Boris-Becker-Ausstellung
Die Informationstafel erläutert die Entstehung der Ausstellung und die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Leimen und dem Hotel Villa Toskana.

Ein wichtiger Punkt für alle Interessierten: Die Ausstellung ist keine exklusive Angelegenheit für Hotelgäste. Auch Leimener Bürger und auswärtige Besucher können sie während der Tagesgeschäftszeiten des Hotels besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Die Villa Toskana befindet sich in der Hamburger Straße 4–10 in Leimen. Die Ausstellung ist im zweiten Foyer untergebracht.

Wer sich also noch einmal daran erinnern möchte, wie ein Junge aus Leimen die Tenniswelt eroberte, kann das jetzt ganz ohne Eintrittskarte für Wimbledon tun. Und die Anreise ist ebenfalls deutlich kürzer.

Boris Becker, seine Familie und Leimen – ein Blick in unser Archiv

Für Leimen.News ist die Geschichte der Familie Becker kein neues Thema. Seit vielen Jahren berichten wir über die Verbindung zwischen dem Tennisstar, seiner Heimatstadt und insbesondere dem TC Blau-Weiß Leimen.

Zum 50. Geburtstag von Boris Becker im November 2017 blickten wir auf die außergewöhnliche Karriere des Leimener Ehrenbürgers zurück. Ein weiterer Beitrag beschäftigte sich mit der Geschichte seines Heimatvereins, bei dessen Jubiläum auch Elvira und Sabine Becker eine Rolle spielten.

Besonders eng blieb die Verbindung von Boris Beckers Mutter Elvira zum Leimener Tennisclub. Sie war Ehrenmitglied des TC Blau-Weiß und über viele Jahrzehnte eine vertraute Persönlichkeit im Vereinsleben. Als sie 2024 im Alter von 89 Jahren starb, erinnerten wir in einem Nachruf an ihr Leben und ihre Bedeutung für den Verein.

Unsere bisherigen Berichte zum Nachlesen:

Die neue Ausstellung in der Villa Toskana fügt dieser langen Geschichte nun ein weiteres Kapitel hinzu. Die Pokale, Schläger, Bilder und Dokumente erinnern nicht nur an einen der erfolgreichsten deutschen Tennisspieler, sondern auch daran, dass internationale Sportgeschichte manchmal auf einem ganz gewöhnlichen Tennisplatz in der eigenen Heimatstadt beginnt.

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