(rnk – 10.9.26) Wer morgens im Rhein-Neckar-Kreis unterwegs ist, braucht für eine erste Einschätzung der Verkehrslage eigentlich keine wissenschaftliche Studie: Autos rollen in Richtung Arbeitsplatz, an Kreuzungen warten Fahrräder auf Grün, an Haltestellen stehen Schülerinnen, Schüler und Berufspendler, und auf den Gehwegen beginnt der Tag zu Fuß. Wie sich diese alltägliche Mischung tatsächlich zusammensetzt, lässt sich nun allerdings ziemlich genau beziffern. Der neue Regionalbericht zur bundesweiten Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD) liefert erstmals besonders detaillierte Daten für den Rhein-Neckar-Kreis.
Das Ergebnis zeigt einen Landkreis, dessen Bevölkerung viel unterwegs ist und dabei häufiger unterschiedliche Verkehrsmittel nutzt als im Bundesdurchschnitt. Das Auto behauptet zwar weiterhin seine Spitzenposition, doch gerade das Fahrrad spielt zwischen Rhein und Neckar eine auffallend große Rolle. Weniger überzeugend fällt dagegen das Urteil über Bus und Bahn aus.
3,1 Wege und 33 Kilometer am Tag
An einem durchschnittlichen Tag sind 82 Prozent der Menschen im Rhein-Neckar-Kreis unterwegs. Pro Person kommen dabei im Mittel 3,1 Wege zusammen, auf denen rund 33 Kilometer zurückgelegt werden. Dafür werden durchschnittlich 77 Minuten benötigt – Zeit im Auto, auf dem Fahrradsattel, im Bus, in der Bahn oder eben auf den eigenen zwei Beinen.
Grundlage des Regionalberichts ist eine umfangreiche Befragung. Zwischen April 2023 und Juli 2024 wurden im Rhein-Neckar-Kreis 5.617 Personen aus 2.873 Haushalten befragt. Der Landkreis hatte sich als regionaler Partner mit einer eigenen Stichprobe an der deutschlandweiten Untersuchung beteiligt. Dadurch lassen sich die Ergebnisse wesentlich genauer auf die Verhältnisse vor Ort herunterbrechen als bei früheren Erhebungen.
Das Auto bleibt wichtig – aber nicht allein
Bei der Verteilung der täglichen Wege führt der motorisierte Individualverkehr weiterhin deutlich: 51 Prozent werden mit Auto oder anderen motorisierten individuellen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Gleichzeitig entfallen 25 Prozent auf das Zufußgehen, 15 Prozent auf das Fahrrad und neun Prozent auf Bus und Bahn.
Noch etwas deutlicher wird die Bedeutung des Autos beim Blick darauf, welches Verkehrsmittel die Menschen regelmäßig nutzen. 42 Prozent der Bevölkerung wechseln im Alltag zwischen mehreren Verkehrsmitteln. Bundesweit sind es 34 Prozent. Besonders häufig taucht dabei die Kombination aus Auto und Fahrrad auf. Die Mehrheit bleibt allerdings einem Verkehrsmittel treu; bei 39 Prozent ist dies das Auto.
Der viel beschworene „Verkehrsmix“ findet im Rhein-Neckar-Kreis also tatsächlich statt – allerdings nicht so, dass morgens sämtliche Verkehrsmittel gleichberechtigt vor der Haustür auf ihren Einsatz warten. Für viele bleibt der Pkw die feste Größe, ergänzt um Fahrrad, Fußweg oder öffentliche Verkehrsmittel.
Fahrradanteil deutlich über dem Bundeswert
Auffällig sind vor allem die Zahlen zum Radverkehr. 15 Prozent aller Wege im Rhein-Neckar-Kreis werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Bundesweit sind es elf Prozent. Fast jede vierte befragte Person nutzt das Fahrrad täglich oder nahezu täglich.
Die Voraussetzungen dafür stehen zumindest in vielen Haushalten bereit: 78 Prozent der Menschen ab 14 Jahren verfügen über ein eigenes Fahrrad oder Pedelec. Ob dieses dann für den Arbeitsweg, den Einkauf oder die kurze Fahrt innerhalb des Wohnorts genutzt wird, hängt naturgemäß von Strecke, Wetter und Infrastruktur ab – der Regionalbericht zeigt aber, dass das Rad im Landkreis längst mehr ist als ein gelegentlich hervorgeholtes Freizeitgerät.
Homeoffice verändert auch den Verkehr
Ein Teil der Mobilität findet inzwischen gar nicht mehr statt, zumindest nicht auf Straße und Schiene. 45 Prozent der Erwerbstätigen im Rhein-Neckar-Kreis arbeiten zumindest teilweise von zu Hause. Bei ihnen sind es durchschnittlich 2,7 Homeoffice-Tage pro Woche.
Damit hat eine Entwicklung, die vor einigen Jahren noch vor allem mit Laptop, Küchentisch und Videokonferenz verbunden wurde, längst Auswirkungen auf die Verkehrsplanung. Wer zu Hause arbeitet, steht morgens weder im Stau noch am Bahnsteig – jedenfalls nicht auf dem Weg ins Büro.
Gute Noten fürs Gehen und Autofahren, eine 3,1 für den ÖPNV
Neben dem tatsächlichen Mobilitätsverhalten wurde auch abgefragt, wie die Menschen die Bedingungen für die verschiedenen Verkehrsarten einschätzen. Am besten schneidet das Zufußgehen mit der Schulnote 2,0 ab. Der Autoverkehr folgt mit 2,1. Die Bedingungen für den Radverkehr erhalten die Note 2,5 und werden damit besser bewertet als im Bundesdurchschnitt.
Deutlich kritischer fällt das Urteil über den öffentlichen Personennahverkehr aus. Bus und Bahn erhalten mit 3,1 die schlechteste Bewertung aller untersuchten Verkehrsarten im Rhein-Neckar-Kreis. Genannt werden vor allem unzureichende Verbindungen, mangelnde Zuverlässigkeit und lange Reisezeiten. Das ist noch kein vernichtendes Zeugnis, aber eines, bei dem man sich über eine Verbesserung im nächsten Halbjahr durchaus freuen würde.
Landkreis will Daten für künftige Planungen nutzen
Für Landrat Manuel Just liegt der Wert der Untersuchung vor allem darin, dass Verkehrsplanung damit stärker am tatsächlichen Verhalten der Bevölkerung ausgerichtet werden kann. „Zukunftsorientierte Mobilitätsplanung muss immer auch das individuelle Mobilitätsbedürfnis der Nutzerinnen und Nutzer berücksichtigen“, erklärt Just.
Mit dem Regionalbericht erhalte der Kreis „verlässliche und repräsentative Planungsgrundlagen“, die künftig in Mobilitätsstrategien und Verkehrsmodelle einfließen könnten. Zugleich sieht der Landrat bisherige Maßnahmen wie die strategische Radverkehrsförderung und das Kreisstraßendeckenprogramm durch die Ergebnisse bestätigt.
Praktische Verwendungsmöglichkeiten gibt es reichlich. Die Daten können beispielsweise bei der Weiterentwicklung des kreisweiten Radverkehrsnetzes, bei Verbesserungen im ÖPNV, bei der Planung von Mobilstationen und miteinander verknüpften Verkehrsangeboten sowie bei der Verkehrs- und Infrastrukturplanung der Städte und Gemeinden eingesetzt werden. Auch Mobilitäts- und Klimaschutzkonzepte können auf die Ergebnisse zurückgreifen.
Nicht nur der Durchschnitt zählt
Für die Verkehrsplanung besonders interessant ist, dass sich die Daten nicht auf einen einzigen Durchschnittswert für den gesamten Rhein-Neckar-Kreis beschränken. Die Untersuchung erlaubt auch differenzierte Aussagen nach Altersgruppen, Haushaltsformen und Einkommensgruppen. Hinter den 3,1 täglichen Wegen steckt schließlich eine sehr unterschiedliche Wirklichkeit: Der Schulweg eines Jugendlichen sieht anders aus als der Arbeitsweg eines Berufspendlers oder die alltägliche Mobilität eines älteren Menschen.
Patrick Fierhauser, Leiter der Stabsstelle Nachhaltige Mobilität, sieht darin einen wichtigen Vorteil für die Zusammenarbeit mit den Kommunen. Durch die detaillierten Daten könne künftig gezielter geplant werden. Die MiD liefere damit eine Grundlage, um die Mobilität „bedarfsgerecht, nachhaltig und klimafreundlich weiterzuentwickeln“.
421.000 Menschen bundesweit befragt
Die Studie „Mobilität in Deutschland“ wird im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr durchgeführt und untersucht seit vielen Jahren das alltägliche Verkehrsverhalten. Erhebungen gab es bereits 2002, 2008 und 2017. Für die aktuelle Ausgabe wurden zwischen Mai 2023 und Juni 2024 bundesweit mehr als 218.000 Haushalte mit rund 421.000 Personen befragt; die bundesweiten Ergebnisse wurden Ende 2025 veröffentlicht.
Erfasst werden unter anderem tägliche Wege, benutzte Verkehrsmittel, die Ausstattung der Haushalte mit Autos und Fahrrädern sowie die Einschätzung der Verkehrsinfrastruktur. Für den Rhein-Neckar-Kreis entsteht daraus nun ein recht genaues Bild: Das Auto ist weiterhin das wichtigste Verkehrsmittel, zu Fuß gehen gehört selbstverständlich zum Alltag, das Fahrrad ist überdurchschnittlich stark vertreten – und beim öffentlichen Nahverkehr bleibt erkennbar Arbeit liegen.
Mobilität im Rhein-Neckar-Kreis bedeutet damit weniger ein Entweder-oder als ein Nebeneinander verschiedener Verkehrsmittel. Nur bei einem Punkt sind die Verhältnisse erfreulich eindeutig: Wer zu Fuß geht, muss weder einen Parkplatz suchen noch auf den Anschluss warten.





