Vom grauen Kasten zur kleinen Landschaft: Graffiti-Oma Inge Hess war wieder unterwegs

(fwu – 19.9.26) Wer von Leimen in Richtung St. Ilgen unterwegs ist, kommt an dieser Ecke ziemlich zwangsläufig vorbei. Rechts und links Wohnhäuser, ein Metallgeländer, ein paar Bäume, Wegweiser – und gleich am Beginn der St. Ilgener Straße dieser große Versorgungskasten. Schön war der bislang nicht. Vor allem die schwarzen und blauen Schmierereien machten aus dem ohnehin eher nüchternen Stück Straßenmöblierung einen kleinen Schandfleck. Und das ausgerechnet vor einem Haus, das sich architektonisch deutlich mehr Mühe gibt als der Kasten.

Seit Mittwoch ist das anders. Wer dort vorbeikommt, sieht nun schon aus einiger Entfernung kräftiges Blau und Grün, rosa und orangefarbene Blüten und einen großen gelb-schwarzen Schmetterling. Wo vorher Tags, Aufkleberreste und graue Flächen dominierten, zieht sich jetzt eine Landschaft über Türen, Kanten und Lüftungsschlitze des Kastens. Sogar die technischen Griffe und Fugen müssen sich der Landschaft unterordnen – ganz verschwinden dürfen sie natürlich nicht, schließlich möchte irgendwann auch noch jemand an die Technik herankommen.

Oma Inge greift wieder zur Farbe

Inge Hess, Askin Yilmaz und Michael Vogt während der Gestaltung des Kastens an der St. Ilgener Straße. Erst kamen Himmel und Berge, dann Blumen und Schmetterling – die Elektrik blieb glücklicherweise im Inneren.

Mit dabei war Inge Hess, in Leimen längst als „Graffiti-Oma“ bekannt. Gemeinsam mit Askin Yilmaz und Michael Vogt machte sie sich an die Verwandlung des Kastens. Auf dem Foto vom Entstehungstag ist die Arbeit noch mittendrin: Der Himmel leuchtet bereits blau, Berge stehen am Horizont und ein See nimmt Gestalt an, während weiter unten noch Teile der alten grauen Fläche und ein blaues Graffiti zu erkennen sind. Vor dem Kasten liegt eine Schutzmatte, daneben stehen die drei Beteiligten – Arbeitspause mit deutlichem Zwischenstand.

Das fertige Bild wirkt dann erstaunlich geschlossen. Grüne Hügel rahmen einen blauen See ein, darüber ziehen rosafarbene Wolken durch einen hellen Himmel. Im Vordergrund wachsen hohe Gräser und Blumen in Pink, Orange und Weiß. Den Mittelpunkt bildet ein großer Schmetterling mit gelb-orangefarbenen Flügeln, der sich über mehrere Flächen des Kastens erstreckt. Ein technischer Straßenkasten ist damit zwar immer noch ein technischer Straßenkasten – aber einer, vor dem man nun eher kurz stehen bleibt, statt den Blick vorsorglich auf die andere Straßenseite zu richten.

Rechtzeitig zur Kerwe wird es bunt

Die Aktion kommt rechtzeitig zur Leimener Kerwe und damit zu einem Wochenende, an dem erfahrungsgemäß mehr Menschen als sonst durch die Straßen ziehen und auch Ecken sehen, die im gewöhnlichen Alltag zwischen Einkauf, Heimweg und Parkplatzsuche eher unbeachtet bleiben. Gerade der Beginn der St. Ilgener Straße ist keine versteckte Hinterhoflage: Gehweg, Straßenecke, Wohnhäuser und Wegweiser treffen hier aufeinander, und mittendrin steht nun diese kleine gemalte Landschaft.

Der Unterschied zum vorherigen Zustand lässt sich auf den Fotos ziemlich nüchtern feststellen. Vorher: ein großer hellgrauer Kasten mit schwarzen und blauen Tags, verwischten Stellen und einigen Aufklebern. Nachher: Himmel, Berge, Wasser, Blumen und Schmetterling. Städtebaulich ist damit natürlich nicht plötzlich die Renaissance ausgebrochen – aber für ein paar Quadratmeter Leimen ist die Bilanz ausgesprochen sichtbar.

Ein Schmetterling zwischen Gehweg und Verteilertechnik

Besonders reizvoll ist dabei der Kontrast zur unmittelbaren Umgebung. Neben dem bemalten Kasten steht weiterhin das verzinkte Metallgeländer, dahinter wachsen Büsche und hohe Bäume, auf dem Gehweg liegen die vertrauten rötlichen Pflastersteine. Nichts wurde zur Kulisse umgebaut. Nur dieser eine graue Zweckgegenstand hat plötzlich beschlossen, landschaftlich tätig zu werden.

Und vielleicht liegt genau darin der Charme solcher Aktionen. Man braucht nicht immer einen neuen Platz, einen Brunnen oder ein städtisches Großprojekt samt Planungsausschuss, Kostenberechnung und feierlicher Einweihung mit drei Reden. Manchmal reichen Farbe, ein paar Stunden Arbeit und Menschen, die in einem grauen Kasten offenbar etwas anderes sehen als – nun ja – einen grauen Kasten.

Ausgerechnet der Schandfleck macht jetzt gute Laune

Wer die St. Ilgener Straße in diesen Tagen entlanggeht, kann das Ergebnis kaum übersehen: Zwischen Häuserfassaden, Geländer und Straßenpflaster leuchtet plötzlich eine Sommerlandschaft, obwohl der Kalender bereits Richtung Herbst unterwegs ist. Der große Schmetterling wird dort vermutlich auch noch sitzen, wenn echte Schmetterlinge längst vernünftigerweise andere Pläne haben.

Für Inge Hess ist es ein weiterer Farbtupfer im Leimener Stadtbild – und für diese Ecke eine bemerkenswerte Karriere: vom beschmierten Versorgungskasten zum Fotomotiv. Technisch zuständig bleibt das Ding vermutlich weiterhin für ausgesprochen unromantische Dinge. Aber wenigstens sieht man ihm das jetzt nicht mehr an.

 

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