Von Fingerabdrücken, Quietscheenten und einer verschwundenen Schlumpel

(fwu – 16.9.26) Auf einer Kerwe kann manches verloren gehen. Eine Wertmarke verschwindet in der Hosentasche, der Nachwuchs zwischen zwei Buden und gelegentlich auch der Überblick darüber, wer eigentlich die nächste Runde holt. In St. Ilgen kam es diesmal allerdings schlimmer: Die Kerwe-Schlumpel war weg. Für den Kerweborscht und sein Gefolge ein Zustand, der so nicht bleiben konnte. Also begann mitten im Trubel der „Diljemer Kerwe“ eine Suche, bei der ausgerechnet die jüngsten Besucher die Ermittlungen übernehmen sollten.

Der Oberbürgermeister ruft die Nachwuchsermittler zusammen

Auch Oberbürgermeister John Ehret schaltete sich ein. Per Flugblatt machte er die jungen Kerwebesucher auf den ungewöhnlichen Vermisstenfall aufmerksam und bat sie, bei der Suche nach der Schlumpel mitzuhelfen. Denn das „Große Kerwe-Rätsel von St. Ilgen“ war ausdrücklich für Kinder gedacht: Jungen und Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren konnten sich einen Laufzettel schnappen und auf dem Kerweplatz nach Hinweisen suchen. Und davon machten etliche Gebrauch. Zwischen Festbänken, Holzhütten und blau-weiß gestreiften Planen zogen kleine Gruppen los, manche bereits erstaunlich zielstrebig, andere zunächst in jene Richtung, in der gerade die interessanteste Station zu vermuten war.

Der Fall war dabei so angelegt, dass die Spur einmal quer durch die Diljemer Vereinswelt führte. Beim TV Germania, FC Badenia, KC Frösche, SSV St. Ilgen, bei der Partnerschaft St. Ilgen-Tigy und den Dorffreunden hatte der fiktive Täter Hinweise hinterlassen. Mal musste ein Rätsel gelöst, mal eine Spur entdeckt werden; selbst ein Fingerabdruck gehörte zum Beweismaterial. Für jede erfolgreich absolvierte Aufgabe bekamen die Kinder einen Lösungsbuchstaben für ihren Laufzettel.

Sechs Stationen und ein verdächtiger Fingerabdruck

Damit war bloßes Sammeln allerdings noch nicht genug. Erst richtig angeordnet verrieten die Buchstaben, wo die verschwundene Schlumpel zu finden war. Zwischen den einzelnen Stationen wurde entsprechend verglichen, überlegt und weitergezogen, während ringsherum der normale Kerwebetrieb lief: Menschen standen an den Buden, Kinder kamen mit Zetteln in der Hand zurück, und irgendwo war immer gerade jemand überzeugt, die entscheidende Spur entdeckt zu haben. So ähnlich dürfte sich Scotland Yard seine Arbeit vorstellen, nur vermutlich mit weniger Bratwurstgeruch.

Wer das Rätsel gelöst hatte, konnte den ausgefüllten Laufzettel anschließend in den dafür vorgesehenen Briefkasten am Rathaus werfen. Die Gewinner werden benachrichtigt und zur Preisverleihung am 1. Oktober um 16.30 Uhr auf den „Diljemer Wochenmarkt“ eingeladen. Bis dahin bleibt also zumindest bei der Preisfrage noch ein wenig Spannung erhalten.

Eine Geschichte, die über den ganzen Kerweplatz führt

Ausgedacht hatte sich die Schlumpel-Suche Kerstin Nowarra von der Stadt- und Feuerwehrkapelle. Sie entwickelte die Geschichte und die einzelnen Aufgaben und brachte beides in eine Form, mit der die jungen Detektive tatsächlich etwas anfangen konnten. Jay Mohr von den Sportschützen St. Ilgen gestaltete den dazugehörigen Laufzettel. Aus einer verschwundenen Kerwefigur wurde so eine Rallye, bei der die Kinder ganz nebenbei mehrere Vereine und deren Stände kennenlernten – ohne dass ihnen dafür erst jemand einen Vortrag über das örtliche Vereinsleben halten musste, was vermutlich ebenfalls zum Erfolg beitrug.

Montags wurde nicht mehr ermittelt, sondern gezielt

Am Kerwe-Montag wechselte dann die Disziplin. Unter der Regie des Stadtteilvereins St. Ilgen stand von 14 bis 17 Uhr eine Kinder-Sport-Olympiade auf dem Programm, an deren Vorbereitung auch Vereinsmitglied Claus Hammer beteiligt war. Wieder wanderten die Kinder von Stand zu Stand, diesmal mit einer Stempelkarte. Sechs Aufgaben mussten bewältigt werden, für jede gab es einen Stempel – ein System, das Kinder erstaunlich schnell durchschauen, sobald am Ende eine Prämierung wartet.

Beim FC Badenia rollte der Ball auf die Torwand. Selbst die Kleinsten stellten sich an die Markierung und versuchten, eines der Löcher zu treffen, während Eltern daneben Hände hielten oder mit jener Körpersprache mitzielten, die Erwachsene automatisch entwickeln, sobald Kinder einen Ball schießen. Ein paar Meter weiter warteten andere Geschicklichkeits- und Reaktionsaufgaben. Auf dem Pflaster wechselten sich Fußballtrikots, Turnschuhe und Laufzettel ab, und vor den Stationen entstanden kleine Warteschlangen, die sich mit jedem gesetzten Stempel wieder auflösten.

Quietscheenten und andere ernsthafte Sportgeräte

Bei den Sportschützen wurde mit einer Armbrust auf Quietscheenten geschossen. Die gelben Kunststofftiere hatten damit einen der ungewöhnlicheren Auftritte ihrer ansonsten eher von Badewannen geprägten Karriere. Vor dem blau-weiß gestreiften Stand sammelten sich Kinder und Erwachsene, während konzentriert angelegt und gezielt wurde. Dass sich Treffsicherheit auch ohne klassische Zielscheibe prüfen lässt, war damit hinreichend bewiesen.

An anderer Stelle waren zehn Sekunden plötzlich eine ziemlich lange Zeit. Bei einer Reaktions- und Schnelligkeitsaufgabe wurden Bewegungen gezählt beziehungsweise gestoppt, Viet Vo Dao-Chef Heiko Grothues hatte dafür das Smartphone griffbereit, während der nächste Teilnehmer bereits wartete. Dazu kamen unter anderem eine Schaumkuss-Schleuder und weitere Geschicklichkeitsübungen. Sportwissenschaftlich mag das nicht alles olympisch normiert sein; für einen Kerwe-Montag war die Auswahl dagegen bemerkenswert konsequent.

Stempel sammeln bis zur letzten Station

Wer den gesamten Parcours bewältigte, hatte am Ende sechs Stempel auf seiner Karte. Und so zogen Kinder in roten Fußballtrikots ebenso über den Platz wie kleinere Teilnehmer an der Hand ihrer Eltern. Mal wurde geschossen, mal geworfen, mal die Reaktion getestet. Dazwischen wurde auf den Laufzettel geschaut und beraten, welche Station noch fehlte. Der Ehrgeiz war spätestens dann geweckt, wenn auf der Karte nur noch ein einziges leeres Feld zu sehen war – Bürokratie kann durchaus motivierend wirken, wenn sie richtig eingesetzt wird.

Ganz spontan bekam die Kinder-Sport-Olympiade sogar noch Zuwachs. Die Partnerschaft St. Ilgen-Tigy, die die Verbindung zum französischen Tigy pflegt, richtete kurzerhand direkt vor ihrem Stand eine siebte Station ein. Weil diese im ursprünglichen Laufzettel naturgemäß noch nicht vorgesehen war, gab es dafür keinen weiteren Stempel. Stattdessen wurde die Teilnahme mit einer Unterschrift unten rechts auf der Karte bestätigt – Improvisation schlägt Formularwesen. Wer wollte, konnte damit am Ende nicht nur die sechs vorgesehenen Stationen, sondern sogar sieben Aufgaben absolvieren.

Auch für „Kinder-Olympioniken“ gibt es am 1. Oktober um 16.30 Uhr auf dem Diljemer Wochenmarkt eine Prämierung. Um 17 Uhr folgt dort Zauberer Maximus. Nach einer Kerwe, auf der zunächst eine Schlumpel verschwand, anschließend Fingerabdrücke gesucht, Quietscheenten beschossen und Schaumküsse durch die Gegend befördert wurden, erscheint ein Zauberer als Abschluss beinahe folgerichtig. Sollte dann wieder etwas verschwinden, gehört es wenigstens offiziell zum Programm.

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