Der Gebrauchtwagenmarkt wächst und die Mängelquoten steigen mit

(fu – 2.9.26) Petra Wenger hat das Auto vor drei Wochen bei einem Händler in Heidelberg-Rohrbach gekauft, einen Kombi, Diesel, Baujahr 2018, Tachostand 89000 Kilometer, und jetzt steht sie bei einer TÜV-Station in Mannheim-Käfertal und hört dass es nicht durch die HU kommt. Bremsscheiben vorne sind am Ende, das rechte Abblendlicht geht nicht, und dann findet der Prüfer noch eine eingerissene Lenkmanschette, Wenger hat davon im Alltag nie was mitbekommen, sie fährt den Wagen hauptsächlich morgens im Dunkeln und abends im Dunkeln und dazwischen steht er auf dem Mitarbeiterparkplatz. Keine Plakette, erhebliche Mängel, der Prüfer hat da auch nicht lange überlegt. Wenger arbeitet als Verwaltungsangestellte bei der Stadt Mannheim, sie fährt jeden Tag die Strecke nach Heidelberg und zurück, und sie sagt mir dass sie das Auto gekauft hat weil das Serviceheft vollständig aussah und der Händler ihr gesagt hat es sei gerade erst durch den TÜV gekommen. War es nicht, wie sich herausstellt, die letzte HU war vor 26 Monaten, also überfällig, und der Händler hatte offenbar darauf gesetzt dass die Käuferin das nicht nachrechnet.

Was Wenger erlebt hat ist kein Einzelfall, es ist eine Größenordnung. Der TÜV Report 2026 zeigt den Trend seit vier Jahren in eine Richtung, und ich kenne niemanden in der Branche der überrascht tut. 9,5 Millionen Hauptuntersuchungen hat der TÜV-Verband ausgewertet, Prüfzeitraum Juli 2024 bis Juni 2025, und 21,5 Prozent aller geprüften Fahrzeuge sind mit erheblichen oder gefährlichen Mängeln durchgefallen, 0,9 Punkte mehr als im Vorjahr, vierter Anstieg in Folge seit dem Pandemietief von 17,9 Prozent 2022, dazu nochmal 12,3 Prozent mit geringen Mängeln. Das KBA zählt zum Jahresbeginn 2026 knapp 49,5 Millionen Pkw im Bestand, Durchschnittsalter 10,9 Jahre. Ich sage mal so, wer sich wundert dass Beleuchtung und Bremsen die Mängelliste anführen muss sich nur angucken wie alt der durchschnittliche Pkw in Deutschland inzwischen ist, und dann noch die Achsaufhängungen die dazukommen, klar wird das mehr. Ein Querlenker an einem Zehn-Jahre-Diesel mit 180000 Kilometern auf der Uhr ist irgendwann einfach durch, das weiß jeder Werkstattmeister und trotzdem verkauft jemand das Auto vorher und sagt nichts. Dass bei den jungen Gebrauchtwagen, zwei bis drei Jahre alt, die Spanne von 2,9 bis hoch auf 17,3 Prozent reicht, das ist das eigentlich Beunruhigende, letztes Jahr ging die noch bis 14,2 und jetzt eben fast drei Punkte weiter nach oben. 17,3 Prozent bei einem Fahrzeug das vielleicht drei Jahre auf der Straße war, ich habe die Zahl zweimal gelesen weil ich dachte da fehlt ein Komma.

Jürgen Falk bei der DEKRA in Karlsruhe, mit dem rede ich ab und zu seit einem Branchenabend 2021 oder 2022, der erzählt mir am Telefon etwas das ich so noch nirgends gelesen habe. Er sagt dass er bei Fahrzeugen die bei der HU durchfallen oft sieht dass die Halterwechsel-Papiere ganz frisch sind, zwei Monate, drei Monate vorher umgeschrieben. Na ja, sagt er, der Vorbesitzer kriegt irgendwann eine Werkstattrechnung oder merkt dass die Bremsen komisch reagieren und dann geht das Inserat online, und wer das Auto kauft fährt ahnungslos zur nächsten HU und steht da. Falk kann das nicht belegen, er hat keine Datenbank die Halterwechsel mit HU-Ergebnissen verknüpft, er sieht es an den Papieren wenn er genauer hinguckt und fragt. Im April 2026, nur ein Monat, haben laut KBA 666856 Kraftfahrzeuge den Halter gewechselt, rund 555000 davon Pkw. Falk sagt bei solchen Zahlen verschwinden die problematischen Autos in der Masse, keiner prüft alles, und er sieht das besonders im Rhein-Neckar-Raum wo es von Mannheim über Heidelberg bis nach Ludwigshafen auf jeder zweiten Ausfallstraße einen Händler gibt, manche Höfe mit zwölf Autos, manche mit achtzig, etliche Reimporte aus Rumänien oder Polen die über Österreich reinkommen. Das Bundesland hat knapp sieben Millionen Pkw, nach NRW und Bayern der drittgrößte Bestand in Deutschland, da geht einiges unter. Falk sagt er hat seiner Tochter als erstes beigebracht einen HU-Bericht zu lesen, die hat letztes Jahr den Führerschein gemacht, Einparken konnte sie da noch nicht richtig.

Falk redet auch über Tachomanipulation und da verändert sich sein Tonfall, das merkt man sogar am Telefon. Der zurückgedrehte Kilometerstand macht die ganzen Mängelquoten noch schlimmer als sie ohnehin sind, weil der Käufer bei einem Tacho von 65000 eben nicht mit den Bremsscheiben und Querlenkern rechnet die eigentlich bei 140000 fällig werden. Jeder dritte Gebrauchtwagen, sagen ADAC und Polizei seit Jahren, sechs Milliarden Schaden, 3000 Euro pro betroffenem Käufer ungefähr, und an den Zahlen hat sich wenig geändert. Das Werkzeug dafür, ein kleiner Stecker der an die OBD-2-Buchse kommt, ab 150 Euro im Netz, legal zu kaufen, der ADAC hat Anfang 2025 getestet und kein Modell gefunden bei dem das nicht in Sekunden funktioniert. Falk macht bei verdächtigen Fällen etwas das eigentlich gar nicht zur HU gehört, er steckt sein eigenes Diagnosegerät an die OBD-2-Buchse und liest die Steuergeräte einzeln aus. Motorsteuergerät, ABS, manchmal auch das Getriebe. Die billigen Manipulationsgeräte, und das sind die meisten, setzen nur den Tachowert im Kombiinstrument zurück, die anderen Steuergeräte behalten den echten Stand. Wenn das Motorsteuergerät 148000 sagt und der Tacho 71000 dann weiß Falk Bescheid. In einem von zehn Verdachtsfällen ungefähr, sagt er, vielleicht etwas öfter, er führt darüber keine Liste.

Seit 2010 wird der Kilometerstand bei jeder HU als Pflichtangabe erfasst, §29 StVZO, alle 24 Monate amtlich datiert und dokumentiert, und ein Vergleich zwischen dem letzten HU-Eintrag und dem aktuellen Tachostand ist der einfachste und härteste Check den ein Käufer durchführen kann. Was beim Autokauf vom Händler zu beachten ist lässt sich im Grunde auf eine Reihenfolge reduzieren die Falk jedem empfiehlt der zu ihm in die Prüfstelle kommt. Den HU-Bericht verlangen, Kilometerstand vergleichen, das dauert dreißig Sekunden und sagt mehr als jede Probefahrt. Dann das Verschleißbild angucken, nicht nur die offensichtlichen Sachen wie Reifen und Lack, sondern die Stellen wo man hingreifen und draufsitzen muss, Pedalauflagen, Sitzfläche Fahrerseite, Lenkradgriff. Wenn der Tacho 70000 sagt und die Pedalauflagen blank gescheuert sind dann passt irgendwas nicht. Über die Fahrgestellnummer lässt sich zusätzlich eine Fahrzeughistorie abfragen, Falk nennt das den dritten Prüfweg weil dort HU-Stände und Werkstatteinträge und gemeldete Schäden aus verschiedenen Datenbanken zusammenlaufen, und wer alle drei Schritte macht erwischt die meisten Manipulationen, nicht alle, sagt er, die ganz professionellen synchronisieren inzwischen sämtliche Steuergeräte und dann hilft nur noch der Abgleich mit externen Daten.

Der Anwalt den Wenger eingeschaltet hat wartet seit zwei Wochen auf eine Reaktion vom Händler, bisher nichts. Die Mängel an ihrem Kombi hatten mit dem Kilometerstand möglicherweise zusammen zu tun, möglicherweise auch nicht, der Sachverständige beim TÜV hat dazu keine Aussage gemacht weil das nicht sein Auftrag war. Was er ihr gesagt hat war dass die Bremsscheiben einen Verschleiß zeigen der eher zu 140000 als zu 89000 Kilometern passt. Den alten HU-Bericht hat sie dann über eine Historienabfrage gefunden, letzter dokumentierter Stand vor dem Kauf 132000 Kilometer, und sie hat das auf ihrem Handy nachgeschaut, auf dem Parkplatz vor der TÜV-Station, neben einem Mann der seine Anhängerkupplung eintragen lassen wollte und der gefragt hat ob alles in Ordnung sei.

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