Oben verschwand langsam die Sonne, unten verschwanden noch schneller die Parkplätze

(fwu – 13.8.26) Normalerweise gilt seit frühester Kindheit: Nicht in die Sonne schauen. Am Mittwochabend, 12. August, galt im Leimener Weinberg ausnahmsweise das Gegenteil – allerdings nur mit Spezialbrille, Filterglas oder allerlei Gerätschaften, die teilweise aussahen, als seien sie am Nachmittag noch schnell aus den Beständen von Küche, Keller und Altpapiersammlung zusammengesucht worden.

Der Grund stand weithin sichtbar am Himmel: Eine Sonnenfinsternis zog über Europa hinweg, global betrachtet sogar eine totale. Im Südwesten Deutschlands blieb sie partiell, aber keineswegs bescheiden. In Heidelberg wurden rund 88,7 Prozent der Sonnenscheibe vom Mond verdeckt, in Leimen lag die Größenordnung ähnlich. Gegen 20.14 Uhr war das Maximum erreicht. Die Sonne hing dabei bereits tief über dem Horizont und wurde zunehmend zu einer schmalen, grell leuchtenden Sichel.

Ein Ereignis mit ziemlich langer Wartezeit

Dass sich dafür zahlreiche Menschen auf den Weg machten, hatte einen guten Grund. Eine Sonnenfinsternis dieser Größenordnung gehört nicht gerade zu jenen Dingen, die man nach verpasstem Termin einfach am nächsten Mittwoch nachholt. Die letzte totale Sonnenfinsternis über Deutschland war am 11. August 1999 zu sehen – ziemlich genau 27 Jahre ist das her. Damals standen ebenfalls Menschen mit Schutzbrillen auf Straßen, Balkonen und Wiesen, wobei die Digitalfotografie noch nicht dafür sorgte, dass praktisch jeder zweite Beobachter gleichzeitig den Ehrgeiz eines astronomischen Bildarchivs entwickelte.

Und wer diesmal dachte: „Dann eben bei der nächsten totalen“, sollte ein wenig Geduld und einen ausgesprochen soliden Lebenswandel mitbringen. Die nächste totale Sonnenfinsternis, die von Teilen Deutschlands aus sichtbar sein wird, findet am 3. September 2081 statt. Bis dahin bleibt genügend Zeit, die Bedienungsanleitung der Kamera zu studieren.

Der Weinberg wird zur Zuschauertribüne

In Leimen erwies sich der Weinberg beim Weingut Bauer als einer der besonders beliebten Beobachtungsplätze. Zwischen den Reben saßen Familien auf Decken und trockenem Gras, Kinder liefen über die Wege, Fahrräder lehnten am Rand, und immer wieder wanderten die Köpfe mit den dunklen Sonnenfinsternisbrillen nach oben. Das warme Abendlicht lag über den Rebstöcken und dem Waldrand, während sich auf den freien Flächen kleine Gruppen bildeten, die gemeinsam denselben Punkt am Himmel betrachteten.

Wer etwas später kam, merkte allerdings schon weit vor dem ersten Blick nach oben, dass er nicht allein auf diese Idee gekommen war. Entlang der Bundesstraße reihten sich die Autos Stoßstange an Stoßstange, die regulären Parkmöglichkeiten waren ohnehin belegt. Aus der sonst eher zweckmäßig genutzten Straßenkante war für einen Abend eine astronomisch bedingte Parkzone geworden. Zwischen den abgestellten Wagen liefen Menschen mit Rucksäcken, Kamerataschen und Kindern Richtung Weinberg.

Dort oben verteilten sich die Zuschauer zwischen den Rebzeilen und auf den trockenen Böschungen. Manche hatten sich eingerichtet wie für ein kleines Abendpicknick, andere standen mit der Sonnenbrille in der Hand und warteten auf die nächsten Minuten. Dazwischen ragten Stative auf, Objektive wurden ausgerichtet und immer wieder verschwanden Gesichter hinter den dunklen Schutzgläsern.

Vom Hightech-Filter bis zum Pappkarton

Bemerkenswert war dabei die technische Bandbreite. Neben professionell wirkenden Kameras mit Stativen und geeigneten Sonnenfiltern kamen auch Lösungen zum Einsatz, deren Grundbestandteile in jedem ordentlich geführten Haushalt vorhanden sein dürften. Ein Karton etwa diente als Projektionsapparat: Durch ein kleines Loch in einer mit Aluminiumfolie versehenen Fläche fiel das Sonnenlicht und zeichnete auf der gegenüberliegenden Innenseite ein winziges Abbild der teilweise verdeckten Sonne. Physikunterricht zum Mitnehmen, nur diesmal ohne Arbeitsblatt und anschließende Lernzielkontrolle.

Auch vor den Objektiven der Fotografen fanden sich bemerkenswerte Konstruktionen. Ein kräftiges Teleobjektiv war beispielsweise mit einer selbstgebauten Abschirmung versehen, deren silbrig glänzende Folie dafür sorgte, dass nur das gewünschte und vor allem verträgliche Maß an Sonnenlicht die Kamera erreichte. Schönheitspreise werden für astronomische Filter ohnehin selten vergeben – entscheidend ist, dass sie funktionieren.

Die Kamera möchte bitte blitzen

Unser besonderer Dank gilt Thorsten Schoep, Gemeinderat aus Neckarsteinach, der mit seinem Enkel und einem Freund des Enkels ebenfalls zum Weinberg beim Weingut Bauer gekommen war. Er hatte die passende Ausrüstung dabei und stellte uns freundlicherweise einen geeigneten Sonnenfilter für die Aufnahmen zur Verfügung.

Die Kamera selbst zeigte sich von dieser Kooperation zunächst weniger überzeugt. Sobald das nahezu schwarze Filterglas vor dem Objektiv saß, stellte die Elektronik offenbar fest, dass es da vorne bemerkenswert dunkel geworden war – und schlug als Lösung allen Ernstes den Blitz vor. Man müsse die Sonne offenbar nur ein bisschen besser ausleuchten. Ein ambitioniertes Vorhaben bei rund 150 Millionen Kilometern Entfernung.

Nach etwas Fummelei an den Einstellungen ließ sich die Kamera schließlich von ihrem Beleuchtungsplan abbringen. Danach gelangen die Aufnahmen: erst eine breite gelbe Sichel vor dunklem Himmel, später nur noch ein schmaler, intensiv leuchtender Bogen. Durch den Filter wirkte der Himmel fast schwarz, während der verbliebene Teil der Sonnenscheibe orange und gelb aus der Dunkelheit hervortrat.

Alle schauen in dieselbe Richtung

Das eigentlich Auffällige spielte sich aber nicht nur am Himmel ab, sondern auf dem Boden. Hunderte Meter voneinander entfernt saßen und standen Menschen zwischen Reben, an Wegen und Böschungen, und für eine Weile schauten tatsächlich alle in dieselbe Richtung. Familien rückten auf Decken zusammen, Kinder probierten die dunklen Brillen aus, Fotografen kontrollierten ihre Displays, und wer gerade keine Schutzbrille vor den Augen hatte, blickte eben auf jemanden, der eine hatte, und wartete auf dessen Kommentar.

Über dem Weinberg stand die tief sinkende Sonne, unten an der Straße glänzten die Dächer der dicht abgestellten Autos im Abendlicht. Dazwischen lagen trockene Wiesen, grüne Rebzeilen und eine ungewöhnlich große Zahl von Menschen, die an einem Mittwochabend freiwillig einen Hang hinaufgestiegen waren, um zu beobachten, wie der Mond für einige Minuten dort vorbeizog, wo er aus irdischer Perspektive eigentlich nicht hingehört.

Bis 2081 ist noch etwas Zeit

Dann wanderte der Mond weiter, die schmale Sonnensichel wurde wieder größer und auf den Wegen setzte langsam die Gegenbewegung ein. Decken wurden ausgeschüttelt, Stative zusammengeklappt, Kartons wieder zu Kartons und die ersten Zuschauer machten sich zwischen den Reben auf den Rückweg zu ihren Autos – von denen es entlang der Straße nach wie vor bemerkenswert viele gab.

Wer die nächste totale Sonnenfinsternis über Deutschland erleben möchte, kann sich nun den 3. September 2081 vormerken. Für die meisten dürfte es allerdings vernünftiger sein, zunächst den morgigen Terminplan im Auge zu behalten. Der Mittwochabend im Leimener Weinberg hat jedenfalls gezeigt, dass ein Ereignis, das sich rund 150 Millionen Kilometer entfernt abspielt, erstaunlich zuverlässig dafür sorgen kann, dass unten auf der Erde sämtliche Parkplätze belegt sind.


Fotos: Die Sonnenfinsternis über Leimen, beobachtet vom Weinberg beim Weingut Bauer. Unser Dank gilt Torsten Schoep  für die freundliche Unterstützung mit der passenden Filtertechnik – und der Kamera dafür, dass sie schließlich darauf verzichtete, die Sonne anzublitzen.

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