Versteckte Dünenbewohner mit Sprungbeinen: Heuschrecken in der Schwetzinger Hardt

(rnk – 11.9.26) Wer durch die Schwetzinger Hardt spaziert, schaut gewöhnlich nach vorne, gelegentlich nach oben und bei ungünstiger Wegbeschaffenheit besser auch einmal nach unten. Genau dort sitzen allerdings einige Bewohner, die es mit dem Gesehenwerden nicht besonders eilig haben. Zwischen Sandkörnern, trockenen Gräsern und lichten Stellen leben Heuschrecken, deren Tarnung so zuverlässig funktioniert, dass man sie häufig erst bemerkt, wenn sie längst abgesprungen oder aufgeflogen sind.

Im vierten Teil der Serie „Waldtiere, die nur selten gesehen werden“ richtet das Kreisforstamt deshalb den Blick auf drei Arten, die in den Dünengebieten der Schwetzinger Hardt passende Lebensbedingungen finden: die Westliche Beißschrecke, die Blauflügelige Sandschrecke und die Blauflügelige Ödlandschrecke. Drei ziemlich sperrige Namen für Tiere, die selbst eher klein ausfallen.

Langfühler, Kurzfühler und rund 70 Arten

Auf dem sandigen Untergrund ist die Blauflügelige Ödlandschrecke beinahe verschwunden. Erst beim Auffliegen zeigt sie ihre leuchtend blauen Hinterflügel – Tarnkleidung mit überraschendem Innenfutter. Foto: Peter Weiser

Etwa 70 verschiedene Heuschreckenarten gibt es in Baden-Württemberg. Fachlich werden sie in zwei Unterordnungen aufgeteilt: Langfühlerschrecken und Kurzfühlerschrecken. Die Bezeichnungen sind erfreulich praktisch – die Zoologie kann schließlich auch anders. Zur ersten Gruppe gehört die Westliche Beißschrecke (Platycleis albopunctata), während Blauflügelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) und Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) zu den Kurzfühlerschrecken zählen.

Die Westliche Beißschrecke bevorzugt trockene Rasenflächen, wie sie beispielsweise in den Sandhäuser Naturschutzgebieten vorkommen. Ihre Fühler erreichen beim erwachsenen Tier eine Länge von bis zu 22 Millimetern und sind damit etwa körperlang. Farblich hält sich die Art dagegen nicht an ein allzu strenges Erscheinungsbild: Von Hellgrün mit dunklen Flecken über Hellbraun bis zu schwarz-gräulichen Tönen reicht die Palette.

Auf trockenem Boden, zwischen Halmen und Pflanzenresten, ist das ausgesprochen zweckmäßig. Vögel und Eidechsen sollen die kleine Schrecke schließlich möglichst übersehen. Bei der eigenen Nahrung ist sie weniger zurückhaltend: Neben Pflanzenteilen stehen auch kleine Insekten auf dem Speiseplan. In Baden-Württemberg gilt die Westliche Beißschrecke derzeit als nicht gefährdet.

Das Blau kommt erst beim Abflug

Noch konsequenter betreibt die Blauflügelige Ödlandschrecke ihre optische Zurückhaltung. In den offenen Bereichen der Schwetzinger Hardt findet sie trocken-warme Flächen mit wenig Vegetation. Dort sitzt sie mit ihrem grau bis braun gefärbten und fein marmorierten Körper auf dem Boden – und sieht im Grunde aus wie ein Stück Boden, das zufällig Beine bekommen hat.

Erst wenn die Schrecke auffliegt, wird verständlich, weshalb sie „blauflügelig“ heißt. Unter den unscheinbaren Deckflügeln kommen leuchtend blaue Hinterflügel mit schwarzen Querbinden zum Vorschein. Förster Tom Karrer beschreibt diesen kurzen Moment so: „Man sieht sie wegen ihrer guten Tarnung kaum. Umso überraschender ist der Moment, wenn das Blau der Blauflügeligen Ödlandschrecke plötzlich vor einem wie ein kleiner blauer Funke aufblitzt.“

Die Art ist in den offenen Bereichen der Schwetzinger Hardt regelmäßig anzutreffen. Ihre Bestandssituation könnte sich künftig allerdings verschlechtern. Bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, auch vom Menschen geschaffene Ersatzlebensräume anzunehmen: kiesige Parkplätze oder Bahndämme etwa. Was Autofahrer als wenig einladenden Randstreifen betrachten, kann aus Sicht einer Ödlandschrecke offenbar durchaus eine brauchbare Adresse sein.

Die Sandschrecke mag es noch etwas kahler

Auch die Blauflügelige Sandschrecke trägt ihr auffälligstes Kennzeichen unter den Deckflügeln. Beim Auffliegen werden ebenfalls bläulich schimmernde Hinterflügel sichtbar, allerdings ist deren Blau weniger kräftig als bei der Ödlandschrecke; außerdem fehlt die markante schwarze Querbinde. Am Boden bleibt auch sie mit ihrem sandfarbenen bis graubraunen Körper bemerkenswert unauffällig.

Bei der Wahl ihres Lebensraums ist die Sandschrecke noch anspruchsvoller. Sie bevorzugt besonders offene Sand- und Kiesflächen mit sehr wenig Bewuchs und ist damit stark darauf angewiesen, dass solche Stellen überhaupt vorhanden bleiben. In der Schwetzinger Hardt taucht sie vor allem dort auf, wo Flächen erst seit kurzer Zeit offenliegen.

Damit gehört sie zu den typischen Erstbesiedlern neuer Freiflächen. Auf Sandrasen, die nach dem Auflichten von Kiefernwäldern plötzlich wieder Sonne und Wärme abbekamen, ließ sich die Sandschrecke beispielsweise in den ersten Jahren beobachten. Dann kamen Gräser und Kräuter, später junge Gehölze – die Natur kennt schließlich keinen Hausmeister, der freie Flächen dauerhaft freihält – und die offenen Stellen schlossen sich allmählich wieder.

Wo wenig wächst, kann viel leben

Gerade darin liegt eine kleine Besonderheit dieser Landschaft. Eine sandige, sonnige Stelle mit ein paar trockenen Halmen wirkt auf den ersten Blick schnell leer. Für spezialisierte Tiere ist sie das Gegenteil. Die Blauflügelige Sandschrecke braucht solche jungen, warmen und nur spärlich bewachsenen Flächen, während auch Ödland- und Beißschrecke von den offenen Strukturen der Schwetzinger Hardt profitieren.

Die drei Arten zeigen damit recht anschaulich, welchen ökologischen Wert die trocken-warmen Lebensräume zwischen Dünen, Sandrasen und lichten Waldbereichen besitzen. Man muss dafür allerdings genauer hinsehen. Wer bei einem Spaziergang nur die großen Dinge sucht, wird vermutlich Bäume finden. Wer den Blick ein paar Etagen tiefer richtet, entdeckt vielleicht eine Heuschrecke – oder zunächst gar nichts, was bei diesen Tieren durchaus als Erfolg ihrer Tarnstrategie gelten darf.

Spätestens wenn plötzlich ein kleiner blauer Blitz über dem Sand auffliegt, weiß man dann: Ganz so leer war die Stelle eben doch nicht.

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