(rnk – 12.8.26) Wer im Odenwald unterwegs ist und plötzlich ein kräftiges Trommeln zwischen den Bäumen hört, muss nicht gleich nach einer versteckten Musikveranstaltung suchen. Wahrscheinlicher ist, dass einige Meter weiter ein Schwarzspecht seiner Arbeit nachgeht. Und zwar mit einem Arbeitstempo, bei dem selbst ein ausgesprochen ehrgeiziger Handwerker kurz den Hammer sinken lassen dürfte: Bis zu 17 Schläge pro Sekunde bringt der Vogel zustande.
Dabei arbeitet der Schwarzspecht nicht aus bloßer Freude am Lärm. Mal sucht er unter der Rinde nach etwas Essbarem, mal entsteht unter seinem Schnabel eine neue Baumhöhle. Spätestens wenn der schwarze Vogel am Stamm auftaucht, mit langem hellem Schnabel und leuchtend rotem Scheitel, ist ohnehin klar, wer hier hämmert. Mit bis zu 50 Zentimetern von Kopf bis Schwanz ist er ungefähr so groß wie eine Krähe und damit der größte europäische Specht.
Unter der Rinde liegt das Mittagessen
Besonders interessant sind für ihn Bäume, unter deren Rinde bereits Betrieb herrscht. Dort sitzen Ameisen, Käferlarven und andere holzbewohnende Insekten, darunter auch Holzwespen. Der Schwarzspecht hackt die Rinde auf und löst einzelne Schuppen ab, bis er an seine Nahrung gelangt. Im Winter nimmt er sich außerdem Ameisenhaufen vor, je nach Jahreszeit kommen Früchte und Samen hinzu. Schnecken und Gelege anderer Höhlenbrüter verschmäht er ebenfalls nicht, und gelegentlich wird ein Ast angehackt, damit Baumsaft austritt.
Was für den Baum zunächst nach einer eher unerfreulichen Behandlung aussieht, kann für Förster ausgesprochen aufschlussreich sein. Jann Benjamin Lohe, Trainee beim Kreisforstamt des Rhein-Neckar-Kreises, nutzt die Spuren des Vogels bei der Suche nach Borkenkäfern. Die sogenannten „Spechtabschläge“, also jene Stellen, an denen Rindenschuppen vom Stamm entfernt wurden, verraten ihm, wo sich Käferlarven darunter befinden könnten. Der Schwarzspecht übernimmt damit gewissermaßen die Vorerkundung – ohne Diensthandy, Formblatt und Kilometerabrechnung.
Lohe unterstützt während seines zweijährigen Traineeprogramms zur Qualifikation für den gehobenen Forstdienst die Revierleitungen unter anderem beim Borkenkäfermonitoring. Der Vogel und der Forstmann verfolgen dabei unterschiedliche Ziele, schauen aber letztlich auf denselben Baum: Der eine sucht Mittagessen, der andere Käferbefall.
Wohnungsbau mit dem Schnabel
Im Februar beginnt beim Schwarzspecht die Balz. Die Tiere bilden Paare und ziehen ihren Nachwuchs gemeinsam auf. Zwei bis sechs Eier legt das Weibchen in eine selbstgezimmerte Bruthöhle. Für diese Arbeit braucht der Vogel allerdings keinen beliebigen Baum am Wegesrand, sondern bevorzugt große, alte und vor allem dicke Stämme, häufig Buchen mit glatter Rinde.
Auch die Lage der künftigen Wohnung folgt erstaunlich klaren Vorgaben. Die Höhle befindet sich gewöhnlich zwei bis drei Meter unterhalb des ersten Astes, und unmittelbar vor dem Flugloch sollen weder Äste noch andere Bäume stehen. Schließlich muss der Schwarzspecht seine Haustür im Flug erreichen können. Was beim Menschen heute unter „gute Verkehrsanbindung“ laufen würde, bedeutet im Wald schlicht: freie Einflugschneise.
Bis zu einem halben Meter tief kann eine solche Höhle in den Stamm reichen. Schnell geht der Wohnungsbau trotz des beachtlichen Hämmerns allerdings nicht. Schwarzspechte bearbeiten mehrere Höhlen gleichzeitig, doch nur alle drei bis sieben Jahre wird eine davon fertig. Unfertige Exemplare erkennt man am hellen, frisch freigelegten Holz und an der noch geringen Tiefe. Ein neues Flugloch ist eiförmig; mit den Jahren wird es runder und grauer.
Ein Eigenheim mit erstaunlich vielen Nachmietern
Der Schwarzspecht bleibt seinem Revier meist treu. Deshalb finden sich an geeigneten Stellen häufig mehrere Höhlenbäume beieinander. Verlässt der Vogel eine seiner fertigen Behausungen, beginnt am Eingang langsam wieder Holz zuzuwachsen. Nach ungefähr zehn Jahren kann das Loch von außen sogar geschlossen sein, während im Stamm weiterhin ein Hohlraum besteht. Eine Immobilie also, die äußerlich verschwunden scheint und innen trotzdem weitergenutzt wird – auch das ist auf angespannten Wohnungsmärkten kein völlig unbekanntes Prinzip.
Vor allem aber beginnt nach dem Auszug des Erbauers eine bemerkenswerte Nachnutzung. Rund 60 andere Arten können Schwarzspechthöhlen als Schlafplatz, Winterquartier, Nahrungsdepot oder Kinderstube verwenden. Siebenschläfer, Hohltauben, Raufußkäuze, Hornissen und Baummarder gehören dazu, sogar Schellenten können einziehen. Der Schwarzspecht trägt seinen Beinamen „Zimmermann des Waldes“ deshalb durchaus zu Recht: Er baut nicht nur für sich selbst, sondern unbeabsichtigt gleich einen beträchtlichen Teil des örtlichen Wohnungsbestandes.
Welche Art einzieht, hängt vom Zustand der Höhle ab. Solange sie groß und gut zugänglich ist, kommen größere Vögel und Säugetiere infrage. Wird der Eingang mit den Jahren enger und sammelt sich im Inneren verrottendes Holz, verändert sich die Bewohnerschaft. Pilze, Käfer und Fliegen finden dann geeignete Bedingungen. Aus der früheren Spechtwohnung entsteht schließlich eine sogenannte Mulmhöhle – von außen vielleicht nur ein alter Stamm, innen jedoch ein kleiner Lebensraum mit erstaunlichem Betrieb.
Alte Bäume dürfen stehen bleiben
Genau deshalb achten die Försterinnen und Förster des Kreisforstamtes auf solche Höhlenbäume. Wird bei der Waldbewirtschaftung eine Baumhöhle entdeckt, bleibt der betreffende Baum stehen. Zusätzlich werden über die Waldflächen verteilt Baumgruppen ausgewählt, besonders markiert und dauerhaft erhalten. Zwischen bewirtschafteten Beständen entstehen dadurch Inseln aus alten Bäumen, in denen Höhlen, abgestorbenes Holz und die dazugehörigen Bewohner ihren Platz behalten.
Fabian Ernst, Waldnaturschutzbeauftragter des Kreisforstamtes, bezeichnet jede Spechthöhle als ein „wertvolles Mosaiksteinchen“ im Lebensraum Wald. Das klingt zunächst recht klein für ein Loch, das bis zu einem halben Meter in einen Stamm reicht. Ökologisch passt das Bild allerdings: Fehlt der Schwarzspecht, fehlt nicht nur ein auffälliger schwarzer Vogel mit rotem Scheitel, sondern für zahlreiche andere Arten gleich die passende Unterkunft.
Wer hämmert denn da?

Für Spaziergänger bleibt vom Schwarzspecht häufig zunächst nur das Geräusch. Zwischen hohen Stämmen trägt das Trommeln weit, während der Vogel selbst am dunklen Stamm erstaunlich leicht übersehen werden kann. Wer ihn entdeckt, sieht einen kräftigen schwarzen Körper, den hellen Schnabel und den roten Kopfbereich – und vielleicht daneben bereits das ovale Loch einer Höhle.
Dann lohnt sich ein kurzer Blick nach oben, ohne dem Vogel näherzurücken. Denn während der Mensch auf dem Waldweg noch überlegt, woher das Hämmern eigentlich kam, ist der Schwarzspecht womöglich längst wieder bei der Arbeit. Nahrungssuche, Wohnungsbau, nebenbei Hinweise auf Borkenkäfer und anschließend Quartiere für Dutzende Nachmieter: Für einen Vogel ohne Werkzeugkoffer ist das eine durchaus ansehnliche Tagesordnung.







