(fwu – 16.9.26) Es gibt Dinge, die in St. Ilgen bislang als einigermaßen gesichert gelten konnten. Das alte Rathaus steht im Dorf, die Kerwe gehört in den Kalender – und ein Diljemer Frosch ist grün. Letzteres hat vor allem der KC Frösche über Jahrzehnte zuverlässig im örtlichen Bewusstsein verankert. Der grüne Frosch gehört inzwischen beinahe so selbstverständlich zu St. Ilgen wie der Ortsname selbst, zumindest in der inoffiziellen Heraldik, die bekanntlich oft langlebiger ist als manches amtlich entworfene Logo.
Nun allerdings bekommt die örtliche Amphibienwelt farbliche Konkurrenz. Die noch jungen Diljemer Dorffreunde haben sich ebenfalls den Frosch als Symbol ausgesucht – nur eben in Blau. Grün gegen Blau also? Keineswegs. Dafür liegen die beiden Farben im Spektrum viel zu friedlich nebeneinander, und außerdem haben die Dorffreunde mit ihrem Frosch erkennbar etwas Eigenes vor.
Vom Maibaum zum blauen Frosch
Erstmals richtig öffentlich in Erscheinung getreten waren die Anfang 2026 gegründeten Dorffreunde am 1. Mai. Bei ihrem ersten Maibaumfest auf dem Platz vor Alter Fabrik und Volksbank waren die Biertischgarnituren und Stehtische schon kurz nach Beginn besetzt. Damals war bereits zu erkennen, wohin die Reise gehen sollte: Menschen im Ortskern zusammenbringen, alte und neue Dorftraditionen aufnehmen und daraus Veranstaltungen machen, bei denen man nicht nach zehn Minuten wieder nach Hause geht.
Schon damals kündigte der Verein an, auch bei der Diljemer Kerwe mit einem eigenen Stand vertreten sein zu wollen. Einige Monate später war aus der Ankündigung eine ziemlich ausgewachsene Kerwe-Präsenz geworden. Bambusoptik, Bar, Stehtische, Musik und reichlich Betrieb ergaben einen Stand, der weniger nach Vereinsheim-Außenstelle und mehr nach Dorfbar aussah. Das Publikum war auffallend jung, die Musik entsprechend präsent und die Bereitschaft, den Abend im Stehen zu verbringen, ebenfalls deutlich ausgeprägter als andernorts. Man muss schließlich auch dem demografischen Wandel etwas entgegensetzen.
Ein Frosch mit deutlich anderer Farbtemperatur
Und mittendrin tauchte immer wieder dieser blaue Frosch auf. Auf Shirts und Gestaltungselementen entwickelt er sich zusammen mit dem alten St. Ilgener Rathaus gerade zur optischen Handschrift der Dorffreunde. Neudeutsch heißt so etwas Corporate Identity, früher hätte man vermutlich gesagt: Man soll halt gleich sehen, zu wem es gehört. Funktioniert beides.
Der Frosch der Dorffreunde wirkt dabei deutlich weniger wie ein streng zoologisches Wappentier als wie einer, der einem geselligen Abend grundsätzlich aufgeschlossen gegenübersteht. Ob er deshalb blau ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Für entsprechende Rückschlüsse fehlen sowohl Zeugenaussagen als auch ein verwertbarer Atemalkoholtest beim Amphibium. Fest steht lediglich: Blau kontrastiert angenehm mit dem traditionellen Froschgrün und gibt dem jungen Verein ein eigenes, sofort erkennbares Erscheinungsbild.
Ein Exot aus Suriname landet in Dilje
Ganz aus der Luft gegriffen ist die Farbe übrigens nicht. Blaue Frösche gibt es tatsächlich, und zwar in einer Ausführung, die erheblich exotischer ist als das übliche Getier am Leimbach. Der Blaue Pfeilgiftfrosch wird wissenschaftlich als Dendrobates tinctorius „azureus“ bezeichnet; früher wurde er auch als eigene Art Dendrobates azureus geführt. Seine Heimat liegt in Suriname, wo die leuchtend blaue Färbung mit den dunklen Flecken in freier Natur einen etwas anderen Zweck erfüllt als Wiedererkennungswert auf einer Diljemer Kerwe.
Und wer nun meint, genau so einen kleinen blauen Kerl schon einmal im Kinderzimmer zwischen Elefant, Löwe und Tyrannosaurus gesehen zu haben, liegt richtig: Auch Schleich hat einen Blauen Pfeilgiftfrosch im Programm. Das Modell ist gerade einmal wenige Zentimeter groß und sieht seinem natürlichen Vorbild mit blauer Haut und schwarzen Flecken erstaunlich ähnlich. Ein Exemplar dieser Spezies hat es inzwischen offenbar bis zu den Dorffreunden geschafft – eine beachtliche Wanderungsleistung von Südamerika über den Spielwarenhandel nach St. Ilgen.
Das alte Rathaus bekommt einen neuen Begleiter
Besonders hübsch ist die Verbindung des Frosches mit dem alten Rathaus. Auf der Gestaltung der Dorffreunde steht das historische Gebäude für das alte Dilje, daneben beziehungsweise davor macht es sich der blaue Frosch bequem. Damit entsteht Stück für Stück eine eigene Bildsprache: nicht irgendein austauschbares Vereinslogo, sondern zwei Motive, die unmittelbar mit dem Selbstverständnis der Gruppe verbunden werden – Dorf und Frosch, Tradition und ein ziemlich frischer Auftritt.
Dass ausgerechnet ein neuer Verein auf ein altes örtliches Symbol zurückgreift und es kurzerhand umfärbt, passt dabei erstaunlich gut. Die Dorffreunde wollen schließlich nicht das Rad neu erfinden, sondern vorhandenes Dorfleben aufnehmen und um eigene Ideen ergänzen. Beim Maibaum haben sie einen Brauch nach St. Ilgen geholt, bei der Kerwe einen deutlich partyorientierten Treffpunkt aufgebaut – und beim Frosch wird aus dem jahrzehntelang gewohnten Grün nun eben zusätzlich Blau.
Grün bleibt grün – und Blau darf dazukommen
Dem traditionellen grünen Frosch des KC Frösche dürfte dadurch kaum Gefahr drohen. Dafür ist er viel zu lange in St. Ilgen heimisch und viel zu eng mit der örtlichen Fastnacht verbunden. Aber offenbar ist Dilje groß genug für eine zweite Froschart. Die eine grün und traditionsreich, die andere blau und gerade erst dabei, sich ihren Platz im örtlichen Vereinsleben zu schaffen.
Und vielleicht ist genau das ein ganz passendes Bild für St. Ilgen: Das Alte verschwindet nicht, nur weil etwas Neues dazukommt. Es steht weiterhin da – wie das alte Rathaus auf dem Motiv der Dorffreunde. Davor sitzt jetzt eben ein blauer Frosch mit Sonnenbrille und Bierglas. Die Evolution hat für wesentlich merkwürdigere Entwicklungen sehr viel länger gebraucht.





