Von Shakira bis Westerland: Dilje macht Showtime

(fwu – 17.9.26) Es gibt bei einer Kerwe diesen Punkt, an dem Sitzplatzfragen endgültig akademisch werden. Wer einen Stuhl hat, verteidigt ihn, wer keinen hat, steht eben – und wer etwas später kommt, stellt irgendwann fest, dass selbst das Stehen erstaunlich knapp werden kann. Am Montagabend war dieser Zustand rund um die Bühne auf dem Willi-Laub-Platz erreicht. Die „Showtime“ von Karnevalclub Frösche und Turnverein Germania hatte begonnen, und vor der Bühne drängten sich die Menschen dicht an dicht.

Es ist der traditionelle letzte große Abend der „Diljemer Kerwe“: Ortsbekannte Gesichter verschwinden hinter Perücken, Hüten und Glitzerjacken und kehren wenige Minuten später als Popstars zurück. Gesungen wird Playback, gespielt dafür mit umso größerem körperlichen Einsatz. Das Publikum kennt das Prinzip längst – und offenbar auch den Zeitpunkt, zu dem man besser schon einen Platz gefunden haben sollte.

Zwei Neue am Mikrofon

Kurz nach 20 Uhr gingen die Scheinwerfer an, und für zwei Frösche-Aktive begann ein besonderer Abend. Celine Paulus und Marvin Mattern standen erstmals als Moderatoren der „Showtime“ auf der Bühne. Sie traten damit die Nachfolge von Ralph Panzer an, der das Format über viele Jahre als Moderator und Sänger geprägt hatte und dabei nicht gerade den Eindruck vermittelte, er erledige hier lediglich einen Programmpunkt im Jahreskalender.

Ein wenig Lampenfieber, räumten Paulus und Mattern ein, sei durchaus vorhanden. Davon war zwischen Mikrofon, Bühnenlicht und den vielen Gesichtern vor ihnen allerdings bald wenig zu merken. Das Duo führte gut aufeinander abgestimmt durch den Abend und kündigte Rock, Pop und Schlager an. Zahlreiche bekannte „Musiker“ seien eigens nach Dilje gekommen, hieß es. Bei der Entfernung hatten es die meisten vermutlich günstig getroffen.

Erst gehört die große Bühne dem Nachwuchs

Bevor die erwachsenen Kerwe-Stars ihre erstaunlich kurzen internationalen Anreisen absolvierten, gehörte die Bühne zunächst dem Nachwuchs. Die Besten der Mini-Teenie-Playback-Show vom Vortag durften noch einmal vor dem großen Montagspublikum auftreten. Aufgerufen wurden Siegerin Anastasia Stoiber sowie Lilly Schneider, Hannah Spoor und Lina Borth – diesmal vor einer Kulisse, die deutlich größer war als manches Kinderzimmer, in dem solche Auftritte erfahrungsgemäß ihren Anfang nehmen.

Dann begann die eigentliche „Showtime“. Jessica Stumpf und Klaus Häuseler machten als Kerstin Ott und Ben Zucker den Anfang und präsentierten „An diesen Tagen“. Kaum war der Auftritt vorbei, musste Moderatorin Celine Paulus offenbar beweisen, dass Moderieren allein noch keine ausreichende Abendbeschäftigung darstellt: Nach einem schnellen Kostümwechsel stand sie als Apache 207 wieder auf der Bühne und legte einen Rap-Mix hin.

Von Miley Cyrus bis Shakira – der Montag wird international

Danach wechselten Musikrichtungen und Kostüme in bemerkenswert kurzer Folge. Gitarren kamen zum Einsatz, Perücken saßen mehr oder weniger rockstarwürdig, und das Bühnenlicht tauchte die Szenerie abwechselnd in Blau, Rot und Grün. Unter den Gästen verfolgten auch Oberbürgermeister John Ehret und seine Frau Katja das Programm der beiden St. Ilgener Vereine.

Als Miley Cyrus trat TV-Germania-Vorsitzende und Freie-Wähler-Stadträtin Britta Kettenmann auf, begleitet von Oliver Nowarra, dem Chef der Stadt- und Feuerwehrkapelle, an der Gitarre. Gemeinsam brachten sie „Jolene“ auf die Bühne. Das Lied gehört zu den bekanntesten Titeln Dolly Partons und durfte an diesem Abend natürlich ebenfalls nicht ohne entsprechende Bühnenpose auskommen – eine Gitarre verlangt schließlich Haltung, selbst wenn ringsherum die Kerwe läuft.

Anschließend wurde es tänzerisch. Als Shakira samt Tanzgruppe auf der Bühne erschien, waren Mila und Lola König, Sophia Kraus, Jasmin Fuchs, Lisa-Marie Müller, Viktoria Fink und Celine Paulus im Einsatz. Zum Fußball-WM-Song wurde getanzt, während vor der Bühne die Blicke nach oben gingen und das farbige Licht über Kostüme und Gesichter wanderte. Spätestens hier war endgültig klar: Wer Paulus an diesem Abend nur als Moderatorin eingeplant hatte, hatte den Dienstplan nicht vollständig gelesen.

Vengaboys mit Geburtstagsunterbrechung

Auch die Vengaboys hatten – jedenfalls in ihrer St. Ilgener Ausgabe – den Weg auf den Willi-Laub-Platz gefunden. Jessica Stumpf, Sandra Borth, Saskia Brown, Lisa Richartz und Caro Köhler schlüpften in auffällige Kostüme und präsentierten einen Mix der bekannten Hits. Das Bühnenbild bekam damit noch einmal zusätzliche Farben, was angesichts der ohnehin großzügig eingesetzten Scheinwerfer durchaus eine Leistung war.

Für Caro Köhler war es zudem kein gewöhnlicher Kerwemontag: Sie feierte ihren 40. Geburtstag. Das Publikum übernahm deshalb kurzerhand einen Teil des Programms und sang ihr ein Ständchen. Einen runden Geburtstag vor einer dicht besetzten Kerwebühne zu begehen, hat zumindest den Vorteil, dass man sich um die Zahl der Gratulanten keine Gedanken machen muss.

„Westerland“ braucht keine lange Anlaufzeit

Mit Iris Petri, Susan Want und Silke Trauth zog anschließend Deutschrock auf der Bühne ein. Das Trio hatte sich „Westerland“ von den Ärzten ausgesucht. Schon nach den ersten vertrauten Takten setzte das Publikum ein. Manche Lieder benötigen eben keine Gebrauchsanweisung; ein paar Akkorde reichen, und plötzlich singen Menschen gemeinsam, die sich zehn Minuten zuvor vielleicht noch darüber verständigt hatten, wer kurz den Tisch bewacht.

Zum Abschluss des regulären Showprogramms traten Saskia Brown und Andrea Mirwaldt als Weather Girls auf. Bei „It’s Raining Men“ wurde noch einmal mit Kostüm, Bewegung und großen Gesten gearbeitet. Auf der Bühne war ohnehin längst jene Phase des Abends erreicht, in der Zurückhaltung keinen erkennbaren praktischen Nutzen mehr gehabt hätte.

Am Ende stehen alle oben

Für das Finale füllte sich die Bühne noch einmal vollständig. Kinder und Erwachsene, Tänzerinnen und Playback-Stars, Menschen in Glitzer, Schwarz, Weiß und allerlei dazwischen standen nebeneinander, klatschten und blickten hinaus auf den dicht besetzten Platz. Vor ihnen sangen Hunderte mit, als Andreas Bouranis „Ein Hoch auf uns“ erklang.

Das war dann einer jener Kerwemomente, die auf dem Papier zunächst erstaunlich schlicht aussehen: ein bekanntes Lied, viele Menschen und eine Bühne. Vor Ort funktioniert die Sache anders. Hände gingen hoch, auf der Bühne wurde mitgesungen und geklatscht, davor antwortete der ganze Platz – und für einige Minuten war aus einer Playback-Show ein ziemlich großer gemeinsamer Chor geworden. Gesangsprüfung: nicht vorgesehen.

Und danach war noch lange nicht Schluss

Mit dem letzten gemeinsamen Lied endete zwar die „Showtime“, aber noch nicht der Montagabend. Den musikalischen Ausklang der „Diljemer Kerwe“ übernahm wieder Uwe Janssen mit seiner Band. Instrumente standen ohnehin bereit, Kabel lagen über der Bühne, die Scheinwerfer leuchteten weiter – nur die zahlreichen Kerwe-Popstars durften nach ihren kurzen Weltkarrieren wieder zu ihren bürgerlichen Identitäten zurückkehren.

Zurück blieb ein voller Willi-Laub-Platz, auf dem an diesem Abend Stühle knapp, Stehplätze begehrt und internationale Stars überraschend ortskundig gewesen waren. Und als zum Finale „Ein Hoch auf uns“ aus Hunderten Kehlen kam, musste man den Titel ausnahmsweise nicht weiter erklären. Dilje sang ihn einfach selbst.

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