(fwu – 16.9.26)
Wenn am Kerwesamstag die ersten Gäste durch St. Ilgen ziehen, irgendwo ein Zapfhahn geöffnet wird und aus der nächsten Ecke schon der Geruch von Gebratenem herüberzieht, sieht das alles erfreulich selbstverständlich aus. Getränke stehen kalt, Pfannen sind heiß, Wechselgeld liegt bereit, und irgendwo weiß tatsächlich jemand, wo die nächste Rolle Küchenpapier geblieben ist. Man könnte beinahe glauben, eine Kerwe entstehe von selbst – ungefähr so wie früher angeblich die guten alten Zeiten.
Tut sie natürlich nicht. Hinter drei Tagen Diljemer Kerwe stehen viele, viele Stunden Arbeit, und ein beträchtlicher Teil davon wird ehrenamtlich geleistet. Vereine und Gruppen besetzen ihre Stände in mehreren Schichten, Menschen stehen an Grills, Zapfanlagen, Kassen und Ausgaben, holen Nachschub, räumen Gläser weg, wischen Arbeitsflächen ab und lösen irgendwann diejenigen ab, die schon seit Stunden auf den Beinen sind. Während vorne gefeiert wird, läuft hinten eine kleine Logistik, die meistens erst dann auffällt, wenn sie einmal nicht funktioniert.
Schichtplan statt Zuschauerplatz
Genau diesen Helferinnen und Helfern gebührt ein ausdrückliches Dankeschön. Denn ehrenamtliche Arbeit auf einer Kerwe bedeutet nicht nur, zwei Stunden freundlich hinter einer Theke zu stehen. Da wird vorbereitet und aufgebaut, während andere noch überlegen, ob sie am Abend eine Jacke brauchen; später werden Kisten geschleppt, Bestellungen weitergerufen, Teller ausgegeben und Gläser sortiert. Und wenn die letzten Gäste längst Richtung heimisches Sofa unterwegs sind, ist für manche die Schicht noch lange nicht vorbei.
Wer an den Vereinsständen vorbeischaut, bekommt davon zumindest einen kleinen Eindruck. Schürzen und Vereinsshirts gehören dort zur Dienstkleidung, Arbeitsflächen werden zur Kommandozentrale, Getränkekisten wechseln in erstaunlichem Tempo ihren Aggregatzustand von „voll“ zu „leer“, und zwischendurch stehen die Helfer für ein Foto zusammen. Das dauert gewöhnlich nicht lange. Eine Schlange vor dem Stand entwickelt erfahrungsgemäß nur begrenztes Verständnis für dokumentarische Fotografie.
Vereinsarbeit in ihrer praktischsten Form
Die Kerwe zeigt damit eine Seite des Vereinslebens, die im normalen Jahreslauf leicht übersehen wird. Mitgliedschaft besteht eben nicht nur aus Training, Sitzungen, Proben, Partnerschaftsarbeit oder dem eigentlichen Vereinszweck. Wenn Kerwe ist, werden Menschen plötzlich zu Köchen, Kassierern, Getränkelogistikern, Spüldiensten und Thekenpersonal – mitunter alles im Laufe desselben Wochenendes.
Und das funktioniert über Generationen hinweg. Jüngere stehen neben denen, die vermutlich schon Kerweschichten übernommen haben, als Kassen noch ohne Display auskamen und das Wort „kontaktlos“ eher eine Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen gewesen wäre. Einer weiß, wo etwas steht, die Nächste kennt den Ablauf, ein Dritter verschwindet nach hinten und kommt mit Nachschub zurück. Vieles davon ist eingespielt, manches improvisiert – und am Ende steht vorne trotzdem das Essen auf dem Teller und das Getränk auf dem Tresen.
Auch Kommunalpolitik kann Schürze
Besonders erwähnenswert ist, dass sich unter die vielen ehrenamtlichen Helfer auch etliche Mitglieder des Gemeinderats mischten. Für ein paar Stunden geht es dann nicht um Vorlagen, Anträge, Haushaltsstellen und Tagesordnungspunkte, sondern um ausgesprochen handfeste Angelegenheiten: bedienen, nachfüllen, kassieren, wegräumen und dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft. Ein leerer Getränkekasten lässt sich schließlich nur schwer zur weiteren Beratung in einen Ausschuss verweisen.
Mit angepackt hat auch Bürgermeisterin Claudia Felden bei der Städtepartnerschaft St. Ilgen–Tigy. Das darf ausdrücklich hervorgehoben werden: Nicht nur vorbeischauen, Hände schütteln und weiter zum nächsten Termin, sondern selbst hinter dem Stand mitarbeiten. Auf einer Kerwe verschwimmen die üblichen Rollen ohnehin recht schnell. Vor der Theke steht der Bürger, dahinter vielleicht die Bürgermeisterin, ein Gemeinderat oder die Vereinsvorsitzende – und plötzlich beschäftigen sich alle mit Problemen, die sich erfreulich unmittelbar lösen lassen.
Das Ehrenamt trägt die Kerwe
Man darf es ruhig deutlich sagen: Ohne diese vielen Ehrenamtlichen gäbe es die St. Ilgener Kerwe in dieser Form nicht. Buden, Fahrgeschäfte und ein Programm allein machen noch kein Ortsfest. Erst die Vereine und ihre Helfer füllen die Stände, halten über Stunden den Betrieb am Laufen und schaffen jene vielen kleinen Treffpunkte, an denen man stehen bleibt, jemanden kennt, jemanden trifft oder eigentlich nur schnell etwas holen wollte und eine halbe Stunde später immer noch dasteht.
Dabei sind es nicht allein die sichtbaren Stunden hinter dem Tresen. Vorher muss eingekauft, vorbereitet, aufgebaut und eingeteilt werden; während der Kerwe muss ständig nachgelegt, nachbestückt und aufgeräumt werden, und nachher verschwindet das alles wieder. Wo am nächsten Tag nur noch ein leerer Platz zu sehen ist, standen wenige Stunden zuvor noch Kühlschränke, Kisten, Tische, Kabel, Geschirr und Menschen, die ziemlich genau wussten, was als Nächstes zu tun war.
Ein Dank an die vielen Hände
Deshalb gehört nach der Kerwe der Blick einmal ganz bewusst hinter die Theken. Zu den Männern und Frauen, Jugendlichen und älteren Vereinsmitgliedern, die von Samstag bis Montag Schichten übernommen haben. Zu denen am Grill und an der Kasse, an der Getränkeausgabe, beim Essen, beim Spülen, beim Nachschub und beim Aufräumen. Zu den Vereinen, die diese Arbeit organisieren, und zu allen, die ihre Freizeit dafür einsetzen.
Sie tun das ehrenamtlich für ihren Verein, aber eben auch für St. Ilgen und seine Kerwe. Das klingt zunächst nach einem jener Sätze, die bei offiziellen Anlässen gerne gesagt werden. Hier lässt er sich allerdings ziemlich konkret überprüfen: Man muss nur an den Ständen vorbeigehen und schauen, wer dort seit Stunden arbeitet.
Am Ende sieht der Besucher davon vor allem eine Kerwe, bei der die Stände geöffnet sind, Essen ausgegeben wird, Getränke auf dem Tresen landen und Menschen zusammensitzen. Genau darin liegt vielleicht das schönste Kompliment für die vielen Helferinnen und Helfer: Ihre Arbeit wirkt selbstverständlich, weil sie funktioniert. Selbstverständlich ist sie deshalb noch lange nicht.
Und noch etwas gehört der Fairness halber dazu: Natürlich konnten wir nicht jede Schicht an jedem Stand fotografieren – dafür hätte es vermutlich einen eigenen Kerwe-Schichtplan für den Fotografen gebraucht. Die Bilder stehen deshalb ganz bewusst exemplarisch für all die Menschen, die an diesen drei Tagen Dienst getan haben. Aus diesem Grund verzichten wir hier auch auf Bildunterschriften mit einzelnen Namen und darauf, diejenigen besonders herauszuheben, die gerade zufällig Schicht hatten, als die Kamera vorbeikam. Der Dank gilt nicht nur den Gesichtern auf den Fotos, sondern ausdrücklich allen Helferinnen und Helfern – in allen Schichten, an allen Ständen, vor, während und nach der Kerwe.





