(fwu – 31.10.26) Früher war die Weinlese eine Angelegenheit für den Herbst. Ende September, Anfang Oktober rückten die Winzer aus, die Temperaturen waren angenehm kühl, und die Trauben kamen ohne größere Probleme in den Keller. Heute beginnt die Ernte teilweise schon Ende August, und wer nicht aufpasst, liefert sein Lesegut bei 30 Grad Celsius an. Der Klimawandel hat auch im Weinberg den Terminkalender gründlich durcheinandergebracht.
Wie sehr sich der Weinbau inzwischen verändert hat, zeigt der Jahrgang 2026. Im Gespräch mit Leimen.News-Chefredakteur Fritz Uthe zieht Nathalie Müller, Chefin des Leimener Weinguts Adam Müller, eine erste Bilanz. Die fällt durchaus zwiespältig aus: wenig Ertrag, viel Arbeit, aber ausgesprochen gute Qualität.
Trockenheit – aber nicht jeder Weinberg leidet gleich
Deutschlandweit war 2026 für die Winzer ein schwieriges Jahr. Vor allem die extreme Trockenheit machte den Reben zu schaffen. Dabei gelten Weinreben eigentlich als recht widerstandsfähige Pflanzen. Ältere Rebstöcke entwickeln ein tiefreichendes Wurzelwerk und können sich dadurch auch in heißen Sommern noch mit Wasser versorgen. Allerdings funktioniert das nur, wenn unter den Reben auch genügend Boden vorhanden ist. An der Badischen Bergstraße sind die Voraussetzungen vergleichsweise günstig. In manchen Weinlagen, etwa im Kreuzweg, reichen die tiefgründigen Bodenschichten bis zu 25 Meter über die darunterliegende Felsformation. Die Wurzeln haben dort gute Möglichkeiten, Wasser zu erschließen.
Schwieriger wird es auf flachgründigen Böden mit geringem Wasserhaltevermögen, etwa auf bestimmten Kalksandstein-Verwitterungsböden. Besonders dramatisch war die Situation nach Müllers Einschätzung in den Steillagen an Mosel und Mittelrhein. Dort liegt über dem Fels teilweise nur eine dünne Humusschicht. Ohne zusätzliche Bewässerung können die Reben bei anhaltender Trockenheit ernsthaft Schaden nehmen. Für solche Standorte stellt sich langfristig die Frage, ob Weinbau ohne künstliche Bewässerung überhaupt noch wirtschaftlich möglich sein wird.
Auch der Wald kann dem Weinberg helfen
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine kleine, von Wald umgebene Weinlage des Weinguts direkt gegenüber dem Heidelberger Schloss – Die Lage „Op der Bruck“. Obwohl die Reben dort den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt sind, wirkt sich die Nachbarschaft der Bäume positiv auf den Wasserhaushalt aus. Der Waldboden kann Feuchtigkeit speichern und damit die Bedingungen in der angrenzenden Weinlage verbessern. Ein kleiner Standortvorteil, der in trockenen Jahren durchaus ins Gewicht fällt. Ganz ohne Probleme ging es allerdings auch dort nicht. Wildschäden gab es wieder, wenn auch deutlich weniger als im Vorjahr, als eine Horde / Rotte Wildschweine die gesamte Ernte in einer Nacht verputzte.
Kleine Ernte, winzige Beeren – und hervorragende Qualität

Was die Erntemenge betrifft, macht sich Nathalie Müller keine Illusionen: 2026 wird für das Weingut ein kleiner Jahrgang, allenfalls mit einer knapp durchschnittlichen Erntemenge. Besonders auffällig war die geringe Größe mancher Beeren. Beim Spätburgunder erreichten sie teilweise gerade einmal die Größe schwarzer Johannisbeeren. Dafür waren die Trauben ausgesprochen gesund und die erreichten Qualitäten sehr hoch.
Die Kehrseite dieser Entwicklung: Die Winzer mussten ausgesprochen schnell reagieren. Während sich die Weinlese früher durchaus über sechs Wochen hinziehen konnte, war beim Weingut Adam Müller in diesem Jahr bereits nach dreieinhalb Wochen alles im Keller. Die Reifeentwicklung der Trauben verläuft inzwischen wesentlich schneller. Sobald bestimmte Mostgewichte erreicht sind, steigen die Zuckerwerte teilweise sprunghaft an, während gleichzeitig die Säure stark zurückgeht. Wer den richtigen Lesezeitpunkt verpasst, kann diese Entwicklung nicht mehr rückgängig machen.
Früher 100 Tage, heute 90 – und die Blüte kommt auch früher
Wie grundlegend sich die Verhältnisse verändert haben, verdeutlicht eine alte Winzerregel. Früher rechnete man ungefähr 100 Tage von der Rebblüte bis zur Ernte. Heute sind es nach Müllers Erfahrung häufig nur noch rund 90 Tage. Hinzu kommt, dass die Blüte inzwischen drei bis vier Wochen früher stattfindet. Zusammengenommen bedeutet das: Die Weinlese beginnt heute rund vier bis fünf Wochen früher als noch vor 35 Jahren. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Arbeit im Weingut.
Weil die Temperaturen während der Ernte häufig hoch sind, werden die Trauben bevorzugt in den frühen Morgenstunden, am Abend oder sogar nachts gelesen. Moderne Vollernter machen das möglich. Andernfalls müsste das Lesegut, das mit Temperaturen um 30 Grad in den Keller kommt, zunächst aufwendig heruntergekühlt werden. Der Winzer hat also nicht nur einen anderen Erntekalender, sondern teilweise auch andere Arbeitszeiten bekommen. Die Weinlese bei spätsommerlicher Hitze ist jedenfalls eine andere Angelegenheit als die traditionelle Herbstarbeit im kühlen Oktober.
Im Weinkeller entscheidet sich jetzt die Qualität
Mit der Ernte ist die Arbeit selbstverständlich noch lange nicht abgeschlossen. Gerade bei einem Jahrgang wie 2026 kommt es darauf an, die Moste sorgfältig zu analysieren und die Gärung entsprechend zu steuern. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Nährstoffversorgung der Hefen. Diese benötigen unter anderem ausreichend verfügbaren Stickstoff, um während der alkoholischen Gärung die gewünschten Aromen entwickeln zu können. Fehlen solche Nährstoffe, kann der Kellermeister gezielt nachhelfen. Die moderne Kellerwirtschaft bietet dafür verschiedene Möglichkeiten.
Nach den bisherigen Erkenntnissen erwartet Nathalie Müller einen Jahrgang mit sehr gehaltvollen Weinen, niedrigen Säurewerten und ausgeprägter Aromatik. Beim Weißburgunder könnten sich beispielsweise tropische Fruchtnoten zeigen. Die Rotweine präsentieren sich bereits jetzt mit einer besonders intensiven Farbe.
Vielversprechend – aber die endgültige Bewertung muss warten


Wie sich die Weine des Jahrgangs 2026 tatsächlich entwickeln werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen. Insbesondere über ihre Lagerfähigkeit und langfristige Entwicklung möchte Nathalie Müller noch keine Prognose abgeben. Dafür sei es schlicht zu früh. Erst wenn die jungen Weine vollständig durchgegoren sind und verkostet werden können, wird sich ein verlässlicheres Bild ergeben. Die ersten Anzeichen stimmen sie allerdings optimistisch.
Für die Weinfreunde an der Badischen Bergstraße bedeutet das: Der Jahrgang 2026 dürfte mengenmäßig überschaubar ausfallen, qualitativ aber einiges zu bieten haben. Und wer sich darüber wundert, dass die Weinlese inzwischen schon im Hochsommer beginnt, muss sich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass sich nicht nur das Klima verändert hat, sondern mit ihm auch ein jahrhundertealter Arbeitsrhythmus.
Der Wein wird weiterhin im Herbst getrunken. Nur geerntet wird er inzwischen deutlich früher.





