(fwu – 23.9.26) Es gibt diese eigentümlichen Stunden auf einem Volksfest, in denen der Platz aussieht, als habe jemand über Nacht vergessen, ihn wieder einzuschalten. Der Sonntagvormittag auf der Leimener Weinkerwe gehört ein wenig in diese Kategorie. Vor dem Rathaus wird der ökumenische Gottesdienst gefeiert, über den wir bereits berichtet haben, und auf dem Georgi-Marktplatz herrscht derweil eine Ruhe, die man hier spätestens seit dem Vorabend kaum noch für möglich gehalten hätte.
Die Tische stehen da, die Stände ebenfalls, die blau-weißen Markisen warten auf Kundschaft – nur die Menschen fehlen zunächst weitgehend. Jedenfalls fast. Denn aus einer Ecke des Platzes kommt bereits jenes unverkennbare Gemisch aus Stimmen, Gläserklirren und allgemeiner Betriebsamkeit, das dem kundigen Kerwebesucher signalisiert: Hier ist der Sonntag schon etwas weiter fortgeschritten.
Beim SK Neptun ist längst Vormittag
Beim SK Neptun Leimen wird traditionell der Weißwurst-Frühschoppen gefeiert, und während ringsum noch eine gewisse sonntägliche Zurückhaltung herrscht, sind die Bänke hier bereits besetzt. Weißwürste liegen auf den Tellern, daneben Brezeln, und in den Gläsern steht das passende Getränk. Man stößt an, rückt zusammen und unterhält sich – kurzum: Der Schwimmclub Neptun hat seinen eigenen kleinen Tagesrhythmus entwickelt.
Das funktioniert seit Jahren. Der Frühschoppen gehört für den Verein inzwischen zum Kerwesonntag wie das Wasser zum Schwimmbecken, nur dass man hier aus naheliegenden Gründen lieber nicht hineinspringt. Einige Mitglieder haben sich in Tracht geworfen, Lederhosen gehören ebenso zum Bild wie Dirndl, und selbst hinter dem Stand wird das bayerische Sonntagsprogramm konsequent durchgezogen: Weißwurst auf dem Teller, Brezel dazu, fertig ist die kulinarische Tagesordnung.
Ein Verein, der seine Hütte selbst voll bekommt
Bemerkenswert ist dabei, dass der Neptun an diesem Vormittag gar nicht darauf angewiesen ist, dass halb Leimen zufällig vorbeikommt. Auf den Bänken sitzen Mitglieder und Vorstände, Bekannte rücken zusammen, Gläser werden über den Tisch gereicht. Der Verein ist groß genug und offenbar eng genug miteinander verbunden, um zunächst einmal selbst für Betrieb zu sorgen – gewissermaßen Frühschoppen mit eingebauter Grundauslastung.
Und so feiert man an diesem Sonntagvormittag durchaus auch ein bisschen sich selbst. Das ist keineswegs negativ gemeint. Vereine leben schließlich nicht nur von Trainingsplänen, Vorstandssitzungen und der Frage, wer am Ende noch den Schlüssel fürs Vereinsheim hat. Sie leben vor allem davon, dass Menschen gern zusammenkommen. Beim Neptun lässt sich das an diesem Vormittag ziemlich handfest beobachten: volle Bänke, erhobene Gläser und Gesichter, die nicht den Eindruck vermitteln, als müsse jemand zur guten Laune erst dienstlich verpflichtet werden.
Der Georgi-Marktplatz wacht langsam auf
Für eine Weile ist der Neptun damit tatsächlich der Anziehungspunkt auf dem ansonsten noch erstaunlich stillen Georgi-Marktplatz. Wer über den Platz läuft, landet beinahe zwangsläufig hier – schon deshalb, weil dort Menschen sitzen, während andernorts der Kerwesonntag noch Anlauf nimmt.
Das ändert sich später. Gegen Ende des Vormittags kommen wieder mehr Menschen auf den Georgi-Marktplatz, auch an den übrigen Ständen beginnt der Betrieb, Gespräche ziehen über den Platz und die sonntägliche Ruhe verabschiedet sich Stück für Stück. Eine Weinkerwe hält solche Ruhephasen schließlich nur begrenzt aus.
Der SK Neptun hatte da allerdings längst vorgelegt. Während der Rest des Platzes noch erwachte, waren Weißwürste gegessen, Brezeln angebissen und die ersten Gläser bereits erhoben. Manchmal braucht es für einen erfolgreichen Kerwevormittag eben kein großes Programm. Ein paar Bänke, ein eingespielter Verein und eine Tradition, die seit Jahren funktioniert, reichen offenbar völlig aus. Und für einige Zeit galt auf dem Georgi-Marktplatz ohnehin eine sehr einfache Orientierungshilfe: Wo etwas los ist, da ist Neptun.




