Kleine Sprünge, große Entdeckungen: Känguru-Nachwuchs im Zoo Heidelberg

(zoo – 18.9.26) Irgendwann kommt für jeden Nachwuchs der Zeitpunkt, an dem die elterliche Wohnung zu klein wird. Bei zwei jungen Roten Riesenkängurus im Zoo Heidelberg ist es gerade so weit. Wobei „Wohnung“ in diesem Fall großzügig formuliert ist: Bislang spielte sich ein erheblicher Teil des jungen Lebens im Beutel der Mutter ab. Nun werden die beiden Jungtiere zunehmend draußen gesehen – auf der Australien-Wiese, zwischen Gras, Futter und den langen Beinen der erwachsenen Verwandtschaft.

Erst ein Fuß, dann ein Kopf

Noch nah an der Mutter: Die jungen Kängurus beginnen im Zoo Heidelberg, ihre Umgebung außerhalb des Beutels zu erkunden. Foto: Angie Karrer / Zoo Heidelberg

Wer in den vergangenen Wochen genau hinsah, konnte den Nachwuchs bereits entdecken. Mal ragte ein kleiner Fuß aus dem Beutel, mal erschien ein Kopf zwischen dem Fell der Mutter. Inzwischen sind die beiden jungen Kängurus rund ein halbes Jahr alt und beginnen, ihre geschützte Unterkunft häufiger zu verlassen. Noch sind es Ausflüge und kein endgültiger Auszug – ein durchaus vernünftiges Wohnmodell, wenn die bisherige Unterkunft zugleich Speisekammer und Schutzraum ist.

Auf den Bildern des Zoos lässt sich diese Zwischenphase gut erkennen. Ein Jungtier sitzt noch dicht an der Mutter und schaut mit aufgestellten Ohren in die Umgebung. Auf einer anderen Aufnahme steht der Nachwuchs bereits selbstständig im Gras, während das erwachsene Känguru daneben mit der Körperpflege beschäftigt ist. Das Leben geht also weiter, auch wenn gerade jemand zum ersten Mal die Welt entdeckt.

Auch das Futter wird schon interessant

Einer steht schon auf eigenen Beinen: Ein junges Känguru bei einem seiner ersten Ausflüge auf der Australien-Wiese. Foto: Angie Karrer / Zoo Heidelberg

Draußen gibt es einiges zu untersuchen. Tierpfleger Jonathan Truman beobachtet, dass die Kleinen neugierig ihre Umgebung erkunden und sich bereits für das Futter interessieren. Sie schnuppern daran, schauen sich um und sammeln jene Erfahrungen, für die man als Känguru irgendwann den Kopf aus dem Beutel nehmen muss.

Ganz auf die Mutter verzichten wollen die beiden allerdings noch nicht. Nach ihren Ausflügen kehren sie regelmäßig in den Beutel zurück, trinken dort und finden Schutz. Für Besucher auf der Australien-Wiese heißt das: Ein Känguru-Weibchen, das auf den ersten Blick allein unterwegs zu sein scheint, muss keineswegs allein sein. Gelegentlich lohnt sich der zweite Blick – und ein wenig Geduld, denn auch ein halbes Jahr altes Riesenkänguru richtet seinen Tagesablauf nicht nach den Öffnungszeiten der Besucher.

Bei der Geburt kaum größer als ein Gummibärchen

Dass aus diesen kleinen Beutelbewohnern einmal Rote Riesenkängurus werden, ist angesichts ihres Starts ins Leben bemerkenswert. Nach der Paarung beträgt die Tragzeit rund 33 Tage. Bei der Geburt ist ein Jungtier lediglich ein bis zwei Zentimeter groß – der Zoo vergleicht das mit der Größe eines Gummibärchens. Ein ziemlich kleiner Anfang für ein Tier, dessen Art den Begriff „Riesen“ bereits im Namen trägt.

Das winzige Neugeborene klettert selbstständig in den Beutel der Mutter und wächst dort weiter. Monate vergehen, bevor die Außenwelt ernsthaft interessant wird. Dann beginnt jene Phase, die derzeit in Heidelberg zu beobachten ist: erst vorsichtig hinausschauen, anschließend erste Erkundungen unternehmen und zwischendurch wieder in den vertrauten Beutel verschwinden.

Die Natur kennt sogar eine Pausentaste

Ungewöhnlich ist bei Kängurus nicht nur der Start ins Leben. Weibchen können auch die Entwicklung eines bereits befruchteten Embryos vorübergehend unterbrechen. Fachleute nennen das embryonale Diapause. Solange sich noch ein Jungtier im Beutel befindet, kann die weitere Entwicklung des nächsten Embryos im Mutterleib pausieren.

Erst wenn der bisherige Nachwuchs den Beutel dauerhaft verlassen hat, setzt sich die Entwicklung fort. Dadurch kann ein Känguru-Weibchen mehrere Jungtiere in unterschiedlichen Entwicklungsstadien versorgen. Von außen ist von dieser bemerkenswerten Organisation des Familienlebens wenig zu sehen. Dort sitzt eben ein Känguru im Gras – möglicherweise allerdings mit einer deutlich komplizierteren Nachwuchslogistik, als der entspannte Gesichtsausdruck vermuten lässt.

Auf der Australien-Wiese genauer hinschauen

Die beiden jungen Kängurus zeigen sich inzwischen immer häufiger außerhalb ihrer Beutel und erkunden gemeinsam mit den erwachsenen Tieren die Australien-Wiese. Wer sie beobachten möchte, sollte deshalb nicht nur nach einem kleinen Känguru Ausschau halten, das bereits frei im Gras steht. Auch ein Fuß oder ein neugieriger Kopf, der plötzlich aus dem Fell der Mutter auftaucht, kann den Nachwuchs verraten.

Noch bietet der mütterliche Beutel jederzeit einen schnellen Rückweg, wenn Gras, Futter und die große Außenwelt für einen Tag genug Abenteuer geliefert haben. Aber die Richtung ist klar: hinaus auf die Wiese. Aus einem ein bis zwei Zentimeter kleinen Neugeborenen werden gerade zwei junge Riesenkängurus – zunächst in kleinen Sprüngen. Man muss es mit dem Erwachsenwerden schließlich nicht gleich übertreiben.

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