(fwu – 5.10.26) Der Oktober hatte am Samstag offenbar einen Sommertag übrig. Über den Leimener Weinbergen spannte sich blauer Himmel, die Sonne schien von morgens bis abends, und die Pullover, die beim noch kühlen Aufstieg durchaus vernünftig gewesen waren, wurden spätestens mittags hauptsächlich herumgetragen. Beim Weinbergfest an der Kreuzweg-Hütte im Gewann Knollen waren zu diesem Zeitpunkt die schattigeren Plätze zwischen den Rebstöcken bereits eine kleine Standortfrage geworden.
Zum elften Mal hatten die Landfrauen Leimen gemeinsam mit dem Weingut Adam Müller und dem Obst-, Wein- und Gartenbauverein Leimen zum Weinbergfest am Tag der Deutschen Einheit eingeladen. Und wer schon gegen elf Uhr den Weg nach oben genommen hatte, durfte sich diesmal nicht nur als Frühaufsteher fühlen, sondern als Mensch mit bemerkenswert guter taktischer Planung. Denn dass es bei diesem Wetter voll werden würde, war ungefähr so überraschend wie die Tatsache, dass zum Zwiebelkuchen ein Glas Wein recht gut passt.
Die besten Plätze lagen mitten im Wein
Besonders begehrt waren die orangefarbenen Biertischgarnituren direkt zwischen den Rebzeilen. Dort saßen die Besucher tatsächlich mitten in dem, worum es an diesem Tag ging: links Rebstöcke, rechts Rebstöcke, auf dem Tisch Weingläser und dahinter der Blick weit über die Rheinebene. Je nach Sonnenstand spendeten die Blätter sogar ein wenig Schatten – keine Klimaanlage, aber im Weinberg arbeitet man schließlich mit dem, was die Natur zur Verfügung stellt.
Auf der großen Freifläche standen weitere Tischreihen, und schon bald waren auch dort die Bänke dicht besetzt. Aus Leimen kamen die Gäste ohnehin, aber ebenso aus Nußloch, Sandhausen und deutlich weiter entfernten Gegenden; selbst aus Oldenburg hatte es Besucher in die Reben verschlagen.
Geheimratsecken zwischen den Reben

Auch die kommunale Prominenz hatte den Weg hinauf gefunden. Oberbürgermeister John Ehret war mit seiner Frau Katja unter den Gästen, ebenso mehrere Mitglieder des Gemeinderats. Zwischen den Rebzeilen entstanden damit zeitweise regelrechte geheime Ratsecken – oder, der örtlichen Topografie entsprechend etwas kürzer: Geheimratsecken. Politische Beschlüsse wurden dort augenscheinlich nicht gefasst; auf den Tischen standen jedenfalls eher Weingläser als Aktenordner.
Überhaupt funktionierte das Fest erstaunlich unkompliziert: Man setzte sich dazu, rückte ein Stück, kannte jemanden oder lernte jemanden kennen. Vor einer Kulisse aus grünen Rebzeilen und bereits herbstlich gefärbtem Wald saßen Familien neben Freundesgruppen, ältere Besucher neben jüngeren, dazwischen Kinder mit Kuchen auf Papptellern. Der Weinberg war für einige Stunden weniger landwirtschaftliche Nutzfläche als eine ziemlich weitläufige Außengastronomie – nur mit erheblich besserer Aussicht.
Zwiebelkuchen, Flammkuchen und ein Salzweck, der läuft

Für die Landfrauen begann der gemütliche Teil des Tages naturgemäß erst dort, wo er für die Besucher längst begonnen hatte. Hinter der Theke standen die Helferinnen in weißen Schürzen, vor ihnen Kuchen, Torten und der Zwiebelkuchen der Bäckerei Sailer. Dass hausgemachte Kuchen bei solchen Veranstaltungen keine lange Halbwertszeit besitzen, gehört zu den zuverlässigeren Erkenntnissen der Lokalgeschichte.
Auch beim Weingut Adam Müller herrschte reger Betrieb. Nathalie und Matthias Müller und ihr Team hatten an den Backöfen zu tun, denn erstmals wurden Flammkuchen in verschiedenen Varianten angeboten. Marcus Müller fasste die Nachfrage mit dem schönen Satz zusammen, der Flammkuchen laufe „wie geschnitten Brot“. Dazu kamen die Weine aus dem eigenen Anbau – und hier war die Entfernung zwischen Produktionsort und Ausschank ausgesprochen überschaubar: Die Gäste saßen zwischen genau jenen Reben, aus denen die ausgeschenkten Weine stammen.
Der Obst-, Wein- und Gartenbauverein sorgte derweil für Herzhaftes vom Grill. Wegen Personalmangels musste das Angebot etwas kleiner ausfallen, wie Vorsitzender Peter Kalbrunner berichtete. Dafür erwiesen sich die frisch zubereiteten Salzweck mit Schwartenmagen als ausgesprochen standfeste Vertreter der regionalen Küche. Sie liefen, so hieß es hinter der Verkaufstheke, „wie geschmiert“ – eine Formulierung, bei der man in diesem speziellen kulinarischen Zusammenhang besser nicht allzu lange über die Einzelheiten nachdenkt.
Eine Bühne, die diesmal wirklich eine war
Ab 13 Uhr übernahm „Lost and Refound“ einen Teil der akustischen Zuständigkeit im Weinberg. Hans, Ernst, Volker, Rainer und Alex spielten Rock’n’Roll, Oldies und Hits vor allem aus den 1960er- und 1970er-Jahren, unterstützt von Tontechniker Manuel. Gitarren, Schlagzeug und Keyboard mischten sich mit dem Stimmengewirr der voll besetzten Tische, und mancher Refrain benötigte im Publikum erkennbar keine Textvorlage.
Für die Musiker hatte sich gegenüber früheren Ausgaben übrigens Entscheidendes verbessert. Mussten sie sich sonst zwischen Reben und Weinstöcken einrichten, gab es diesmal einen eigenen Pavillon samt festem Boden. Das klingt zunächst nicht nach einem Meilenstein der Veranstaltungstechnik, gewinnt aber erheblich an Bedeutung, sobald Verstärker, Mikrofonständer, Schlagzeug, Kabel und ein abschüssiger Weinberg gleichzeitig ins Spiel kommen. Außerdem hielt das Dach die Sonne ab – an diesem Nachmittag fast schon die wichtigere technische Ausstattung.
Der Wein musste nachgeliefert werden

Wie groß der Andrang tatsächlich war, zeigte sich schließlich an einer logistischen Maßnahme, die bei einem Weinbergfest durchaus als Erfolgsindikator gelten darf: Im Weingut musste Nachschub geholt werden. Auf den langen Tischen standen Gläser neben Wasser- und Weinflaschen, immer neue Gäste kamen über die Wege zwischen den Reben hinzu, und von einem raschen Ende wollte bei diesem Wetter niemand besonders viel wissen.
Eigentlich war das Fest bis 18 Uhr vorgesehen. Eigentlich. Doch solange die Sonne über der Rheinebene stand und die Tische besetzt blieben, bestand wenig Anlass, auf die Uhr zu schauen. So zog sich das Weinbergfest locker bis in die Dämmerung hinein. Die Schatten wurden länger, die Temperaturen angenehmer, und auf den Bänken saßen noch immer genügend Menschen, um den ursprünglichen Zeitplan als unverbindliche Empfehlung erscheinen zu lassen.
Wer laufen konnte, war diesmal klar im Vorteil
Zum Weinberg gelangte man zu Fuß über den Leimener Lehr- und Wanderpfad; von der Straßenbahn-Endstelle waren dafür ungefähr 15 Minuten einzuplanen. Außerdem hatte das Weingut Müller einen kostenlosen Shuttlebus organisiert. Beides erwies sich als durchaus vernünftige Lösung, denn wer mit dem eigenen Auto möglichst nahe an das Fest heranfahren wollte, lernte schnell eine alte Leimener Gesetzmäßigkeit kennen: Wo viele Menschen hinwollen, werden Parkplätze nicht automatisch mehr.
Einige Autofahrer entwickelten dabei allerdings einen etwas großzügigen Begriff von „freier Fläche“. An einer Kurve wurde ein Wagen so abgestellt, dass der große Stadtbus seine Runde nicht mehr fahren konnte. Der Busfahrer durfte deshalb eine unfreiwillige Pause einlegen, während die Fahrgäste warten mussten und schließlich ein Abschleppdienst dafür sorgte, dass aus einer vermeintlichen Parklücke wieder das wurde, was sie vorher gewesen war: ein notwendiger Teil der Straße. Ein Stadtbus braucht zum Abbiegen nun einmal mehr Platz als ein Einkaufswagen – selbst am Tag der Deutschen Einheit.
Vom 1. Mai in Lingental zum 3. Oktober im Weinberg

Dass das Fest heute eine solche Größe erreicht, war bei seinen Anfängen nicht unbedingt abzusehen. Landfrauen-Vorsitzende Renate Müller erinnerte daran, dass früher am 1. Mai in „Brunos Scheune“ in Lingental gefeiert wurde. Als ein neuer Veranstaltungsort gebraucht wurde, wechselte man in den Weinberg und legte den Termin auf den 3. Oktober. Seitdem, so Müller, sei das Weinbergfest von Jahr zu Jahr größer geworden und mittlerweile ein „Selbstläufer“.
Wer an diesem sonnigen Nachmittag über das Gelände blickte, konnte nachvollziehen, was damit gemeint war. Dicht besetzte orangefarbene Tischreihen zogen sich zwischen den Reben entlang, vor der kleinen Bühne standen und saßen die Zuhörer, an den Ausgaben wurde gearbeitet, gebacken und ausgeschenkt, und dahinter öffnete sich der Blick weit hinaus über Leimen und die Rheinebene bis in Richtung Pfälzer Berge. Der Herbst zeigte erste Farben im Wald, während unten an den Tischen noch Sonnenbrillen und hochgekrempelte Ärmel dominierten.
Ein 3. Oktober, der etwas länger dauerte
Am Ende brauchte dieses Weinbergfest keine großen Inszenierungen. Ein paar Reihen Rebstöcke, lange Holztische, Wein aus unmittelbarer Nachbarschaft, Kuchen, Flammkuchen und Herzhaftes, dazu eine Band unter dem Pavillon und ein Oktobertag, der sich hartnäckig als Sommertag ausgab, reichten vollkommen. Dass Wein nachgeholt werden musste und der offizielle Feierabend einfach an den weiterhin besetzten Tischen vorbeizog, erledigte die Besucherstatistik auf sehr anschauliche Weise.
Nur der Busfahrer unten am Berg dürfte den Nachmittag stellenweise etwas anders in Erinnerung behalten. Aber auch das gehört zu einem großen Fest: Oben gehen die Getränke aus, unten die Parkplätze – und irgendwo dazwischen stellt jemand fest, dass eine Kurve tatsächlich zum Kurvenfahren gedacht ist.





