(fwu – 19.6.26) Ein paar Millimeter Regen – ist die Dürre damit vorbei? Wohl kaum. Nach Wochen der Trockenheit führen Landgraben und Hartbach nur noch wenig Wasser, am Rhein bei Speyer liegen riesige Kies- und Sandbänke frei, und selbst beim Grundwasser zeigen sich sinkende Pegel. Am St. Ilgener Waldsee berichten Angler von rund 15 Zentimetern Wasserverlust allein in den vergangenen Wochen. Drei oder vier Millimeter Regen entsprechen zwar drei oder vier Litern Wasser pro Quadratmeter, doch bei ausgetrockneten Böden reicht das nicht weit. Wie tief das Wasser eindringt, hängt von Bodenart, Bewuchs und Ausgangsfeuchte ab; die tieferen Bodenschichten und das Grundwasser profitieren von einem kurzen Regen kaum. Auch der Rhein braucht mehr als ein paar örtliche Schauer. Was wirklich helfen würde, wäre das meteorologisch eher unspektakuläre Programm: großflächiger, gleichmäßiger Landregen über mehrere Tage. Der aktuelle Regen ist willkommen – Entwarnung sieht allerdings anders aus.
War es das jetzt mit der Dürre? Kann man Entwarnung geben?
Die kurze Antwort lautet: nein. Die etwas längere Antwort findet man derzeit draußen – am Rhein, an den kleinen Bächen zwischen Leimen und Schwetzingen und sogar dort, wo man das Wasser normalerweise gar nicht sieht: unter unseren Füßen.
Der Rhein zeigt, was fehlt
Am Rhein bei Speyer hat sich das Wasser weit zurückgezogen. Wo sonst der Strom das Bild bestimmt, liegen breite Kies- und Sandflächen offen. Menschen spazieren über Flächen, die normalerweise unter Wasser stehen, und unter der Rheinbrücke kann man bis in die Nähe des Mittelpfeilers waten. Stellenweise reicht das Wasser dort gerade einmal bis zu den Knien. Einen Spaziergang zum Brückenpfeiler sieht die übliche Freizeitgestaltung am Rhein eigentlich nicht vor – im Moment geht es trotzdem.
Auf den Fotos wirkt der Rhein stellenweise auf weniger als die Hälfte seiner gewohnten sichtbaren Breite zusammengeschrumpft. Daraus darf man allerdings nicht schließen, dass deshalb auch nur noch halb so viel Wasser fließt: Breite, Wassertiefe und Abfluss eines Flusses sind verschiedene Größen. Die riesigen freiliegenden Kies- und Sandbänke zeigen den niedrigen Wasserstand trotzdem ziemlich eindrucksvoll.
Dass der Rhein in diesem Sommer bereits mit Niedrigwasser zu kämpfen hatte, zeigen auch die Daten der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Der Rhein reagiert dabei nicht einfach auf den Regen, der gerade in Speyer oder Heidelberg fällt. Sein Wasser kommt aus einem riesigen Einzugsgebiet, und genau das wird später noch wichtig.
Beim Landgraben wird aus dem Bach ein grüner Streifen

Noch drastischer sieht die Trockenheit an den kleinen Gewässern aus. Der Landgraben bei Leimen führt nur noch sehr wenig Wasser. Zwischen Gräsern und Wasserpflanzen ist das schmale Rinnsal stellenweise kaum auszumachen. Die Wassertiefe liegt nach dem Augenschein unter zehn Zentimetern, eine nennenswerte Strömung ist kaum zu erkennen. Wo das Wasser fehlt, hat das Grün übernommen – botanisch durchaus erfolgreich, hydrologisch weniger beruhigend.
Ähnlich sieht es am Hartbach in der Schwetzinger Hardt aus. Im Bachbett bleibt ein dünnes Rinnsal, während rechts und links das Gras die Farbe von Stroh angenommen hat. Unter den noch grünen Bäumen liegen braune Böschungen, trockenes Laub und verdorrte Halme. Wer wissen möchte, wie lange ergiebiger Regen ausgeblieben ist, braucht dort zunächst keine Statistik. Ein Spaziergang reicht.
Vier Millimeter Regen sind vier Liter Wasser
Und nun regnet es. Drei oder vier Millimeter – das klingt zunächst nach einer meteorologischen Maßeinheit, mit der außerhalb von Wetterstationen wenig anzufangen ist. Übersetzt wird es anschaulicher: Ein Millimeter Niederschlag entspricht einem Liter Wasser pro Quadratmeter. Vier Millimeter bringen also vier Liter Wasser auf jeden Quadratmeter.

Das ist für einen staubtrockenen Garten sichtbar und für Pflanzen durchaus willkommen. Für einen nach wochenlanger Trockenheit ausgedörrten Landschaftswasserhaushalt ist es allerdings ausgesprochen wenig.
Wie tief diese vier Liter den Boden tatsächlich anfeuchten, lässt sich entgegen einer naheliegenden Faustregel nicht mit „einem Zentimeter“ oder „anderthalb Zentimetern“ beantworten. Nach den Erläuterungen des Deutschen Wetterdienstes hängt die Bodenfeuchte unter anderem von Bodenart, Niederschlagsmenge, Vegetation und meteorologischen Bedingungen ab. Hinzu kommen in der Praxis Verdichtung, Humusgehalt und natürlich die Frage, wie trocken der Boden vorher war. Sand ist eben nicht Lehm, und ein Waldboden kein festgetretener Feldweg – auch wenn beide nach sechs Wochen Sommer irgendwann ähnlich staubig aussehen.
Null Prozent heißt nicht: kein Wasser mehr

Auch eine Bodenfeuchte von null Prozent bedeutet übrigens nicht, dass der Boden buchstäblich kein Wasser mehr enthält. Gemeint sind in den verbreiteten Darstellungen häufig null Prozent der nutzbaren Feldkapazität. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnet diesen Zustand als Welkepunkt: Pflanzen können dem Boden dann praktisch kein weiteres Wasser mehr entziehen. Restfeuchte ist durchaus noch vorhanden – sie nützt der Pflanze nur nicht mehr viel.
Wie unterschiedlich Böden dabei reagieren, zeigen schon die Richtwerte des DWD. Bei Sand liegt der Welkepunkt bei ungefähr drei Volumenprozent Wasser, bei Schluff bei elf und bei schwach sandigem Lehm bei 17 Volumenprozent. „Trocken“ ist also auch im Boden ein erstaunlich dehnbarer Begriff.
Wie viel bewirken drei oder vier Millimeter?

Eine kleine Rechnung hilft trotzdem bei der Größenordnung. Nach den Berechnungsgrundlagen des Deutschen Wetterdienstes entsprechen zehn Volumenprozent Wasser in einer zehn Zentimeter dicken Bodenschicht zehn Millimetern Wasser. Würden vier Millimeter Niederschlag vollständig im Boden bleiben und gleichmäßig auf die obersten zehn Zentimeter verteilt, würde der Wassergehalt dieser Schicht rechnerisch um vier Volumenprozent steigen. Bei drei Millimetern wären es drei.
Das ist allerdings eine Modellrechnung, keine Beschreibung dessen, was nach dem aktuellen Regen tatsächlich unter einer Wiese in Leimen passiert. Ein Teil kann von Pflanzen abgefangen werden, ein Teil verdunstet wieder, ein Teil fließt oberflächlich ab, und ein Teil versickert. Bei einem sehr trockenen Boden kann die Oberfläche deshalb nach dem Regen bereits schön dunkel aussehen, während darunter die Trockenheit weitergeht. Oben nass, unten unverändert – eine Art hydrologische Potemkinsche Fassade.
Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung macht genau deshalb einen wichtigen Unterschied. Er betrachtet einerseits den Oberboden bis 25 Zentimeter und andererseits den Gesamtboden bis durchschnittlich etwa 1,8 Meter, regional bis maximal zwei Meter. Einzelne Regenereignisse können das pflanzenverfügbare Wasser im Oberboden rasch verbessern. Auf den Gesamtboden haben sie laut UFZ dagegen nur eine sehr geringe Wirkung.
Die Dürre kann fast zwei Meter tief reichen
Nach wochenlanger Trockenheit ist das Problem also keineswegs auf die obersten paar Zentimeter beschränkt. Das bedeutet nicht, dass überall zwischen Heidelberg und Speyer zwei Meter Erde vollständig ausgetrocknet wären. Es bedeutet vielmehr, dass sich ein erhebliches Wasserdefizit durch große Teile des Bodenprofils ziehen kann. Ein kurzer Sommerregen arbeitet dann zunächst an der obersten Etage, während unten noch lange nichts davon ankommt.
Und damit gelangt man zu einem Wasservorrat, den man beim Spaziergang nicht sieht, von dem Leimen und Sandhausen aber jeden Tag leben.
Unter unseren Füßen liegt der große Wasserspeicher
Wer in Leimen oder Sandhausen den Wasserhahn aufdreht, bekommt sein Trinkwasser aus Grundwasser der Rheinebene. Der Zweckverband Wasserversorgung Hardtgruppe versorgt Leimen, Sandhausen und Walldorf und bereitet nach eigenen Angaben jährlich mehr als 3,2 Millionen Kubikmeter Rohwasser zu Trinkwasser auf. Gefördert wird es derzeit aus neun Brunnen in drei geschützten Wassergewinnungsgebieten auf Sandhäuser Gemarkung.

Die Dimensionen unter der Landschaft sind beachtlich. Die mächtigen Kies- und Sandschichten des Oberrheingrabens bilden einen der großen Grundwasserspeicher Europas. Das Wasser bewegt sich dort durch die durchlässigen Sedimente der Rheinebene – sehr viel langsamer und unspektakulärer als oben der Rhein, dafür muss es sich auch nicht mit Ausflugsschiffen auseinandersetzen.
Wie weit die örtliche Trinkwasserversorgung hinuntergreift, zeigt die Hardtgruppe bei der Beschreibung ihrer Wassergewinnung. Beim alten Wasserwerk in Sandhausen reichen drei Brunnen zwischen 20 und 46 Meter tief, erst 2020 wurde ein weiterer Tiefbrunnen gebohrt. Im Zugmantelfeld sind drei weitere jeweils 42,5 Meter tief. Im Hardtwald westlich der Autobahn A5 wird aus drei Brunnen mit jeweils 110 Metern Tiefe gefördert.
Insgesamt verfügt die Hardtgruppe nach eigenen Angaben über eine genehmigte Förderkapazität von rund 5,5 Millionen Kubikmetern Grundwasser pro Jahr. Tatsächlich gefördert werden derzeit rund 3,2 Millionen Kubikmeter. Für die Trinkwasserversorgung ist das zunächst eine beruhigende Reserve. Nur darf man einen großen Grundwasserspeicher nicht mit einem unerschöpflichen unterirdischen Wassertank verwechseln.
Denn auch dieses Wasser muss irgendwann von oben kommen. Die Hardtgruppe beschreibt selbst, dass das Grundwasser durch versickernde Niederschläge erneuert wird und in den Kies- und Sandschichten der Rheinebene vom Kleinen Odenwald in Richtung Rhein fließt. Und genau an dieser Stelle kommen die paar Millimeter Regen wieder ins Spiel.
Am St. Ilgener Waldsee wird das Grundwasser sichtbar
Was sich unter der Erde nur an Messstellen beobachten lässt, wird an Seen mit Grundwasserbezug sichtbar. Am St. Ilgener Waldsee liegt das Wasser derzeit ruhig und grün zwischen den Bäumen, am Ufer sind jedoch die Folgen des sinkenden Wasserspiegels zu erkennen.
Nach Angaben von Anglern des dortigen Angelsportvereins ist der Wasserspiegel allein in den vergangenen Wochen um rund 15 Zentimeter gefallen. Noch bemerkenswerter ist ihre längerfristige Beobachtung: Innerhalb der vergangenen zehn Jahre soll der Wasserspiegel insgesamt um ungefähr anderthalb Meter zurückgegangen sein.
Diese Zahlen sind keine amtliche Messreihe, sondern Beobachtungen der Angler vor Ort – und sollten auch genau so verstanden werden. Zur allgemeinen Entwicklung passen sie allerdings: Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg bewertete die Grundwasserverhältnisse Mitte Juli 2026 landesweit als unterdurchschnittlich. Mehr als 40 Prozent der Messstellen lagen auf niedrigem Niveau. Für Juli und August prognostizierte die Behörde einen weiteren Rückgang.
Damit wird auch klar, weshalb die drei oder vier Millimeter Regen für das Grundwasser zunächst praktisch keine Entwarnung bedeuten. Das Wasser muss erst einmal durch den ausgetrockneten Oberboden. Dort warten Pflanzenwurzeln und ein erhebliches Bodenwasserdefizit. Erst wenn diese Speicher ausreichend aufgefüllt sind und darüber hinaus Wasser weiter nach unten versickert, kann daraus Grundwasserneubildung werden. Der Grundwasserspiegel reagiert deshalb in einer ganz anderen Zeitdimension als der Rasen hinterm Haus.
Und wie viel Regen braucht der Rhein?
Beim Rhein wird die Sache noch komplizierter. Die naheliegende Rechnung – zehn Millimeter Regen hier ergeben soundsoviele Zentimeter mehr Wasser am Pegel – funktioniert nicht. Der Rhein wird nicht vom Wetter über Speyer allein gespeist, sondern aus einem riesigen Einzugsgebiet mit Alpenrhein, Bodensee, Hochrhein und zahlreichen Nebenflüssen.
Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins beschreibt diesen Wasserkreislauf recht anschaulich: Niederschlag wird zunächst in Böden, Pflanzen, Grundwasser, Seen, Schnee und Eis gespeichert. Ein Teil des Wassers verdunstet, ein anderer erreicht mit Verzögerung Bäche und Flüsse. Wie viel schließlich im Rhein landet und wann es dort ankommt, hängt also nicht nur von der Niederschlagsmenge ab, sondern auch davon, wo es geregnet hat und wie aufnahmefähig die Landschaft dort gerade ist.
Deshalb wäre eine Aussage wie „30 Millimeter Regen lassen den Rhein bei Speyer um 20 Zentimeter steigen“ unseriös. Dafür gibt es keine allgemeingültige Umrechnungsformel. Entscheidend wären ergiebige und vor allem großflächige Niederschläge in relevanten Teilen des Rheineinzugsgebiets. Fünf Millimeter über Speyer, Leimen und Schwetzingen helfen Pflanzen und Oberboden. Für einen Fluss mit dem Einzugsgebiet des Rheins sind sie dagegen eine ausgesprochen lokale Angelegenheit.
2018 zeigte, was wirklich nötig ist
Wie wenig einzelne Regenfälle bei ausgeprägtem Niedrigwasser ausrichten können, zeigt der Blick auf das extreme Jahr 2018. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde dokumentiert, dass der Rheinabfluss damals über Monate sank und dieser Rückgang lediglich durch kurzfristige Niederschläge unterbrochen wurde. Erst Anfang Dezember setzte ergiebiger Niederschlag ein und beendete das Niedrigwasser.
Das ist ungefähr das Gegenteil eines sommerlichen Gewitters, das in zwanzig Minuten die Straße flutet und anschließend einen großen Teil seines Wassers über Gullys und Gräben wieder loswird. Was Boden, Bäche, Grundwasser und schließlich auch der Rhein jetzt besser gebrauchen könnten, wäre länger anhaltender, möglichst flächiger Regen mit mäßiger Intensität: Wasser, das Zeit zum Einsickern bekommt.
Was jetzt helfen würde: Regen, der Zeit hat
Eine bestimmte Zahl, ab der man sagen könnte „So, jetzt ist die Dürre beendet“, gibt es trotzdem nicht. Dafür sind Boden, Grundwasser und Flüsse zu unterschiedliche Systeme. Zunächst muss das Defizit im Oberboden kleiner werden. Danach müssen tiefere Bodenschichten wieder Wasser aufnehmen. Erst wenn darüber hinaus genügend Wasser weiter versickert, profitiert langfristig das Grundwasser. Und beim Rhein muss der Niederschlag nicht nur reichlich, sondern auch großflächig in den hydrologisch relevanten Teilen seines Einzugsgebiets fallen.
Was helfen würde, wäre deshalb ein Wetter, das in einem normalen mitteleuropäischen Sommer früher kaum einer besonderen Erwähnung wert gewesen wäre: zwei, drei oder mehr Tage gleichmäßiger Landregen. Kein Wolkenbruch mit überlaufenden Straßeneinläufen, sondern stundenlanges Prasseln auf Blätter, Dächer und Felder. Jener Regen also, bei dem irgendwann niemand mehr begeistert aus dem Fenster schaut – hydrologisch betrachtet wäre genau das ein Fortschritt.
Der Regen kommt – die Entwarnung nicht
Die drei oder vier Millimeter von heute sind deshalb keineswegs nutzlos. Staub wird gebunden, Pflanzen bekommen kurzfristig Wasser und die oberste Bodenschicht wird angefeuchtet. Fallen morgen noch einmal fünf oder sechs Millimeter, ist das besser als nichts. Nach Wochen der Trockenheit ist es aber noch lange keine Trendwende.
Am Rhein bei Speyer werden davon die großen Sand- und Kiesbänke nicht plötzlich verschwinden. Im Landgraben wird aus dem fast zugewachsenen Rinnsal nicht über Nacht wieder ein munter fließender Bach. Der Hartbach wird wegen eines nassen Tages ebenfalls keine Erinnerungen an den Amazonas entwickeln. Und selbst tief unter Sandhausen, wo die Trinkwasserbrunnen bis zu 110 Meter hinunterreichen, kommt ein kurzer Sommerregen nicht einfach am nächsten Morgen an.
Bis dahin ist der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ ausnahmsweise keine abgegriffene Redewendung, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung der Lage. Nur dass es diesmal ein paar Liter pro Quadratmeter sind.
Der Stein wird nass. Trocken ist es darunter trotzdem noch.




