(fwu – 25.8.26) Es gibt Betriebsfeiern, zu denen fährt man mit dem Auto, sucht zehn Minuten einen Parkplatz und steht anschließend mit einem Getränk neben einem Kollegen, dessen Namen man seit zwölf Jahren kennen müsste. Und dann gibt es Betriebsfeiern, zu denen wird Cagdas Halicilar aus Leimen mit dem Hubschrauber eingeflogen, während auf der Wiese bewaffnete Polizeikräfte stehen und zuvor eine Werkshalle sicherheitshalber auf Sprengstoff untersucht wurde.
Halicilar ist unseren Lesern inzwischen kein Unbekannter mehr. Seine verblüffende Ähnlichkeit mit Amazon-Gründer Jeff Bezos hat dem Leimener schon einige bemerkenswerte Auftritte beschert, über die wir im LeimenBlog bereits mehrfach berichtet haben. Diesmal führte ihn die Sache nach Österreich – genauer gesagt nach Micheldorf in Oberösterreich. Und dort passte der falsche Bezos ausgerechnet erstaunlich gut zum Anlass.
170 Werkzeuge für einen ziemlich großen Onlinehändler
Der österreichische Werkzeugbauer Haidlmair hatte am 19. August zur „Project Closing Party“ geladen. Grund dafür war nicht die erfolgreiche Einführung einer neuen Kaffeemaschine in der Verwaltung, sondern der Abschluss des größten Auftrags der Firmengeschichte: Insgesamt 170 Spritzgießwerkzeuge für Logistikzentren in Mexiko wurden gefertigt.
Die Zahlen dahinter sind von jener Größenordnung, bei der man zweimal nachschaut, ob irgendwo versehentlich eine Null zu viel hineingeraten ist: Mehr als 650.000 Einzelteile wurden in den Werkzeugen verbaut, rund 2.800 Tonnen Stahl verarbeitet. Das erste Meeting für den Auftrag fand laut Firmenchef Mario Haidlmair erst im Oktober 2025 statt. „In so kurzer Zeit so viele Werkzeuge zu bauen, ist wohl ein neuer Weltrekord“, sagte Haidlmair.
Der Kunde wird in der Berichterstattung zunächst recht diskret als „global operierender Onlineversandhändler“ bezeichnet. Amazon wird im Zusammenhang mit dem Projekt allerdings ebenfalls genannt. Und spätestens hier versteht man, weshalb ein Mann, der Jeff Bezos zum Verwechseln ähnlich sieht, zwischen Werkzeugmaschinen, amerikanischen Gästen und österreichischen Gastgebern nicht vollkommen deplatziert wirkte.
Erst das SEK, dann der Bezos aus Leimen
Ganz ohne Sicherheitsvorkehrungen ging es allerdings nicht. Nach Angaben von Cagdas Halicilar waren österreichische Spezialkräfte vor Ort; die Halle sei im Vorfeld auch auf mögliche Sprengsätze untersucht worden. Zusätzlich sorgte Security für die Absicherung der Veranstaltung. Auf den Bildern sieht man entsprechend ausgerüstete Polizeikräfte – schwarze Einsatzkleidung, Bewaffnung, konzentrierte Blicke. Das übliche Empfangskomitee eines Sommerfestes sieht geringfügig anders aus.
Der Aufwand hatte einen nachvollziehbaren Hintergrund: Nach Halicilars Angaben waren auch Mitarbeiter aus dem Amazon-Hauptquartier in den USA angereist. Dazu kamen hochrangige Gäste aus Wirtschaft und Politik. Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer würdigte die Leistung des Unternehmens und erklärte, Haidlmair habe mit dem Projekt etwas geleistet, das „weltweit Maßstäbe“ setze.
Und während also die Sicherheitskräfte das Gelände im Blick behielten, näherte sich ausgerechnet der Bezos-Doppelgänger aus Leimen aus der Luft. Halicilar wurde mit dem Hubschrauber eingeflogen. Das dazugehörige Bild besitzt eine gewisse filmische Qualität: vorne der Hubschrauber auf einer trockenen Wiese, daneben ein bewaffneter Polizist, dahinter grüne Hügel, Bauernhöfe und Felder. Hollywood hätte wahrscheinlich noch drei schwarze Geländewagen bestellt. Oberösterreich kommt offenbar auch ohne aus.
Jeff Bezos betritt die Werkshalle – also beinahe
In der Halle setzte sich das kleine Verwirrspiel fort. Cagdas Halicilar erschien im dunklen Anzug, weißem Hemd und rosafarbener Krawatte, umgeben von Gastgebern, Sicherheitsleuten und Gästen. Wer ihn nur flüchtig sah, dürfte zunächst jene kurze geistige Ladepause erlebt haben, die gute Doppelgänger zuverlässig verursachen: Bezos? Hier? Warum? – und schon war das Smartphone draußen.
Entsprechend entstanden reichlich Fotos und Selfies. Halicilar posierte zwischen Gästen in Tracht, vor Maschinen und gestapelten Materialbehältern. Auf einem Bild geht der Daumen nach oben, auf einem anderen liegt bereits freundschaftlich eine Hand auf der Schulter. Hinter der Gruppe stehen Werkzeuge, Kabel und Industrieanlagen. Silicon Valley trifft Oberösterreich – wobei man hier nicht mit einer neuen App hantierte, sondern zuvor 2.800 Tonnen Stahl verarbeitet hatte. Das ist zumindest schwieriger wegzuwischen.
Ein Auftrag, der selbst Haidlmair an Grenzen brachte
Bei aller Aufmerksamkeit für den Mann aus Leimen war der eigentliche Grund für die Feier allerdings eine beachtliche industrielle Leistung. Firmenchef Mario Haidlmair sagte, dass der Auftrag selbst das international erfahrene Unternehmen an seine Grenzen gebracht habe. Nur durch die eigene Mannschaft und die Unterstützung von Partnerunternehmen aus ganz Europa sei das Projekt in dieser Zeit zu bewältigen gewesen.
Auch vom Auftraggeber gab es entsprechendes Lob. Man sei „um die Welt geflogen“ und habe Haidlmair gefunden, hieß es bei der Feier. Landeshauptmann Stelzer sprach von einer „einzigartigen“ Leistung und davon, dass Mut und Innovation solche Erfolge möglich machten.
Wenn 170 Werkzeuge mit insgesamt mehr als 650.000 Einzelteilen fertig sind, darf man anschließend natürlich feiern. In Österreich bedeutet das offenbar nicht zwingend, dass drei Biertische vor die Werkshalle gestellt werden und jemand eine Bluetooth-Box einschaltet.
Hubschrauber, Motocross und ein mechanischer Bulle
Stattdessen gab es Helikopter-Rundflüge, eine MX-Show, Live-Musik und ein Programm rund um die „Mountain Crew“. Die Musikvereine Nußbach und Waldneukirchen spielten auf, dazu kamen Spanferkel und Grillspezialitäten. Und weil Hubschrauber, Motocross, Blasmusik und 2.800 Tonnen Stahl offenbar noch eine kleine programmatische Lücke ließen, gab es außerdem Bull Riding.
Man feierte den Abschluss eines internationalen Industrieprojekts damit ungefähr so, wie man sich eine österreichische Antwort auf eine amerikanische Firmenparty vorstellen könnte: weniger Häppchen auf Schieferplatten, dafür Spanferkel, Tracht und ein mechanischer Bulle. Dazwischen Cagdas Halicilar als Jeff Bezos – womit dann auch die internationale Komponente optisch zuverlässig abgedeckt war.
Leimen exportiert inzwischen auch Bezos
Für regelmäßige Leser des LeimenBlogs ist Halicilars ungewöhnliche Nebenkarriere längst kein völliges Neuland mehr. Seine Ähnlichkeit mit dem Amazon-Gründer hat ihn wiederholt an Orte gebracht, die man bei der normalen Wochenplanung eines Leimeners eher selten auf dem Zettel hat. Unsere bisherigen Bezos-Geschichten mit Cagdas Halicilar zeigen jedenfalls: Ein kahler Kopf, der passende Bart und eine gewisse Ähnlichkeit können die Reiseplanung erheblich beeinflussen.
Diesmal kamen allerdings besonders viele Zutaten zusammen: ein Rekordauftrag für Logistikzentren in Mexiko, Gäste aus den USA, österreichische Spitzenpolitik, Spezialkräfte, eine zuvor kontrollierte Werkshalle und schließlich Halicilar, der per Hubschrauber auf einer Wiese landet. Würde man das als Drehbuch einreichen, käme vermutlich die Anmerkung zurück, man solle die Handlung etwas glaubwürdiger gestalten.
Am Ende blieb der eigentliche Mittelpunkt dennoch dort, wo er hingehörte: bei den Mitarbeitern von Haidlmair und den beteiligten Partnerunternehmen, die 170 Werkzeuge mit mehr als 650.000 Einzelteilen fertiggestellt hatten. Neben solchen Zahlen wird selbst ein Jeff-Bezos-Doppelgänger irgendwann wieder zum Nebendarsteller. Aber eben zu einem, der aus Leimen kommt.
Früher exportierte die Stadt vor allem Spargel und einen weltberühmten Tennisspieler. Inzwischen können wir offenbar auch Bezos. Nur die Kanonenkugeln fehlen noch. Wobei – nach der vorherigen Sicherheitskontrolle der Halle lassen wir die diesmal besser weg.




